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Zanskar – Reise auf dem gefrorenen Fluss

Foto: Thomas Böhm
Im Winter ist Zanskar, das tibetisch geprägte Hochland im indischen Himalaya, von der Außenwelt abgeschnitten. Die Bergpfade und Pässe sind unpassierbar. Doch wenn die Kälte am größten ist, öffnet sich wie von Zauberhand ein Weg in das alte buddhistischen Königreich: Der Zanskar-Fluss gefriert zum Wanderpfad.

Über zehn Jahre ist es her, dass ich zum ersten Mal vom gefrorenen Fluss hörte. Während meiner ersten Reise durch Ladakh – die natürlich im Sommer stattfand – erzählte mir ein anderer Traveller davon. Die Idee faszinierte mich sofort: In den Sommermonaten erreicht man Ladakh nur über Bergstraßen und Pässe, der theoretisch kürzeste Weg durch die Schlucht des wilden Zanskar-Flusses ist dagegen unpassierbar. Im Winter ist es umgekehrt: Dann sind die Pässe geschlossen – aber dafür wird der Fluss für wenige Wochen zu einem wundersamen Eispfad. Einheimische würden den mehrtägigen Marsch regelmäßig wagen, berichtete mir mein Gewährsmann, und manchmal sei wohl auch ein kältefester Trekker dabei. 

Bildergalerie: Zanskar – eine Winterreise im Himalaya

Kältefest muss man tatsächlich sein. Dass Flussläufe naturgemäß die niedrigsten und damit wärmsten Orte im Gebirge sind, hilft in Zanskar-Ladakh nicht viel: Der Zanskar-Fluss liegt auf 3500 Meter Meereshöhe. Zudem ist der Fluss ziemlich wild – und strömendes Wasser gefriert bekanntlich erst bei Temperaturen weit unter null. Ich hatte 1000 Fragen, die mir niemand beantworten konnte: Wie dick ist das Eis? Trägt es auch schwere Europäer mit großen Rucksäcken? Und kann man auf Eis wirklich Strecke machen? Wo schläft man unterwegs? Kurz: Ein Traum war geboren, aber noch nicht wirklich greifbar. 

Das änderte sich einige Jahre später schlagartig, und zwar ausgerechnet beim Fernsehen: Ich zappte in einen Film von Dieter Glogowski und Peter Weinert, der meine – mittlerweile fast vergessene – Traumtour zum Thema hatte. Der TV-Beitrag war sogar schon ein paar Mal gesendet worden, ohne dass ich davon geahnt hätte. Diesmal erwischte es mich richtig – als der nächste Winter kam, packte ich meine Sachen und flog nach Ladakh. 

Ankunft in Leh, der Hauptstadt von Ladakh. Wirklich Ahnung von der Eistour habe ich immer noch nicht – aber großes Glück. In einem der wenigen im Winter geöffneten Gasthäuser treffe ich Keith, einen unternehmungslustigen Kanadier. Er ist von meinem Plan sofort begeistert und will mitkommen. Dann stellt sich heraus, dass unser Wirt Tsering den Weg übers Eis selbst schon gegangen ist. Tsering gibt bereitwillig Tipps, zerstreut viele Bedenken und schickt uns auf den Markt: Wir sollen leichten und energiereichen Proviant besorgen. 

Erste Lektion: Panik ist nicht hilfreich

Geht schon. Im Laufe der Tour lernt man das Eis zu schätzen. | Foto: Thomas Böhm
Mit Essen, Fotoausrüstung, Schlafsack, Ersatzkleidung, Seil und – sehr wichtig, falls man mal im Wasser landet – einem Ersatzpaar Schuhe wiegt der Rucksack fast 20 Kilo. Als wir das Guesthouse im Schein unserer Stirnlampen in Richtung Busbahnhof verlassen, wird mir doch mulmig. Auf was lassen wir uns da ein? Auch diesmal kommt das Glück zu Hilfe – in Gestalt von zwei Tschechen, die mit einem Einheimischen ebenfalls nach Zanskar wollen. Der Gedanke, mit einer anderen Gruppe auf Sichtweite zu bleiben, beruhigt mich.

