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West-Australien: Ein Road-Trip zu den Anfängen

Foto: Diana Haas
Western Australia ist Australiens ursprünglichster Teil. Isoliert durch die großen Wüsten, ist hier alles noch ein Stück einsamer, abenteuerlicher. Und vor allem uralt. Den Aboriginal People zufolge hat die Welt in der Pilbara im Nordwesten ihren Ursprung.

Es gab eine Zeit, da war die Erde weich und gesichtslos, der Himmel hing tief über ihr. Das war ihr Anfang. Dann erhoben sich die Schöpferahnen, die Marrga, aus der Erde, hoben den Himmel an und formten das Land und die See. Es gibt einen Platz tief im Glutofen der Pilbara, dort sangen die Marrga-Männer die allererste Gesetzeszeremonie, während um sie herum die Marrga-Frauen tanzten. Und als die Erde hart wurde, blieb an dieser Stelle ein steinerner Kreis zurück: der allererste Gesetzesplatz. Von diesem Ort aus verbreitete sich das Gesetz zu allen Stämmen des Nordwestens und sogar bis ins Zentrum. Noch immer halten die Ureinwohner dort wichtige Zeremonien ab.

 

Die Sonne geht unter, die Landschaft brennt. Solche Schauspiele gehören in Westaustralien zum Alltag. | Foto: Diana Haas

Die Nacht zeigt sich heute von ihrer unermesslichen Seite. Die Milchstraße deutet sich im Hintergrund des Universums an, die beiden Galaxien, Große und Kleine Magellansche Wolke, sind hauchdünne Nebelfetzen. In der Ferne hinter den Dünen brandet das Meer leise. Slim greift nach seinem Didgeridoo, lässt die Schöpfungsgeschichte mit archaischen Klängen nachhallen. Der letzte Abend im Cape Range National Park endet mit einem Konzert auf großer Bühne.

Slim hat sich an diesem Tag nicht nur als kompetenter Alleinunterhalter entpuppt, sondern auch als Koch und Guide. Wenn er nicht arbeite, gehe er gern mal allein im Busch auf Trekkingtour, er liebe die Einsamkeit und deshalb wiederum die Arbeit im Camp – Exmouth, der einzige Ort in der Umgebung, liegt eine Stunde entfernt auf der anderen Seite der Halbinsel, die sich wie ein krummer Finger ins Meer streckt. Diese wahre Fülle persönlicher Informationen hat sich Slim auf einer mehrstündigen Wanderung durch die Mandu Mandu Gorge entlocken lassen. Zwischendurch ist er immer wieder auf sein offizielles Führungsprogramm umgeschwenkt: Die Schlucht, sagte er, hat einst ein Fluss in das küstennahe Bergmassiv gegraben, das noch vor viel längerer Zeit ein Korallenriff gewesen war. Siedlungsspuren der Ureinwohner wurden in den zahlreichen Höhlen der Kalksteinwände gefunden, rund 30.000 Jahre alt, mit die bedeutendsten in Australien.

Bildergalerie: Western Australia: Pilbara und Cape Range National Park

Als sich die Sonne über den Ozean senkte, führte der Weg auf ein Plateau, die Schlucht links daneben. Silbern und glitzernd lag das Meer vor uns, endlos und verlockend in dieser durstigen Landschaft. Irgendwie schwer vorstellbar, dass sich unter der monotonen Oberfläche so viel buntes Leben verbirgt. Am Morgen noch tauchten wie dort und schwebten schwerelos über das Ningaloo Reef. Zwischen in grellen Farben explodierenden Brassen, Falter- und Papageienfischen patrouillierten Schwarzspitzen-Riffhaie.

Durch Western Australia zu reisen ist eine ziemlich meditative Angelegenheit. Vom Cape Range bis zum Karijini National Park im Herzen der Pilbara sind es 700 Kilometer staubiges Niemandsland. Outback in Reinessenz. Eine überwältigende Leere zieht einen in ihren Bann, lässt das Ich schrumpfen, bis es sich darin aufzulösen scheint. Nahezu unbemerkt ändert sich die Landschaft, um am Ziel eine ganz andere zu sein. Ohne Vorwarnung steht man irgendwann vor einer geradezu umwerfenden Szenerie, in der Licht, Farbe, Vegetation und die Beschaffenheit der Oberflächen eine perfekte Synthese bilden. Die ist oft außergewöhnlich intensiv und brennt sich sofort in die Netzhaut ein. Das trifft ganz besonders auf den Karijini National Park mit seinem weitverzweigten Schluchtensystem zu.

