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Traumtour: Hardangervidda auf Ski

Foto: Martin Hülle
Die volle Ladung Winter ist gewiss nicht jedermanns Sache. Aber manche mögen’s weiß. Wer also von Schnee und Kälte gar nicht genug bekommen kann findet auf einer norwegischen Hochebene sein Paradies. So wie der Autor dieser Geschichte.
Wouldn’t it be great if the weather stayed like this? | Photo: Foto: Martin Hülle

Die ersten Kilometer über den Ståvatn sind Warm-up, bevor es steil hinaufgeht. Die Pulkas ­zerren an der Hüfte, die Ski suchen Grip, und der Puls schnellt in die Höhe. Denn auch wenn die ­Hardangervidda weitgehend eine von Eismassen zerfurchte Hoch­ebene ist, gibt es einige Gipfel von beachtlicher Höhe, und der westliche Teil weist alpinen Charakter auf. In diese Welt kämpfen wir uns am ersten Tag hinein. Mit den schwer bepackten Schlitten im Schlepp, in denen wir all die zum Überleben wichtige Ausrüstung mitführen. Dazu Verpflegung für über eine Woche: gefriergetrocknetes Zeug in Alubeuteln, Müsli, Trockenfleisch und andere Leckereien. Noch weit entfernt ist der Hardangerjøkulen, einer der größten Gletscher des Landes, zu dessen Füßen unser Ziel liegt, die Bahnstation Finse. Dazwischen erwartet uns eine Weite, die bis jenseits des Horizonts zu reichen scheint. Kein Baum, kein Strauch – ein Traum in Weiß.

Blaue Stunde mit heimeliger Gasfunzel. | Foto: Martin Hülle

Doch hinauf gen Vesle Nup ziehen stürmische Winde auf. Sie ­erschweren das Laufen und vernebeln die Sicht durch aufstiebenden Schnee. Böen mit Geschwindigkeiten von 80 Stunden­kilometern drohen uns umzuwerfen. In einer Pause entreißt ein Luftzug Tobias beinahe dessen Windjacke, die er unachtsam im Schnee abgelegt hatte, um noch eine wärmende Schicht unterzuziehen. Wer nicht aufpasst, wird hier schnell bestraft.

Zum Glück sind die Temperaturen moderat und nur knapp im Frostbereich, sonst wäre es durch den Windchill-Effekt noch viel kälter. Die kraftlose Sonne zeigt sich bloß als fahler Fleck ab und an am diffusen Himmel. Immer mehr nimmt das Chaos das Zepter in die Hand. Distanzen lassen sich nur noch schwer  abschätzen. Nach vielen Stunden sind wir froh, als wir am See Mannevatn ankommen und an einer kleinen Fischerhütte Schutz finden für die Nacht.

Amundsens Hölle

Eine der wenigen Orientierungshilfen. | Foto: Martin Hülle

Rückblick: Am Morgen, beim Frühstück in der Haukeliseter Fjellstue, dem Ausgangspunkt unserer Skitour über das Hochplateau, wähnten wir uns noch fern der Hölle, die sich hier so schnell auftun kann. Dabei hätten wir nur zurückdenken müssen an den norwegischen Nationalhelden Roald Amundsen, Entdecker des Südpols und der Nordwestpassage, der 1893 das erste Mal versuchte, die Hardangervidda mit Ski zu überqueren. Eigentlich sollte die Tour nur eine Trainingsfahrt für spätere Expeditionen sein, doch Amundsen musste feststellen, dass er die Natur vor der ­eigenen Haustür unterschätzt hatte.

Mehrmals ­versuchte er die Traverse, immer wieder wurde er zur Umkehr gezwungen. Dabei entging Amundsen nur knapp dem Tod: Er war Anfang 20, als er mit seinem Bruder Leon die Orientierung in einem tagelangen Schneesturm verlor. Ausgezehrt von Hunger und erschöpft durch Kälteeinbrüche, fielen sie in tiefen Schlaf. Als Roald in der Nacht erwachte, war er in einem Eissarg eingeschlossen, dem Ersticken nah. Leon gelang die Rettung: Er durchbrach die Wand der Eishöhle mit einem Eispickel, und sie konnten umkehren. Lange galt die Hardangervidda als uneinnehmbar, und erst 1896 gelang es Amundsen, die Hochebene mit Ski zu bewältigen.

