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Südamerika: Drei Kinder, zwei Jahre, ein Kontinent

Foto: Thomas Gradl
Familienurlaub mit drei kleinen Kindern? Da denken die meisten Eltern an Legoland, Robinsonclub und die grauen Haare, die ihnen dabei wachsen. Dass es auch ganz anders geht, beweist die Reise von Claudia Ober und Thomas Gradl, die mit ihren drei Kids 44.000 Kilometer durch Südamerika tourten. Für graue Haare sorgte dort allenfalls ihr fahrbarer Untersatz.
 

Es war ihr großer Traum: ein Jahr lang mit dem Reisemobil durch die Welt ziehen, neue Länder entdecken, die Heimat hinter sich lassen. Eine mutige Entscheidung obendrein, mit drei kleinen Kindern. Nesthäkchen Marlies war zu Beginn der Reise zehn Monate alt, Jonas dreieinhalb Jahre und Moritz mit fünf Jahren der Älteste. Die junge Familie war jedoch gut vorbereitet in das Wagnis Südamerika gezogen ...

Reisen war schon immer die gemeinsame Leidenschaft von Claudia und Thomas. Zusammen waren sie bereits in Russland, Kalifornien, Chile und ganz Europa unterwegs. Ihre Reiselust wurde auch nicht kleiner, als die Kinder kamen. Zusammen mit Jonas und Moritz wagten sie die Generalprobe für ihr großes Ziel: Drei Monate Marokko mit dem neuen rollenden Einzimmer-Appartement. Claudia war mit Marlies schwanger, ging zur Vorsorgeuntersuchung in ein Krankenhaus in Marrakesch. »Solche Erfahrungen machen dich ein Stück weit gelassener», erinnert sich Claudia. Kinder und Eltern vertrugen sich prächtig und lernten den LKW kennen. Die Feuertaufe war bestanden.

Erlebte Inka-Geschichte: Familienausflug nach Machu Picchu, Peru. | Foto: Thomas Gradl

Im Sommer 2004 wurde der Plan für die einjährige Südamerikareise Realität, der Kontostand zeigte grünes Licht. Claudia hatte als Gymnasiallehrerin Elternzeit beantragt und Thomas konnte seine Arbeit als selbstständiger Kanuschulbesitzer und Outdoortrainer jederzeit unterbrechen. Die Entscheidung, ihre Reise durch Südamerika zu machen, war ihnen leicht gefallen. Der Kontinent bietet unzählige abenteuerliche Regionen mit unwegsamen Pisten. Gleichzeitig gibt es immer wieder Rückzugsmöglichkeiten in zivilisierte Gegenden mit asphaltierten Straßen, Eisdielen, Supermärkten und noch viel wichtiger: eine kindgerechte Infrastruktur mit Schwimmbädern, Zoos und vielen Plätzen, auf denen Kinder sicher spielen können. Die Kultur und das Wertesystem sind ähnlich wie in Europa. Selbst in einem Indiodorf im Hinterland von Bolivien gibt es einen Kinderspielplatz. Den sucht man in Asien meist vergeblich. 4-Seasons sprach mit Familienoberhaupt Thomas Gradl über das Wohl und Wehe einer ungewöhnlichen Reise.

 

Ihr wart mit einem MAN-Allrad-LKW unterwegs, der eine Wohnkabine als Schneckenhaus trug. Mit welchen Fakten gewinnt ihr die Motorenwertung im Reisemobil-Quartett?

150 PS, 7 Liter Hubraum, zwischen 2 und 90 Kilometer pro Stunde schnell, Verbrauch zwischen 25 und 50 Liter Diesel. In Zeiten der CO2-Diskussion gewinnt man damit aber nicht mal einen Blumentopf.

 

Und die Eckdaten des Schneckenhauses?

Unser Aufbau ist 4,50 m lang, 2,40 m breit und 2,20 m hoch. Alles Innenmaße. Er hat vier feste Betten auf zwei Ebenen in der Größe 220 x 120 cm. Unter zwei der Betten befindet sich ein riesiger Stauraum. Dann gibt es natürlich noch eine Küchenzeile mit Herd, Spüle, Kühlschrank und eine Sitzgruppe. Die Dusche diente meist als zusätzlicher Stauraum. Gut bewährt hat sich der Wandaufbau aus PU-Schaum, der stets für ein angenehmes Klima sorgte. Und das, obwohl sich unsere Warmwasser-Heizung nach vier Wochen aufgrund von Elektronikproblemen verabschiedete. Aber selbst bei -25 Grad auf dem Altiplano und extremer Hitze im Amazonasgebiet (+47,7 Grad) sind wir ohne Heizung bzw. Klimaanlage ausgekommen.

