präsentiert von:

So schmeckt der Winter

Foto: Lars Schneider
Tagsüber auf Schneeschuhen durchs 
weiß getünchte Lappland stapfen, abends im 
Schlafsack aufs Nordlicht warten: Die 80 Kilometer lange »Bärenrunde« ist eine Winterwanderung der ganz besonderen Art.

Damit könnt ihr im tiefen Schnee marschieren wie im Sommer auf einem Wanderweg!« Mir klingen die Worte des Verkäufers noch in den Ohren, bei dem wir die Schneeschuhe gekauft hatten. Doch was mein guter Freund Evangelos nach den ersten 500 Metern auf den breiten Tretern veranstaltet, erinnert kaum an einen Sommerspaziergang: Bis zur Hüfte steckt er im Schnee, 35 Kilo Rucksackgewicht drücken von hinten nach. Evangelos versucht krampfhaft das Gleichgewicht zu halten, um nicht vollständig zu versinken.

Im steten Wechsel übernachtet man auf der Bärenrunde mal im Zelt, mal in beheizbaren Hütten. | Foto: Lars Schneider

Wir befinden uns auf dem ersten Kilometer des »Karhunkierros«-Trails in Finnisch-Lappland, in unseren Breiten besser bekannt unter dem Namen »Bärenrunde«. Dabei ist der Trek gar keine Rundtour, auch Bären trifft man hier normalerweise nicht, um diese Frage gleich zu beantworten; aber auf den rund 80 Kilometern durch verschneite Winterwelten wird es dennoch nie langweilig. Die Tour ist wie geschaffen für eine erste längere Wintertour abseits der Zivilisation. Zwar kann man auf ein Zelt nicht verzichten, doch bieten Hütten, die man mindestens jeden zweiten Tag erreicht, ein gewisses Maß an Komfort und Sicherheit.

Am Morgen, noch lange vor Sonnenaufgang, waren wir von der Stadt Kuusamo nach Hautajärvi gefahren. In dem 50-Personen-Bus befanden sich nur der Busfahrer und wir beide. An der Haltestelle am Zielort warteten dann einige Leute, allerdings nicht um mitzufahren, sondern auf Post und Zeitungen, die der Bus brachte. Wir versuchten herauszufinden, wo man in Hautajärvi einen Kaffee bekommt. »Kaffi?«, fragten wir schon den dritten Finnen. »Kaffili!?«, gab dieser zurück. Wir nickten. Endlich hatte man uns verstanden. Der Mann zückte sein Handy, führte zwei Telefonate und schickte uns zum Besucherzentrum des Oulanka-Nationalparks. Dieses würde jetzt geöffnet werden – extra für uns, wie der Finne fröhlich in fließendem Englisch erklärte.

Als wir ein paar Minuten später eintrafen, standen bereits geschmierte Brote und dampfender Kaffee auf dem Tisch. Satt und aufgewärmt schnallten wir schließlich die Schneeschuhe an, schulterten die schweren Rucksäcke und starteten gut gelaunt zu unserer siebentägigen Winterwanderung – um nach 500 Metern bereits festzustecken.

 

Abseits aller Strassen

Nur mit meiner tatkräftigen Unterstützung kommt Evangelos wieder auf die Schneeschuhe. Wir setzen vorsichtig Schritt für Schritt und versuchen, nicht andauernd über die eigenen Tennisschläger-Latschen zu stolpern. Immer wieder plumpsen wir ins weiche Weiß, doch nach ein, zwei Stunden haben wir offenbar einen Großteil unseres Greenhorn-Lehrgelds bezahlt. Es geht noch langsam, aber es geht voran!

Eine Weile folgt der Trail einem schmalen Forstweg, hier und da stehen zwischen den Bäumen Blockhäuser, dann wird es einsamer. Wir sind allein. Die Sonne kommt heraus, kleine Lawinen fallen von den Bäumen auf uns herab, Schneekristalle glitzern tausendfach im Licht. Der Karhunkierros-Trail schwenkt ab ins Gehölz und hört auf, ein gespurter Weg zu sein. Nach einem kurzen Stück durch lichten Birkenwald breitet sich vor uns eine weite weiße Fläche aus – unberührt, keine Wegmarkierung weit und breit. Laut Karte müssen wir nur weiter geradeaus.