Es ist dieser Mythos, der auch uns hinaustreibt ins eisige Freie. Das Wissen darum, dass die Hardangervidda nach wie vor die Gegend par excellence ist, um sich in einer rauen Winterwelt zu behaupten, sich zu ­arrangieren mit den Unbilden des Wetters. Früh im Winter, bevor die Region um die Ostertage von Scharen an Norwegern heimgesucht wird, sind die »Wege« noch überwiegend unmarkiert. Es gibt nur Richtungen und eine scheinbar grenzenlose Freiheit in all der Einsamkeit. Weit entfernt von Bussen, Bahnen oder zugewehten Straßen löst diese Abgeschiedenheit einen Kitzel aus. Unwiderstehlich für alle, die von Abenteuern träumen. Und die eine Herausforderung suchen, die es zu bewältigen gilt. Wir sind Feuer und ­Flamme für diese kalte, für viele wenig verlockende Welt.

Wenn am Himmel der Vidda die Sonne im Schnee versinkt. | Foto: Martin Hülle

In den nächs­ten beiden Tagen bessert sich das Wetter, und wir laufen durch das Tal der Bora und an der Hellevassbu vorbei bis zum Bjørnavatnet. Ein farbenfrohes Idyll am Himmel muntert uns auf, vertreibt für einige Zeit die Tristesse und lässt jede Unannehmlichkeit vergessen. Es sind diese blauen, roten und violetten Abendstunden, die uns in ihren Bann ziehen. Wie immer ist es die Schönheit der Natur, die all die Strapazen nichtig macht.

Aber dann: ein neuer Sturm, dazu Whiteout, herbeigeführt vom Wind. Der Landschaft wird jegliche Kontur genommen, sie verschmilzt zu einer Einheit ohne oben und unten. Wir sind ­gefangen in einem Milchglas, sitzen fest in unseren Zelten. Ein Weitergehen undenkbar, zu gefährlich. Wir verlieren kostbare Zeit und ziehen in Anbetracht einer bescheidenen Wettervorhersage eine Umkehr nach Haukeliseter oder eine einfachere Alternativroute nach Rjukan in Betracht. Der geplante Weg nach Finse scheint weit und bei Wind, Schneefall und schlechter Sicht kaum schaffbar. Der Traum der Süd-Nord-Überquerung der Hardangervidda würde platzen. Wir drängen uns zu fünft in einem der Zelte zusammen, wälzen die Karten, diskutieren das Für und Wider der Optionen und grübeln lange darüber, welche Möglichkeiten wir haben. Ein Zurück oder eine schnöde Rundtour käme einer ­Niederlage gleich, auch wenn es die Vernunft diktiert.

Zur Vorbereitung: Autoreifen durch den Wald zerren

Die Tage sind kurz, die Etappen lang. | Foto: Martin Hülle

Doch am folgenden Morgen sieht die Wetterprognose nicht ­mehr ganz so schlimm aus, und wir beschließen, unserem ursprünglichen Plan treu zu bleiben. Schließlich sind wir fit, haben zu Hause ­Autoreifen durch den Wald gezerrt und uns vorbereitet wie ­für eine Polarexpedition. Und genauso zeigt uns die Hardangervidda mal wieder ihre Zähne. Wir wähnen uns in Grönland oder sonst wo in der Arktis. Aber ist es nicht gerade das, was den ­Reiz ausmacht? Diese Ungewissheit? Trotz bester Vorbereitung ­mit Grenzen konfrontiert zu werden? Es ist Ansporn, über sich hinauszuwachsen. Gemeinsam alles zu geben, um das gesteckte Ziel zu erreichen.