Im Bus ergattern wir die letzten beiden Plätze für die fünfstündige Fahrt von Leh nach Chilling, unserem Ausgangspunkt. Dort wabern schwere Schneewolken um die Bergflanken. Schlechte Sicht und Neuschnee, hatte uns Tsering gewarnt, sind auf dem Eis nicht gut: Man sieht die dünnen Stellen schlecht … Die Einheimischen staunen über unsere Rucksäcke: »Mit so viel Gepäck wollt ihr nach Zanskar? Und dann noch ohne Führer?« Wir lächeln zurück, aber eher aus Verlegenheit. Uns ist zudem nicht klar, wie man so eine Tour mit weniger Ausrüstung angehen könnte.

Dann endlich die ersten Schritte auf dem Eis. Langsam und vorsichtig. Gerade als wir etwas Sicherheit gewonnen haben, hören wir ein donnerndes Geräusch. Eine Steinlawine? Nichts wie weg! Aber wohin? Wir rennen – soweit man auf Eis rennen kann – aus der vermuteten Gefahrenzone Richtung Flussmitte. Nach wenigen Schritten beginnt sich das Eis unter uns zu biegen. Weiße Linien schießen pfeilartig in alle Richtungen. Zurück! Hektisch rutschen wir über die glatte Fläche. Die Lawine geht woanders runter. Wir sind klatschnass geschwitzt und haben unsere erste Lektion gelernt: Panische Aktionen sind auf dem Eis nicht hilfreich. 
 

Mit 40 Mann am Lagerfeuer

Ein Feuer stiftet Freundschaft: Ladakhi und Trekker im trauten Kreis. | Foto: Thomas Böhm
Erstaunlich: Man gewöhnt sich an alles, sogar an einen Wanderweg aus Eis. Intuitiv erkennt man die stabilen Zonen. Wir staunen über die Vielfalt des gefrorenen Wassers. Unzählige Varianten an Farbe, Aufbau, Stärke und Struktur. Manchmal ist das Eis anderthalb Meter dick und dennoch so transparent, dass man die Steine auf dem Flussgrund erkennen kann. An anderen Stellen ist es hauchdünn und milchig weiß. Es gibt auch Passagen mit unebener Oberfläche – als hätte die Kälte die Wellen erstarren lassen. Diese Abschnitte erfordern höchste Konzentration. Keith vergisst das leider ab und zu und legt wilde Slapstick-Einlagen hin – und sich selbst auf den Hosenboden. Die zweite Lektion ist damit klar: Unkoordiniertes Herumfuchteln stellt das Gleichgewicht nur selten wieder her. Aber immerhin hat der Mitwanderer was zu lachen beim »Ice(break)dance«. 

Bis zum späten Nachmittag sind wir ein gutes Stück in den Canyon vorgedrungen. Keith schlägt vor, eine Höhle zu suchen. Die gibt es am Fluss reichlich. Alle Wanderer – Einheimische wie Trekker – finden in ihnen Unterschlupf und Schutz vor Wind, Schnee und Steinschlag. Holz ist in Ladakh Mangelware, doch in der Schlucht ist Schwemmholz vom Sommer zu finden – wir haben wegen unserer Tanzeinlagen nur vergessen, welches zu sammeln. Der Kocher wärmt zwar das Essen auf, nicht aber unsere Höhle. Wir wollen gerade in die Schlafsäcke kriechen, als unsere Mitstreiter auftauchen. Grinsend schwenken sie ihre gesammelten Holzvorräte. Ein paar Minuten später sitzen wir zu fünft um ein kleines Feuer und schlürfen heißen Buttertee, den der Guide gekocht hat. Keith formuliert die dritte Eiswander-Lektion: When in Ladakh, do like the Ladakhi! 
Als wir am nächsten Morgen den Fluss »betreten«, ist es bereits neun Uhr. Die Schleierwolken am Himmel machen der langsam an Stärke gewinnenden Sonne Platz, es wird merklich wärmer. Mittlerweile haben wir unsere Gangart der der Einheimischen angepasst und schieben mehr die Füße übers Eis, als dass wir gehen.

