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Traditionsschuster Hanwag: was Leisten leisten

Foto: Hanwag
Foto: Hanwag
Seit über 90 Jahren fertigt Hanwag in Vierkirchen Wanderschuhe nach dem Motto »Born in Bavaria – Worn around the World«. Stets der Perfektionierung der Passform auf der Spur, setzt der Traditionsschuster dabei verstärkt auf die hohe Kunst des Leistenbaus.

Den Spruch »Schuster, bleib bei deinen Leisten« kennt jeder. Gemein­­t ist, man solle sich nicht in Dinge einmischen, von denen man keine Ahnung hat. Aber was sind überhaupt Leisten? Wikipedia weiß weiter: »Der Leisten ist ein Formstück aus Holz, Kunststoff oder Metall, das der Form eines Fußes nachempfunden ist und zum Bau eines Schuhs verwendet wird. Das Wort, das ursprünglich Spur und Fuß­abdruck bedeutete, ist verwandt mit dem Verbum leisten (schaffen), nicht aber mit Leist­e.« Aha. Ein künstlicher Fuß also. Über diesen wird nun ein Prototyp geschustert, von dem man im Anschluss die Schnittmuster für die Serienproduktion ableitet.

Szenenwechsel. Ein Nachmittag unter der Woche in der Globetrotter-Filiale Hamburg. Schuhabteilung. Es geht zu wie im Ameisenbau. Ein halbes Dutzend Verkäufer balanciert Schuhschachteln und bedient zeitgleich jeweil­­s drei Kunden. Wer auch eine Beratung will, muss eine Nummer ziehen und sich etwa­­s gedulden. Es ist augenfällig: der Bedarf an richtig gut passendem Schuhwerk scheint enorm und der Weg dahin ist eine ausführliche Anprobe möglichst vieler unterschiedlicher Modelle. Beziehungsweise unter­schiedlicher Leisten.
Die meisten Schuhmodelle dieser Welt liegen exakt einem Normleisten zugrunde, von dem es je nach Größenlauf bis zu zehn propor­tionale Entsprechungen gibt.

Zitat Hanwag

Nicht so bei Hanwag. Dort unterscheidet man mittlerweile zwischen zehn verschiedenen Leisten. Und auch wenn letztlich jede­­r Fuß so individuell ist wie der Rest vom Menschenkind, so kommt man mit dem Fakto­­r 10 dem Ideal von der perfekten Passform schon sehr nah. Zumal ein Gros der Leute ohnehin wenig »Auffälligkeiten« bei der Fußform hat. Den meisten passen Hanwag-Schuhe vom Normleisten, der den schlichten Namen Standard trägt.

Spezialist für Spezialleisten

Wem diese­­r nach einer gründlichen Anprobe beim Fachhändler passt, kann sich freuen – ihm stehen nun zig dutzend Modelle aus dem Hanwag-Sortiment zur Verfügung. Vom steigeisenfesten Sirius II GTX für die Hochtour bis zum edlen Freizeitschuh Zand­a aus exklusivem Yakleder.

Herr der Leisten: Johann Friedl | Foto: Archiv Hanwag
Herr der Leisten: Johann Friedl | Foto: Archiv Hanwag

Aber alle anderen müssen auch nicht traurig sein, denn jetzt kommt Johann Friedl ins Spiel. Der Schuhmacher ist seit sieben Jahren bei Hanwag und hat es sich seither zur Auf­ga­­­b­­­­­­­­­e gemacht, von den klassischen Leiste­­n im Sortiment, genannt Standard, Alpi­­n, Rock und Trek, sechs Spezialleisten abzuleiten. Und das, so berichtet er frei­mütig, ganz ohne kommerziellen Druck. Dass sich die passform-­optimierte­n Schuhe mittlerweile zu Best­sellern gemausert haben, umso besser, denn so freut sich auch der Geschäftsführer, doch den Johann macht allein die Reklamationsquot­­e glücklich – und die liegt nach wie vor bei null Prozent.

Seine erste Amtshandlung war der Narro­w-Leisten. Schuhe, die diesem zugrunde liege­n, bieten schmalen Füßen einen deutlich besseren und definierteren Halt. Auf der anderen Seite der Richterskala rangiert der Wide-Leisten. Sein Fersenbereich ist normal geschnitten, doch im Ballen- sowie im Vorfußbereich bietet er spürbar mehr Platz.

