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Von Eckernförde nach Kalkutta

Foto: Hagen Benckendorff
Jetzt vor einem Jahr waren sie gerade im Iran. Jörn Witt und Hagen Benckendorff radelten 15.000 Kilometer von der Ostsee bis nach Indien. Ein großes Abenteuer, das sie mit einem guten Zweck verknüpften.

1. Februar, Eckernförde

Ein Wintermorgen an der Ostsee, in keiner Weise außergewöhnlich. Doch für uns beide ist heute ein großer Tag. Die Räder stehen gepackt vor der Tür. Mit dem ersten Tritt in die Pedale werden zwei Jahre Planung vorbei sein – und die Reise um die halbe Welt wird endlich beginnen.  

Nach monatelangem Wälzen von Literatur und Karten steht die Route: Erst mal quer durch Deutschland, am Brenner über die Alpen, dann entlang der Adria bis Süditalien. Weiter mit der Fähre nach Griechenland, der türkischen Schwarzmeerküste nach und durch das ostanatolische Bergland in den Iran. Von dort soll es durch Turkmenistan, Usbekistan und Kirgistan nach China gehen. Der fast 5000 Meter hohe Khunjerab-Pass führt hinüber nach Pakistan, und irgendwann, voraussichtlich im September, möchten wir dann in Indien ankommen.

Vor uns liegen nicht nur viele Monate im Sattel, sondern auch zwölf Länder, die wir hautnah erleben werden. Die Menschen, die fremden Sitten, aber auch die Probleme der anderen Kulturen. Um auf diesen Aspekt unserer Reise aufmerksam zu machen, haben wir in Zusammenarbeit mit UNICEF die Aktion »15.000 Kilometer gegen Kinderarbeit in Indien« ins Leben gerufen.

 

12. Februar, Innsbruck (1119 km)

Die ersten 1000 Kilometer sind geschafft: Quer durch Deutschland – von der See bis ins verschneite Karwendelgebirge. | Foto: Witt/Benckendorff

Heute haben wir Deutschland verlassen, die Generalprobe ist bestanden. Schon die Fahrt von der Ostsee bis in die Alpen war ein Erlebnis für sich. Wir hatten mit dem Wetter Glück, es lag kaum Schnee. Ansonsten wäre wohl die Abfahrt am Zirler Berg mit seinen 16 Prozent Gefälle unmöglich gewesen – nicht nur wegen der Glätte, sondern auch, weil die Straße für Radler eigentlich gesperrt ist. Doch der Gendarm, der uns vor dem Schild mit dem durchgestrichenen Radfahrer stehen sah, meinte, dass er nichts gesehen habe, wenn wir uns beeilen würden.

Vor uns liegt jetzt die alte Brennerstraße mit einem Anstieg von 800 Höhenmetern, mit dem ganzen Gepäck eine imposante Bergetappe. Danach geht es über Trento bis nach Venedig immer nur bergab – bis zum Mittelmeer.

 

23. April, Teheran (7040 km)

Wundersames am Wegesrand: In Teheran pflegt man anti-amerikanische Propaganda und hört dazu Madonna-Songs. | Foto: Witt/Benckendorff

Ostern im Iran – sehr exotisch. Gestern abend haben wir noch einen kleinen Einkaufsbummel gemacht und dabei die ehemalige amerikanische Botschaft entdeckt. Es war schon spannend, einfach nur dieses Gebäude zu sehen, das durch die Revolution 1979 sehr bekannt geworden ist. Die Mauer ist mit anti-amerikanischer Propaganda bemalt, das steinerne US-Wappen herausgemeißelt. Unsere Hauptbeschäftigung in Teheran wird darin bestehen, die notwendigen Visa für Turkmenistan, Usbekistan und Kirgistan zu besorgen. Aber es ist auch mal schön, ein paar Tage entspannen zu können – und das ist bei unseren Gastgebern Lida und Rahim nun wirklich kein Problem.

