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Skitouren-Spezial: Die ersten Schritte (Teil 1)

Foto: Markus Stadler
Der Atem pfeift beim Aufstieg, aber oben warten unberührte Hänge, weit ab vom Pistentrubel: Skitouren haben einen besonderen Reiz. Unser Experte Markus Stadler erklärt die wichtigsten Grundlagen für Ein- und Aufsteiger.
Eise(r)nes Kreuz am Gipfel. | Foto: Markus Stadler

»Powderalarm« lautet die schlichte SMS von meinem Spezl Wolfi. »Hast Du morgen Zeit für eine Skitour?« fragt er, als ich ihn anrufe. »Heute Nacht wird etwas Neuschnee fallen,« drängt er weiter. Schnell bin ich überzeugt, insbesondere weil der Wetterbericht für den nächsten Tag kaltes Wetter mit Sonnenschein verspricht. Perfekte Verhältnisse. Schnell checke ich noch den Lawinenlagebericht. Die Prognose lautet Warnstufe 3 = erhebliche Lawinengefahr. Wir einigen uns daher auf eine eher lawinensichere Route in den Wald- und Wiesenbergen im Chiemgau.

Bei der Fahrt zum Ausgangspunkt schneit es noch. »Wo bleibt denn die Sonne?«, wundert sich Wolfi. Hier in den Staulagen der Berge halten sich die Wolken am längsten und werden bis auf die letzte Flocke ausgequetscht. Dafür liegen am Parkplatz aber auch 35 Zentimeter glitzernder Pulverschnee. Es folgt die Routine. Rein in die Tourenskischuhe, Steigfelle aufziehen, Lawinenverschüttetensuchgerät überprüfen. »Klack-Klack-Klack ...« - das monotone Geräusch der Bindung bei jedem Schritt ist alles, was wir jetzt noch hören. Still ist es im tief verschneiten Wald. Dicke Wattebauschen mit Pulverschnee verzieren jeden Ast. Die ersten Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Wolken und brechen sich an den Schneekristallen. Wir sind die Ersten heute. Bis zu den Knie reicht mir der leichte Neuschnee – das Anlegen der Spur kostet überraschend wenig Kraft. In weiten Bögen ziehen wir über unberührte Hänge hinauf in Richtung Gipfel. Die letzten Wolken haben sich verzogen. Bei strahlendem Sonnenschein und einer kleinen Brotzeit genießen wir die klare Winterluft mit einer endlosen Fernsicht.

Ein Traum in Weiß: Lohn der Aufstiegsmühen sind Abfahrten in tiefem Pulverschnee. | Foto: Markus Stadler

Allzu lange halten wir es nicht aus – die Pulverabfahrt lockt. »Auf geht's«, ruft Wolfi und stößt sich mit den Stöcken ab, die Ski nehmen Fahrt auf. In rhythmischen Schwüngen wedelt er davon und zieht eine Staubwolke aus glitzernden Schneeflocken hinter sich her. Ich folge im nach. Beinahe schwerelos fühlt sich das Fahren in dem lockeren Schnee an, die Ski lassen sich fast ohne Krafteinsatz drehen. An einer Almhütte halten wir an und genießen auf der warmen Holzbank noch einmal die Sonne, bevor es ins schattige Tal geht. Dort sind wir uns beide einig – das war ein genialer Skitourentag.

Zum perfekten Skitourentag braucht es aber mehr als Sonne und Pulverschnee. Die richtige Ausrüstung und das technische Können für Aufstieg und Abfahrt gehören genauso dazu, wie eine adäquate Risiko- und Selbsteinschätzung. All dies und wie Einsteiger mit geringem Risiko erste Skitourenerfahrung sammeln, sowie von der Erfahrung anderer profitieren können, soll im Folgenden erläutert werden.

 

Die richtige Skitourenausrüstung

Das Skitourengehen ist eine vergleichsweise ausrüstungsintensive Bergsportdisziplin. Die hohen Kosten für die Erstanschaffung sind für viele ein Hindernisgrund, sich näher mit dem Thema zu befassen. Dabei gibt es aber zahlreiche Möglichkeiten, am Anfang etwas Geld zu sparen. Wer auch Alpinski fährt, besitzt meist schon einige Dinge, die er auch für Skitouren einsetzen kann. Mitglieder des Deutschen Alpenvereins können sich oft einen Teil der Ausrüstung kostengünstig ausleihen. Eine Alternative kann es darüber hinaus sein, sich im Freundeskreis umzuhören, wo nicht selten wenig genutzte Ausrüstung im Keller steht. Dabei sollte man jedoch darauf achten, dass es sich um zeitgemäßes Equipment handelt. Das betrifft besonders die LVS-Geräte.

