präsentiert von:

Traumtour: Mit Kajak und Ski in die Lyngen Alps

Foto: Stefan Wörz
Skitouren in Norwegens Fjorden sind groß in Mode. Man fährt mit Schiff oder Segelboot zum Startpunkt, und nach der Skitour geht’s zurück in die geheizte Kabine. Dieses Konzept erschien zwei wetter­festen Oberbayern aber noch steigerbar. Sie reisten mit Faltboot und Zelt von Skitour zu Skitour. Nördlich des Polarkreises. Im Winter. Sechs Wochen lang. Respekt!
Keine Expeditionsprofis, aber kältefest: die Krankenpfleger Stefan Wörz (49) und Stefan Wiebel (42). | Foto: Stefan Wiebel

Diese Geschichte handelt von zwei harten Hunden — doch den Anstoß für ihre tollkühne Reise gibt eine Frau: Weil der Somme­r verregnet ist und Stefan Wiebel nicht zum Gleitschirmfliegen kann, schenkt ihm seine Frau Irmi zum sportlichen ­Ausgleich ein Schlauchboot. Stefa­n paddelt damit eifrig auf der heimischen Saalach bei Bad Reichen­hall. Und während dieser Fahrten macht sich in dem 42-jährigen Krankenpfleger das Fernweh breit, ­wieder einmal. Abenteuer erleben, sich die Freiheit um die Ohre­n wehen lassen. Mit dem Rad und dem Gleitschirm im Anhänge­r ist Stefan schon zum Mont Blanc gefahren. Südamerika hat er vier Monate mit öffentlichen Verkehrsmitteln bereist, und bei einer weiteren Tour ist er 4000 Kilometer von Mexiko nach Costa Rica geradelt. Das alles ist eine Weile her. Jetzt wird es Zeit für einen neuen Trip, findet Stefan. Reiselust ist chronisch.

Von seinem Arbeitskollegen Stefan Wörz bekommt Stefan Wiebel, den daheim alle nur »Wiebei« nennen, ein Kajakwochenende auf dem Chiemsee geschenkt. Stefan Wörz ist erfahrener Paddler und Feuer und Flamme für längere Kanutouren: »Das ist einfach eine tolle Fortbewegungsart. Man kann tagelang mit Boot und Aus­rüstung unterwegs sein — und vom Wasser schaut alles so anders aus als vom Ufer.«

 

Paddeleinsteiger trifft Skitoureneinsteiger

Zwischenstopp Polarkreis: 3300 Kilometer sind es von Bad Reichenhall bis Tromsö. | Foto: Stefan Wiebel

Stefan Wörz steckt Wiebei mit seiner Paddelbegeisterung an. Als dann noch ein Bekannter vom Skitourengehen in Norwegen schwärmt (»Schnee und Berge ohne Ende, oft kann man direkt am Meer losmarschieren!«), weiß Wiebei, wohin ihn die nächste ­Reise führen wird: in die Fjorde. Mit Ski und Kajak. Und mit seine­m Freund Stefan Wörz, der zwar Skitoureneinsteiger, dafür aber ­Experte in Sachen Meeresströmung und Tidenhub ist. »Mit den Gezeiten« nennen die Krankenpfleger ihr Projekt. Geplante Dauer der Do-it-yourself-Kreuzfahrt nördlich des Polarkreises: sechs Wochen!

»Nächtelang bin ich vor dem Computer gesesse­n und habe Landkarten studiert, immer auf der Suche nach der optimalen Rundtour«, erzählt Wiebei. Dass sie währen­d ihrer Tour keine Autos, Fähren oder Lifte benutzen würden, ist für die Bayer­n Ehrensache. Nur die An- und Abreise erfolgt im PKW. »Eine Rundtour ist nicht nur landschaftlich reizvoller, sondern auch logistisch einfacher — weil man da wieder ankommt, wo man losgefahren ist«, sagt Stefan.

Sechs Wochen Wintercamping pur. | Foto: Stefan Wiebel

Die perfekte Rundreise findet Wiebei schließlich nördlich des Polarkreises, in den Lyngenalpen. Das Gebirgsmassiv ragt auf einer 60 Kilometer langen Halbinsel in die Fjorde hinein, die Berge steigen direkt aus dem Meer bis auf 1800 Meter Höhe. Unter erfahrenen Bergsteigern und Skitoure­nexperten haben die Lyngenalpen einen Ruf wie Donnerhall. Für Stefan und Stefan zählt zudem die Tatsache, dass der Schnee so weit nördlich meist bis hinunter ans Wasser reicht. Vom Boot ins Zelt, vom Zelt auf die Ski — dafür werden ein paar Meter flaches Ufer genügen.