Bei einer Schneeschuhwanderung sollte man diese keinesfalls vergessen, wie dieses Bild eindeutig beweist. | Foto: Lars Schneider

Jetzt erst wird klar, was es wirklich bedeutet, mit Schneeschuhen unterwegs zu sein. Wo es keine fest getretene Spur gibt, sacken wir im metertiefen Pulver bis zu den Knien ein. Jeder einzelne Schritt bedarf großer Kraftanstrengung, um aus dem Schnee freizukommen und den Fuß nach vorne zu setzen. Zum Glück ist das offene Gelände nicht allzu ausgedehnt. Nach einer Stunde stehen wir schwitzend am Rande des nächsten Waldstücks. Hier verläuft auch die offizielle Grenze des Oulanka-Nationalparks. Ab jetzt sind wir abseits aller Straßen.

 

Eine eiskalte Nacht im Zelt

Hier gilt die erste Winterwander-Regel: Erst stapfen, dann mampfen! | Foto: Lars Schneider

Im Wald geht es etwas besser voran, weil der Schnee nicht ganz so tief und fein ist. Als wir kurz vor Anbruch der Dunkelheit unser Lager aufschlagen, sind wir trotzdem ziemlich kaputt – nach gerade einmal acht Kilometern. Das Zelt im Wald aufzustellen ist kein großes Problem. Wo im Sommer Äste und Wurzeln den Liegekomfort stören, schlafen wir heute watteweich in einer Schneemulde. Wir essen mit Heißhunger und verkriechen uns früh in die dicken Daunensäcke. Es ist wunderbar gemütlich. Der einzig unangenehme Moment der Zelt-Übernachtung kommt, als wir uns morgens aus den molligwarmen Schlafsäcken pellen und die hart gefrorenen Hosen, Jacken, Schuhe und Handschuhe überziehen müssen. Minus 15 Grad zeigt das Thermometer in der Apsis. Da hilft nur eins: schnell packen und sofort loslaufen. Sobald man sich bewegt – so die wichtigste Regel für Wintertouren – kann einem die Kälte nichts mehr anhaben.

Noch jemand scheint diese Regel zu kennen: Plötzlich kommt uns ein Rentier entgegen. Verdutzt schauen wir uns einen Moment lang an, dann sucht das Tier das Weite. Ein paar Meter schafft es fast tänzelnd, doch dann stoßen auch die breiten Hufe an die Grenze ihrer Tragfähigkeit, das Rentier bricht gut einen halben Meter tief in den Schnee ein. Hektisch arbeitet es sich heraus und torkelt wie betrunken weiter.

 

Winterwunderland

Mit einem wärmenden Ofen in der Hütte wird jede noch so kalte Nacht zu einem wahren Wintertraum. | Foto: Lars Schneider

Wir finden eine alte Schneemobil-Spur, auf der frische Abdrücke von Schneeschuhen zu sehen sind. Da sind offenbar noch andere auf großem Fuß unterwegs. Wer das ist, erfahren wir am Abend, als wir die Savilampi-Hütte erreichen. Schon von weitem ist durchs Fenster flackerndes Kerzenlicht zu sehen. Als wir die Tür aufstoßen, gibt es ein großes Hallo: Die beiden Schneeschuh-Wanderer heißen Thomas und Stefan, kommen aus Sachsen und haben bereits den Ofen angefeuert. Besser könnte es kaum sein: Nach einem langen Tag in klirrender Kälte in die warme Stube treten, Tee trinken, die Sachen trocknen. Die letzte Nacht im Zelt war ja schon klasse, aber dies hier ist ein wahr gewordener Wintertraum.

Nach Passagen über Hügel und durch Wälder zeigt sich der Trail anderntags von einer neuen Seite. Wir können über den zugefrorenen Fluss Oulankajoki marschieren und kommen erstaunlich schnell voran. Schon nach einer Stunde sind die vier Kilometer zu den Stromschnellen von Taivalkongäs geschafft. Der Fluss teilt sich hier in drei Arme, die von mehreren Hängebrücken überspannt werden. Die von Menschenhand gebauten Brücken wirken etwas sonderbar inmitten der sonst unberührten Wildnis, doch wir sind dankbar dafür. Auf schwankenden Planken tasten wir uns vorwärts. In den Katarakten zu unseren Füßen strömt das Wasser zu schnell, als dass es gefrieren könnte. An den Ufern jedoch schimmern kunstvolle Eisblumen und überkrustete Felsen, die aussehen, als hätte sie jemand mit Glas überzogen.