 

Wie habt ihr euren LKW nach Südamerika bekommen?

Ich bin Ende Juni 2004 damit nach Hamburg gefahren und habe ihn mit Zielhafen Buenos Aires verschifft. Und damit er dort auch in einem Stück ankommt, bin ich mitgefahren. Besonders in den Häfen Afrikas, die der Frachter zwischendurch anlief, war das keine schlechte Idee. Nach fünf Wochen, ich war bereits drauf und dran, meine Bücher ein drittes Mal zu lesen, legten wir schließlich in Argentinien an. In der Zwischenzeit organisierte Claudia den Auszug, ließ die Kinder an der Innsbrucker Uniklinik gegen Gelbfieber impfen und ab ging es mit dem Flieger nach Buenos Aires.

 

Welche Länder hattet ihr auf der To-see-Liste?

Das erklärte Reiseziel waren zunächst die klassischen Andenländer wie Peru, Chile und Ecuador, auf das übrige Südamerika waren wir gar nicht eingestellt. Weil ich in Ecuador die Reisekasse mit Kanukursen aufbessern konnte, war das kleinste Andenland das erste Etappenziel. Auf dem Weg dorthin mussten wir die Anden über einen 4500 m hohen Pass überqueren. Eine spannende Angelegenheit, denn Kinder unter einem Jahr sollen sich nicht länger auf einer Höhe von über 2500 Metern aufhalten. Wäre der LKW im unbesiedelten Gebirge liegen geblieben, hätte das für Marlies lebensbedrohliche Folgen haben können. Glücklicherweise ließ uns der LKW nicht im Stich, und über Peru gelangten wir schließlich nach Ecuador.

 

Nach nur drei Wochen scheint die Reise schon beendet. | Foto: Claudia Ober

Wo es euch dann recht gut gefallen hat, oder?

Genau. Fast ein halbes Jahr sind wir in dem kleinen Land, welches das Prädikat »Schweiz Südamerikas« nicht ganz zu unrecht trägt, geblieben. Ich gab Kajakkurse und stieg auf mehrere 6000er, Claudia und die Kinder ließen es sich an den Stränden des pazifischen Ozeans gut gehen und gewöhnten sich später langsam an die Höhe. Nach der Akklimatisierung hielten sich die Kinder monatelang auf über 3500 Meter Höhe auf, spielten mit kleinen Indiokindern Fußball. Es war der Wahnsinn. Das unglaublich schöne Andenpanorama. Die Kinder ritten auf Lamas und Schafen. Aus den Hütten klang Flötenmusik, es war wie im Film.

 

Im Anschluss hattet ihr nur noch drei Monate für den Rest der Reise ...

Na ja, beim Blick in den Kalender ist uns aufgefallen, dass das nicht zu schaffen ist. Und da wir ja schon mal da waren, haben wir die geplante Reisedauer nach unseren guten Erfahrungen in Ecuador einfach um ein Jahr verlängert. Mann, was waren unsere Eltern daheim sauer, ein Jahr länger ohne Enkel. Nach einem kurzen Schweigen im Walde haben wir dann versucht, sie via Internet bestmöglich an unserer Reise teilhaben zu lassen.

 

Bildergalerie: Zwei Jahre, ein Kontinent: Familientour durch Südamerika

Also wieder Kurs Süd?

Zunächst wollten uns Freunde überreden, weiter nach Kolumbien zu fahren, aber dieses zweifellos attraktive Land erschien uns zu riskant. Ich wollte immer ein genaues Bild von der Route haben und habe fortwährend Ratschläge von Einheimischen eingeholt. Und in Kolumbien, da waren sich alle Ratgeber einig, würde uns zwar nichts passieren, doch das Auto wäre so gut wie weg. Stattdessen wählten wir eine südliche Route, auf der wir binnen drei Monaten das Hinterland von Peru durchquerten. Zur Sonnwendfeier erreichten wir Cuzco und sahen erstmals wieder geteerte Straßen, Supermärkte und jede Menge Touristen – darunter zehn Wohnmobile, alle aus Deutschland. Viele von diesen Globetrottern feiern Sylvester in Ushuaia in Feuerland, um sich ein halbes Jahr später zur Sonnenwende in Cuzco wiederzutreffen.

