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Versunkene Alpen – Lofoten im Winter

Foto: Jörg Spaniol
Rote Häuser, blaues Meer, zackige Berge – Bilder von den Lofoten befeuern die Sehnsucht nach Norwegens Norden. Im Sommer wälzen sich Wohnmobile nordwärts. Der raue Charme des Lofotenwinters ist dagegen fast noch ein Geheimnis.
Der warme Golfstrom macht‘s möglich: Winter ist für die Lofotenfischer Hochsaison. | Foto: Jörg Spaniol

Wenn man auf hoher See einen Fischkutter von unten sieht, ist meistens irgendwas schiefgegangen. Doch als sich der Kapitän des Hurtigruten-Schiffs »Midnatsol« Minuten vorher über den Lautsprecher an seine Fahrgäste gewandt hatte, klang er tiefenentspannt: »Meine Damen und Herren, wir befinden uns gerade in einer Hochseepassage auf unserer Route. Da die Wellen etwa sechs Meter hoch sind, bitte ich Sie, auf Ihren Plätzen zu bleiben. Genießen Sie unsere großartige Natur!« Beim nächsten Blick durch die dicken Schiffsscheiben ragte die vordere Hälfte eines soeben überholten Trawlers bizarr aus einem graugrünen Wellenberg. Schlug donnernd im Wellental ein. Stampfte die nächste Welle empor. Naturgenuss auf die herbe Art – zu Befehl, Herr Kapitän!

Schlingernde Eingeweide beruhigen sich schnell auf dem soliden Anleger des Hafenstädtchens Svolvær auf der Lofoteninsel Austvågøya. Nach vier Tagen auf See steht uns erst mal der Sinn nach himmlischer Ruhe, eventuell mit Lichtspielen verfeinert. Die erste Adresse für Nordlichtfans liegt ein paar Kilometer landeinwärts. Im Polarlichtcenter von Laukvik laden Therese van Nieuwenhoven und ihr Partner Rob Stammes zu Tee, Keksen und einer Riesenportion Kosmos ein.

Rob Stammes und Therese van Nieuwenhoven – zwei Nordlichtforscher aus Leidenschaft. | Foto: Jörg Spaniol

Stammes ist Nordlichtforscher aus Leidenschaft. Was er mit seinen wandhoch gestapelten, selbst gebauten Apparaten via Sonnenbeobachtung, Feldlinienvermessung und Abhören der Atmosphäre einfängt, verdichtet er zu einer Nordlichtvorhersage. Diese gibt es als SMS-Alarm im Abo zu beziehen. Mit seinem struppigen grauen Bart wirkt Stammes vielleicht wie der Idealtypus eines verrückten Professors. Doch der gelernte Elektroniker liefert einleuchtende Gründe, warum es ihn genau hierhin zog: »Die stärksten Nordlichterscheinungen in der Atmosphäre gibt es in einem Ring, der unterhalb des 70. Breitengrads verläuft. Dort liegen Mittelgrönland, Alaska, Sibirien – und die Lofoten. Und die sind da ganz klar der gemütlichste Platz.« Eine Behauptung, für die es gute Gründe gibt: Der Golfstrom hält die Küste ganzjährig eisfrei, die winterlichen Minusgrade bleiben meist im einstelligen Bereich. Ein nächtlicher Logenplatz also für ein kosmisches Feuerwerk. Aber wir haben noch Tag und die Silhouetten der Berge rundum sind viel zu aufregend, um weiter wartend Zeit zu verschenken.

Die Lofoten im Winter kann man sich ungefähr so vorstellen wie die Schweizer Alpen, die jemand 3000 Meter tief im Meer versenkt hat. Täler, Almen und Wälder sind weg, nur noch die Gipfel schauen raus. Schwarzes Urgestein, geformt zu bis zu 1200 Meter hohen Zacken in einem blauschwarzen Ozean. Etwa 150 Kilometer lang sind diese Alpen im Nordatlantik, die wenigen Einwohner haben ihre bunten Häuser dicht am Wasser gebaut. Und selbst da kann es feierlich still sein.