Auf der anderen Seite nimmt der Pfad fast alpine Dimensionen an. Steil steigen wir durch den Wald bergauf, können uns fast im Stehen an den Hang lehnen. Kein ideales Terrain für Schneeschuhe. Doch die Mühe lohnt: Oben wartet auf einem Plateau ein wahres Winterwunderland. In leichtem Auf und Ab wandern wir durch einen verschneiten Zauberwald. Von ihrer Schneelast gebeugte Tannen neigen sich wie Tore über den Trail, vereiste Sträucher stehen Spalier. Hier und da haben Schneehasen und Rentiere ihre Spuren hinterlassen.

Auf die Verzückung folgt prompt die nächste Bauchlandung mit anschließenden Ausgrabungsarbeiten. Ein etwas zu kurzer Schritt, und man setzt das Ende des einen Schneeschuhs auf die Vorderkante des anderen. Verlagert man das Gewicht nun für den nächsten Stapfer nach vorn, geht zwar die Bindung mit, aber nicht das Bein. Im Ergebnis landet man ungebremst mit der Nase voraus im Schnee.

Nach einer weiteren Nacht im Zelt erreichen wir das Besucherzentrum des Nationalparks bei Ristikallio. Dort gibt es warmen Kaffili und einen Bären – ausgestopft in einer Vitrine. »Etwa zehn Braunbären gibt es noch im Park,« erklärt uns eine Rangerin, »doch die wandern auch gern mal über die russische Grenze, die hier ganz in der Nähe verläuft.« Unsere Aussichten, unterwegs auf einen lebenden Meister Petz zu stoßen, bewertet sie mit »Null komma null«.

 

Zum Abschied Nordlicht

Noch über 50 Kilometer sind es bis ans Ziel im Skigebiet Ruka und die Etappen werden immer schöner. Der Oulankajoki sorgt weiterhin für Abwechslung: Wir passieren Stromschnellen, wandern durch weite Wälder, die mitunter bis zur Unkenntlichkeit verschneit sind. Alles Mögliche und Unmögliche könnte man unter den bizarren Schneehaufen vermuten, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Durchbrochen wird der Wald von gleißenden Sonnenstrahlen, die zu dieser Jahreszeit zwar kaum wärmen, aber doch eine starke psychologische Kraft haben.

Auf Biegen und Brechen – selbst im späten März ist der finnische Winterwald noch von einem dicken Schneepanzer überzogen. | Foto: Lars Schneider

Dann fängt es an zu schneien. Das Land wird von einer weiteren weißen Lage bedeckt, alles wirkt noch stiller, noch friedlicher. Man hört allein das Knirschen des Schnees unter unseren Schritten und einen gelegentlichen Aufschrei, wenn wieder eine Minilawine aus den Baumwipfeln direkt im Genick landet. In der Jussinkämppä-Hütte treffen wir die beiden Sachsen wieder – und eine Maus, die unser Gepäck auf der Suche nach Vorräten inspiziert. Mein herbeifliegender Stiefel treibt sie in die Flucht.  

Das Ende der Tour naht und noch immer haben wir keine Nordlichter gesehen. Es ist wie verhext: Mal ist der Nachthimmel klar, aber nichts passiert; mal ist es bewölkt, während darüber bestimmt ein Feuerwerk an Farben explodiert. Wir hoffen auf die letzte Nacht. Unser Zelt steht auf einem gefrorenen See, gut zehn Kilometer vor Ruka. Es ist kalt wie in keiner Nacht zuvor – minus 20 Grad! Als ich nach dem Kochen ins Zelt krieche, ist der durchs Fleece austretende Schweißdampf an der Innenseite der Jacke gefroren. Der Nudeltopf erkaltet, bevor wir ihn leer löffeln können.

