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Traumtour Korsika

Foto: Lars Schneider
Korsika vereint Meer und Berge aufs Schönste. Da wäre doch ein Schiff das perfekte Basislager für Outdoor-Touren. Nur leider habe ich kein Schiff ... aber Ruedi Huber hat eins! Seine Kreuzfahrten sind frei von Luxus und reich an Abenteuern.

Als wir die Türen des klapprigen Jeeps zuschlagen und Ruedi Huber versucht, den ersten Gang einzu­legen, heult der Motor gequält auf. Mein Kumpel Michi und ich tauschen verstohlen Blicke aus — hoffentlich ist Ruedis Schiff besser in Schuss als diese Karre. Ruedi ist unser Skipper. Und wir sind erleichtert, als er erzählt, dass das Auto nicht sein eigenes ist.

Wanderparadies in Sicht! An Bord kann man herrlich entspannen. | Foto: Lars Schneider

»Es gehört dem Besitzer der Strandbar Mar a Beach in Revellata. Dort liegt unser Schiff vor Anker, weil der Hafen von Calvi gerade überfüllt ist. Außerdem haben die Nachtklubs da Außenlautsprecher, das ist nicht schön.« Die Bucht von Revellata dagegen schon. Grünblau leuchtet ihr Wasser, um­geben von Felsen und Strand. Mit Armen und Beinen irgendwie im Jeep verkeilt, ruckel­n wir den steilen Schotterweg zur Bar hinab und atmen auf, als wir das Ziel er­reichen – mit quietschenden Bremsen, aber ohne Reifenplatzer. Wenig später sitzen wir mit einem Bier in der Hand am Strand und freue­n uns auf eine Woche auf dem Mittelmeer und in den Bergen Korsikas.

Ich hatte die »Insel der Schönheit« schon ein Jahr zuvor auf dem Landweg kennen­gelernt. Damals sind wir viel gewandert, hatten das Meer immerzu im Blick, schafften es aber nur selten, uns abends den Staub und den Schweiß des Tages mit Salz­wasser vom Körper zu spülen. Diese Woche wird ganz anders: Wir werden auf einer knapp 13 Meter langen Segelyacht wohnen und nur tagsüber einen Fuß an Land setzen. Mein lang gehegter Traum soll nun wahr werden, und zwar in etwa so: Jeden Morgen beginnen wir mit einem Sprung ins Meer, jede Wanderung wird damit enden, dass wir zurück an Bord schwimmen — irgendjemand wird sich schon finden, der Klamotten und Rucksack im Beiboot zur Yacht fährt.

Schließlich sind wir nicht allein, der Rest der Besatzung hat es sich schon gemütlich gemacht in der Beachbar: Moni, die Assis­tentin von Ruedi, Holger aus München, ­Angelika aus Osnabrück und ihre Schwester Karin. Wie wir, so hatten auch sie Lust auf eine ungewöhnliche Korsika-Reise und stellten erfreut fest, dass man so ein ­Abenteuer im Internet buchen kann. Man braucht keinen Segelschein, wird vom ­Flughafen abgeholt, das Schiff steht bereit mitsamt hochseeerfahrenem Kapitän. Einfache­r geht’s nicht.

 
 

Die Kraft der Natur von achtern

Leider nicht im Preis inklusive ist die eigene Seetüchtigkeit. Gerade als wir uns nach der ersten Nacht an Bord über dieses wunderbar einlullende Schaukeln austauschen, kommt Holger bleich aus dem Schiffsbauch geklettert und klagt: »Eine Qual, dieses ständige Hin und Her und Auf und Ab. Ich weiß gar nicht, wer sich das ausgedacht hat, eine Wiege für Babys. Die können sich nicht einmal wehren — wobei, ich ja auch nicht!« Und bis dahin hatten wir noch nicht einmal abgelegt ...

Korsika bewegt. Auch Herzen aus Stein. | Foto: Lars Schneider

Der erste Tag auf See legt gleich noch eine Schipp­e drauf. »So einen tollen Wind hatte­n wir in den letzten sechs Wochen nicht«, meint Ruedi, als die Segel stramm gebläht sind. »Das wird ein Spaß heut!« Wir Passagiere würden das noch nicht unterschreiben, so schnell werden aus Land­ratten keine ­Seebären. Fünf Stunden segeln wir an der Westküste gen Süden, Windstärke fünf von Achtern, also von hinte­n. Der Bug teilt die Wellen, Gischt spritzt aufs Deck. Die Kraft der Natur ist mit uns, kein Motorengeräusch stört, die Sonne strahlt.