 
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Luft, so klar und konzentriert wie feinster Wodka

Foto: Jörg Spaniol

Einen besonders einsamen Punkt auf der Karte namens »Sommarhus«, also Sommerhaus, hatte uns ein Ortskenner empfohlen. Sein Fluchtpunkt, wenn es ihm um Svolvær mit seinen immerhin 4000 Einwohnern zu turbulent wird. Im gelblichgrauen Licht eines dünnen Schneeschauers rollen wir auf Schotterstraßen die Westküste entlang. Das große Weiß rundum überwuchert die schmale Spur. Beim Aussteigen pfeift die Stille wie ein drohender Tinnitus. Vor einem der wenigen Holzhäuser von Sommarhus hängt betonstarre Wäsche. Die Stiefel durchbrechen knisternd die dünne Eiskruste des Strands, auf dem sich unsere Fußabdrücke bald im Dunst verlieren. Die Luft ist klar, konzentriert und geschmacklos wie feinster Wodka. Einzelne Schneeflocken lösen sich im dunklen, spiegelnden Wasser des Fjords auf.

Jenseits der Küste bäumt sich das Urgestein heftig auf. Die schwindelerregenden Wanderwege zurzeit unbegehbar. Da helfen nur fette Ski mit Steigfellen weiter. Tourenguide Anders Alvik aus Kabelvåg ist überzeugter Insulaner und unverwüstlicher Sportfreak. Der Aufstieg zum Breidtindan lässt ihm locker genug Luft, den Lofotenwinter zu preisen: »Fast jeder Sommergast fragt nach der Dunkelheit und wie man damit klarkommt. Aber der Winter ist mir heilig. Und es ist auch gar nicht so, dass es hier im Dezember und Januar nur finster wäre. Bei schönem Wetter ist das Licht so blau wie in der Dämmerung. Wenn ich dann mit den Skiern in die Berge gehe, muss ich vielleicht mit einer Stirnlampe loslaufen. Mittags schaut aber die Sonne über den Horizont – es ist wie ein stundenlanges Alpenglühen. Bist du schon mal auf purpur- und orangefarbenem Schnee ins Tal gefahren?«

Von wegen stockdunkel: Skifahrer kommen im Winter voll auf ihre Kosten. | Foto: Jörg Spaniol

Jetzt, im Übergang zum Frühjahr, liegt der Schnee so kompakt wie hingespachtelter Frischkäse im schüsselförmigen Hang. Ziemlich beruhigend, denn der Schüsselrand hat hier oben ein knackiges Gefälle, und einen Lawinenlagebericht  fertigt niemand an ... Weit entfernt von solchen Gedanken klickt Anders derweil seinen Helm zu. Schnauft kurz und fräst sich mit gecarvten Telemarkschwüngen so schnell in die Tiefe, dass seine Jacke im Fahrtwind knattert. Minuten später, 400 Meter tiefer. Stilkritik. »Ich hab noch nie verstanden, warum ihr Leute aus den Alpen immer so kleine Bögen fahrt«, sinniert er. »Für uns kommt es vor allem auf die Abfahrt an. Und die ist besser, je schneller du fährst.«

Lofoten-Bilderbuchkulisse im Hafen von Henningsvær. | Foto: Jörg Spaniol

Anders erzählt von wilden Bergen, zu denen man nur mit Boot kommt, von Eispanzern, die der Wind an hohe Gipfel klebt, von den Freuden des Skifahrens in den langen Apriltagen. Und dann runzelt er die Stirn: »Aber es ist hier zurzeit ganz schön voll. In Henningsvær ist nämlich Camp Lofoten, ein Extremski-Festival.« Was ein Lofotenbewohner unter »ganz schön voll« versteht? »Um die 200 Leute!« Aber nicht alle Festivalbesucher steigen auf die Berge. Wo die Abhänge enden, lockt ein sehr, sehr spezielles Vergnügen: Der Strand von Unstad ist das nördlichste Wellenreitrevier der Erde. Ultradicke Neoprenanzüge verwandeln Surfer-Girls in Seerobben und Surfer-Dudes in Gummi-Orcas.

 

Akustische Polarlichter aus den Tiefen des Ozeans

Foto: Jörg Spaniol

Die echten Orcas und ihre noch größere Wal-Verwandtschaft sind das Thema der Bioakustikerin Heike Vester. Ihre kleine Forschungsstation liegt an der Mole des Fischerorts Henningsvær. Der Dorsch hat im Winter Hochsaison. Männer in Ölzeug hängen längs gespaltene Fische zum Trocknen in die kalte, graue Luft. Vester erforscht hier seit einigen Jahren die Sprachen der großen Säuger. Auf der Jagd nach Soundschnipseln fährt sie mit einem Zodiac hinaus und hängt ihre Spezialmikrofone dort ins Wasser, wo abtauchende Fluken eine muntere Walparty vermuten lassen. Endlose Stunden schaukelt sie dann auf den Wellen und sammelt die noch immer weitgehend unverstandenen Botschaften.

