Von einem, der auszog, sein Fernweh zu kurieren

Foto: Michael Neumann
»Ausrüstung ist Nebensache« – das behauptet Globetrotter-Mitarbeiter Michael von Einem jedenfalls. Der durchtrainierte Hanseat ist seit 16 Jahren in den Ausrüstungsshops Hamburg und Berlin tätig – und verfügt nicht nur über eine weltumspannende Travel-Erfahrung, sondern in seinem Keller auch über ein Ausrüstungslager, mit dem er längst eine eigene Filiale hätte eröffnen können.

Die Outdoor-Karriere des Michael von Einem begann im zarten Alter von 12 Jahren. Damals schipperte er erstmals seinen Eltern im Karstadt-Schlauchboot auf Heidebächen hinterher. Seitdem nutzt er jede Gelegenheit, um das Dach über dem Kopf gegen eine Prise Frischluft einzutauschen. Neben dem Boot ist ihm dabei das Fahrrad bevorzugtes Transportmittel. Und nachdem er mit 19 erstmals eine Solotour auf zwei Rädern bis nach Trondheim unternommen hatte, ist ihm neben dem Frischluftfieber auch die äußerst resistente Fernwehgrippe in die Glieder gefahren. »Mit 20 Kilo auf der Hinterachse eines einfachen Rennrades ging es los«, erinnert sich Michael, »was das Hinterrad natürlich auch prompt mit einem Totalschaden quittiert hat.« Nach einer Lehre als Einzelhandelskaufmann in einem HiFi-Shop brachte ihn seine erste Anstellung in der Globetrotter-Filiale am Wiesendamm natürlich prompt an die Quelle, damit solche Pannen künftig eine Ausnahme bilden sollten.

Und auch ohne technisches Gerät weiß Michael von Einem vom Fleck zu kommen, wovon seine unzähligen Trekkingtouren auf Korsikas GR 20 und im gesamten Himalaja künden. Nur einmal hätte er den Rucksack am liebsten in die Schlucht geschmissen. Es war auf dem Weg zum Startpunkt einer Trekkingtour durch Zanskar, den er erdrutschbedingt nicht im Reisebus, son-dern zu Fuß zurücklegte. Nachdem er 25 Kilometer mit 36 Kilo im Rucksack auf der blockierten Straße zurückgelegt hatte, wollte er nur noch das Zelt aufbauen und in seinen Schlafsack kriechen. Er kam bis zum Zuziehen des Wärmekragens. Dann hielt ihn seine noch recht fidele Reisepartnerin, deren Marschgepäck er größtenteils auf seinen Schultern mitgetragen hatte, von tieferen Träumen ab. Ein kleinerer Reisebus sei gerade vorbeigekommen und warte nun um die Ecke. Was den Abbau des Lagers binnen fünf Minuten und eine mehrstündige Rüttelfahrt ohne den Hauch einer Chance auf geruhsamen Schlaf zur Folge hatte.

 

Outdoor-Hauptstadt Berlin

Beim Duell »Stein gegen Lenkertasche« auf seiner China-Reise blieb die Cannondale leider nur zweiter Sieger. | Foto: Michael Neumann

Auch beruflich führte das Fernweh alsbald zu neuen Ufern. Bei Globetrotter Hamburg kündigte Michael im Jahre 1991, um im Nach-Wende-Berlin bei einem Reiseanbieter anzuheuern. Welcher leider einen Monat später in den Wende-Wirren den Bach runterging. Doch der Berliner Outdoorshop AFT (Alles für Tramper) musste nicht lange überlegen, als sich Michael um eine Stelle als Verkäufer bewarb. Fünf Jahre lang brachte er seine gesamte Erfahrung aus der Praxis in alle Kundengespräche ein, wenn jemand nach einer profunden Beratung in Sachen Fahrrad und Faltboot um Rat fragte. Denn der Grundstock von Michael von Einems Privatflotte – das Karstadt-Gummiboot von 1976 – war natürlich schon zwei Jahre später durch ein Poucher RZ 85 Faltboot ergänzt worden – erstanden von seinen 550 Mark »Konfirmationsprämie« im selben Kaufhaus. Und dem Poucher folgten wei-tere Boote aus Haut und Spanten. Mittlerweile besitzt der Faltbootfahrer zwei weitere Modelle, die er regelmäßig rund um Berlin sowie in Europa und Nordamerika zu Wasser lässt. Zudem schenkte ihm jüngst eine Kundin von 66 Jahren einen Klepper Wildwassereiner von 1958, den sie selbst schon vor vier Jahrzehnten bei Hochwasser durch die schwersten Schluchten der Alpen paddelte. Mit diesem Boot fühlt sich Michael von Einem vom Faltbootfahrer zum Faltbootsammler befördert. Bald sollen noch zwei weitere Modelle folgen. 