 

Welche Krankheiten hattet ihr befürchtet, welche bekommen?

Höhenkrankheit, beständiger Durchfall und Malaria haben sich zum Glück nicht eingestellt. Es gab nur Erkältung, Halsweh, Schnupfen. Marlies hatte einmal Hitzeausschlag, Claudia und ich einmal Durchfall. Insgesamt hatten wir bedeutend weniger Krankheitstage als in Deutschland. Das mag wohl vor allem daran gelegen haben, dass wir unseren Kids beständig das Hände-waschen gepredigt haben. Meist wurde die Toilette im Reisemobil benutzt, wo auch stets warmes und gefiltertes Wasser aus dem Hahn kam.

 

Strechelzoo auf Brasilianisch. | Foto: Thomas Gradl

Mit drei Kindern zwischen 10 Monaten und fünf Jahren muss man sein Reiseverhalten anpassen. Worauf habt ihr besonders geachtet?

Wir haben deutlich länger an den Orten verweilt, als wir das zu zweit getan hätten. Auch die Fahrzeiten haben sich aufgrund der vielen Pausen jeweils verdoppelt. Bei den Aktivitäten blieb einer von uns mit den Kindern im Camp, während der andere Erledigungen, Sport oder Kultur gemacht hat. Natürlich haben wir auch viel gemeinsam unternommen, doch nur, wenn es den Kindern was gebracht hat. Und dabei rangierte Eiscafé ganz klar vor Museum.

 

Wie sah es mit euren Essgewohnheiten aus?

Meist haben wir selbst gekocht und uns an dem gütlich getan, was die Märkte zu bieten hatten. Wenn wir essen gegangen sind, haben wir versucht, dies in den Lokalen der Einheimischen oder den typischen Fernfahrer-Restaurants zu tun. Dort gibt es komplette Menüs für unter einem Euro. Die klassischen Touristenspelunken haben wir gemieden, da uns das Essen dort aufgrund der wechselnden Auslastung nicht immer frisch erschien.

 

Manchen Vulkanen entlang der Route stieg Thomas aufs Dach. | Foto: Thomas Gradl

Konntet ihr Spanisch?

Claudia und ich konnten von früheren Reisen und einem VHS-Kurs leidliches Gringo-Spanisch. In manchen Situationen, wenn du beispielsweise bei der Mama in der Lehmhütte sitzt und dir Platz und Aufmerksamkeit mit ihren Hühnern teilen musst, haben wir unser Spanisch jedoch verflucht.

 

Wie haben sich die Kinder verständigt?

Mit Gestik und Mimik, mit Hand und Fuß und ein wenig Spanisch. Auf alle Fälle aber leichter und besser als wir Erwachsenen.

 

Habt ihr eure Vorschulkinder unterwegs schon unterrichtet?

Die Jungs hatten insgesamt zweimal zwei Wochen Spanischunterricht bei einer Grundschullehrerin in Ecuador und einer Studentin in Cusco. Unser Ältester wurde ab seinem sechsten Lebensjahr von seiner Mutter im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet, insgesamt drei Stunden die Woche mit bayerischen Grundschulbüchern, die wir uns haben schicken lassen. Und nebenbei: Marlies zweites Wort nach Mama war Lama, nicht Papa ...

 

Hat euer Mobil euch mal im Stich gelassen?

