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Stefan Glowacz: Klettern für den Augenblick

Neue Orte entdecken als Antrieb: auf dem Weg zur Route »Into the Light« in einer Höhle im Oman. | Foto: Klaus Fengler
Neue Orte entdecken als Antrieb: auf dem Weg zur Route »Into the Light« in einer Höhle im Oman. | Foto: Klaus Fengler
Vom Posterboy der Sportkletterer zum Elder Statesma­­n des Expeditionsbergsteigens: Stefan Glowacz prägt seit 30 Jahren die Kletterszene – und jagt noch immer Kindheitsträume.

Stefan, du bist der wohl bekannteste deutsche Kletterer. Zunächst als erster Wettkampfprofi überhaupt, später mit sehr ungewöhnlichen Expeditionen. Zahlreiche Erstbegehungen, ikonische Fotos, epische Filme. Wie ging das alles los?

Stefan Glowacz: Mit 17 hab ich eine Lehre als Werkzeugmacher gemacht, aber eigentlich hat mich nur das Kletter­­n interessiert. Ich war total fanatisch. Nach der Arbeit ging’s bei jedem Wetter in den Klettergarten. Zusätzlic­­h habe ich mir einen Klimmzugbalken an die Decke geschraubt und trainiert. Am Ende der Lehre habe ich noch eine Brotzeit ausgegeben – und weg war ich, drei Monate zum Klettern nach Amerika.

Der Ruf der großen Freiheit?

Genau. Damals, 1984, war Reisen in den USA wahnsinnig teuer, vor allem wegen der Olympischen Spiele in Los Angeles. Nach einem Monat waren wir pleite. Die rest­liche Zeit haben wir irgendwie überbrückt und zum Beispiel mit Tupper­schüsseln die »All you can eat«-Buffets der Fast-Food-Restaurants geplündert. Dann musste ich wieder zurück an die Werkbank.

Stefan Glowacz | Foto: Julian Rohn Stefan Glowacz (52) ist aufgewachsen bei Garmisch-Partenkirchen und einer der erfolgreichsten deutschen Kletterer. Als noch intensiver als seine Kletterexpeditionen bezeichnet er die Zeit, in der er Vater von Drillingen wurde. Inzwischen sind seine Kinder erwachsen. Stefan ist in zweiter Ehe mit Tanja Valérien verheiratet, der Tochter von TV-Sport­legende Harry Valérien, und wohnt am Starnberger See.

Kletterprofis gab es praktisch keine, wie ist dir der Sprung gelungen?

Mit ganz viel Glück. Irgendwann tauchte Hans-Martin Götz auf. Der hat damals Patagonia in Deutschland vertrieben und wollte mit mir eine Firma gründen. Er hat mir seinen Kombi gegeben, ich fuhr als Außendienstler rum.  Dann kam der Fotograf Uli Wiesmeier ins Spiel, den ich vom Klettern im Oberreintal kannte. Uli jobbte als Zimmer­­mann, war aber nebenher schon mit Multivisions­vorträgen unterwegs. Wir haben dann unsere Karrieren zusammen gestartet – ich bin geklettert und er hat die Bilder gemacht.

Ikone der Kletterfotografie: Stefan baumelt free solo in Australien für  die Kamera von Uli Wiesmeier. | Foto: Uli Wiesmeier
Ikone der Kletterfotografie: Stefan baumelt free solo in Australien für die Kamera von Uli Wiesmeier. | Foto: Uli Wiesmeier

Mit diesem Konzept – ein Sportler und ein Fotograf ziehen gemeinsam los – wart ihr Pioniere in Sachen Vermarktung …

Uli war eindeutig der Geschäftstüchtigere, ich hatte nur Klettern im Kopf. Er hatte die Idee zum Bildband »Rocks around the World«, der uns später beide bekannt machte. Uli hat mich auch überredet, 1985 beim ersten großen Kletterwettkampf überhaupt mitzumachen, das war so eine Art inoffizielle Weltmeisterschaft, die besten Kletterer waren da. Wir sind mit meinem alten VW-Bus nach Italien gefahren – und ich, der No-Name aus Bayern, habe tatsächlich gewonnen. Das hat alle überrascht, auch mich. Von da ging es von null auf hundert. Ob ich wollte oder nicht, ich wurde der Frontmann einer neuen Klettergeneration. Plötzlich hatte ich die Möglichkei­­t, von meine­r Leidenschaft zu leben. Wir fuhren von Wettkampf zu Wettkampf und hatten eine super Zeit.

