präsentiert von:

Traumtour: Wüsten im Oman

Foto: Jerome Blösser
Krieg und Terror plagen die Menschen in vielen Wüstenregionen. Aber im Oman gibt es sie auch heute noch: wogende Weite voller Sand und friedlicher Stille. Ein glühender Wüstenfan erzählt, warum das Sultanat auf der Arabischen Halbinsel für ihn die Traumtour schlechthin bereithält.
Jerome Blösser ist Reiseleiter, Fotograf, Autor – und verrückt nach Wüste, ob aus Sand, Schnee oder Eis. | Foto: Jerome Blösser
Jerome Blösser ist Reiseleiter, Fotograf, Autor – und verrückt nach Wüste, ob aus Sand, Schnee oder Eis. | Foto: Jerome Blösser

Seit mehr als 20 Jahren wandere ich durch die Wüsten der Erde. Eine Erkenntnis aus dieser Zeit ist, dass es in den meisten ­Wüsten mehr Leben gibt, als man gemeinhin annimmt. In der Sahara etwa passierte es mir, dass ich ­irgendwo im Nichts eine Pause einlegte, und plötzlich stand ein Nomade vor mir, wie vom Himmel gefallen. Daher stand es ganz oben auf meiner Wunschliste, eine wirklich einsame Wüste zu bereisen.

Ich entschied mich für die Rub al-Khali auf der Arabischen Halbinsel. Nur wenige Menschen waren bislang in diese Wüste gegangen. Am bekanntesten natürlich der englische Forscher Wilfred Thesiger, der nach dem Zweiten Weltkrieg diese größte Sandwüste unseres Planeten durchquerte. Was er entdeckte, waren Dünen bis zum Horizont, aber null Anzeichen von Leben. Thesiger gab der Rub al-Khali den Namen Empty Quarter – Leeres Viertel. In seinem Reisebericht beschreibt er die harten und feindlichen Bedingungen und ist gleichzeitig gefangen von der sinnlichen Schönheit des Leeren Viertels.

Kein einziger Brunnen

Dieser Himmel! Die Rub al-Khali begeistert nicht nur am Boden mit fantastischen Farbtönen und Strukturen. | Foto: Jerome Blösser

Heute ist eine komplette Durchquerung der Rub al-Khali nicht mehr möglich. Die Wüste verteilt sich auf Oman, die Arabi-schen Emirate sowie Saudi-Arabien, und letzteres Land ist seit Langem für Touristen geschlossen. Das Sultanat Oman kannte ich von früheren Trips, also bot es sich an, hier eine Wüstenwanderung zu planen. Die Region, die ich durchwandern wollte, hat keinen einzigen Trinkwasserbrunnen. Für zehn Tage bräuchte ich mindestens 35 Liter Wasser, dazu Proviant und meine Trekking-ausrüstung. Da kommen schnell 50 Kilo Gepäck zusammen, viel zu viel, wenn man das alleine tragen wollte.

Kamele als Lasttiere wären ein Traum – und dabei bleibt es auch. In den Golfstaaten sind die stolzen Wüstenschiffe heute meist verhätschelte Statussymbole, werden von den Beduinen teilweise mit Shampoo gewaschen und mit Datteln gefüttert. Sie halten kaum ein paar Tage ohne Wasser aus und werden vor allem als Schlachtvieh oder für Kamelrennen gehalten. So führt kein Weg am modernen Wüstenschiff vorbei, und diese Gattung nennt sich Toyota Land Cruiser.

Proviant und Wasser per Jeep

In den Golfstaaten sind Kamele nur noch verhätschelte Statussymbole. Sie halten es kaum ein  paar Tage ohne Wasser aus. | Foto: Jerome Blösser
In den Golfstaaten sind Kamele nur noch verhätschelte Statussymbole. Sie halten es kaum ein paar Tage ohne Wasser aus. | Foto: Jerome Blösser

Für meine Erkundungstour brauchte ich also Autos und zuverlässige Fahrer. Ich hatte großes Glück, genau das zu finden. Von Salalah, einer traditionsreichen Küs­tenstadt im Südwesten des Landes, fuhren wir über das Dhofargebirge in die Rub al-Khali. Die Wanderroute – die eigentlich ­beliebig ist, da es hier in der Rub al-Khali ja nur Sanddünen und keine Oasen gibt – hatte ich detailliert geplant und die Wegpunkte in unsere GPS-Geräte gespeichert. Mein Plan sah vor, dass die Fahrer den Proviant und vor allem das lebensnotwendige Wasser sicher von einem Punkt zum nächs­ten bringen, während ich autark durchs Dünenmeer zum verabredeten Ziel wandere. Sollten wir uns dort verpassen, wäre das fatal, habe ich doch nur Wasser für den Marschtag plus etwas Reserve dabei. Zur Sicherheit steckt ein Satelliten­telefon in meinem Rucksack.