 

Von Reichenhall gen Nordkap

Monatelang und akribisch bereiten sich die beiden auf ihre Traumtour vor: Sie paddel­n bei jedem Wetter auf dem Chiemsee, prüfen die Sturmeigenschaften ihrer mit 150 Kilogramm Ausrüstung beladenen Faltboote, üben Notfallszenarien für eine Kenterung im Nordmeer. In Wiebeis Garte­n zelten die Männer in der kältesten Winternacht bei minus 17 Grad, ein Härtetest auch für die Handy- und Fotoakkus.

Ihr weiß-blaues Paradies können Bayern auch in Norwegen finden. | Foto: Stefan Wiebel

Im März 2012 schließlich wird es ernst: Das Duo startet mit einem vollbepackten Campingbus samt Anhänger Richtung Tromsö. Über drei Tage brauchen Stefan Wiebel und Stefa­n Wörz für die 3300 Kilometer lange Anreise von Bayern bis fast zum Nordkap. Endlich angekommen in der nördlichsten Universitätsstadt der Welt, sind sie zunächst zum Warten verdammt. Schlechtes Wetter mit viel Regen und reichlich Neuschne­e sowie stürmische­r Wind mache­n einen Start unmöglich. Bei einem ausgewanderten Reichenhaller kommen sie derweil unter und holen sich letzte Tipps für ihren Trip.

Und dann geht es endlich los. Nach einer letzten Nacht im Trockenen und einer warmen Dusche nehmen die Männer Kurs auf die Lyngenalpen. Sie starten gen Norden, wollen den Ullsfjorden passieren, die Nordspitze der Halbinsel umrunden und dann in südlicher Richtung im Lyngenfjord mal nach West, mal nach Ost queren — je nach Wind und Wetter. Zweimal werden sie ­während der Rundtour ausbooten und die Kajak­s kurz über Land ziehen müssen, um schließlich wieder auf Tromsö zuzuhalten.

 

Paddeln ohne Sicht, aber mit GPS

Die Sicht ist gleich null. Über die beiden Stefans fegen immer wieder kurze, aber heftige Schneeschauer hinweg, die alles in ein weißes Nichts hüllen. Innerhalb von Sekunden verlieren sie jegliche Orientierung. Böen und Wellen schaukeln die Kajak­s durch wie Spielzeuge, Graupel peitscht den Paddlern ins Gesicht.

Fische ergänzen den Speiseplan ... | Foto: Stefan Wörz

»Es ist unheimlich, wenn man so eine Wand auf sich zukommen sieht, man weiß nie, wie schlimm es wird«, erzählt Stefan Wiebel. Für den Notfall haben die Paddler Wurfsack, Fackeln und Leuchtraketen dabe­i. Stefan Wörz: »Reinfallen geht gar nicht. In dem vier Grad kalten Wasser schwimmt man nicht lange …«
Das GPS-Gerät ist ihre Rettung. Stur ­paddeln die Jungs nach Instrumenten — durch den Ullsfjorden, um die Halbinsel Lenangsöyr­a herum und weiter zur West­küste der Lyngenalpen. Eine stattliche Streck­e von über 20 Kilometern. Als wäre nichts gewesen, lassen Sturm und Schneefall auf einen Schlag nach. »Das Wetter wechselt dort oben ständig und irre schnell«, hat Wiebei festgestellt.

... und Rentiere das Landschaftsbild. | Foto: Stefan Wiebel

Die Sicht ist plötzlich gut, und der Wind kommt jetzt von hinten. Die Paddler packe­n gut gelaunt ihre einfachen Rücken­windsegel aus. So kommen sie gut voran. Vorbei geht’s an steil aufragenden Felswänden. Dann wieder diese endlose Weite aus Bergen und Meer. Das einzige, das weit und breit nicht in Sicht ist, ist ein geeigneter Anlandeplatz. »Ich stelle mein Zelt nur ungern direkt unter offensichtlichen Lawinenhängen auf«, sagt Stefan Wiebel. Letztlich entscheiden die beiden Bayern umzudrehen — zehn Kilometer zurüc­k zum letzten Zeltplatz. Diesmal gegen den Wind. Erst nach Stunden erreichen sie einen kleinen Fischerhafen. Die Bäuche knurren wie Wölfe, die Hände sind steif vor Kälte. Minus 15 Grad sind hier oben im März keine Seltenheit.  »Stefan hat mir warmen Tee in die Handschuhe geschüttet — nass waren sie ja eh schon«, erinnert sich Wiebei. Spät am Abend ­entladen sie die Boote und bauen die Zelte auf. »Wir waren ­komplett fix und fertig«, sagen beide.