Die Stadt beeindruckt uns sehr – ein Zusammenspiel von Gegensätzen, das wir so nicht erwartet hätten. Auf der einen Seite präsentiert Teheran sich als moderne Metropole mit vierspurigen Highways, modernen Apartmenthäusern und riesigen Werbetafeln. Anderswo, etwa auf dem alten Bazar, fühlt man sich in 1001 Nacht zurückversetzt. Das Land ist in Bewegung. Wir sprechen mit vielen Menschen, die Reformen wollen und eine stärkere Demokratisierung, doch keiner sieht eine Alternative zum herrschenden islamischen System. Dennoch: Gerade in Teheran strebt die Jugend nach westlichen Idealen, schaut US-amerikanische Videofilme und hört britische Popmusik. Uns wird jeden Tag stärker bewusst, dass diese Widersprüche noch zu heftigen Konflikten führen werden. Die Frage ist nur, mit welchen Folgen.

 

20. Mai, Turkmenabat (8805 km)

Karakum, das heißt schwarzer Sand. Und auch wenn der Sand nicht unbedingt schwarz ist, trägt die Karakum-Wüste ihren Namen zu Recht. In drei Tagesetappen von je 200 Kilometern sind wir von der turkmenischen Hauptstadt Ashgabat durch die Wüste geradelt – bei nahezu 40 Grad im Schatten! Eine Tortour an der Grenze des Machbaren. Die 13 Liter Wasser, die jedem pro Tag zustanden, reichten gerade so aus, boten aber keine Erfrischung. Wenn die Sonne so erbarmungslos brennt und der heiße Wind – der wie immer beim Radeln von vorne kommt – einem den Sand ins Gesicht bläst, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder man strampelt wie in Trance Kilometer um Kilometer ab, oder aber man lässt seine Anspannung und Wut lautschreiend heraus. Da die zweite Möglichkeit nur noch mehr Zeit und Energie kostet, entschieden wir uns für die erste.

 

10. Juni, Bishkek (10.688 km)

Nach 100 Tagen auf dem Fahrrad haben wir die kirgisische Hauptstadt Bishkek erreicht. Besonders die letzte Woche – von der Stadt Osh, die nahe der usbekischen Grenze liegt, bis hierher – war schön, aber auch sehr anstrengend.

Mit Lenkertasche, Lowridern, Satteltaschen und Packsack ist ein Fahrrad maximal beladen. Diese Reiseradler-Regel gilt allerdings nicht in Pakistan. | Foto: Witt/Benckendorff

Von Osh nach Jalalabad hatten wir noch einen Tag im ebenen Ferghana-Tal, bevor wir in das Tal des Naryn-Flusses einbogen. Ein kurzes Stück hinter Kara-Kul gelangten wir über einen steilen Pass zum Toktogul-Stausee, der ungefähr 19 Billionen Kubikmeter Wasser enthält. Trotz soviel Feuchtigkeit eine staubige Angelegenheit, da die Straße von Osh nach Bishkek eine einzige Baustelle ist. Meistens zeigte sie sich als eine Sand-Schotter-Piste, auf der wir häufig in einer Staubwolke verschwanden, wenn die LKWs an uns vorbei donnerten.

In Toktogul fanden wir eine notdürftige Unterkunft, bevor wir am nächsten Tag den Aufstieg zum 3184 Meter hohen Ala-Bel-Pass begannen, der uns tief in das Tian-Shan-Gebirge führen sollte. Es ging 2000 Höhenmeter bergan – auf Schotter, im Regen und mit viel Schweiß. Oben war es dafür auch ein unbeschreibliches Glücksgefühl, den ersten Dreitausender-Pass beradelt zu haben. Aus einer kleinen Hütte auf der Passhöhe kam eine kirgisische Familie, die uns neugierig musterte. Mit Händen, Füßen und ein paar Brocken Russisch palavernd erfuhren wir von einem geschützten Zeltplatz in der Nähe. Da die Temperatur auf 3094 Metern nur noch knapp über Null lag, zogen wir alle Winterkleidung an und kochten heißen Tee mit Kandiszucker (ein Geschenk von unserem Freund Rasool aus dem Iran). Es war eine sehr kalte Nacht, und obwohl wir sehr froren, war diese einsame Nacht im Tian-Shan ein überwältigendes Erlebnis.