Haben die Wettkämpfe das Klettern verändert?

Definitiv. Die künstlichen Wettkampfwände waren die Vorreiter für die heutigen Kletterhallen, die ja viele Leute begeistern und zum Sport bringen. Und das Klettern selbst bekam eine völlig neue Spielart.

»Die Lust am Abenteuer war schon imme­­­r da. Das Klettern wurd­e mein Vehikel, um aufzubrechen.« | Foto: Klaus Fengler
»Die Lust am Abenteuer war schon imme­­­r da. Das Klettern wurd­e mein Vehikel, um aufzubrechen.« | Foto: Klaus Fengler

Das sorgte aber auch für Diskussionen in der Szene. Hier die Wettkämpfer mit dir als Aus­hängeschild, dort die Rotpunkt-Szene um die legendäre Lichtgestalt Wolfgang Güllich.

Wettkampf war nicht so Wolfgangs Ding. Er war der Initiator des modernen Sportkletterns, extrem innovativ und sehr analytisch. Der Erste, der wirklich systematisch trainiert und so neue Schwierigkeitsgrade erschlossen hat. Allerdings war er kein begnadeter On-Sight-Kletterer, konnte also nicht gut gleich im ersten Versuch schwer klettern. Darauf kommt es im Wettkampf aber an.

Als dann das Buch von Uli Wiesmeier erschien, das dich fotogen in den Mittelpunkt stellte, wurde vom »Posterboy« Stefan gesprochen – plötzlich gab es zwei Lager …

Oh je, da wurde viel hineininterpretiert. Wolfgang galt als der pure Kletterer, der im Straßengraben übernachtet. Tatsächlich musste er sich aber nie Geldsorgen machen und hatte auch Sponsoren. Ich wurde von manchen in die Schublade gesteckt, dass ich das Klettern kommerzialisiert hätte. Vor allem wollte ich nicht zurück an die Werkbank. Da habe ich auch mal für einen Sponsor eine Show gemacht und bin in der Stadt eine Fassade hochgeklettert.

Später bist du mit Kurt Albert, dem kongenialen Kletterpartner von Wolfgang Güllich, häufig auf Expedition gegangen. Wart ihr eigentlich gar nicht so verschieden?

Die Philosophie war grundsätzlich gleich. Wäre Wolfgang nicht so früh gestorben, er wäre sicher mit auf unsere Expeditione­­n gekommen. (Wolfgang Güllich starb 1992 bei einem Autounfall, die Red.)

Klettern, essen schlafen: Das Gesamterlebnis Expedition ist genauso wichtig wie die Tour selbst. | Foto: Klaus Fengler
Klettern, essen schlafen: Das Gesamterlebnis Expedition ist genauso wichtig wie die Tour selbst. | Foto: Klaus Fengler

Haben diese Kommerz-Debatten nicht genervt?

Immer wieder mal, aber dafür war viel Musik in der Szene. Das fehlt mir heutzutage. Es gibt tolle Kletterer, aber kaum einer diskutiert die Entwicklung. Wer schreibt denn noch kontroverse Artikel? Vorträge, bei denen das eine Rolle spielt, halten die Huberbuam und ich. Früher hatte die Szene mehr charismatische Typen, die auch was sagen wollten. Ohne Kontroversen verarmt der Sport.

Vielleicht kommt der Bergsport ja inzwischen ganz gut ohne ständige Diskussionen aus?

Das glaube ich nicht. Mal ein Beispiel: Unser Sport basiert auf der Ehrlichkeit der Protagonisten. Wenn Adam Ondra in den Wald geht und sagt, er hat dort eine 9c geklettert, dann glaubt ihm das jeder. Er kann also eine neue Dimension eröffnen, ohne dass ein Schiedsrichter oder Funktionär dabei sein und es bezeugen muss. Diese Philosophie ist ein sehr wertvoller Bestandteil des Kletterns. Aber damit das alles weiter glaubwürdig bleibt, sind Debatten notwendig. Auseinandersetzungen haben das Klettern immer wieder ein Stück weitergebracht. Wenn man nicht mehr öffentlich diskutiert, nehmen Unehrlichkeiten zu.