 

Mein Zelt, my Castle

Die Suche nach dem Lagerplatz bleibt eine tägliche Herausforderung. Das ideale Camp ist lawinensicher, mit dem Boot gut zu erreiche­n — wobei auch der Tidenhub durch die Gezeiten ­berücksichtigt werden muss — und gleichzeitig als Startort für ­eine schöne Skitour geeignet. Im Lauf der Tour perfektionieren die ­beiden Stefans das Lagerleben immer mehr: »Nimmt man das Westufer, wo abends noch die letzten Sonnenstrahlen ­hinkommen, oder eher die Ostseite, wo einen in der Früh die ­Sonne weckt? Wenn sie denn scheint …«, erklärt Stefan Wiebel.

Festmahl zum Geburtstag: Toffifee, Salami, Gummibärchen. | Foto: Stefan Wiebel

Besonders am Anfang ihrer Reise haben sie Glück mit dem Wette­r, mehrere Traumtage hintereinander bieten perfekte Paddel- und Skibedingungen. Da ist nicht mal das rund zweieinhalbstündige tägliche Aus- und Beladen der Boote schlimm. Möwen fliegen neugierig übers Camp, aus sicherer Entfernung verfolgen Rentiere das sonderbare Treiben der paddelnden Skifahrer, und draußen auf dem Meer üben kleine Wale Weitsprung.

Das Aus- und Einpacken folgt einem immer gleichen Schema. Beide Stefans haben wasserfeste Säcke mit warmer Wechsel­wäsche, Zelt und Schlafsack griffbereit. Das Platttreten des schneebedeckten Untergrunds ist die beste Aufwärmübung. Wer steht, der friert. Die Frage vor jedem Zeltaufbau: Du rechts, ich links? »Ein bisschen Privatsphäre braucht es einfach, vor allem was Körperpflege und so weiter angeht«, erklärt Wiebei. »Dass ­unsere Freundschaft in den sechs Wochen nicht gelitten hat, liegt sicher auch dara­n, dass jeder sein eigenes Zelt hatte. Die eigene, kleine Nylonhütte wird bei so einer Tour unendlich wertvoll.«

Stefan Wörz nickt: »Man ist den ganzen Tag bei Wind und Wetter draußen — und wenn man dann am Abend den Wind aussperren kann, ist das weltklasse. Vom Vorzelt zieht dann ein bisschen Kochwärme­ rein, und es ist wie ein Zuhause.«

 

Kein Mensch weit und breit, aber auch keine Bergrettung

»Abstand halten«, schreit Wiebei seinem Kumpel Stefan zu. Als erfahrener Skitourengeher hat er die Führung auf den 1355 Meter hohen Nordmannviktinden übernommen. Der Schnee ist unberührt, aber auch oft verpresst, weil in den Lyngenalpen fast immer ein kräftiger Wind weht. Wiebei ist fasziniert von den Skitouren mit Fjordblick: »Du ziehst immer deine eigene Spur, und weit und breit ist keine Menschenseele. Ganz anders als in den Alpen, wo man nur noch selten allein ist. Andererseits muss man entsprechend aufpassen — wenn etwas passiert, sind keine Bergretter da, die uns rausziehen.«

Deswegen der große Abstand beim Aufsteigen. Sollte ein Schneebrett abgehen, wird nur einer verschüttet, und der andere kann helfen. Aber so weit lässt es Wiebei gar nicht kommen und agiert bei der Tourenplanung äußerst sicherheitsbewusst. »Wir haben einige schöne Hänge ausgelassen, weil sie zu heikel erschienen«, sagt er. Auch der höchste Berg entlang der Route, der Jiehkke­várri, bleibt unbestiegen — tagelange Regen- und Schneefälle mache­n eine sichere Besteigung unmöglich.