Freie Ferse: Bei Aufstieg ist die Tourenbindung hinten nicht fixiert und erlaubt so Schrittbewegungen, ähnlich wie auf Langlaufski. | Foto: Markus Stadler

Tourenski: Das Angebot umfasst hier ein sehr breites Spektrum, wobei für Anfänger in erster Linie ein Allroundski in Frage kommt. Eine Alternative wäre ein stabilerer Freerideski, wenn man damit auch auf der Piste fahren möchte.

Tourenbindung: Eine Tourenbindung unterscheidet sich fundamental von einer Alpinbindung, da sie auch zum Aufstieg geeignet ist. Die Ferse ist dann nicht fixiert und kann so gehoben werden. Bei steilen Aufstiegsspuren lässt sich eine Steighilfe hochklappen. Für die Abfahrt wird die Bindung wieder verriegelt und verhält sich dann ähnlich wie eine Alpinbindung. Wer seine Tourenskiausrüstung auch auf der Piste verwenden möchte, sollte sich für eine spezielle Freeride-Bindung entscheiden, die zwar etwas schwerer ist, aber noch bessere Abfahrtseigenschaften aufweist.

Steigfelle: Diese werden unter den Ski geklebt. Der Flor des Felles ist in eine Richtung angeordnet, so dass die Härchen bei der Vorwärtsbewegung anliegen, wodurch der Ski gleitet. Entgegengesetzt stellen sich die Härchen auf, so dass der Ski nicht zurückrutschen kann. Die Felle müssen von der Länge und Taillierung zum jeweiligen Ski passen.

Die Steigfelle werden unter die Ski geklebt und geben Halt für den Weg nach oben. | Foto: Markus Stadler

Tourenskischuhe: Im Vergleich zum Alpinskischuh sind sie etwas weicher und vor allem leichter. Darüber hinaus verfügen sie über eine Profilsohle wie ein Bergschuh, damit auf schneefreien Passagen, die ohne Ski begangen werden müssen, ein sicherer Halt gewährleistet ist. Wer bequeme Pistenschuhe hat, kann diese für leichte und kürzere Skitouren am Anfang auch verwenden, sofern die Bindung für die Schuhe geeignet.

Skistöcke: Tourenstöcke sind meist verstellbar und haben größere Teller als herkömmliche Skistöcke. Wer seine Alpin-Skistöcke mit größeren Schneetellern nachrüstet, kann auch diese verwenden.

Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS): Die Standard-Notfallausrüstung bei Skitouren. Nur wer auf gesicherten Pisten aufsteigt, kann darauf verzichten. Abseits davon sollte jeder Wintersportler mit diesem kleinen Sende- und Empfangsgerät ausgerüstet sein. Damit läßt sich ein Verschütteter unter den Schneemassen schnell orten. Es dient also nicht nur zum eigenen Schutz, sondern ermöglicht auch, anderen zu helfen. Stand der Technik sind hier moderne Drei-Antennen-Geräte, die den Nutzer bei der Suche mit einer Display-Anzeige unterstützen.

Lawinenschaufel: Das LVS-Gerät nützt wenig wenn kein passendes Werkzeug vorhanden ist um einen Verschütteten ausschaufeln zu können. Eine Lawinenschaufel gehört daher in jeden Rucksack. Ein solides Schaufelblatt aus Metall ist klar zu befürworten, ein ausziehbarer Teleskopstiel ist ebenfalls von Vorteil.

Lawinensonde: Für eine schnelle, effiziente Punktortung ist eine Lawinensonde unerläßlich.

Rucksack: Für Tagestouren reichen 20 bis 30 Liter Fasungsvermögen aus. Der Rucksack sollte eng am Rücken anliegen, um die Bewegung beim Skifahren nicht zu stören.

Bekleidung: Wie allgemein beim Bergsport, hat sich eine Bekleidung im Zwiebelschalenprinzip bewährt. Über einer Unterwäsche aus funktioneller Merinowolle oder Kunstfaser folgt eine Isolierschicht und eine äußere Wetterschutzschicht. Wichtig ist, dass jede Schicht einen optimalen Feuchtigkeitstransport von innen nach außen unterstützt. Die äußerste Schicht kann - je nach Wetter - eine sehr atmungsaktive, weitgehend winddichte und wasserabweisende Softshell oder eine etwas weniger dampfdurchlässige, dafür absolut wasserdichte Hardshell sein. Weitere wichtige Bekleidungsstücke sind Skitourenstrümpfe, Mütze oder Stirnband und Handschuhe. Für letztere hat es sich bewährt ein paar dünnere (z. B. Windstopper-Fingerhandschuhe) für den Aufstieg und wärmere für die Abfahrt zu verwenden.