Gilt das auch für die jüngsten Diskussionen um Ueli Stecks Solobesteigung der Annapurna-Südwand?

Dazu erlaube ich mir kein Urteil, weil ich in dieser Höhenbergsteiger-Szene nicht drin bin. Ueli Steck hat dort ein neues alpines Kapitel eröffnet – aber keinen Beweis, dass er wirklich bis zum Gipfel gekommen ist. Natürlich ist dann eine Diskussion erlaubt. Jeder, der vom Klettern lebt und in der ersten Reihe steht, muss sich dem stellen. Es geht um die Ethik, und die geht einfach von der Spitze aus. Wenn du einen Meilenstein planst, sollte er auch dokumentier­­t werden, finde ich. (Erst nachdem dieses Interview geführt worden war, verunglückte Steck auf einer neuen Expedition im Everest-Gebiet tödlich, die Red.)

Wie kleine  Boote in einem  Ozean aus Fels: Stefans Seilschaft  in einer Wand auf Baffin Island. | Foto: Klaus Fengler
Wie kleine Boote in einem Ozean aus Fels: Stefans Seilschaft in einer Wand auf Baffin Island. | Foto: Klaus Fengler

Wurdest du auch mal zu Recht gerügt?

Allerdings. Als ich »Kanal im Rücken« im Altmühltal geklettert bin, damals die schwerste Tour in Deutschland.  Erst steigst du einen leichten Riss hoch, dann beginnt der schwere Teil. Nach dem leichten Stück war es aber zu feucht zum Weiterklettern. Ich kletterte den Riss wieder ab, ohne die Sicherungskette zu belasten. Am nächsten Morgen bin ich wiedergekommen und konnte die Route klettern. Zuvor hatte man solche Kaliber über Monate einstudiert, aber mir war »Kanal im Rücken« nun an einem Tag gelungen – sagte ich. Daraufhin machte mich Wolfgang Güllich rund, öffentlich auf dem Flur der Szene­messe ISPO, eine ganze Traube Leute lief zusammen. Ich hätte zwei Tage gebraucht, nicht einen! Ich erklärte, dass ich am Vortag nur das leichte Gelände hoch wäre und nichts im schweren Teil probiert hätte. Egal!, beharrte Wolfgang. Im Endeffekt hatte er recht. Es schmälert nicht die Leistun­­g, aber die Diskussion war wichtig.

Nach einigen Jahren und vielen Titeln hast du die Wettkämpfe hinter dir gelassen und dich ziemlich krassen alpinen Unternehmen und Expeditionen zugewandt. Warum?

Die Lust am Abenteuer war schon immer da, seit meiner Kindheit. Ich hatte immer eine Sehnsucht nach Kanada – so mit dem Wasserflugzeug absetzen lassen und in einer Blockhütte überwintern. Als Jugendlicher habe ich mit Freunden Expedition gespielt: von Garmisch über die Notkarspitze bis zum Plansee. Wir waren eine Woche unterwegs, sind allerdings nur bis Schloss Linderhof gekommen, weil es gewittert hat und wir Schiss kriegten.

Das Klettern wurde mein Vehikel, um wieder in diese Abenteuerwelt aufzubrechen. 1992 habe ich mit Wolfgang Müller das erste Projekt im Wilden Kaiser gestartet. Es war wie ein Zeichen, auf das ich gewartet hatte. Wir standen vor diesem unberührten Pfeiler. Alle meinten, er sei unbezwingbar. Als wir loslegten, wurde mir klar, dass ich genau das machen wollte. »Kaisers neue Kleider« war dann für lange Zeit die schwerste Mehrseillängentour der Welt.

Dein Schlüsselerlebnis?

Absolut. Ab diesem Zeitpunkt wollte ich eigene Ziele definiere­­n und verwirklichen. Ich hatte aber Angst, dass meine Sponsoren abspringen würden. Doch die sagten alle, es seien tolle Sachen, die ich da mache. So konnte ich das Abenteuer mit dem Hochleistungsaspekt verbinden.

 

Bildergalerie: Aus eigener Kraft zum Berg

Bei deiner ersten großen Expedition in Kanada habt ihr gleich mal richtig gelitten – und trotzdem hat es dich gepackt?