 

Klappt es aber mit einer Skitour, ist diese auch etwas ganz Besonderes. Traumhafte Blicke auf Berge und Meer, und nach jeder Abfahr­t können die Stefans direkt vor den Zelten abschwingen. Die letzten Sonnenstrahlen werden zum Trocknen der Sachen ­genutzt, und zur Belohnung gibt’s Kaffee am verschneiten Strand.

Andere Skifahrer treffen sie nur selten — und wenn, eilt ihnen schon ein Ruf voraus: »Hey, ihr seid doch die mit den Kajaks!?« Die meisten Tourengeher haben eine Ski&Sail-Reise gebucht und lassen sich zu den schönsten Ausgangspunkten schippern. Eine dieser Begegnungen verschafft Stefan und Stefan eine warme Dusch­e in der Lyngen Magic Mountain Lodge. »Wir wurden eingeladen«, erzählt Stefan Wörz. »Nicht dass es das gebraucht hätte, aber es war trotzdem gut, auch mal wieder in einem Sessel zu sitze­n — nach dem wochenlangen Hocken auf dem Boden.«

 

Schokolade – Sorte egal, Hauptsache viel!

42 Tage waren die beiden Stefans unterwegs — 19 im Boot, 13 auf Ski und zehn im Schutz der Zelte. | Foto: Franz Gruber

Ansonsten pflegen die Bayern ihre Minimalkultur. Am Morgen seine­s 49. Geburtstags wird Stefan Wörz von Wiebei mit einem großen Frühstück überrascht: Toffifee, Vollkornbrot mit Salami und  Gummibärchen obendrauf, dazu einen Milchkaffee. »Lecker – und vor allem viele Kohlenhydrate!«, freut sich das Geburtstagskind. Die Lebensmittel sind genau abgezählt. Auch wenn die Jungs nicht direkt hungern, so richtig satt fühlen sie sich selten. Nur zweimal haben sie unterwegs die Möglichkeit, Leckereien zuzukaufe­n. Ganz oben auf der Liste: Schokolade. Sorte egal, Hauptsache viel!

Nach 42 Tagen und Nächten auf den Bergen und auf See laufen ­Stefan und Stefan wieder in der Stadt Tromsö ein, wo sie von ihrem ­Bekannten mit einem Barbecue am Strand empfangen ­werden. Die Bilanz: 355 Kilometer, gepaddelt in 79,5 Stunden an 19 Tagen, 13 Tage auf Skitour — und zehn Tage im Zelt, an denen Sturm oder Schnee ein Fortkommen unmöglich machten.

Der ruhige Stefan Wörz und der quirlige Stefan Wiebel haben es gemeinsam geschafft. »Das war unser Ziel«, sagt Wiebei – und träumt schon vom nächsten Trip. »Gern noch nördlicher, kälte­r und einsamer. Zum Beispiel nach Spitzbergen ...«

 
4-Seasons Info

Skitour mit Kajak: 150 Kilo Gepäck pro Mann

Sechs Wochen autark unterwegs mit Paddel-, Ski- und Camping­aus­rüstung — wie geht das denn bitte?

Basis der Logistik sind 5,45 m lange Doppelsitzer-Faltboote von Klepper, die zu Einsitzern umgebaut wurden. Sperrige Ausrüstung (Ski, Eispickel, Solarpanele für die Akkus) wurden auf Deck befestigt; auch in den Booten wurde jeder Kubikzentimeter genutzt. Auszug aus der Proviantliste: Pro Nase 46 x Travellunch, 6 kg Speck, 3 kg Kaffee, 40 Tafeln Schokolade. Hier geht’s zur vollständigen Packliste.

Mehr Details über die Reiseroute berichtet Stefan Wiebel auch in einem Multi­mediavortrag, die aktuellen Termine finden Sie unter stefanwiebel.blogspot.de.

 
weiterführende Artikel: 
10.11.2012ArtikelReiseTraumtour

Traumtour: Fjällräven Polar 2012

Eisige Kälte, Ströme von Schweiß, heulende Huskys. Klingt toll für Sie? Dann sollten Sie diese Reportage über den Fjällräven Polar lesen und sich demnächst bei uns melden. zum Artikel
08.10.2012ArtikelReiseTraumtour

Traumtour: Slot Canyons, Utah, USA

Der Südwesten von Utah ist rot, heiß und felsig. Doch inmitten der Ödnis versteckt sich eines der großen Natur­wunder der Erde. Eine magische Welt aus Fels und Licht. zum Artikel