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Tief im Süden: »South Coast Track« auf Tasmanien

Mal Sonne, mal Wolken: Auf dem »South Coast Track« schlägt das Wetter schnell um. | Foto: Julian Rohn
Traumhafte Strände, einsame Lagunen, aber auch steile Anstiege: Der »South Coast Track« auf Tasmanien gilt als eine der aufregendsten Küstenwanderungen der Welt. Julian Rohn war auf dem 90 Kilometer langen Pfad unterwegs.

Nicht oft sind die Dschungelpfade so breit und hell. | Foto: Julian Rohn
Das Meer ist weg. Es ist einfach nicht mehr zu sehen. Die letzten Tage war der blaue Streifen zu unserer rechten Seite ein stetiger Begleiter – wenn wir nicht direkt am Strand wanderten, blitzte es früher oder später durch die Bäume. Jetzt hatten wir es schon seit Stunden nicht mehr vor Augen. Der Dschungel hat uns in einem grünen Tunnel verschluckt und es sieht nicht so aus, als wenn wir bald rauskommen. Der South Coast Track am südlichsten Zipfel Tasmaniens führt hier über matschigen Boden, glitschige Steine und Wurzeln abwärts. Es ist warm und feucht. Häufiger ducken Niels und ich uns unter quer liegenden Bäumen durch. Dabei bleibt der große Rucksack gerne hängen und eine Portion Moos und Dschungeldreck rieselt in den verschwitzten Nacken. Unten am Ozean könnten wir uns auch die Spinnenweben aus dem Gesicht waschen, die der Vorangehende stetig einsammelt. Aber das Meer ist ja gerade nicht da.

Teewasser aus der Pfütze

Am Morgen haben wir unser Zelt auf der Ironbound Range abgebaut. In gut 900 Metern Höhe ist es zum Sonnenaufgang um 5 Uhr früh noch empfindlich kühl. Wir zogen daher alles an, was der Rucksack hergab. Doch lange wollten wir uns dort oben ohnehin nicht mehr aufhalten. Unsere Tagesetappe ist lang und es gibt auf dem Bergrücken kein Wasser. Der Schnee war schon getaut und unsere Reserven beim schweißtreibenden Aufstieg am Vortag sprichwörtlich in unsere Kehlen verdunstet. Nudeln und Tee am Abend wurden mit dem Wasser aus zwei Pfützen gekocht. Zum Frühstück reichte es dann nur noch für einen Schluck Tee und ein paar Tropfen, um die Haferflocken anzufeuchten.

Höchster Punkt der Tour: Lager auf der Ironbound Range. | Foto: Julian Rohn

Wir schlittern immer noch talwärts Richtung Küste. Irgendwo im Gebüsch folgt uns ein Tier. In regelmäßigen Abständen pfeift es aus dem Dickicht. Klingt metallisch, wie ein Roboter, wir taufen es R2-D2. Erst zwei Tage später stellen wir fest, dass die hiesigen Papageien so pfeifen. Der Höhemesser zeigt, dass es nicht mehr weit bis zum Meer sein kann, aber es zieht sich. Immer wieder macht der Pfad noch einen Schlenker. Irgendwann hören wir endlich die Brandung und ein erster Salzgeruch kündigt die Little Deadmans Bay an. Das Meer ist wieder da.

Weil der Strand sehr steinig ist, laufen wir noch eine Bucht weiter. In der Einsamkeit des tasmanischen Südens können wir uns die Schönste mit unberührtem weißen Sand aussuchen. Seit unserem Aufbruch in Melaleuca haben wir keine Menschenseele getroffen. Zeit für eine kurze Mittagspause und einen Sprung ins Wasser. Nur kurz, das Wasser ist ziemlich kalt. Auch wenn die australische Sonne inzwischen die Luft auf gute 35 Grad heizt, fällt es nicht schwer sich vorzustellen, dass am gegenüberliegenden Ufer in der Antarktis Eisblöcke ins Meer fallen.

Alles ein bisschen wilder und aufregender

Eigentlich ist hier die Tagesetappe zu Ende. Aber wir müssen noch weiter: Nach drei Wochen Paddeln in Tasmanien, geht unser Rückflug nach Deutschland in wenigen Tagen. Den 90 Kilometer langen »South Coast Track« wollten wir trotzdem unbedingt noch laufen. Ganz im Süden ist alles noch ein bisschen wilder und aufregender, als am überlaufenden tasmanischen Trekking-Klassiker »Overland-Track«. Damit wir es schaffen, verdichten wir die sieben Etappen auf viereinhalb – das bedeutet Überstunden. Wir stehen mit der Sonne auf, bauen das Zelt ab, laufen und suchen uns kurz vor der Dämmerung einen neuen Lagerplatz. Jeden Tag bewältigen wir so gute 20 Kilometer mit knietiefen Matschpassagen im Dschungel, am Strand entlang einsamer Buchten und über kilometerlange Holzstege durch Knollgrasebenen.