Mein letzter Film heißt ja »Jäger des Augenblicks«. Das bringt mein Leben auf den Punkt. Ich suche nach besonderen Augenblicken. Und je mehr du leiden musst, umso intensiver sind die Erlebnisse. Wir haben damals eine Woche lang unsere Boote den    Macmillan River hoch­gezogen, sind dann 100 Kilometer den South Nahanni runtergepaddelt, am Glacier Lake übergesetzt, ins Basis­lager aufgestiegen, haben eine Erstbegehung gemacht und sind dann wieder eine Woche rausgepaddelt. Das Essen ging aus. Es hat ständig geregnet. Einer hat sein Moskito­netz verloren. Irgendwann standen wir bis zu den Oberschenkeln im Schlamm bei strömendem Regen in einem Wald und haben versucht, unser Zelt aufzubauen. Was für ein Mist! Aber ich stand in der Landschaft meiner Träume und konnte das alles durchs Klettern er­leben. Das war ein unglaubliches Privile­g und ein guter Plan für die Zukunft.

Du absolvierst deine Expeditionen »by fair means«. Wer definiert, was fair ist?

Wir wollen aus eigener Kraft vom letzten Zivilisationspunkt eine Erstbegehung machen und auch wieder so zurückkehren. Unser Startpunkt ist dort, wo der öffentliche Verkehr endet. Andere sagen vielleicht: Ganz fair ist es nur, wenn man hier zu Hause mit dem Fahrrad losfährt und über die Nordsee nach Baffin Island paddelt. Jeder kann selbst entscheiden, das finde ich faszinierend am Bergsteigen. Du musst nur am Ende ehrlich erzählen, wie du es gemacht hast.

 

Profi der Vertikalen: Stefan Glowacz

          Wettkampfkletterer
Als Sieger des ersten internationalen Kletterwettkampfes 1985 beginnt Stefan seine Karriere. Er gewinnt dreimal den Rockmaster (Wimbledon des Kletterns) und beendet 1992 seine Wett- kampf­laufbahn als Vizeweltmeister.

Schwierigkeitskletterer
Mit »Kaisers neue Kleider« (X+) eröffnet er 1994 die damals schwerste Mehrseillängentour der Welt. Auch im Laufe der Jahre gelingen ihm immer wieder schwerste Erstbegehungen wie 2004  »Letzte Ausfahrt Titlis« (X–) und die Route »Into the Light« (8b+) im Jahr 2013.

             
           Expeditionist
Ab Mitte der 1990er-Jahre nutzt er verschiedenste Disziplinen, um sich seinen Kletterzielen zu nähern. Der erste große Trip geht 1995 nach Kanada (Schlauchkanadier), es folgen Trips nach Ostgrönland (Seekajak), in die Antarktis (Segelboot), nach Patagonien (Ski und  Pulka), Venezuela (zu Fuß und mit Faltkanadiern) und Baffin Island (Ski, Pulka, Kites und mit selbst konstruierten Carbonschlitten).

Unternehmer
Stefan hält Motivations- vorträge für Unternehmen (u. a. sprach er auch vor der deutschen Fußball-National-mannschaft). 1996 gründete er seine eigene Klettermarke »Red Chili«.
Mit vielen seiner Sponsoren (wie Gore, Red Bull, Marmot, Lowa, Suunto) arbeitet er seit Jahrzehnten zusammen. Seit 2014 ist Stefan auch Herausgeber des Bergmagazins »Allmountain«.

 

Was sagst du zu der These, dass es auf dem Planeten nichts mehr gibt, was nicht schon gemacht wurde?

Die großen Gipfel sind zwar gemacht, aber jetzt kommt es auf die Kreativität an – und wie ich die Berge besteige. Also: Wie reise ich an, welche Route wähle ich und auf welche Hilfsmittel verzichte ich. Ich finde es schön, dass jede Generation das Bergsteigen für sich interpretiert. Dadurch wird es unglaublich farbig und dynamisch. Es hört eben nicht auf, nur weil es keine neuen Berge mehr zu besteigen gibt.

Take the long way: mit  Robert Japser übers gefrorene Meer zur nächsten Wand in Baffin Island. | Foto: Klaus Fengler
Take the long way: mit Robert Japser übers gefrorene Meer zur nächsten Wand in Baffin Island. | Foto: Klaus Fengler

Um zu deinen Kletterzielen zu kommen, bist du mit Kites gesegelt, über Wildflüsse und das Meer gepaddelt, durch den Dschungel marschiert. Was war das Schwierigste?