Als wir vor dem Hinlegen noch mal raus gehen, überzieht ein graues Band von Horizont zu Horizont den Himmel. Ein fast sicheres Zeichen für Nordlichter, wie wir später erfahren. Die Kälte treibt zurück ins Zelt, doch als wir wenig später den Kopf herausstrecken, jeder auf seiner Seite, flackert es übers Firmament: Grüne Wellen wabern über uns hinweg, mal klar umrissen, mal wild zerfranst. Fast erwartet man eine Art Soundtrack, ein Rauschen, Donnern oder sonstiges Lärmen. Doch es ist einfach nur still. Das grüne Leuchten über uns und wir ganz klein, auf einem verschneiten See, irgendwo im Norden Finnlands. Mehr ist nicht in diesem Moment.

 
4-Seasons Info
 

Die finnische Bärenrunde auf Schneeschuhen

 

Charakter: Die im Sommer als Trekkingtour beliebte Bärenrunde (rund 80 km) lässt sich im Winter auf Schneeschuhen in etwa einer Woche bewältigen. Geschlafen wird im Zelt, man kann aber etwa jede zweite Nacht in Hütten (kostenlos) verbringen. Diese Infrastruktur und geringe Höhenunterschiede machen die Runde auch für Wintertour-Neulinge interessant.

 

Beste Zeit: März (nicht ganz so kalt, länger Tageslicht als im Hochwinter).

Anreise: Über Helsinki nach Kuusamo (ca. 800 km). Finnair fliegt die Route täglich (Info: www.finnair.com). Mit Zug & Bus ist Kuusamo via Oulu erreichbar. Von Kuusamo gelangt man per Bus zum Startpunkt der Wanderung, dem kleinen Ort Hautajärvi. Endpunkt der Tour ist das Skigebiet Ruka, von dem es wiederum Busverbindungen nach Kuusamo gibt.

Verpflegung: Der Proviant muss komplett mitgeführt werden. In  Ristikallio (Nationalpark-Besucherzentrum) passiert man einen kleinen Laden, der eine begrenzte Auswahl an Schokoriegeln und Konserven bietet. Auf kalorienreiche Nahrung achten, da der Körper auf einer Wintertour sehr viel Energie benötigt.

Ausrüstung: Komplette Winterausrüstung mit Zelt, Schlafsack & Co für Temperaturen bis ca. -20°C. Schneeschuhe nach ausführlicher Beratung im Fachgeschäft kaufen, auf das geschätzte Gesamtgewicht (Körper, Kleidung, Rucksack) abstimmen.

4-Seasons-Tipp: Auch im frühen Herbst ist die Bärenrunde eine tolle Tour. Der Indian Summer ist fast nirgendwo so schön wie in Nordfinnland.

Infos: Allgemeines von der Finnischen Zentrale für Tourismus, Lessing-straße 5, 60325 Frankfurt, Tel. 069/50070157, www.finnland-tourism.de.
Nationalpark-Verwaltung: Nationalpark Oulanka, Liikasenvaarantie 139, FIN-93600 Kuusamo, Tel. 00358/8/863429; www.metsa.fi.

Karte: Rukatunturi, Oulanka Kansallispuisto, im Maßstab 1:40.000, Genimap, ISBN 951-593-728-0, ca. 13 Euro.

Wander-Führer: »Bärenrunde« von Michael Hennemann, erschienen im Conrad Stein Verlag, 2000, 10,90 Euro.

Artikel zur Bärenrunde im outdoor-Magazin: Heft 10/2001 (ausführlich als Sommertour vorgestellt), 1/2002 (Kurzinfo für den Wintertrip, außerdem viele Tipps für Wintertouren). Bezug: Tel. 0711/182-2313.

 
weiterführende Artikel: 
15.11.2007ArtikelOutdoorsportSkitourenBeratung und ServiceKaufberatung

Kaufberatung Wintertouren: Trekking on the rocks

Wer im Herbst den Rucksack in die Ecke stellt, ist selbst Schuld. Denn spätestens beim ersten Rendezvous von Väterchen Frost und Frau Holle gewinnen selbst altbekannte Landschaften einen völlig neuen Reiz. zum Artikel