Die Schlucht weitet sich. Der Fluss wird zum ersten Mal richtig breit, in der Mitte strömt das Wasser offen. Verharschte Fußabdrücke weisen den Weg zur rechten Uferseite. Dennoch wird die Eisschicht am Rand immer schmaler. Ein Umklettern hier ist nicht möglich. Was also tun? Keine Menschenseele weit und breit, bei der wir uns einen Trick abschauen könnten. Langsam und konzentriert geht Keith voraus. Vorsichtig klopft er mit seinem Holzstock herum. Vom Klang des Eises schließt er auf dessen Stärke. Zwei Finger dick sollte das Eis schon sein, hatte man uns in Leh gesagt. Allerdings nicht, wie dick die zwei Finger sein sollen …

Langsam, aber stetig kommen wir voran. Gegen Mittag sehen wir Rauch und treffen auf eine Gruppe rastender Ladakhis. Wir tauschen Nüsse gegen Buttertee und unterhalten uns fachmännisch über die Beschaffenheit des Eises. Es wird schon halten, so die vorherrschende Meinung. Später am Nachmittag kommt eine riesige Höhle in Sichtweite. Wir beschließen zu bleiben und sind damit nicht allein – die Höhle ist offenbar die größte und beliebteste auf der ganzen Strecke. Wir richten unsere Schlafplätze ein. Immer mehr Leute kommen. Gemeinsam wird Holz gesucht. Schließlich hocken fast 40 Leute an den Feuern. Die gut gelaunten und hilfsbereiten Ladakhi geben uns ein Gefühl von Sicherheit. Die Eis-wanderung scheint für sie etwas völlig Normales zu sein. Inzwischen bin ich mir sicher, dass auch wir es schaffen werden. Gegen 21 Uhr krieche ich entspannt und gut durchgewärmt in den Schlafsack. 

Begrüßung im Kloster Lingshed

Willkommen in Zanskar: Wer den weiten Weg macht, wird in den Dörfern und Klöstern herzlich aufgenommen. | Foto: Thomas Böhm
Nach zwei weiteren erlebnisreichen Tagen erreichen wir unser Ziel, das Kloster von Lingshed in Zanskar. Man nimmt uns herzlich als Gäste auf. Wir wohnen bei einem der Mönche, werden überall herumgeführt und sind stets willkommen. Die Teilnahme an einer Puja, einer tibetischen Gebetszeremonie, wird zu einem besonders intensiven Erlebnis. Bei den ausgedehnten Spaziergängen im Dorf laden uns die Bewohner immer wieder zum Tee ein, ganz offensichtlich freuen sie sich über die Westler, die über den gefrorenen Fluss gekommen sind. Gerne würden wir länger in Zanskar bleiben, müssen aber bald wieder in Leh sein. Unsere Sorgen wegen des Rückwegs erweisen sich als unnötig: Die Eisverhältnisse sind besser als beim Hinweg, wir schaffen die Strecke nach Chilling in nur drei Tagen. Zurück in Leh erzählen wir nicht ohne Stolz von unseren Erlebnissen. Und oft fällt dabei ein typischer Satz aus dem Traveller-Repertoire: Das machen wir auf jeden Fall noch mal – wir kommen wieder!

Seien wir ehrlich: Meistens kommt man nicht wieder – andere Länder und Touren erscheinen doch reizvoller als die Wiederholung vergangener Abenteuer. Aber mit dem gefrorenen Fluss ist das anders. Die Wanderung durch die winterliche Schlucht, die stillen Tage in der abgeschiedenen Hochregion und die Freundlichkeit der Menschen lassen mich nicht los. Im nachfolgenden Winter kehre ich tatsächlich zurück, im Rucksack Gastgeschenke: gebrauchte Kinderkleidung und zehn Paar Winterstiefel. Mein Begleiter ist Namgyal, der Guide der beiden Tschechen vom vergangenen Jahr. Nach vier Tagen und ohne besondere Schwierigkeiten erreichen wir das Kloster. Die Mönche erkennen mich wieder, sind überrascht und erfreut. Auch zu den Menschen im Dorf intensiviert sich der Kontakt. Erste Freundschaften werden geschlossen.

Im folgenden Winter komme ich zum dritten Mal, diesmal auch als »Reiseleiter«. Meine Freunde Uwe und Mirko sind von meinen Berichten und Fotos so angetan, dass sie mitmöchten. Auch Namgyal ist erneut dabei. Der erste Tag verläuft glatt, der zweite beginnt sehr lustig: Den Schlafplatz hatten wir mit drei Mönchen aus Zanskar geteilt, die nach Leh unterwegs sind. Nachdem Mirko uns allen mit lautem Geschnarche die Nachtruhe gestohlen hat, vergleichen die Geistlichen ihn mit einem Ochsen, den man gerade absticht – das würde nämlich genauso klingen.

