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Von Oberbayern bis zum Gardasee – Alpencross mit Kind und Kegel

Foto: Petra und Tom Willert
Auch ein Urlaub: Mit ihren drei kleinen Kindern und einem großen Fahrradanhänger (allerdings ohne Fahrrad) wanderten Petra und Tom Willert von Oberbayern bis zum Gardasee. 400 Kilometer in knapp sieben Wochen. So einen Marsch haben die Alpen lange nicht gesehen.

»Das ist jetzt aber nicht wahr.« Doch, es ist wahr, was Wanderer an einem gewittrigen Sommertag vor der Plumsjochhütte, 1630 Meter hoch, im Tiroler Karwendelgebirge zu sehen bekommen: Vater und Mutter, die einen sehr großen, sehr voll beladenen Fahrradanhänger ziehen, in dem drei Kinder sitzen. Was geschieht hier? Sind das schon Vorboten des großen Trecks der Klimaflüchtlinge, die sich einmal von den überschwemmten Küstengebieten Norddeutschlands in die sicheren Alpen retten werden? Nein, noch ist Hamburg nicht verloren, und was wie Flucht aussieht, ist tatsächlich Freizeitbetätigung.

Wir sind doch keine Aussteiger! Familie Willert wanderte über die Alpen. | Foto: Petra und Tom Willert

Mutter Petra und Vater Tom Willert wohnen mit ihren Kindern am Rand der bayerischen Alpen in Ried am Kochelsee, 630 Meter hoch und außer Reichweite des ansteigenden Meeresspiegels, selbst wenn die polaren Eiskappen von heute auf morgen abschmelzen sollten. Direkt vor der Haustür beginnt ihre große Tour: 400 Kilometer weit über die Alpen bis zum Gardasee. Das dauert – alles in allem knapp sieben Wochen. So viel Freizeit kriegt man aber nicht geschenkt. Die Willerts können sich den Luxus deshalb leisten, weil Petra noch im Erziehungsurlaub ist und Tom in Absprache mit seinem Arbeitgeber seit einem Jahr Ferienzeit »angespart« hat. Und natürlich vor allem, weil die Kinder, Luzi (4), Lion (2) und Pirmin (10 Monate), noch nicht zur Schule gehen.

Bildergalerie: Familienurlaub mal anders: Zu Fuß über die Alpen

Auf seinem Weg erregt der Familientreck, vorsichtig gesagt, Aufsehen. Die meisten Reaktionen schwanken zwischen Erstaunen und Ungläubigkeit. Äußerungen wie »Da werdet ihr euch die Zähne ausbeißen!« oder »Spinnt ihr – mit drei Kindern?!« können gut verkraftet werden, da sie eher selten fallen. Mitleid wird weder angestrebt noch gewährt. Dafür gibt es in den angesteuerten Berghütten einen Kinderbonus. Als sie am 20. Tag im Südtiroler Sarntal an ein Haus klopfen und um Erlaubnis fragen, hinten auf der Wiese zu zelten, beweisen die Hausbewohner, eine Familie mit zwei Kindern, herzliche Gastfreundschaft: Ja, die fünf Bayern dürften natürlich auf die Wiese, wenn sie denn über Nacht wirklich nicht bei ihnen im Haus bleiben wollten … Sie wollen ins Haus, die Bayern, nicht nur zur Freude der Kinder.

Die Kinder! Man kann ja noch so gut planen und den Nachwuchs auf die lange Reise vorbereiten – unterwegs kommt es immer anders. Und so erwischt es irgendwann während der Tour jeden mal, mit Durchfall, Mundfäule und Übelkeit. Die Willerts brechen nicht ab, sie telefonieren mit dem Hausarzt und behandeln selbst. Ihr Familienleben ist intensiv, das Zelt ein Ort zum Toben und Kuscheln. Spielsachen? Vermisst keiner. Ganz wichtig ist dagegen das abendliche Vorlesen.

Eltern-Workout beim Aufstieg auf das Pfitscherjoch. | Foto: Tom Willert

Die Tage strengen an. Nur Luzi, die Älteste, und Lion gehen mal kürzere Strecken selbst. Sonst genießen die Kinder den Rikscha-Service und toben in den Pausen voller Energie um die erschöpften Eltern rum. Zum Härtetest wird die »Via Claudia Augusta« zwischen Nals und dem Nonstal. Drei Mal muss der Fahrradanhänger, den Petra und Tom mit Holzstangen und Brettern zur Rikscha umgebaut haben, abgeladen werden, weil auch rohe Gewalt im Gelände nicht weiterhilft. Auch das Allernötigste, das fünf Menschen benötigen, um einige Wochen lang in den Bergen zu überleben, hat Gewicht und Volumen: Schlafsäcke und Isomatten, das Zelt, wasserdichte Packtaschen, Kraxe, Babyschale, Kochset, Wasserbeutel, Decke, Regenschirm, Notfallpack, Waschbeutel, Windeln, Werkzeug, Kuscheltiere, Bücher, Kleidung, Schuhe, und, und, und. Unterwegs einzukaufen ist zwar immer wieder möglich, aber manchmal etwas kompliziert: Als auf dem Mendelpass in Südtirol akuter Windelnotstand herrscht, bleibt nichts anderes übrig, als mit der Mendelbahn nach Kaltern hinab- und nach dem Einkaufen wieder hinaufzufahren.

Am 44. Tag ist der Treck zu Ende. Der Gardasee wird zum Familienbad. Endlich am Ziel, fühlen sich Petra und Tom Willert inmitten der üppigen Infrastrukturen allerdings wie Fremdkörper. Sie haben erfahren, wie wenig nötig ist, um wahrhaft ausgefüllte Ferien zu verbringen. Beim nächsten Mal werden sie jedoch etwas mehr Lesestoff auf den Hänger packen – nicht für sich selbst, denn sie sind am Abend zu müde gewesen. Aber zwei Pixi-Bücher mehr hätten nicht geschadet.