Schon wenige Minuten nach dem Start ­ertönt der Befehl, wir sollen uns anseilen — reine Vorsichtsmaßnahme. Gut gesichert genießen wir den Blick über das Meer, die Schaumkronen, vereinzelte Segelschiffe, die schroffe Küste. Bis auf Holger, der ist noch bleicher geworden, den Blick starr auf den Horizont gerichtet. Teilnahmslos kaut er Kekse und Salami-Stückchen, getreu Ruedis Taktik gegen Seekrankheit, die da lautet: »Durchgehende Beschäftigung des Magens«. Ich kann mich mit Fotografieren ablenken, Karin und Angelika sitzen sogar am Bug und jauchzen bei jedem Brecher. Womit jetzt aber nicht Holger gemeint sein soll, der nach dreistündigem Kampf gegen Seegang und Würgereiz aufgibt – und sich weit über die Reling beugt.

 
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Da wollen Sie auch hin?

Sie möchten Korsika auch mal zu Lande und zu Wasser erleben? Bitteschön: Vom Frühjahr bis in den Herbst lässt sich Korsika vom Boot aus zu Fuß erkunden, allerdings wird es im Hochsommer auf den teils steilen Pfaden arg schweißtreibend. Ruedi Huber von Sail and Trail veranstaltet seine Touren im Mai, Juni, Juli und September. Infos und Buchung: www.sailandtrail.ch, Telefon: +41 / 79 / 903 73 32. Wer nicht sicher ist, ob er trittsicher und seetüchtig ist — nach dieser Reise, weiß man’s ;-)

 

Ein Paradies auch für Landratten

Um Holger und interessierte Leser zu ­beruhigen, nehme ich vorweg: Ab dem ­zweiten Tag sollte alles besser werden. Der Wind bläst gerade stark genug, um das Schiff ­ruhig voranzutreiben. Wir genießen jeden einzelnen Urlaubstag von der ersten bis zur letzten Minute. Vom morgendlichen Sprung ins Meer bis zum Schlummer-Wein oder Absacker-Bier an Deck, die Füße über die Schiffskante baumelnd, den Blick im ­Sternenhimmel verlierend.

Landschaft satt: die Ausflüge aufs Festland machen ebenso Spaß wie das Segeln. | Foto: Lars Schneider

So genussvoll das Leben an Bord, so ­spannend sind die Ausflüge an Land. Wir besteigen küstennahe Gipfel und schauen weit übers Mittelmeer. Wir besuchen Kapelle­n und alte Türme, von denen die Korsen einst Ausschau nach Piraten hielten, die auf Sklavenfang waren. Wir ­entdecken ­Abschnitte des berühmten Wander­wegs »Tra Mare e Monti«, der rund 120 Kilometer entlang der Westküste »zwische­n Meer und Bergen« verläuft. Einem der schönsten ­Abschnitte, vom Ort Galéria nach Girolata, folgen wir auf zwölf Kilometern. Der Pfad führt durch einen verwunschenen Wald, dann weitet sich das Geländ­e. Vereinzelte Steineichen trotzen Wind und Wetter. Es geht hinauf bis auf 874 Meter, wo die Sonne brennt und sich eine fulminante Aussicht über den nahen Naturpark La Scandola eröffnet. Auf dieser Halbinsel ­finden sich rötlich-bunte Felsformationen vulkanischen Ursprungs, die teils 50 Meter senkrecht aus dem Meer emporwachsen. Außer den 900 Hektar Land wurde­n im Park auch 1000 Hektar Meeresfläche geschützt. Die Unterwasserwelt ist eine der vielfältigsten im Mittelmeer.

Leckereien satt: auch dafür lohnen sich die Landgänge. | Foto: Lars Schneider

Nach einem langen Abstieg über einen Grat und durch Wald- und Buschland kommen wir nach Girolata, das letzte Dorf Korsikas, das nur zu Fuß oder per Schiff erreichbar ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass man hier als Wanderer allein ist. Dutzende ­Motorboote und Segelyachten sprenkeln die Bucht, an Land wimmelt es von Ausflüglern. Unser Schiff ist auch schon da, als wir den Strand erreichen. Denn während uns Moni über die Berge geführt hat, ist Ruedi vorausgesegelt. Was für ein Service!