Nun, ich lag oft genug unterm Auto, um nachträglich einen Gesellenbrief als KFZ-Mechaniker beantragen zu können. Hier nur die Highlights ... Bereits nach drei Wochen hatten wir einen kapitalen Motorlagerschaden. Dazu zigmal Probleme mit Einspritzpumpe und Einspritzdüsen, wofür die Höhe und der schlechte Sprit wohl gleichermaßen verantwortlich waren. Eine Panne hatten wir beispielsweise auf 4300 Meter Höhe, nix ging mehr. Wir waren aber nur bis 3500 Meter akklimatisiert. Die Reparatur war also ein Wettlauf gegen die Zeit. Doch bereits nach einer Stunde hat unser Sohn Moritz den Fehler gefunden. Ein anderes Mal mussten wir einen viertägigen Zwangsstopp im nördlichen Hinterland von Peru einlegen. Dort bin ich mit einem Koka kauenden »Mecanico« vier Tage unterm Auto gelegen, bis die Karre wieder lief. Dann waren da noch die zehn gebrochenen Blattfedern und mehrfach abgerissene Aufhängungen, ein verlorenes Verteilergetriebe und diverse kaputte Scheiben. Manchmal bin ich heulend im Laster gesessen und hatte genug von dieser Scheißkarre. Die letzte Panne hatten wir zehn Kilometer vor der Einschiffung in Buenos Aires.

 

Klingt so, als ob euer Mobil in der ADAC-Pannenstatistik eher im hinteren Mittelfeld zu finden ist.

Mittelfeld? In Sachen Zuverlässigkeit hätte es eher die rote Laterne verdient. Manche Pannen können wir ihm allerdings nicht ankreiden. Da wir anfangs ja nur für ein Jahr geplant hatten, war auch unser Reifenmaterial entsprechend kalkuliert. Mit viel Glück hab ich in Quito im Vorbeifahren zwei passende Reifen am Straßenrand entdeckt, die ansonsten in ganz Südamerika nicht zu bekommen sind. Nach eineinhalb Jahren ist uns in der Hauptstadt Brasiliens der letzte dieser »Fundstücke« um die Ohren geflogen. So saßen wir in Brasilia mit drei intakten und zwei total abgefahrenen Ersatzreifen fest. Wir telefonierten wie die Wilden durch ganz Brasilien, aber leider schien es im ganzen Land keine Möglichkeit des Runderneuerns zu geben. Einen neuen Reifen mit seinen 100 kg Gewicht per Luftfracht aus Deutschland kommen zu lassen und dann noch den immensen Einfuhrzoll zu bezahlen, war weit jenseits unseres Budgets.

 

Und dann habt ihr das Auto stehen lassen?

Mitnichten. Per Internetrecherche und dem deutschen Weltreiseforum habe ich einen Reparaturbetrieb im Süden Brasilien herausgefunden. Ein kurzer Anruf und die Sache wendete sich zum Guten. Nur mehr 2500 Kilometer, natürlich einfach, trennten uns vom Weiterfahren. Wir mieteten uns daher einen Kleinwagen, beide Reifen passten auf den Millimeter genau rein, und in der Hoffnung, dass das auch für die Runderneuerten gilt, machte ich mich auf den Weg, während Claudia eine Woche Kinderprogramm im weiträumigen Brasilia durchstand. Nach sechs Tagen war ich zurück. Fix und alle zwar, doch der wieder fahrtüchtige LKW und der Blick der Dame am Mietwagenschalter, die beim Ablesen des Kilometerstandes gleich dreimal hinschauen musste und hinterher wohl das Schild »Alle Kilometer inklusive« aus dem Schaufenster nahm, waren es wert.

 

Was waren die gefährlichsten Momente unterwegs?

Wirklich passiert ist nichts. Wir haben aber auch stets darauf geachtet, kein unnötiges Risiko einzugehen. So haben wir beispielsweise die Tücken des Großstadtverkehrs in Südamerika dadurch entschärft, dass Claudia mit den Kids lieber einmal mehr Taxis und Busse benutzt hat, anstatt dort zu Fuß zu gehen. Auch haben wir Gegenden wie Nord-Ecuador gemieden, das Wildcampen in Südbrasilien und Nachtfahrten rund um Ayacucho in Peru unterlassen. Letztlich weiß man jedoch nie, wie haarscharf man in manchen Situationen am Abgrund gewandelt ist.

 

Keine Angst vor wilden Tieren: Papagei-Profi Jonas. | Foto: Thomas Gradl

Tiger gibt es in Südamerika ja bekanntermaßen keine. Hattet ihr sonst Tierbekanntschaften?