»Den anderen ist es zu heiß, wir steigen heute allein in die Schluchten ab«, lautet Nicks Begrüßung, und er versucht dabei ernst zu wirken. Dann das obligatorische »No worries« und ein verwegenes Grinsen. Da blitzt sie wieder auf, die notorische australische Gute-Laune-Mentalität. Also gut, wo geht es in den Backofen hinein? Weano Gorge und dann bis zum Handrail Pool. »Geländer-Pool«, klingt ein bisschen komisch, oder? Scheint was für Gehfaule zu sein. Mitnichten, lasst euch überraschen. Vorher schauen wir aber am Oxer Lookout vorbei, weil der so schön ist. Vier Schluchten treffen hier aufeinander, eng und tief geht es in die Erdgeschichte hinunter. Wehrhaftes Spinifexgras bedeckt die Landschaft, in der Sonne leuchtet es wie Limone, Zitrone und Silber miteinander verschnitten, die freigelegten Schluchtwände dunkelrot wie geronnenes Blut. Die Einschnitte haben Flüsse erst während der letzten 20 Millionen Jahre gegraben, die Gesteine, die sie da unten freigelegt haben, sind aber 2,5 Milliarden Jahre und älter – wir bewegen uns also schon wieder in Richtung Anfang der Welt –, lehrt eine Hinweistafel. »Das Wort Karijini bedeutet: von sehr weit her kommen, sehr alt.« Von unten aus der Schlucht dringt ein gellender Schrei herauf. Nick neigt sich über die Brüstung, starrt angestrengt hinunter und brummt mit gespielter Entrüstung: »Offenbar sind wir doch nicht die Einzigen.«

 

Felsmalerei auf der Burrup Peninsula bei Karratha. | Foto: Diana Haas

Eine Stunde später wird es immer enger, die Wände der Weano Gorge steigen höher. Von Aborigines geführte Touren gibt es im Park zwar zurzeit keine, doch Nick kennt sich ebenfalls gut im Busch aus, weiß selbst über viele Heilpflanzen Bescheid. Die Rinde dieses Eukalyptus ist gut für ein kräftiges Herz, er deutet auf einen, der aussieht wie alle anderen auch. Reißt sogleich ein paar Büschel vertrocknetes Gras aus und zerreibt sie. Riecht ziemlich zitronig. Zitronengras. »Und falls du mal schnell aufs Klo willst, musst du nur diese Blätter kauen.« Sagt es und hält sie einem vors Gesicht. Noch ein paar Meter weiter, und das war’s mit der Vegetation, jetzt drängt sich der Stein in den Vordergrund. Die Wände schieben sich immer näher zusammen. Rostroter Fels, in unendlich vielen Platten wirr aufeinandergestapelt, glänzt wie mattes Metall. Die Erde hat sich hier mächtig verrenkt, immer tiefer schneidet und windet sich die Schlucht ein, eiskalte Wasserlöcher müssen durchschwommen oder durchwatet werden. Es gilt über Felsen zu klettern wie Spiderman, Arme und Beine an die Wände gepresst, die kaum noch einen Meter voneinander entfernt sind. Plötzlich eröffnet sich ein rundes, steinernes Amphitheater, fünf Meter unter den Füßen liegt der Handrail Pool. An einem kurzen Geländer und dann am Seil hangelt man sich die Wand hinab, nimmt ein Bad in diesem Felspool am Anfang der Zeit – so fühlt sich das zumindest in der Magengegend an. Die nächsten Tage gehören einzig den Schluchten, Dales, Hancock,- Kalamina,- Joffre, Knox, Hamersley; mal sind sie breit und mit üppiger Vegetation gesegnet, mal einfach nur enge, steinerne Monumente. Überall verstecken sich Badepools in diesen Labyrinthen der Zeit. Karijini ist ein Ort, an dem man tief unter die Oberfläche eintaucht.

Kunstzentrum der Nordwestküste: Roebourne.

Die Bierdose gibt einen schmatzenden Laut von sich, als Maitland sie öffnet, das allabendliche Barbecue-Ritual geht in die zweite Phase. Die Veranda des Campingplatz-Büros ist unbeleuchtet, aber Maitlands schulterlanges, silbergraues Haar leuchtet trotz allem in der Dunkelheit. Er sieht zwar aus wie ein Zauberer, doch Maitland Parker ist Ranger in Karijini. Ein Angehöriger der Banyjima, einer der drei Aborigines-Stämme, die traditionelle Besitzer dieses Landes sind. Er wurde zwar in Roebourne ein paar Hundert Kilometer weiter oben an der Küste geboren und arbeitete nach seiner Schulzeit lange auf Farmen, doch irgendwann ergab sich die Chance, Nationalparkranger zu werden und hierher zurückzukehren.