Trotz Uwes Blasen kommen wir gut voran. Dabei verzichten wir öfter auf die Icer’s (an die Schuhe schnallbare Spikes). Ohne Icer‘s ist man schneller, rutscht aber auch leichter aus. Genau das passiert Mirko. Um die Kamera zu schützen, fängt er den Sturz mit der Hand ab und zieht sich eine heftige Prellung zu. Als wir etwas später zu einer eisfreien Stelle kommen, die umklettert werden muss, kann er die Hand kaum noch bewegen. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Klettern kann Mirko so kaum, dafür hat er einen anderen Vorschlag: »Klettert rüber und zieht mich am Seil durchs Wasser nach. Ihr müsst aber schnell ziehen, ich kann nicht schwimmen!« Die Idee findet keinen Anklang. Schließlich schaffen wir es mit vereinten Kräften, Mirko trocken über die Kletterstelle zu bugsieren – und erreichen nach vier weiteren Tagen Lingshed. 

Der Fluss ist der Weg ist das Ziel 

Die Schlafsäcke dürfen zeigen, was sie können. | Foto: Thomas Böhm
Meine bislang letzte Wintertour nach Zanskar startet im Februar 2008 – und endet erstmals mit einem Abbruch. Mit Namgyal, meiner Freundin und zwei Begleitern aus Sachsen arbeite ich mich vor. Es ist kalt wie lange nicht, die Temperaturen fallen nachts auf minus 20 Grad. Gut ausgerüstet macht uns das wenig aus. Das Problem sind die vereisten Kletterstellen, sie kosten zu viel Zeit. Nach ein paar Tagen drehen wir um. Dieses Mal schaffe ich es nicht nach Lingshed – aber bei der nächsten Tour bestimmt wieder. Auch auf dem gefrorenen Fluss gilt: Der Weg ist das Ziel. 

 

4-Seasons Info
 

Mit Thomas Böhm auf den gefrorenen Fluss

 

4-Seasons-Autor Thomas Böhm bereist Zanskar seit über zehn Jahren, regelmäßig unternimmt er im Winter die Tour auf dem gefrorenen Zanskar-Fluss zum Kloster 

Lingshed. Dabei fungiert er auch als Reiseleiter – allerdings darf man keine gewöhnliche Pauschalreise erwarten. 

 

Zanskar und Ladakh 
Die vom Buddhismus geprägte Provinz Ladakh liegt im Norden Indiens und ist erst seit 1974 für den Tourismus zugänglich. Besonders eindrucksvoll sind die zahlreichen Klosteranlagen inmitten der kargen Hochgebirgslandschaft. Die Ladakhi konnten ihre Lebensformen und Religion immer frei ausüben, daher blieben diese bis heute in ihrer Ursprünglichkeit erhalten.

 

Die Eiswanderung 
Die mehrtägige Wanderung (3 bis 5 Tage one way) hat Expeditionscharakter und führt über Eis, Schnee und Fels. Die Temperaturen liegen oft weit unter null Grad. Übernachtet wird in Höhlen in Flussnähe. Die Schwierigkeiten hängen hauptsächlich von den aktuellen Eisverhältnissen ab. In den Kletterpassagen ist Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich. Die Teilnehmer müssen sich bewusst sein, dass sie abseits jeglicher Zivilisation unterwegs sind. Teamgeist, Flexibilität sowie Kompromissbereitschaft sind daher Grundvoraussetzungen für die Teilnahme. 

 

Termine & Infos 
Thomas Böhm plant im kommenden Winter zwei Touren (mind. 2, max. 7 Teilnehmer). Termine: 17. Januar bis 6. Februar und 7. bis 27. Februar 2009. 

Kosten für die 3 Wochen (inkl. Flug, Vollversorgung) ca. 2550 Euro. 

Infos: www.thomasboehm.net
Fragen an Thomas per Mail an: himalaya_trekking[et]yahoo.com
 

 
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