Oh ja, und die Liste ist lang: Schmusen mit Affen, die ausgewildert werden; Streicheln und Rumtragen einer Boa; Essen von Zitronenameisen; Fangen von Krebsen am Strand; Krabbelnlassen der gruselig gelb-schwarzen Spinne; Auge in Auge mit Kaimanen; Füttern von wilden Gürteltieren; Beobachten von Eulen, Aras und Tucanen; Angeln von Piranhas (die wir anschließend natürlich wieder freigelassen haben, aua); Reiten auf Lamas, Berührtwerden (zum Salzlecken) von den weltschönsten Schmetterlingen auf einer Schmetterlingsfarm; Papageien auf dem Kopf und Sittiche in der Hand; Begrüßen von Pinguinen; dem Pfau eine Schwanzfeder geklaut. Nur die Jaguar-Familie im bolivianischen Urwald haben wir vergeblich gesucht ...

 

Welches Land hat euch am besten gefallen?

Neben Ecuador war das auf alle Fälle Brasilien. Nach Cuszco sind wir zwar erst zu den Salzseen und Vulkanen des einsamen Altiplano im Südosten Perus gefahren, wo uns warme Quellen, Flamingos, Temperaturen von -22 Grad in der Nacht, ein wolkenloser und azurblauer Himmel und fantastische, klare Farben begeisterten. Postkarten ohne Ende. Aber nach sechs Monaten in den Anden konnten wir keine Berge mehr sehen. Wir wollten Sonne, Strand und Meer und sind schnurstracks quer durch den Kontinent an die brasilianische Küste gefahren. Dort genossen wir das Leben aus vollen Zügen. Das brasilianische Eis, das per Kilogramm berechnet wird, zählte nicht nur für die Kinder zum besten Eis der Welt. Auch Claudia schwärmt noch heute vom Essen, von der Musik und den pulsierenden Städten. Mich selbst faszinierte am meisten die Strandmode ;-) Die Buben surften mit ihren Bodyboards die Wellen der Costa Verde, Marlies baute unter Kokospalmen Sandburgen und Claudia gönnte sich zu ihrem 40. Geburtstag einen Kurs im Kitesurfen. Wenn ich heute im Lotto gewinnen würde, wäre ich übermorgen in Brasilien.

 

Trotz aller Begeisterung kehrte die Familie Brasilien Anfang 2006 den Rücken, durchquerte Uruguay und erreichte Ende Februar 2006 mit dem Rio Baker im chilenischen Patagonien den südlichsten Punkt der Reise. Ursprünglich hatten sie geplant, bis nach Feuerland zu kommen, aber an den brasilianischen Stränden hatten sie zu viel Zeit verjubelt und das unwiderrufliche Ende ihrer Reise war in Sicht. Über die Carretera Austral verließen sie Patagonien wieder nach Norden, drei Wochen Dauerregen hatte sie mürbe gemacht. Erst am Rio Futaleufu kam der Spaß wieder zurück, zumindest für Thomas. »Ich war nach dem Kajakfahren auf dem Futa total high. Der Fluss ist der beste, den ich je gepaddelt bin.« Die letzten zwei Monate verbrachten sie mit einer kleinen Rundreise durch das mittlere Argentinien. Wegen der anfälligen Reifen gingen sie kein Risiko mehr ein und vermieden jede Schotterpiste. Von Mendoza brachen sie auf asphaltierten Straßen zur letzten Etappe ihrer insgesamt 44.000 Kilometer langen Reise nach Buenos Aires auf. Claudia flog in der ersten Juniwoche mit den Kindern zurück nach Deutschland, Thomas verfrachtete kurz darauf den LKW auf die Fähre und war vier Wochen später in Hamburg.

 

Seit knapp einem Jahr seid ihr jetzt zurück in eurer Wahlheimat Tirol, was gefällt euch dort besser?

Die soziale Absicherung sucht weltweit einfach ihresgleichen, auch das Bildungsangebot für die Kinder ist – allen Kritikern zum Trotz – nicht zu verachten und dann sind da noch die Verdienstmöglichkeiten. Ein Peruaner hat nicht so leicht die Möglichkeit, mit seinem angesparten Gehalt durch Europa zu reisen. Und die Kinder können Kontakte zu Gleichaltrigen und den Großeltern besser pflegen und regelmäßig ein Hobby ausüben.

 

Was vermisst ihr hier?