Hier kann man lange warten bis der Eisverkäufer an den Strand kommt. | Foto: Julian Rohn

Nach der Mittags- und Badepause folgen erneut ein paar kurze Dschungel-Abschnitte von Bucht zu Bucht, ehe wir an den Prion Beach gelangen. Schnurgerade und endloslang zieht sich der Strand dahin. Man muss den richtigen Streifen erwischen um Strecke zu machen. Zu weit an Land, versinkt man im trockenen Sand. Zu nah am Wasser, krachen die Wellen manchmal ziemlich überraschend an Land. Niels geht barfuß um seinen Schuhe zu schonen. Die Sohle seiner Trekkingstiefel löst sich seit gestern. Jeden Morgen fixiert er sie nun mit Klebeband.

Mit der Cessna in die Wildnis

Der »South Coast Track« gilt als eine der schönsten Küstenwanderungen der Welt. Zum Startpunkt in Melaleuca – einer ehemaligen Aborigine-Siedlung – gelangt man nur zu Fuß, per Boot oder wie wir mit dem Flugzeug. In die kleine Cessna passen gerade mal zwei Wanderer, die Rucksäcke und der Pilot. Eine Stunde dauert der Flug von der Hauptstadt Hobart in den South West National Park und bietet den perfekten Ausblick über die zu bewältigende Strecke. Die einmotorige Maschine schaukelt wenige hundert Meter über den grün bewaldeten Hügeln. Im Süden der Southern Ocean – das nächste Festland ist die Antarktis – und im Norden nur Urwald. Außer einigen Holzstegen des »South Coast Tracks«, sind nirgends Zeichen der Zivilisation zu finden. Melaleuca besteht aus einer kleinen Schotterpiste und zwei Schutzhütten. Hier endet der »Port Davey Track« aus Nord-Westen und der »South Coast Track« beginnt Richtung Osten. Keine Straße. Kein Handynetz. Nichts.

An die Riemen Männer! Auf der anderen Seite des New River geht es weiter. | Foto: Julian Rohn

Wir sind inzwischen am Ende des Prion Beach an einer Lagune angelangt. Hier fließt der gut 200 Meter breite New River ins Meer. An seinen Ufern ist je ein Ruderboot vertäut. Mit dem einen Boot fährt man hinüber, nimmt das zweite Boot ins Schlepptau, rudert wieder zurück, lässt ein Boot am Ufer und fährt mit dem zweiten schließlich auf die neue Seite zurück. Mit diesem System ist gewährleistet, dass – egal von welcher Seite man kommt  – immer ein Boot am Ufer liegt. Schwimmen wäre machbar, ist aber nicht unbedingt in unserem Interesse. Kaum hundert Meter hinter dem New River schwimmt eine Schlange durch einem kleinen Bachlauf. Eins ist sicher: Alle drei Schlangearten auf Tasmanien sind giftig. Weitere fünf Minuten später scheuchen wir ein zweites Exemplar auf. Knapp zwei Meter vor den Stiefeln flitzt sie ins Unterholz.

Nächstes Telefon erst im Zielort

Schlangenbisse sind auf Tasmanien die absolute Seltenheit, aber auch ein verstauchter Knöchel kann in dieser Einsamkeit recht unangenehm werden. Ein wenig Vorsicht ist also geboten. Maximal ein bis zweimal am Tag fliegt eine Maschine die Küste entlang. Für einen Hilferuf müsste man mit Spiegel- oder Feuerzeichen auf sich aufmerksam machen. Andere Wanderer trifft man um diese Jahreszeits, es ist Ende November, kaum. Auch was man nicht im Rucksack hat, kann man nirgendwo kaufen. Und ein Telefon gibt es erst am Ziel in Cockle Creek.

Blaue Lagune: Sonnenuntergang am Buoy Creek. | Foto: Julian Rohn

Unser Tag endet am Osmiridium Beach. Hier treffen wir zum ersten Mal auf andere Wanderer. Die Gruppe hat einen Führer und ist bereits seit sechs Tagen unterwegs. Für uns ist es die dritte Nacht. An das braune, tanningefärbte Wasser in den Flüssen und Bächen haben wir uns auf dem »South Coast Track« schon gewöhnt, aber der nahe Tyler Creek ist tief schwarz und ziemlich abgestanden. Vorsichtshalter werfen wir ein paar Chlortabletten ins Trinkwasser. Am nächsten Morgen bauen wir das Zelt im leichten Nieselregen ab. Als wir um 6 Uhr aufbrechen ist aus dem anderen Lager noch kein Mucks zu hören.