Auf der weiteren Strecke über Låven und Hansbu schläft der Wind gar für kurze Zeit komplett ein, und bei Sonnenschein wirkt die Weite friedlich. Über den Boden treibt nur ein wenig Schnee, was faszinierend anzusehen ist. Die Gegend hat etwas Ursprüngliches. Keine Spuren weit und breit. Aufgereiht wie eine Perlenschnur betritt der Erste in unserer Reihe jungfräuliches Terrain. Alle anderen marschieren gedankenverloren hinterher, oft nur mit dem Blick auf die Skispitzen gerichtet, an denen das Weiß vorüberzieht. Alle 60 Minuten halten wir an, essen einen Schokoriegel und trinken einen Becher Tee. Dann wechselt die Spitze – ein jeder läuft mal voran, sucht nach dem besten Weg und ebnet die Spur.

Die letzte Hütte vor Finse. Aber wir zelten noch einmal. | Foto: Martin Hülle

Im Laufe des Tages werden jedoch erneut Wolken stürmisch ­herangetragen, und wir haben am Abend mal wieder alle Hände voll zu tun, unsere Zelte sicher aufzubauen, um eine weitere Nacht im Schutze dünnen Nylons zu verbringen. Bevor wir in dicke Schlafsäcke krabbeln, schmelzen wir Schnee auf den
Benzinkochern, löffeln Sahnenudeln mit Hühnchen und Spinat und ­gönnen uns noch in gemütlicher Enge einen Kaffee, während die Dunkelheit sich längst über die Landschaft gelegt hat.

Das Wetter bleibt wechselhaft. Mal miserable Sicht, dann wieder Sonne und blauer Himmel. Mal starker Wind, dann Flaute. Oft ist es ein Mix aus allem. In Sandhaug machen wir Mittagspause in der warmen, bewirteten Hütte, bei Hellehalsen genießen wir den Zeltaufbau ganz ohne Wind, und zwischen Dyranutane und Søre Gjerenuten erleben wir einen herrlichen Sonnenaufgang mit Blick auf das ­eisige Dach des Hardangerjøkulen. Hier wähnen wir uns schon fast am Ziel, doch hinter der Kjeldebu kommt es n­och mal ­knüppeldick. Die Hardangervidda will uns wohl nicht so einfach ziehen lassen. Zuckerbrot gibt es selten, dafür wird die Peitsche umso häufiger geschwungen.

Schritt für Schritt vergeht die Zeit

Große Flocken fallen vom Himmel, und tiefer Neuschnee liegt in den Tälern. Mühsam stapfen wir weiter und hinterlassen eine Schneise im Schnee, die der stete Wind rasch wieder zuweht. Wenn es wenigstens bei der leichten Brise bleiben würde – den Schneefall könnten wir da stoisch akzeptieren. Aber nein: Aus dem Wind muss natürlich noch einmal ein Sturm erwachsen!

An Ostern folgen Scharen von Skiläufern diesen Zeichen. | Foto: Martin Hülle

Wir schnaufen, ackern und pflügen durch die weiße Pracht. Das Drumherum wird in diesen Stunden zu einem kräftezehrenden Albtraum. Schritt für Schritt vergeht die Zeit. Die Nacht vor Augen und von der Schufterei ermüdet, erreichen wir zu später Stunde den Finnsbergvatnet, auf dem wir die Zelte ein letztes ­Mal bei kräftigen Böen aufschlagen. Die restliche Strecke nach Finse wird zum finalen Kraftakt. Weiterhin grundloser Schnee und ein Wind, der kalt vom Gletscher herunterweht und unsere Gesichter erstarren lässt.

