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Zweimal die Welt umlaufen: Jesper Olsen im Interview

Jesper Olsen in New York
Im April nimmt er am 6-Tagesrennen in New York teil. Das Ziel: wenig Schlaf und viele Kilometer. | Foto: dna
Der Weltläufer Jesper Olsen im Interview über den Vergleich vom Laufen und einem ganz normalen Arbeitstag. Über das Laufen in Gruppen oder Allein. Und über die Macht der Herausforderung.

Nachmittag in Augsburg, Vormittag in New York. Mit anderthalb Stunden Verspätung trifft Jesper Olsen im Konferenzraum in New York ein. Irgendwo blieb er im Stau stecken. Auf dem Fußgängerweg? Nein, ganz typisch in einem der gelben New Yorker-Taxis. Dafür beginnt das Telefoninterview munter und ohne Verschnaufpause werde ich durchgestellt.

2004 hast du bereits deinen ersten World Run hinter dich gebracht. Warum jetzt noch einer?

Der Läufer kennt keine Grenzen: er läuft durch Wüsten, Dschungel, Dörfer und Großstädte.

Wenn man Extremläufer ist, dann inspirieren einen immer die noch größeren Herausforderungen. Nach dem ersten World Run dachte ich eigentlich, das war jetzt das Höchste. Mehr geht nicht. Was kann man als Läufer sonst erreichen, wenn man schon um die Welt gerannt ist? Doch dann saß ich mit Freunden zu Hause in Dänemark zusammen, und sie sagten: “Na ja, du bist vielleicht der erste, der seinen Lauf um die Welt so dokumentiert hat und ganze vier Kontinente durchquert hat: Europa, über Russland nach Asien, Australien, Nordamerika. Aber was ist mit Afrika und Südamerika? Das sind wahrscheinlich die schwierigsten Kontinente.” Das ist etwas, dass du keinem Leistungssportler sagen darfst. Davor war noch niemand quer durch Afrika gerannt, was seine guten Gründe hatte, wie ich herausfand. Es ist sehr anstrengend. Ich habe einen Master in Internationaler Politik und Afrika ist für mich schon deshalb ein sehr interessantes Land weil man kaum positive Geschichten hört. Wir hören immer nur vom Ärger, den Kriegen, den Krankheiten, dem Hunger – ich war fasziniert, wie positiv die Einheimischen waren. Es spiegelt so wenig von dem wieder, was in den Medien steht. Das sind immer nur die Extreme, von denen wir hören. Wenn man langsam durchläuft, sieht man, wie das Leben in den Dörfern, in den kleinen Gemeinschaften, in der Wüste und den großen Städten wirklich ist.

Wie findest du deine Rennstrecken?

Die Vorbereitungen dauern zwei Jahre und sind ein sehr wichtiger Teil des Laufs. Vor allem im Internet benutze ich Satellitenkameras, um herauszufinden, wie die Straßen sind. Ich bin auch in Bibliotheken gegangen, um zu sehen, wie alt die Straßen sind. Wenn es eine Straße schon vor zweihundert Jahren gab, bedeutet das meist auch, dass dort schon seit Jahren Menschen leben, was wiederum heißt, dass es dort Einkaufsmöglichkeiten und Wasser gibt. Wenn es ein ganz neuer Highway ist, der quer durch den Dschungel verläuft, kann es schon mal passieren, dass der nächste Laden erst nach 500 Kilometern auftaucht.

Hast du immer den Kilometerzähler im Hinterkopf oder machst du auch mal Pausen, um Land und Leute kennen zu lernen?

Du hast Recht: ich bin hauptsächlich ein Läufer. Ich möchte gut rennen. Es ist mir aber genauso wichtig, mein Erlebnis mit vielen anderen Menschen zu teilen, die vielleicht nie diese Gelegenheit haben werden. Viele Russen, die ich bei meinem ersten Lauf kennengelernt habe, verfolgen auch meinen zweiten Weltlauf. Sie werden vielleicht nie in ein kleines Dorf in Afrika kommen. Ich möchte zeigen, wie es hier wirklich ist. In Europa kennt jeder ja doch nur die Schreckensnachrichten. Deswegen möchte ich gut rennen aber mir auch die Zeit nehmen, mit den Einheimischen zu reden und regelmäßig Berichte mit Fotos und Informationen auf meiner Webseite hochzuladen.

Teile der Strecken bist du bei deinem ersten Weltlauf mit dem Russen Alexander Korotkov und bei deinem zweiten Weltlauf mit der Australierin Sarah Barnett gerannt. Momentan rennst du wieder alleine. Ist das nicht manchmal langweilig?

Natürlich, es gibt – wie auch an einem ganz normalen Arbeitstag – immer Zeiten, die langweilig sind. Aber ich mache genau das, was ich 1983 als Hobby startete. Und ich genieße es total. Es hängt sehr von Herausforderungen ab, die mich inspirieren, weiterzulaufen. Beispielsweise der Lauf über die Anden war herausragend, oder durch die Wüsten in Afrika. Es geht dann nicht mehr nur ums Rennen, sondern auch ums Überleben. Es gibt immer Strecken, bei denen du davor denkst, dass man sie problemlos bewältigen kann. Und genau das ist das Problem und Strecke wird langweilig. In Florida begleitete mich jeden Tag ein anderer Läufer, wir redeten, wir rannten, und irgendwann vergisst man, dass man eigentlich rennt. Aber nach Florida ging es drei Monate die Küste hoch – North Carolina, South Carolina, Virginia – und das wurde ein bisschen langweilig. Da gab es nur den Highway und mich, der Richtung Norden rannte.