»2008 haben Archäologen einen sensationellen Fund in der Region gemacht: Steinwerkzeuge meiner Vorfahren, die mindestens 35.000, wenn nicht sogar 40.000 Jahre alt sind. Das sind nun mit die ältesten Spuren menschlichen Lebens in Australien«, erzählt er mit Enthusiasmus. Aber dann wird er nachdenklich, denn um die Zukunft seiner Kultur sei es weniger gut bestellt. Nicht nur, dass es viele Auseinandersetzungen mit den Minenbetreibern um das Land gebe, auch arbeiteten immer mehr Junge in den Minen der Pilbara oder gingen gleich nach Perth. So gehe die Zukunft verloren, denn wenn keiner mehr hier sei, gebe es keine gelebte Kultur mehr. »Viele Jobs gibt es hier nicht. Das Land ist leer. Deswegen ist auch der Tourismus wichtig, er bietet uns Perspektiven und hilft so dem Fortbestehen unserer Kultur«, sagt Maitland.

Der Weg der Seeschlangen

Am Anfang, als die Erde noch weich war, bahnten sich riesige Seeschlangen ihren Weg vom Meer durch das Land, Thurru und Barrimirndi. Thurru grub die Schluchten in Karijini und lebt dort in den Tiefen des Fern Pools. Barrimirndi erschuf den nördlichen Fortescue River. Unterirdisch verfolgte sie zwei Jungen, die das Gesetz gebrochen hatten. Wo sie die Erde durchbrach, um ihre Spur zu wittern, hinterließ sie tiefe Pools. Als sie die Erde durchstieß und dabei den Deep Reach Pool im heutigen Millstream Chichester National Park erschuf, stellte sie die Jungen und schleuderte sie in den Himmel. Und als sie wieder herunterfielen, verschluckte Barrimirndi die zwei und ertränkte sie im Deep Reach Pool.

Am Deep Reach Pool ist es so heiß, dass nicht einmal das Känguru, das im Schatten eines Baumes döst, daran denkt davonzuhüpfen. Nichts bewegt sich, das Wasser liegt dunkel und unergründlich vor uns. Hier bleibt man, verschmilzt mit der Zeitlosigkeit des Ortes. Die Sonne geht unter, die Landschaft brennt. Später zieht ein fetter, gelber Mond herauf, spiegelt sich im Fortescue River, taucht alles in ein gespenstisches Licht. Irgendwo heulen Dingos, das Kreuz des Südens zeigt sich. Die Nacht könnte ewig so weitergehen, hier am Anfang der Welt.

4-Seasons Info

Große Freiheit Western Australia

Mit 2,5 Mio. qkm ist der Bundesstaat siebenmal so groß wie Deutschland. Allein die Route vom Cape Range bis zum Karijini National Park und wieder zur Küste beträgt gut 1500 Kilometer. Um das Land wirklich zu erleben, ist ein Camper die erste Wahl.

Karte Western Australia/PilbaraAnreise
Qantas Airways fliegt täglich von Frankfurt über Singapur nach Perth, Tel. 01805/250620, www.qantas.de.

Camper
Große Auswahl an Fahrzeugen und Einwegmieten bietet Britz. In Perth befindet sich die Station am Great- Eastern Highway 471, kostenfreie Hotline 00800/200 80801, www.britz.com.

Unterkunft und Camping

  • Cape Range National Park: Sal Salis Ningaloo Reef, Yardie- Creek Road, Exmouth, Tel. +61(02)/957 16399, www.salsalis.com.au. Das Zeltcamp mitten in den Dünen ist ein Modellprojekt für Ökotourismus und wird von der Nationalparkverwaltung mitbetrieben. Schnorcheln am Riff, Kajaktouren und geführte Wanderungen mit Tierbeobachtungen sind in den Angeboten inbegriffen.
  • Karijini National Park: Karijini Eco Retreat, Savannah Campground, Tel. +61(08)/94255591, www.karijiniecoretreat.com.au Das Retreat gehört einer lokalen Aborigine-Vereinigung, wer dort übernachtet, unterstützt damit direkt die Ureinwohner.
  • Karratha: All Season Karratha, 1079 Searipple Road, Tel. +61(08)/91851155, www.accorhotels.com.
  • In allen Nationalparks und vielen Orten gibt es zudem Campingplätze.

Touren
Wer sich im Karijini NP einer Führung anschließt, erfährt viel über Fauna und Flora sowie Geschichte der Region, ein guter Guide ist Nick Walawski von Lestok Tours, www.lestoktours.com.au. Die Website www.waitoc.com informiert allgemein über Touren mit Urein-wohnern in WA.

Literatur und Karten
Veronika Pavels »Australien – Westen und Zentrum« aus dem Verlag Reise Know-How ist ein fundierter Reiseführer – und gerade neu aufgelegt worden. Der »Australien-Atlas« von Hallwag ist nicht nur ein guter Wegweiser, er bietet auch einen sehr detaillierten Überblick über Camping- und Zeltplätze.

Allgemein
Infos über Western Australia unter www.westernaustralia.com, Broschüren und Reiseplaner kann man über www.australien-info.de/wa bestellen.

 
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Kommentare

Ganz schön weit unten das Australien