Doch als wir nach neun anstrengenden Tagen den Bahnsteig am Hotel Finse 1222 betreten, unser Traum wahr wird, sind wir ­glücklich und ­zufrieden. Glücklich darüber, von Süd nach Nord über die ­Hardangervidda gelaufen zu sein. Und zufrieden, es trotz Sturmwind und Tiefschnee geschafft zu haben. Völlig frei durch die ­Berge zu ziehen, ist ein erhabenes Gefühl. Ein Stück Himmel auf Erden trotz aller Widrigkeiten. Was es so wertvoll gemacht hat, in diese weiße Wüste aufzubrechen? Es waren die weit auseinanderliegenden Pole zwischen der Kälte, der oft zermürbenden ­Anstrengung des Schlittenziehens sowie dem Kampf mit den ­Elementen einerseits und andererseits der Freude über einen ­wärmenden Sonnenstrahl, einen Leckerbissen zur rechten Zeit oder eine aufmunternde ­Geste der Mitwanderer.

 

4-Seasons Info

Die Hardangervidda – vor allem im Hochwinter kein Ponyhof

Das Revier

Die Hardangervidda ist eines der schönsten Hochfjellplateaus
Skandinaviens und mit einer Fläche von rund 8600 km2 die größte Hochebene Nordeuropas. In ihrem Westteil erheben sich höhere Berge (bis zu 1700 m) als im flacheren Ostteil. Die Hardangervidda liegt recht südlich in Norwegen, doch diesen klimatischen Vorteil macht die durchschnitt­liche Höhe (1200 – 1400 m) wieder zunichte; das Wetter darf also nicht unterschätzt werden.

Die Tour

Der Klassiker ist eine Nord-Süd-Überquerung von Finse nach Haukeliseter. Oder umgekehrt. Mindestens acht Tage sollte man für die Tour einplanen, um auch mal einen Schlecht­wettertag aussitzen zu können.

Beste Zeit

Ab Anfang März, wenn die Tage länger werden, das Wetter etwas stabiler ist und die Temperaturen nicht mehr ganz so garstig sind. Außerdem werden dann zahlreiche Routen mit Ästen markiert – auf Norwegisch »Kvisteruter« genannt. Im Früh- und Hoch­winter hingegen ist kaum jemand anzutreffen, da die langen Nächte, eisige Minusgrade und das für Stürme noch anfälligere Wetter die meisten abhalten. Je nach den Verhältnissen sind Skitouren bis in den Mai möglich.

Anforderungen/Gefahren

Eine Skitour über die Hochebene ist eine sehr ernste Unternehmung, die nur mit der richtigen Planung und Ausrüstung in Angriff genommen werden sollte. Warme Kleidung, ein stabiles Zelt und ausreichende Verpflegung sind überlebenswichtig. Wie in allen Fjellregionen steckt auch hier im Winterwetter die größte Gefahr: Plötzlich auftretende Stürme, Whiteout, tiefe Temperaturen – die Kombination aus alledem kann sehr unangenehm sein. Vor allem früh im Winter, wenn noch keine Routen ­markiert sind und kaum andere Wanderer auf Tour sind, ist die Hardangervidda kein Gebiet für Anfänger. Erfahrung ist Voraussetzung.

Anreise

Die Hardangervidda liegt etwa 200 Kilometer westlich von Oslo. Die Bergenbahn, die mehrmals täglich zwischen Oslo und Bergen verkehrt, hält in Finse, Ustaoset und Geilo. Alternativ kann man auch mit dem Bus anreisen, z. B. nach Haukeliseter. Infos: nsb.no, nor-way.no.

Übernachten

Rund um die Hardangervidda gibt es Hotels, Pensionen und Ferienhütten. Legendär ist das Hotel Finse 1222 (finse1222.no), direkt neben Nord­europas höchst­gelegener Bahn­station. In den Bergen der Vidda gibt es gute Übernachtungshütten, die entweder vom norwegischen Bergwanderverein (DNT) betrieben werden oder in Privatbesitz sind. Manche DNT-Hütten sind bewirtet und haben selbst im Hochwinter geöffnet. Die meisten kleineren Hütten sind zur Selbstversorgung und mit einem Schlüssel zugänglich, den man sich vor der Tour besorgen muss. Infos: turistforeningen.no.

Karten

Hardangervidda Turkart West und Ost, 1 : 100 000, Statens Kartverk.

Allgemeine Infos

www.visitnorway.de, www.turistforeningen.no.

 
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