Ein absoluter Megahit in der Hanwag-Leistenparade ist der Bunion-Leisten. Bunion ist die englische Bezeichnung für Hallux Valgus. Alle­­s klar? Nö? Nun, der lateinische Begriff beschreibt den Schiefstand der Großzehe samt Versteifung des Großzehengrundgelenks. Vor allem Frauen kennen dieses Problem, neuerdings sind aber auch immer mehr Boulderer und Sportkletterer jeden Geschlechts betroffen, die ihre Füße in viel zu enge Patschen zwängen. Der Bunion-Leisten bietet eine entsprechend große Aussparung im Bereich der Großzehe und erlöst all jene, die bisher von einer operativen Behebung des Hallux Valgus abgesehen haben.

Rund 20 % des Gesamtvolumens und sämtliche Custom-Made-Schuhe fertigt Hanwag am Standort Vierkirchen. | Foto: Archiv Hanwag
Rund 20 % des Gesamtvolumens und sämtliche Custom-Made-Schuhe fertigt Hanwag am Standort Vierkirchen. | Foto: Archiv Hanwag

Auf den weiteren Plätzen rangieren Straight Fit, Alpin Wide und Natural Fit. Besonders letzterer ist ein echter Meilenstein der Schuhmacherkunst und kommt der menschlichen Fußanatomie schon sehr nah. Ein breiterer, asymmetrischer Vorderfußbereich, eine Kugelferse, eine reduzierte Absatzsprengung und ein Fußbett mit einer Aussparung unterm Fußballen, der sogenannten Gelenkpelotte, erzeugen ein Gefühl, als würde man nahezu barfuß gehen.

Das Fertigen eines solchen Leistens ist anfangs pure Handarbeit. Ein Holzrohling wird zunächst grob in Form gebracht und dann sorgsam zurechtgeschliffen. Zwischendrin wird immer wieder Maß genommen und gegebenfalls etwas Masse aufgespachelt, um dann wieder langsam runtergeschliffen zu werden. Bei dieser Arbeit kommt es allein auf die Erfahrun­­g des Schuhmachers an. Was auch erklärt, warum die meisten schon ein paar Berufsjahre auf dem Buckel haben, bevor man sie an den Leisten lässt.

Dein persönlicher Leisten

Erst wenn das Endprodukt dem Schuhmacher ein Lächeln ins Gesicht zaubert, kommt der Computer ins Spiel. Die Form wird abgetaste­­t und steht fortan in einem CAD-Programm zur Verfügung. Dort kann man dann etwa Aspekte wie Schrumpfungsprozesse je nach später verwendeten Materialien simulieren und sich die Größenläufe ausrechnen lassen. Ist diese Arbeit erledigt, fräst eine Maschine sämtliche Leisten millimetergenau aus dem Vollen, und der nächste Schritt kann beginnen, wieder in Hand­arbeit: das Austüfteln der Schnittbogen fürs Ober- und Futtermaterial.

Die fertigen Produktionsleisten in allen Größen sind aus Kunststoff. | Foto: Archiv Hanwag
Die fertigen Produktionsleisten in allen Größen sind aus Kunststoff. | Foto: Archiv Hanwag

Im Anschluss werden die Schnittbögen zu Stanzschablonen und aus den Holzleisten Plastikleisten in dutzendfacher Ausführung. Dann kann die Serienfertigung beginnen. Damit dabei nichts schiefgeht, verbleibt der formgebende Leisten bis zum Einfädeln der Schnürbänder im Schuh.

Und wenn trotz dieser Passformoffensive kein Hanwag-Schuh passen will? Dann hilft das Real-Custom-Made-Programm. Seit 2011 kann man bei einem der teilnehmenden Händler – etwa Globetrotter München – seinen Fuß exakt mit dem Lightbeam-3D- Fußscanner ver­messen und sich dann seinen ganz speziellen Leisten anfertigen lassen. Divers­­e Hanwag-Modelle warten anschließend darauf, von diesem Urmeter-Leisten gefertigt zu werden. Real Custom Made richtet sich vorrangig an Menschen mit sehr individuellen Füßen, aber auch an jene, die sich den Luxus eines exklusiven, absolut perfekt sitzenden Wanderschuhs gönnen möchten.

Die Frage »Wo denn der Schuh drückt«, kann dank Hanwag fortan schnell beantwortet werde­­n. Nirgends!

 
GM Info

Die komplette Bandbreite von Hanwag findest du in der Markenwelt auf www.globetrotter.de/marken/hanwag

 

 
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