Alles, was mit dem Kajak zu tun hat. Wir haben am Eibsee jeden Tag die Eskimo­rolle trainiert, die allerdings auf Baffin Island auch mal nicht funktioniert hat. Da bin ich fast ertrunken. Und im Wildwasser setzt eine Dynamik ein, die du nur bedingt beeinflussen kannst. Du kannst dann nicht einfach aussteigen, wenn es dir reicht. Beim Klettern bekommst du ein Seil, aber im Kajak hast du ein Problem, wenn du zum Beispiel das Kehr­­wasser nicht kriegst.

Für die letzte Tour nach Baffin Island hast du sogar einen speziellen Schlitten entwickelt?

In der Entwicklung steckt der Erfahrungsschatz meiner vorherigen Expeditionen. Vor allem die Dinge, die nicht gut gelaufen sind, waren wichtig. Den Schlitten konnten wir auch als Wagen, Floß und Portaledge (Schlafplattform in der Steilwand, die Red.) benutzen, so waren wir auf alles vorbereitet. Die Entwicklung hat 60 000 Euro gekostet, für mich sehr viel Geld. Aber BMW und Red Bull waren begeistert, wir haben gleich einen Carbonspezialisten zur Verfügung gestellt bekommen.

Dank deinen Erfahrungen bauen deine Sponsoren auch bessere Ausrüstung?

Ich arbeite zum Beispiel seit 20 Jahren mit Gore zusammen. Die ersten Gore-Tex-Jacken waren noch Rüstungen. Da ist unheimlich viel passiert. Neben der Kletteraus­rüstung ist die oberste Bekleidungsschicht die wichtigste sicherheits­relevante Ausrüstung. Uns hat es in Patagonien mal das Zelt zerrissen und alles, was uns noch schützte, war die Jacke. Besonders für Schnitte oder Verstärkungen bringe ich Ideen ein. Die reine Technologie entsteht im Labor, aber wir Athleten testen die Teile unter Natur­bedingungen, bevor sie in die Läden kommen.

Erst Idol, dann Freund und Expeditionspartner: Kurt Albert (links) war oft mit Stefan unterwegs. | Foto: Klaus Fengler
Erst Idol, dann Freund und Expeditionspartner: Kurt Albert (links) war oft mit Stefan unterwegs. | Foto: Klaus Fengler

Auch mit Marmot hast du eine lange Beziehung?

Ewig. Das fing vor etwa 15 Jahren an, als Andy Schimeck neu als Marmot-Chef antrat. Ich hatte mich gerade von Jack Wolfskin getrennt, weil die lieber in Fußballstadien werben wollten. Mit Andy, der selbst Bergführer und ein Abenteuerfreak ist, habe ich das perfekte Verhältnis. Wenn er mal am Budget sparen muss, reden wir offen darüber und finden Lösungen. Das ist das Schöne an der Outdoor-Branche, es gibt noch viele wirkliche Persönlich­­keiten. Ander­e Firmen versuchen dagegen nur, mit sehr viel Geld ein Image zu kreieren.

 

Sponsoren werden auch mal kritisch beäugt, besonders Red Bull …

Bei Red Bull war ich einer der allerersten Athleten. Ich hab mit Dietrich Mateschitz die Zusammenarbeit per Handschlag besiegelt und bis heute keinen schriftlichen Vertrag. Das hat mich damals wahnsinnig beeindruckt. Von Dietrich Mateschitz habe ich gelernt, was ein mündiger Athlet ist, der sich selbst überlegt, wie er seinen Partnern was zurückgeben kann. Mit Sponsoren nur aus der Outdoor-Branche hätte ich 80 Prozent meiner Expeditionen nie machen können. Klettern ist wirklich kein Sport, bei dem man reich wird, ich kenne keinen Kletterer, der sechsstellig verdient. Bei Red Bull habe ich inzwischen auch eine Art Mentorenrolle und werde gefragt, welche neuen, jungen Kletterer man unterstützen sollte.

Mit dem Vorsatz »Das können wir besser« gründete Stefan ... | Foto: Red Chili
Mit dem Vorsatz »Das können wir besser« gründete Stefan ... | Foto: Red Chili

Was sagst du zu der verbreiteten Kritik an Red Bull, wonach die gesponserten Sportler sehr hohe Risiken eingehen?