Berlin bezeichnet Michael als heimliche Outdoor-Hauptstadt. »Ich kann mein Faltboot in aller Ruhe im Wohnzimmer aufbauen und es dann durchs Schlafzimmerfenster nach draußen  bugsieren, wo 50 Meter entfernt der Teltow-Kanal wartet. Von dort eröffnen sich mir Paddeltouren von wenigen Stunden bis hin zur mehrwöchigen Wildnistour quer durch die Mecklenburgische Seenplatte«, bekundet das umgesiedelte Nordlicht mit einem schelmischen Grinsen. Und wer außerhalb der Hochsaison startet, kann dabei noch richtige Einsamkeit vorfinden, wie er ergänzend bemerkt.

Doch auch dem Fahrrad wurde Michael während seiner Zeit bei AFT nicht untreu. 1993 investierte er nicht nur seinen aufgesparten Urlaub, sondern auch einige unbezahlte Wochen extra in eine viermonatige Zweiradtour in Asien. Los ging es in Islamabad, von wo er den Karakorum Highway zwischen die Lenkerhörnchen nahm und weiter nach China radelte. Seidenstraße, das Tien Shan Gebirge und die Chinesische Mauer waren die weiteren begeisterten Einträge im Reisetagebuch – auch wenn letztere größtenteils nur aus einem popeligen Erdwall bestand. Immer unterwegs im Niemandsland des Reiseführers und am Rande der Legalität produzierte der Langstreckenradler bei jedem Stop einen Menschenauflauf, der auch den Behörden nicht lange verborgen blieb. Einmal half nur die Flucht nach vorn durch eine Traube Neugieriger, während der alarmierte Wachtmeister gerade Verstärkung vom Revier anforderte. In den Folgetagen schlief Michael nicht im Zelt, sondern in Höhlen und Heuschobern und beschleunigte die Radelstrecken mit Hilfe von Lastwagen, an denen er sich einfach festhielt und mitziehen ließ.

 

Crash in China

Diese schlechte Angewohnheit wurde ihm dann wenig später zum Verhängnis. Auf einer Abfahrt hielt er sich zwar nicht an einer Ladefläche fest, fuhr aber dicht hinter einem Truck im Windschatten. So sah er den kopfgroßen Felsbrocken in Straßenmitte nicht kommen, der ihn völlig unvermittelt vom Fahrrad in den Straßengraben beförderte. Die Folge war nicht nur ein völlig demoliertes Fahrrad. Auch der rechte Ellbogen verweigerte seine Funktion und blutete fürchterlich. Ein folgender LKW brachte den Verunglückten ins nahe Provinzkrankenhaus, wo man sich nach aufwändiger Röntgenprozedur zu einer eher simplen Verarztung der Schnittwunde entschloss.