In Oman unterliegt auch das Kartenspiel muslimischen Sitten. | Foto: Jerome Blösser
In Oman unterliegt auch das Kartenspiel muslimischen Sitten. | Foto: Jerome Blösser

Lange vor Sonnenaufgang bin ich schon wach, denn die kühlen Stunden des Tages müssen genutzt werden. Ich packe meine Siebensachen und esse ein kräftiges Frühstück, die Kalorien werde ich brauchen! Dann werden die Wasser­flaschen für die Tagesetappe gefüllt, ein Lunchbeutel gepackt, und mit dem ers­ten Licht des Tages ziehe ich los in Richtung Horizont. »Bis zum Nachmittag, inschallah«, rufe ich der Crew zu, und schon hinter der nächsten Düne bin ich gefühlt der einzige Mensch auf diesem Planeten.

Auslüften von der Zivilisation

Die Omanis helfen immer gerne, etwa als Fahrer. | Foto: Jerome Blösser
Die Omanis helfen immer gerne, etwa als Fahrer. | Foto: Jerome Blösser

Ich wandere durch endlose Wüstenlandschaft und empfinde diesen Solotrip als reinigende, beinahe esoterische Übung. Ich sauge die Landschaft in mir auf, ge-nieße die Einsamkeit und bin gleichzeitig ­enorm angespannt. Warum mache ich das hier? Die Antwort fällt vielschichtig aus. Viele Gründe lassen mich mich selbst in die Wüste schicken und dort tagelang ohne Dusche oder Kontakt zur Außenwelt sein: Es ist die pure Abenteuerlust, die Liebe zur Wüste, das Auslüften von der Zivilisation, eigene Grenzen zu verschieben …

Der thermische Wind kühlt etwas

Wunderschöne Gratwanderung. Und Dünen wie diese gibt es zuhauf in der Rub al-Khali. | Foto: Jerome Blösser
Wunderschöne Gratwanderung. Und Dünen wie diese gibt es zuhauf in der Rub al-Khali. | Foto: Jerome Blösser

Die ersten Stunden geht es sich sehr angenehm, aber ab halb zwölf steht die Sonne hoch, und nun wird es richtig warm. Zum Glück fängt mit der Hitze auch der thermische Wind an und kühlt den einsam schwitzenden Wanderer etwas herunter. Jede Stunde mache ich eine kleine Pause, setze mich in den Sand, esse und trinke etwas, bevor es weitergeht.

Obwohl es nur Sand gibt, entdecke ich Schritt für Schritt eine große Vielfalt. Man glaubt ja gar nicht, wie viel Leben es hier gibt, wie viele Formen und Farben Sand haben kann und wie sich die Architektur der Dünen unterscheidet.

Schritt für Schritt entdecke ich eine große Vielfalt. Man glaubt gar nicht, wie viel Leben es hier gibt und wie viele Formen und Farben Sand haben kann. | Foto: Jerome Blösser
Schritt für Schritt entdecke ich eine große Vielfalt. Man glaubt gar nicht, wie viel Leben es hier gibt und wie viele Formen und Farben Sand haben kann. | Foto: Jerome Blösser

Viele Menschen können schwer nachvollziehen, warum ich immer wieder in die Wüste muss. Sie war für mich schon Kindheitstraum, und irgendwann mit Anfang zwanzig ging ich das erste Mal los. Seither bin ich mehr als 25 000 Kilometer durch die Leerzonen der Erde gewandert und immer noch süchtig nach dieser epischen Landschaft. »Die Wüste verändert den Menschen. Niemand kommt aus ihr heraus, wie er hineingegangen ist«, lautet ein Sprichwort.  Warum ist das so?