Ich kann sagen, was ich wahrnehme. Red Bull sieht uns Sportler als Experten. Wir schlagen Projekte vor, die sie dann unterstützen. Niemand muss Kopf und Kragen riskieren. Manche meiner Ideen wurden sogar abgelehnt. Auch ein Rückzug kann interessant sein, das macht den Sportler eher sympathisch, da wird nicht der Vertrag gekündigt. Das Proble­m liegt in sehr extremen Sportarten wie Wingsuitfliegen – da liegt die Leistungssteigerung nur noch in der Erhöhun­­g des Risikos. Wingsuitpiloten fliegen mittlerweile über Plateaus, wo sie mit ihrem Bauch die Gras­narbe berühren. Diese Dynamik entsteht aber durch die Natur der Sportart selber, nicht durch die Sponsoren.

... mit Uwe Hofstädter vor 20 Jahren die Kletterfirma Red Chili. | Foto: Red Chili
... mit Uwe Hofstädter vor 20 Jahren die Kletterfirma Red Chili. | Foto: Red Chili

Bei Red Chili bist du dein eigener Sponsor?

Da bin ich kein gesponserter Kletterer, sondern Unternehmer. Die Firma habe ich vor 20 Jahren mit Uwe Hofstädter gegründet. Ich bin der Visionär, der die Ideen hereinbringt, und Uwe ist der Mann fürs Tagesgeschäft. Wir waren überzeugt, dass wir bessere Kletterschuhe hinkriegen als alle anderen. Daher auch unser Slogan »Nur ein Kletterer weiß, was ein Kletterer braucht«.

Was rätst du – als Unternehmer und als Bergprofi – jungen Sportlern, die Sponsoren suchen?

Seid professionell und denkt mit. Unternehmer haben eine Erwartungshaltung. Gesponserte Athleten sind wichtig, weil man sieht, was die Produkte taugen. Der Athlet sollt­e sagen: Ich mache diese Expedition und brauche jenes Budget. Dafür vermarkte ich mich selber, dokumentiere die Tour auf Facebook, stelle Bilder zur Verfügung und schaue, dass Berichte veröffentlicht werden.

Stefan im Interview mit GM-Redakteur Julian Rohn. Danach ging’s wieder in den Trainingskeller. | Foto: Stephan Glocker
Stefan im Interview mit GM-Redakteur Julian Rohn. Danach ging’s wieder in den Trainingskeller. | Foto: Stephan Glocker

Unter deinen Wegbegleitern sticht Kurt Albert heraus. Er hat immer gemahnt, dass man nie nur einem Sicherungspunkt vertrauen soll ...

Ich hänge mich nur in absoluten Ausnahmen an nur einen Haken, sein Satz spukt immer im Kopf. Vor allem, weil Kurt genau das zum Verhängnis wurde. Er stürzte tödlich ab, als sich seine einzige Sicherung auf einem Klettersteig in Franken unbeabsichtigt aushängte.

Was hast du noch von Kurt Albert gelernt?

Kurt hat weit übers Klettern hinaus meine Lebensein­stellung geprägt. Die Unabhängigkeit, das Leben für die Leiden­schaft, die Lebensphilosophie – das hat Kurt mir vorgelebt. Ich wollte als Jugendlicher immer sein wie er, und als wir dann zusammen unterwegs waren, hat sich mein Bild bestätigt. Er hat wirklich so kompromisslos gelebt. Mit Kurt hatten wir in der größten Scheiße noch Spaß. Jeder wusste, dass es ernst ist und wehtun wird. Aber wir haben den Humor nicht verloren.

 

GM Info

Filmtipp: Jäger des Augenblicks

Die Doku über die Expedition zum Tafel­­berg Roraima ist gleichzeitig ein Nachruf auf Stefans langjährigen Kletterpartner Kurt Albert.

Zusammen mit Holger Heuber waren sie in den Dschungel aufgebrochen. Der erste Trip scheitert, zu Hause verunglückt Kurt Albert tödlich, und beim zweiten Versuch müssen Stefan und Holger Heuber alleine zurechtkommen.

DVD, Laufzeit 102 Min., Globetrotter-Art.-Nr.: 23.67.94, € 9,99

 

 
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