Der über Nacht gefallene Schnee taute in der Morgensonne. Unser Weg zog sich durch ein breites Tal, in dem kirgisische Nomaden ihr Vieh weideten. Die Jurten, die zeltartigen Behausungen der Nomaden, scheinen einem anderen Jahrhundert entsprungen zu sein. Ein kirgisischer Junge ritt auf seinem Pferd eine Weile neben uns her ritt und schaute uns an, als ob wir aus einer anderen Welt kämen – genau so fühlten wir uns auch.

Nachdem wir einen zweiten Dreitausender-Pass namens Tör-Ashuu überwunden und eine lustige Nacht zusammen mit zwei russischen Straßenarbeitern in ihrem Bauwagen verbracht hatten, erreichten wir Bishkek.

 

3. Juli, immer noch Bishkek (10.688 km)

Geschafft! Nach über drei Wochen schwieriger Verhandlungen mit der chinesischen Botschaft haben wir heute unser Visum für die Volksrepublik bekommen. Da der einzige Grenzübergang zwischen Kirgistan und China, der Torugart-Pass, in ein militärisch sehr sensibles Gebiet führt, brauchten wir neben einer Einladung aus China auch eine Sondergenehmigung für die Einreise.

Nun können wir wieder losradeln, nachdem wir in den letzten Wochen schon alle Alternativen durchdacht hatten. Ein Flug von Almaty in Kasachstan nach Islamabad in Pakistan hätte uns jedoch die Durchquerung des Himalaja gekostet.

 

23. August, Neu Delhi (13.668 km)

Braune Brause gibt es überall auf der Welt – also auch in Turkmenistan. Der Preis ist Verhandlungssache. | Foto: Witt/Benckendorff

Die Etappe von Kirgistan nach Indien war eine der schönsten. Zuerst fuhren wir von Bishkek wieder in das Tian-Shan, zelteten noch zwei Tage am Issyk-Kul-See, dem zweitgrößten alpinen See der Welt. Dann ging es dem Torugart-Pass entgegen. Erst dort, auf 3594 Meter Höhe, würde sich letztlich entscheiden, ob wir weiter in die alte Oasenstadt Kashgar am Rande der Taklamakan-Wüste reisen dürften – oder nach Bishkek zurück müssten. Es klappte. Nachdem wir an der chinesischen Grenzstation zwei Stunden lang auf unseren »Touristenführer« gewartet hatten, konnten wir einreisen. Der Führer, den wir teuer bezahlen mussten, hatte die Aufgabe, uns sicher durch die Grenzregion zu bringen, in der uigurische Separatisten für einen unabhängigen Staat kämpfen.

Hinter Kashgar, wo wir ein paar Tage Pause machten, um den berühmten Sonntagsbazar zu besuchen, wartete dann der Himalaja mit dem geographischen Höhepunkt, dem fast 5000 Meter hohen Khunjerab-Pass. Dort oben, wo auch die Grenze zwischen Pakistan und China verläuft, wurde die Luft schon recht dünn, was sich auf den letzten Anstiegsmetern sehr be-merkbar machte.