 

Die volle Packung Entschleunigung

Während die Begleiter das Nachtlager in den Geländewagen verstauen, geht es auf zu neuen Zielen. | Foto: Jerome Blösser
Während die Begleiter das Nachtlager in den Geländewagen verstauen, geht es auf zu neuen Zielen. | Foto: Jerome Blösser

Wüste ist Weite. Sie bietet unendlich Raum für Kontemplation und auch für dieses Gefühl von »Ich bin so klein wie ein Wurm im Universum«, das uns hilft, zumindest einige der Zivilisationssorgen zu relativieren. Wüste ist Stille. Es gibt ja zig Workshops und Wellnesstempel, die professionelle Entschleunigung feilbieten. Aber ich sage euch: Eine Wüstenreise ist die volle Packung! Keine Termine. Kein Shopping. Kein Handyempfang oder Internet. Ich selbst bin ein Smartphone-Junkie und starre hundertmal am Tag aufs Display, um News oder Mails zu checken. In der Wüste? Funkstille! Man ist im Hier, im Jetzt. Ohne Ablenkung, und das ist … großartig. Wüstenwandern bedeutet, Reichtum in der Reduktion der Dinge zu finden. ­Alles, was du für zwei Wochen brauchst, findet in einer einzigen Tasche Platz, und man wundert sich, mit wie wenig man ziemlich gut auskommt.

Wüstenwandern bedeutet,  Reichtum in der Reduktion der Dinge zu finden. | Foto: Jerome Blösser
Wüstenwandern bedeutet, Reichtum in der Reduktion der Dinge zu finden. | Foto: Jerome Blösser

Die Wegfindung im Großen passiert mit­hilfe von Satellitenbildern, Kompass und GPS. Die im Kleinen, nämlich der Entscheidung, wie ich am besten über jeden einzelnen Sandhügel gelange, geschieht durch langjährige Erfahrung. Dünen haben immer eine leicht zu gehende Luv- und eine schwierige, weil weiche Leeseite. Das hängt von der vorherrschenden Windrichtung ab. Mit der Zeit lernt man, den Sand zu lesen, und nicht immer ist der direkte Weg auch der optimale.

Je nach Architektur der Dünenfelder schaffe ich 15 bis 25 Kilometer am Tag. Stehen die Dünen weit auseinander, komme ich gut voran. Aber es kann auch ein rechtes Sandlabyrinth werden, der Weg gleicht dann eher einem Zickzack.

Lagerfeuerromantik und Sternenzelt – ein Traum für jeden Outdoor-Enthusiasten. | Foto: Jerome Blösser

Am frühen Nachmittag kommt der Moment, wo ich von einem Sandgipfel aus in der Ferne die Jeeps entdecke, es ist nur ein kleiner weißer Fleck im weiten Ocker. Nun heißt es: Feuer frei! Der Endspurt in den Schatten steht an.

Unter dem Baldachin, der zwischen den Jeeps gespannt ist, liege ich dann faul herum, halte Siesta, schreibe Tagebuch. Erst gegen halb fünf werde ich wieder lebhaft. Nun, da die Sonne eine Handbreit über dem Horizont steht, belohnt einen die Wüs­te mit bestem ­Fotolicht, das die Landschaft in warme ­Rottöne taucht, und der Schattenwurf zaubert weiche, fast erotische Formen in den Sand. So ziehe ich los und fülle die Speicherkarte. An manchen Tagen, kurz bevor die Sonne den Horizont berührt, ist plötzlich die magische sogenannte blaue Stunde da. Dann ist die Wüste in blau-violettes Licht gefärbt, was sie noch surrealer erscheinen lässt.

Geschirr spülen mit Sand

Ich muss mich beeilen, mit dem letzten Tageslicht zurück zum Camp zu finden. Der Duft nach arabischem Essen lässt die Vorfreude aufs Dinner unterm Sternenhimmel steigen. Erstaunlich, was man mitten in der Wüste jeden Abend auf einem Zwei-Flammen-Gaskocher zaubern kann. Nach dem Essen wird der Teller mit Sand »abgespült«. Das habe ich mir mal von Nomaden in der Sahara abgeschaut. Das Ergebnis ist genauso gut, und es erinnert einen daran, wie kostbar Wasser ist.

Wüstenwandern hinterlässt Spuren, auch in der Seele. | Foto: Jerome Blösser
Wüstenwandern hinterlässt Spuren, auch in der Seele. | Foto: Jerome Blösser

Gesättigt sinke ich auf den Teppich, und obwohl ich es tausendmal gesehen habe, bin ich stets aufs Neue entzückt, wie vollkommen der Wüstenhimmel ist. Tief im Osten steht Orion; er half den Nomaden bei der Navigation, um ihre Karawanen sicher zu führen. Im Norden findet sich der Polarstern, viel niedriger als zu Hause. Hin und wieder zieht ein Satellit seine Bahn. Das Lagerfeuer wird entzündet, mit Holz, das mitten im Sandmeer herumliegt. Ich frage mich immer, wo es wohl herkommt, denn Bäume sieht man keine. Eine Wasserpfeife macht die Runde, dazu trinken wir süßen Ingwertee. Zeit für Abenteurergeschichten und Wüstenmärchen.