Ich versuche mich dann auf andere Sachen zu konzentrieren. Mir ist aufgefallen, dass ich drei Monate lang immer den ersten Tag des Frühlings erlebt habe, weil ich Richtung Norden rannte, wo es eigentlich immer kälter wird, aber gleichzeitig erschien langsam der Frühling. Jeden Tag sah ich pinke und weiße Kirschblütenbäume.

Rennst du lieber alleine oder mit anderen?

Ich renne viel lieber mit anderen Läufern, das macht das Laufen leichter. Vergleiche es mit einem ganz normalen Job. Arbeitest du drei Monate lang lieber alleine oder mit deinen Arbeitskollegen? In Gruppen kann man sich viel besser austauschen, bekommt neue Ideen. Außerdem bin ich nicht der größte Experte, was das Rennen anbelangt: ich bin dankbar für jegliches Feedback und Tipps. Und das kriegt man nur in der Gemeinschaft.

Du hast einen 40.000 Kilometer-Lauf geplant. Was ist schwieriger: der Start oder das Ende?

Viele denken wahrscheinlich, dass das Ende am schwersten ist. Ich würde sagen – auch wenn ich das Ende noch nicht erreicht habe – dass die größte Herausforderung am Anfang liegt. Man versucht, den Rhythmus und die Routine zu bekommen. Viele Dinge müssen organisiert werden wie die Internetverbindung, die Wasserversorgung. Am besten kann man den Start eines solchen Laufes mit einem 10-Meter-Turm im Freibad vergleichen. Da steht man oben und guckt runter, und das sollte man einfach nicht machen. Es erfordert Mut, aber sobald man lange darüber nachdenkst, kriegt man Angst. Deswegen ist es so schwierig, anzufangen. Man steht da und denkt: drei bis vier Jahre liegen vor dir, du möchtest Afrika durchqueren, durch die größten Wüsten der Erde, die Anden, Kolumbien rennen. Und ich habe immer noch Zweifel. Denn wenn ich mir zu sicher wäre, wäre ich an diesem Lauf nicht interessiert. Nach einer Weile erläuft man sich das Selbstbewusstsein und auch der Körper passt sich an.

Dein Körper akzeptiert also nach einer Weile deine Entscheidung, dass du für die nächsten vier Jahre rennen wirst?

Zur Ausrüstung gehören natürlich die Schuhe und das GPS-Gerät. | Foto: dna

Genau. Ich achte aber sehr auf meinen Körper. Ich glaube nicht an das, was andere so gerne sagen: der Schmerz geht immer vorbei, da musst du durch. Du kannst so eine Strecke nur durchziehen, wenn du auf deinen Körper hörst und nicht gegen deinen Körper arbeitest. Sonst machst du dich kaputt. Natürlich gehört auch die richtige Ausrüstung dazu, in meinem Fall die Ecco Schuhe.

Neben deinen Schuhen – welches Ausrüstungsteil ist dir am wichtigsten?

Wahrscheinlich mein Handy. Wenn ich irgendwo laufe, wo es sehr abgeschieden ist, ist das Handy meine Lebenslinie, um mit meinen Freunden Kontakt zu halten, meine Webseite zu aktualisieren und um die Nachrichten zu lesen. Sogar in Afrika kriegst du das Internet auf deinem Handy. Man kann also immer nachschauen, was gerade in der Weltgeschichte los ist. Das scheint Teil unserer Generation zu sein, wer weiß ob gut oder schlecht: abhängig davon zu sein, was gerade los ist. Niemand möchte abgeschnitten vom Weltgeschehen leben.

Was war das beste Land bisher zum Laufen?

Das war wohl der Sudan, auch wenn ich dachte, es würde das schwierigste Land werden. Einerseits war es tatsächlich schwierig, fünf Wochen lang durch die Wüste zu rennen. Da gab es nur Sand, Sterne und mein Support Auto. Sonst nichts. Es ist herrlich, aber wenn du nicht richtig vorbereitet bist, tödlich, denn ein anderes Auto kommt dir vielleicht nur alle acht Tage entgegen. Es war nicht einmal die heißeste Jahreszeit und es waren schon 53 Grad. Anderseits waren die Einwohner so unheimlich freundlich. Sie bestanden darauf, dass ich Pausen mache und wollten hundertprozentig sichergehen, dass ich genug Essen und Trinken hatte.  und haben ständig mit mir kommuniziert und mir Essen angeboten. Wir aßen und unterhielten uns. Ich genoss das sehr.

Du liebst die Herausforderung. Was sind deine Ziele nach dem zweiten Weltlauf? Wird es noch einen Weltlauf geben?

Nein. Ich habe meiner Familie versprochen, wieder mehr zu Hause zu bleiben. Außerdem habe ich dann die größten Herausforderungen eines Weltlaufs hinter mich gebracht. Den einzigen Kontinent, auf dem ich nicht gelaufen ist, ist die Antarktika. Aber da kann man wegen all dem Schnee und dem Eis kaum rennen, wenn dann nur kleine Etappen. Mich reizt eine neue Herausforderung. Als ich als Kind mit dem Laufen anfing, rannte ich immer fünf bis zehn Kilometer. Das ist mein Ziel: ein schneller Läufer auf kurzen Strecken zu werden. Wenn man solange rennt, wird man sehr langsam. Ich möchte wieder schnell werden und einer unter tausenden von Läufern sein, mit denen ich mich messen kann.

 
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