Eine unvorstellbare Ruhe und ein wahrer Frieden umgab diese gewaltige Berglandschaft – besonders im Vergleich zu der Hektik und dem Smog von Neu-Dehli, wo wir jetzt sind. Gestern haben wir in den Slums zwei Schulprojekte besucht, die von UNICEF unterstützt werden. Es scheint unvorstellbar, unter welchen Umständen die Menschen hier leben. Enge Gassen, kleine Hütten, wo zum Teil in einem einzigen kleinen Raum eine ganze Familie wohnen muss. Die Straßen sind gesäumt von Müllbergen, in der 35 Grad heißen und während der Monsunzeit schwül-feuchten Luft liegt ein penetranter, alles überlagernder Fäkalgeruch. Uns begegnen Menschen, die todkrank sind, Menschen mit von der Hepatitis gelben Augen, Kinder, denen man die Folgen ihres chronischen Durchfalls sofort ansieht. Doch hatten gerade die Kinder, die wir in den beiden Schulen trafen, immer noch ein Strahlen in den Augen. Ihre Hoffnung macht deutlich, wie sehr die UNICEF-Hilfe gebraucht wird.

 

8. September, Kalkutta (14.961 km)

In Indien legt der alljährliche Monsunregen das öffentliche Leben lahm – aber es geht trotzdem weiter. | Foto: Witt/Benckendorff

Wir sind angekommen, allerdings nicht per Muskelkraft. Vor drei Tagen brach ein Tretlager – Weiterfahrt und Reparatur unmöglich. Zum Glück hielt nach kurzer Zeit ein Lastwagen, der in Richtung Kalkutta fuhr, wo wir dann nach 17 Stunden Fahrt auf der Holzpritsche morgens um vier Uhr auch ankamen.
Jetzt stehen wir auf der Howrah-Brücke und können gar nicht glauben, dass wir an jenem Ziel sind, das wir uns vor gut zweieinhalb Jahren gesetzt hatten. 139 Tage im Sattel, 15.000 Kilometer, zahllose kleine und große Erlebnisse. Bald werden wir in ein Flugzeug  steigen und heimjetten – zurück in den Alltag.

Mehr Geschichten, Fotos und ausführliche Infos über die Reise gibt es im Internet unter www.indientour.de

 

 

4-Seasons Info
 

15.000 Kilometer gegen Kinderarbeit, 35.000 Mark für UNICEF

 

Bis zu 100 Millionen indische Kinder müssen regelmäßig arbeiten – oft unter unmenschlichen Bedingungen, die Gesundheit und Psyche nachhaltig schädigen. Gegen diese Zustände kämpft UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Zwar ist es unmöglich, Kinderarbeit von heute auf morgen abzuschaffen. Oft sind ganze Familien vom Einkommen der Kinder abhängig. UNICEF setzt deshalb auf schrittweise, aber nachhaltige Veränderungen. Ein soziales Fundament soll gebaut werden.

Ein Hauptansatzpunkt ist die Vermittlung von Schulbildung für möglichst alle Kinder, ein anderer die Stärkung der klassischen Dorfgemeinschaft, die auch eine soziale Absicherung darstellt.

So genannte Spargruppen können zum Beispiel einer Familie, die durch Krankheit und Lohnausfall des Vaters in Not  geraten ist, finanzielle Unterstützung gewähren. Ansonsten bleibt oft nur der Gang zu dubiosen Geldverleihern – deren Kredite mitunter so ausgelegt sind, dass das Geld kaum zurückgezahlt werden kann und die Familie in eine Art Schuldknechtschaft gerät. Manchmal werden die eigenen Kinder auch regelrecht verkauft und müssen fortan in Fabrikhallen 18 Stunden am Tag arbeiten.

So vielfältig diese Kreisläufe von Armut und Kinderarbeit auch sind, die Arbeit von UNICEF zielt immer darauf ab, dass die unterstützten Menschen ohne fremde Hilfe leben und das Erreichte auch bewahren können.

Hagen Benckendorff und Jörn Witt haben ihre Reise unter das Motto »15.000 Kilometer gegen Kinderarbeit in Indien« gestellt. Eine große Medienresonanz und die professionelle Internetseite der Radler warben für die Idee »hinter der Tour« und rückten auch die Arbeit von UNICEF in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Während und nach der Reise sammelten die Biker auf diese Weise Spenden in Höhe von 35.669,39 Mark. Das Geld ging ohne Abzüge und zweckgebunden an UNICEF in Indien.