Freiheit, Sorglosigkeit, Herausforderungen, Intensität, Kinderfreundlichkeit, die Reduzierung auf das Wesentliche, die Tiefe, die Andersartigkeit, das Entdecken, das Staunen über Menschen, Lebensformen und Natur, die Offenheit, die Relaxtheit, das Erfüllen von Träumen.

 

Lagerfeuerromantik auf Patagonisch. | Foto: Thomas Gradl

Was haben die Kinder fürs Leben gelernt?

Reifen wechseln, Lagerfeuer machen, Grillen, Surfen, einen Schatz suchen, wie das Leben der Inkas funktionierte. Freunde finden und wieder Abschied nehmen, sich in neuen Situationen zurechtfinden, die leise Ahnung davon, wie gut es uns geht und wie privilegiert wir sind, die Einstellung, dass es für alles eine Lösung gibt. Eine leise Ahnung von Umweltzerstörung und Klimawandel. Das völlige Ausgesetztsein in der Natur, wie hart die peruanischen Bergbauern schuften. Lebensfreude, Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft. Offenheit gegenüber anderen Menschen, herauszufinden, dass es gute und schlechte Menschen gibt, und die Schwierigkeit, das zu unterscheiden. Dass der Teller einen Rand hat, über den es sich zu blicken lohnt. Wir hoffen, dass ihnen die Fähigkeit, mit anderen Kulturen umzugehen, ohne sie grundlegend zu verstehen, erhalten bleibt, denn dies wird in unserer Welt künftig eine Schlüsselqualifikation werden. Kurzum: Die Kinder haben gelernt, dass ihnen die Welt gehört.

 

Was hat der ganze Spaß gekostet?

Wir fünf haben 60 US-Dollar pro Tag gebraucht. Darin war dann aber auch alles enthalten wie Versicherungen, Autokosten, Ersatzteile, Essen, Übernachtung, Kleidung, Mitbringsel und Claudias Spontantrip nach Galapagos.

 

Und wie habt ihr das finanziert?

Zum einen haben wir vorher natürlich gespart und ein vorzeitig ausbezahltes Erbe bestmöglich investiert. Dazu kam dann noch die Miete unserer Eigentumswohnung. Unterwegs habe ich in Ecuador, Peru und Patagonien Kajakkurse für europäische Kundschaft angeboten.

 

Habt ihr unterwegs überlegt, einfach zu bleiben und eurer Heimat den Rücken zu kehren?

Ja, und wir würden das befristet auf einige Jahre gerne immer noch tun. Nur würden wir vorher die »Hin zu ...«- und »Weg von ...«-Faktoren auch vor Ort überprüfen, um Wunschtraum von Realität unterscheiden zu können. Vielen »Aussteigern«, die wir unterwegs getroffen haben, stand die Enttäuschung nämlich ins Gesicht geschrieben. Gerne würden wir für einige Jahre einen adäquat bezahlten Job in Südamerika annehmen, Firmen mit Stellengesuchen dürfen sich gerne bei uns melden. Und wenn es nach den Kindern geht, die wären sofort dabei. Einzige Bedingung: ein Pferd für jeden.

 

Die Rückkehr nach Europa war eine reine Vernunftentscheidung, an der Claudia und Thomas heute noch knabbern. Wäre es nach ihnen gegangen, wären sie heute noch unterwegs, aber den Kindern fielen die Abschiede während der Reise immer schwerer. Sie sehnten sich nach einem Ort zum Verweilen, nach einer Heimat. Dieser Ort hätte vielleicht auch in Südamerika sein können, aber die schulische Ausbildung und die guten Einkunftsmöglichkeiten gaben Europa den Vorrang. Claudia begriff, dass die Kinder in Schule und sozialem Umfeld viel mehr lernen konnten, als sie ihnen selbst beibringen konnte. Zurück in der alten Heimat bekam Claudia eine Lehrerstelle in Garmisch-Partenkirchen, die Familie kaufte sich ein Haus im österreichischen Leutasch und bastelt nun an einer Homepage zum Thema Fernreisen mit Kindern. »Meine Familie ist die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe und die Reise war das Schönste, was ich bisher erlebt habe, aber Familie und dauerhaftes Reisen sind schwer vereinbar. Ich muss akzeptieren, dass diese Reise nur eine Phase in meinem Leben war«, erkennt Claudia heute. »Aber ich kann jedem zu einer solchen Reise raten. Mach es, du kannst nur gewinnen!«