Irgendwann steige ich in den Schlafsack. Bevor ich für heute die Augen schließe, sehe ich Sternschnuppen über den Himmel rauschen und im Unermesslichen verschwinden. So wird meine Wunschliste von Nacht zu Nacht kürzer – das nennt man wohl: wunschlos glücklich.

 
4-Seasons Info

Kommen Sie mit auf diese Traumtour

Geführte Touren
Der Autor dieser Geschichte, Jerome Blösser, führt zweimal im Jahr Wandergruppen durch den omanischen Teil der Rub al-Khali. Infos und Buchung: puretreks.de.

Das Land
Das Sultanat Oman ist in den unruhigen Zeiten nach dem Arabischen Frühling ein problemloses Reiseland geblieben. Sultan Qabus führt das Land auf der Arabischen Halbinsel seit mehr als
40 Jahren und hält sich stets aus Konflikten in der Region heraus.

Tourismus
Er zielt nicht wie in den Nachbarstaaten Dubai oder Qatar vor allem auf Shoppingerlebnisse und Luxushotels. Das Sultanat Oman bietet viel mehr: zerklüftete Hochgebirge, tiefe Canyons, Oasen und natürlich endlose Wüsten. Die 3165 Kilometer lange Küste lädt zum Baden und Tauchen ein. Mehr Infos: omantourism.de.

Reisezeit
Wer nicht nur am Pool liegen möchte, sondern Oman zum Wandern besucht, sollte nur in den Wintermonaten, also zwischen November und Anfang März kommen. In den Bergen ist es auch im Frühjahr/Herbst angenehm.

Anreise
Oman Air fliegt fast täglich ab Frankfurt oder München in sechs Stunden nonstop zur Hauptstadt Maskat.

 

 
weiterführende Artikel: 
06.01.2016ArtikelReiseFamilienreise

Roadtrip USA: Elternzeit mal anders

Mit einem alten VW-Bus auf einen monatelangen Roadtrip in den USA zu gehen, ist nicht unbedingt eine klassische Entscheidung von Eltern mit einem acht Monate alten Baby. zum Artikel
21.12.2015ArtikelMenschen

Gute Reise, Thomas!

Nach 35 Jahren bei Globetrotter zieht sich Geschäftsführer Thomas Lipke aus dem Beruf zurück – und möchte jetzt »noch mehr Träume leben«, vor allem beim Reisen und Fotografieren. zum Artikel
16.10.2014ArtikelReiseTraumtourFamilienreise

Familienreise: Hüttentour im Val Grande

In der wilden, fließenden Landschaft des Val Grande suchte der Fotograf Stefan Rosenboom die Einsamkeit und neuen Lebenssinn. Er fand beides – und ein abenteuerliches Revier für eine Weitwanderung mit der ganzen Familie. zum Artikel
 Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Avaroa, Bolivien. | Foto: Tom Robinson
17.04.2015ArtikelMenschen

Reisefotografie: Füße voraus!

Frisch verliebt fotografierte Tom Robinson die Füße seiner Freundin und seine eigenen am Strand von Brighton. Das war 2005. Das Paar blieb unternehmungslustig, über die Jahre entstan­d ein Reisetagebuch der besonderen Art. zum Artikel
17.01.2014ArtikelReiseReisetippFamilienreise

Seychellen mit Familie: Wer hat die Kokosnuss geklaut?

Man muss nicht kriminell werden, um sich einen Familienurlaub auf den Seychellen leisten zu können. Denn vom Klischee des Luxusreiseziels ist die Inselgruppe im Indischen Ozean weiter entfernt als der Nordpol vom Südpol. zum Artikel
08.10.2012ArtikelReiseTraumtour

Traumtour: Slot Canyons, Utah, USA

Der Südwesten von Utah ist rot, heiß und felsig. Doch inmitten der Ödnis versteckt sich eines der großen Natur­wunder der Erde. Eine magische Welt aus Fels und Licht. zum Artikel