Unterwegs wird es im Regenzeug warm, ohne Gore-Tex-Klamotten ist man nach hundert Metern durch die brusthohen Büsche aber auch pitsch nass. Während in den vorangegangenen Tagen maximal kleine Schauer auf uns herunter prasselten, erleben wir heute die wechselhaften »Roaring Forties«. Der südliche vierzigste Breitengrad ist unter Seefahrern berüchtigt für sein schlechtes Wetter. Es ist ein anstrengender Tag. Zwischen windgepeitschten Felsbuchten liegen immer wieder kilometerlange Schlammpassagen im Dschungel. Wir hüpfen von einem Grasbüschen zu nächsten – manchmal klappt es. Spät erreichen wir das letzte Camp auf dem Track.

Fertig! Der »South Coast Track« endet in Cockle Creek – Australiens südlichste Siedlung. | Foto: Julian Rohn

Wir haben eine Gruppe der australischen Armee eingeholt. Die Jungs sind überrascht über die »Crazy Germans«, die den Track in viereinhalb Tagen gehen. Als sie unsere Rucksäcke sehen, lächeln sie müde: Mit solchen »Speed-Packs« sei das ja auch kein Problem. Unser Gepäck wiegt immer noch 15 Kilo pro Person, aber im Unterschied zu den Australiern haben wir auf Campingstuhl, Ersatzwäsche und Sandalen fürs Camp verzichtet. Gemeinsam vernichten wir die letzte Tüte gesalzene Nüsse. Am nächsten Tag werden sie uns von Cockle Creek – der südlichsten Siedlung Australiens – mit ihren Mannschaftsbus zurück nach Hobart nehmen.

 

4-Seasons Info

»South Coast Track»

Blick vom South Coast Track auf den Southern Ocean.

Profil: 90 Kilometer, wird normalerweise in 7 Etappen gelaufen. Je nach Zeit und Verfassung können noch einige Abstecher und Erweiterungen eingebaut werden. Obwohl es eine Küstenwanderung ist, müssen von einer Bucht zu nächsten immer wieder Höhenrücken überwunden werden. Die Ironbound-Range ist mit 920 Metern der höchste Punkt der Tour. Insgesamt sind ca. 2600 Höhenmeter zu bewältigen. Einige Flüsse und Bäche sind zu durchqueren, je nach Wasserstand kann das recht anspruchsvoll sein. Obwohl lange Strecken mit Holzplanken befestigt sind, gibt es auch viele kraftzehrende Abschnitte durch knietiefen Schlamm.

Saison: Tasmanischer Sommer von Ende November bis März. Das Wetter in Tasmanien ist generell instabil und eher feucht. Entsprechende Kleidung sollte mitgeführt werden. Auch Schneefall ist möglich.

Flussdurchquerung auf dem SCT in TasmanienAnforderungen: Der Weg ist gut markiert. Angesichts der Abgeschiedenheit ist eine solide körperliche Verfassung, Trittsicherheit und Trekking-Erfahrung unbedingt erforderlich. Zelt, Kocher, Essen, Erste Hilfe: alles muss mitgenommen werden. Man kann unterwegs nichts kaufen. Auf der ganzen Strecke gibt es keinen Handyempfang. Es dürfen nur Benzinkocker verwendet werden. Den nötigen Treibstoff kauft man bei der Fluggesellschaft, die ihn in Melaleuca aushändigt. Im Flieger darf kein Kocherbenzin eigenständig mitgenommen werden.

Registrierung: Im Unterschied zum »Overland-Track ist kein Permit nötig. Allerdings müssen Wanderer einen Nationalpark-Pass erwerben. Der Pass ist unter anderem bei den Fluggesellschaften erhältlich. An Start und Ziel des »South Coast Track« befinden sich »Registration-Books«, in die man sich eintragen sollte.

Flugzeug von TassieAirAn- und Abreise: Der Startpunkt in Melaleuca ist am besten per Flugzeug zu erreichen. TasAir fliegt für 160 - 180 $ pro Person von Hobart. Eine Anmeldung ist meist kurzfristig möglich. Größere Gruppen sollten frühzeitig reservieren. Der »South Coast Track« endet in Cockle Creek, von hier gibt es Busverbindungen nach Hobart. Achtung: Der Bus fährt auch in der Hauptsaison nicht täglich.

Literatur: Ausreichende Infos, Telefonnummern, Adressen und Karten findet man im deutschsprachigen Wanderführer: »Tasmanien - die schönsten Wanderungen und Trekkingtouren« von Jörg Brüggemann, Bergverlag Rother, 192 Seiten, ISBN 978-3-7633-4368-3, 18,90 Euro

Info: Parks & Wildlife Service Tasmania

 
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