Im späten Winter läuft die Kabeljausaison auf Hochtouren. | Foto: Jörg Spaniol

Vester klickt eine ätherisch-klagende Melodie aus ihrem Computerarchiv an. »Zwei Buckelwale, die sind hier eher selten.« Klangvorhänge im blauschwarzen Ozean – so eine Art akustisches Polarlicht. Die geheimnisvollen Töne der Unterwasserwelt schwellen an und ab. Um dabei eine Art Ehrfurcht zu empfinden, muss man kein Esoteriker sein. »Seit etwa zwei Jahren kommen Orcas nur selten in den Tysfjord«, sagt sie. »Ihre Hauptnahrung, die Heringsschwärme, nehmen offenbar eine andere Route weiter draußen auf dem Meer.« Für Vester bedeutet das mehr Sucherei. Doch ganz ehrlich, uns erleichtert es. Will man neben sich eine Rückenflosse vom Format eines aufgestellten Cadillacs sehen, wenn man mit dem Hintern auf Meereshöhe sitzt? In Kabelvåg, nur wenige Kilometer entfernt, bietet einer dieser outdoorverrückten Norweger nämlich Seekajaktouren im winterlichen Nordatlantik an. Und das ist eingedenk der turbulenten Anreise auch ohne Orcas eine kribbelige Angelegenheit ...

 

4-Seasons Info
 

Der lange Weg nach Norden

 

Zwischen Oslo und den Lofoten liegen 1000 Kilometer Luftlinie. Da ist es clever, mit Bahn und Schiff schon die Anreise zum Teil des Abenteuers zu machen.

 

Beste Zeit
Da die Lofoten jenseits des Polarkreises liegen, kommt die Sonne im Winter wochenlang nicht über den Horizont – auch wenn es tagsüber nicht komplett dunkel ist. Ab dem 21. März werden die Tage sehr schnell länger. Die Schneelage ist bis in den Februar hinein meist bescheiden. Die ideale Reisezeit hängt von den Prioritäten ab: Nordlichtpilger suchen möglichst viel Dunkelheit, während Outdoorbegeisterte ab Ende Februar beste Bedingungen vorfinden. Dank des Golfstroms sind zweistellige Minusgrade auf Meereshöhe die absolute Ausnahme.

Anreise
Der prächtigste Weg auf die Lofoten zu reisen, ist die Kombination aus einer Bahnfahrt von Oslo nach Bergen und einer viertägigen Fahrt mit einem Hurtigruten-Schiff von Bergen nach Svolvær. Von vielen deutschen Flughäfen gibt es Direktflüge nach Oslo. Das Schiff legt um 22.30 Uhr in Bergen ab, der Weg dahin ist am selben Tag gut zu schaffen, www.hurtigruten.de.

Übernachten
Die Svinøya Rorbuer in Svolvær stehen auf Pfählen im Meer. Die roten Holzhäuser im traditionellen Stil sind exklusiv und höchst komfortabel eingerichtet: Eine Vierpersonenhütte kostet für eine Woche ab etwa 1100 Euro, www.svinoya.no.
Günstiger ist es im nahe gelegenen Svolvær Sjøhuscamp. Dort zahlt man für die Übernachtung im Doppel-zimmer mit Gemeinschaftsbad  70 Euro, www.svolver-sjohuscamp.no.

Allgemeine Infos
Jede Menge Infos über die Lofoten findet man unter www.lofoten.info sowie  visitnorthernnorway.com und visitnorway.de.
Weitere Adressen: Ski- und Surffestival Camp Lofoten, www.camp-lofoten.no.
Wintertouren mit Schneeschuhen, Kajak oder Skiern: Lofoten Kajakk,  Kabel-våg, www.lofoten-kajakk.no.
Polarlichtcenter, Laukvik: www.polarlightcenter.com.
Walforschung, Henningsvær: www.ocean-sounds.com.
Tierbeobachtung mit dem Schiff, Lofoten Nature Safari, Svolvær: www.svinoya.no.

 
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