Am Abend ankern wir in einer Bucht, wie ich sie mir schöner nicht hätte erträumen können: Zu beiden Seiten eingefasst von Felsen nistet in Sichtweite ein Seeadler­pärchen. Bevor wir baden gehen, beobachten wir einen Mondfisch, der sich in Bootsnähe tummelt. Seine Rückenflosse sticht aus dem Wasser wie die eines Hais, jedoch wirkt er tollpatschig. Gefahr durch Fischer droht ihm nicht: Sein Fleisch hat die Konsis­tenz von Gummi. Außerdem könnte es passieren, dass man das Tier nicht an Bord bekommt: Mondfische wiege­n bis zu zwei Tonnen.

 

Mysteriöses Meeresleuchten

Keine Piraten gesichtet. Aber gefährliche Wolken. | Foto: Lars Schneider

Dem langen Tag Tribut zollend, fallen wir bald in Tiefschlaf, aus dem Ruedi uns spät in der Nacht wieder reißt: »Ihr müsst unbedingt mitkommen! So etwas habt ihr noch nicht gesehen. Und kein Licht an­machen!« Schlaftrunken taumeln wir ihm ­hinterher ans Heck der Yacht. »Seid ihr ­bereit?« Dann rührt er mit dem Paddel des Beiboots durchs Wasser. Es beginnt zu ­glitzern, zu funkeln, mit jeder Bewegung mehr. Gerät eine Qualle in den Strudel, beginnen ihre Umrisse grünblau zu glimmen. Wie Lam­pions gleiten sie vorbei. »Das ist das sogenannte Meeresleuchten«, erklärt Ruedi. Bei Wikipedia werde ich später lesen, dass »durch Berührungsimpulse bestimmte ­Einzeller wie Algen zum Leuchten angeregt werden«. Aber jetzt ist es ein mysteriöses Schauspiel, das den funkelnden Galaxien über uns in nichts nachsteht.

Als ich am Morgen in Badehose an der Relin­g stehe, bin ich mir nicht sicher, ob ich das Leuchten nur geträumt habe. Aber egal. Auch ohne sonderbare Naturphänomene gleicht diese Reise einem Traum. Denke ich, hole tief Luft und springe von Bord, um den neuen Tag zu begrüßen.

 

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Traum oder Wirklichkeit

Vor seiner Traumtour hatte Autor Lars Schneider natürlich gewisse Erwartungen. Wurden seine Wünsche erfüllt? Oder hagelte es Enttäuschungen? Die Segeltour im Wirklichkeits-Check.

 
Dass es auf einer Yacht eng zugeht, wusste ich. Daher hatte ich schon etwas Angst, eine ganze Woche lang die wenigen Quadratmeter mit fremden Mitreisenden zu teilen. Welches Essen liegt auf einer Segelyacht näher als Fisch? Einfach die Angel über Bord hängen, rauf auf den Grill und dann »Bon appétit!«.
Dank des guten Wetters hat sich das Leben fast komplett an Deck abgespielt. Da findet man immer ein ruhiges Plätzchen. Und bei so netten Mitreisenden ging es völlig entspannt zu. Für die Mahlzeiten an Bord wird am ersten Tag gemeinsam eingekauft. Und zwar kombüsentaugliche Dinge wie Nudeln, Reis und Gemüse. Aufs Anglerglück wollten wir uns lieber nicht verlassen. Dafür haben wir mehrmals in kleinen Strandrestaurants an Land geschlemmt. Mein Favorit: Steak mit Brocciu, dem »König der korsischen Käse«.

 

Mit dem Schiff von einem einsamen Trailhead zum nächsten zu segeln — das klang toll. Außerdem wollte ich gern mal selbst Hand an die Taue oder das Steuer legen, so wie ich das bei einer Ski & Sail-Tour kennengelernt hatte. Ich hatte gehört, dass die Sanitäranlagen auf Yachten inzwischen ordentlich sind. Auch in der Reisebeschreibung war von WC und Dusche die Rede. Also kein Grund zur Sorge — eigentlich.
Da hatte ich die Rechnung ohne den Wind gemacht. Denn es gibt Tage, da braucht man den Schiffsmotor, um in die gewünschte Bucht zu gelangen. Und beim Segeln ließ sich unser Skipper nicht reinreden. Am ersten Morgen verkündete Ruedi: »Für die Toilette wird morgens sternförmig ums Schiff ausgeschwärmt. Pinkeln können die Männer auch vom Heck.« Wir haben dann doch lieber das an unsere Kajüte angeschlossene Klo genutzt. Und nach jedem Schwimmen die Außendusche an Bord.
 
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