Von einem, der auszog, sein Fernweh zu kurieren. | Foto: Michael Neumann

Die Splitter des zertrümmerten Ellbogengelenks wurden dann erst einige Wochen und Schmerztabletten später nach der Rückkehr aus dem Oberarm operiert. Ein Jahr Physiotherapie später war der Arm dann gänzlich wiederhergestellt. 1996 stand auch beruflich wieder ein entscheidender Wechsel an, wobei sich die Anforderungen an Michaels Mobilität in Grenzen hielten. Im Zuge der Expansion übernahm Globetrotter Hamburg den AFT-Laden samt Mitarbeiter. Da Michael bei seinem Weggang aus Hamburg keine verbrannte Erde hinterlassen hatte, gab es natürlich ein großes Hallo und man beförderte ihn umgehend zum Bereichsleiter »Boote« der Berliner Filiale. Zusammen mit den Paddelexperten der anderen Filialen ist er nun nicht nur für den Verkauf zuständig, sondern auch für den Einkauf. So trifft man sich mehrmals im Jahr zu den einschlägigen Messen, wo den dargebotenen Neuheiten ordentlich auf den Zahn gefühlt wird. Dass bei der versammelten Kompetenz aus mehreren Jahrzehnten Paddelerfahrung fadenscheiniger Schnickschnack keine Chance hat, versteht sich von selbst. Dieses bewährte Procedere führt natürlich auch in den anderen Bereichen der Globetrotter Produktpalette zu einer Auswahl, auf die sich der Kunde in jeder Situation verlassen kann. Und auch im täglichen Alltag des Michael von Einem besteht ständig die Möglichkeit des ausgiebigen Produkttests. Gehört er doch zum harten Kern in der Berliner Filiale, der stets mit dem Fahrrad zu Arbeit kommt – und das, obwohl Globetrotter zur Mitarbeitermotivation eine kostenlose Monatskarte offeriert. Seit er in eine Eigentumswohnung in Teltow vor den Toren Berlins gezogen ist, sind es zwar nur noch 10 Kilometer »one way« bis zum Laden, doch sein Centurion Lhasa Kathmandu bleibt wirklich nur bei fortgeschrittenem Schneemalheur im Keller.

Konditionell fordert ihn dieser Katzensprung kaum. Zehrt er doch noch heute von einer Phase, in dem er sich explizit dem Ausdauersport verschrieben hatte. Dreimal nahm er am legendären Radmarathon Trondheim – Oslo teil, ähnlich oft am Hobbyradrennen der HEW Classics rund um Hamburg. Quasi im Vorbeilaufen nahm er auch noch diverse Duathlons und Kurztriathlons mit und startete sogar erfolgreich beim Berlin-Marathon.

Als Reisender aus Passion hat man natürlich auch ein entsprechendes Bücherregal daheim. Als prägendste Schmöker nennt Michael das Bergsteigerdrama »Sturz ins Leere« von Joe Simpson samt dessen Folgebücher, die Erinnerungen des Dave Manby, erschienen unter dem Titel »Many rivers to run« und das nurmehr im Antiquariat erhältliche Werk »Rivergods« von Richard Bangs. Um sich nicht mit schlechten Übersetzungen rumschlagen zu müssen, verschlingt Michael solche Bücher nach Möglichkeit immer in der Originalversion.

Lesefutter und Augenschmaus für Lehnstuhl-Abenteuer nach Feierabend. | Foto: Michael Neumann

Ob es der Genuss solcher Bücher war, der Michael im letzten Jahr doch noch zu seinem ersten Wildwasserkurs unter fachkundiger Anleitung trieb? Hatte er doch gleich zu Beginn seiner Paddelkarriere dem übermäßig bewegten Wasser abgeschworen. Schuld daran war ein längerer Schwumm im fünf Grad kalten Wasser eines skandinavischen Wildflusses, bei dem er leider nur eine Badehose trug. Während er selbst sich nach einer kleinen Ewigkeit heil ans Ufer retten konnte, fand man von seinem Kajak wenig später einzig die zertrümmerte Spitze.

Doch da die Outdoor-Wissenschaft neben dem Fernwehfieber seit kurzem auch das äußerst resistente Wildwasservirus kennt, drängt sich die Diagnose beim Blick in Michaels glänzende Augen, wenn er von Fahrten durch die Schluchten des Allgäus berichtet, förmlich auf: unheilbar infiziert und nur durch Intensivtherapie unter Kontrolle zu halten.

Ach ja, wenn dieser Artikel erscheint, ist Michael von Einem mit einem Globi-kollegen gerade mal wieder in Nepal unterwegs. Zwei Wochen Wildnispaddeln auf mittelschwerem Wildwasser und eine Trekkingtour rund um den Everest sind geplant.