Sonstige Ausrüstung: Wichtig ist eine gute Sonnenbrille, da die Sonneneinstrahlung durch die Reflexion der Schneeoberfläche sehr stark sein kann. Bei sehr schlechtem Wetter hingegen kann eine Skibrille gute Dienste leisten. Für Notfälle gehört ein Erste-Hilfe-Paket in den Rucksack, dazu ein Biwaksack oder zumindest eine Rettungsfolie um einen Verletzten vor Auskühlung schützen zu können. Skihelme sind auf Skitouren noch nicht so verbreitet wie auf den Pisten. Sie können aber schwere Kopfverletzungen bei Stürzen oder durch den Aufprall an Felsen oder Bäumen verhindern. Weitere Ausrüstungsgegenstände, mit denen sich der Einsteiger aber noch nicht unbedingt auseinandersetzen muss, wären Steigeisen, Pickel oder Sicherheitssysteme wie der Lawinen-Airbag-Rucksack und die Avalung

 

Die Aufstiegstechnik: effizient und sicher

Eine kluge Spuranlage spart wichtige Kräfte für die Abfahrt. | Foto: Markus Stadler

Das Aufsteigen mit Tourenski ähnelt in der Bewegung eher dem klassischen Langlaufen als dem Gehen. Die Füße werden dabei nicht angehoben, sondern nach vorne geschoben. Die Steigfelle sorgen dafür, dass man beim Bergaufgehen nicht zurückrutscht. Um optimalen Druck auf die Felle zu bringen, sollte der Ski möglichst komplett aufliegen und der Körperschwerpunkt gerade über der Bindung liegen.

 

Tipps für sehr steil angelegten Spuren:

  • Steighilfe einsetzen
  • bewußte Gewichtsverlagerung auf die Ferse (Zehen nach oben ziehen)
  • kurze Schrittlänge erleichtert diese Gewichtsverlagerung
  • Ski bei jedem Schritt hart aufstampfen – dadurch verbessert sich der Formschluss mit der Unterlage
  • kräftiger, unterstützender Stockeinsatz relativ weit hinten (hinter der Bindung)

Die Bremswirkung des Steigfells hat jedoch auch eine Grenze, weshalb wir steilere Hänge nicht gerade aufsteigen, sondern im Zick-Zack. Je nach Neigung sind dafür zwei Kurven-Techniken erforderlich:

Aufstiegstechnik I – Im flacheren Gelände kommt man noch mit dem Bogentreten um die Ecke. | Foto: Markus Stadler

Bogentreten: Im mittelsteilen Gelände (ca. 20 bis 30 Grad) kann eine Kurve von knapp 180 Grad in etwa vier bis fünf Schritten kraftsparend bewältigt werden. Dabei wird am Beginn der Kurve die Schrittlänge reduziert. Die Ski werden bei jedem Schritt leicht angehoben und in die Kurve gedreht, bis sie sich wieder parallel in der neuen Grundrichtung befinden.

 
Aufstiegstechnik II – Wenn es steiler wird, braucht man eine gute Spitzkehrentechnik für den Richtungswechsel. Unbedingt vorher üben! | Foto: Markus Stadler

Spitzkehre (Kickkehre): Die Königsdiziplin des Richtungswechsels beim Tourengehen stellt zweifelsohne die Spitzkehre dar. Mit ihr lassen sich auch in steilem und sehr steilem Gelände Richtungswechsel schnell, sicher und ökonomisch durchführen. Das Üben der komplexen Technik ist allerdings unumgänglich, da sich Schwächen in deren Ausführung mit Vorliebe in den schwierigsten und dann möglicherweise gefährlichen Situationen offenbaren. Auch wenn die Spitzkehre auf vielen Einsteigertouren nicht zwingend erforderlich ist, sollte sie jeder Tourengeher möglichst bald lernen.

 

Wie Sie sicher in allen Schneearten abfahren und was man über Lawinengefahr & Tourenplanung wissen sollte, erfahren Sie im »Skitouren-Spezial: Die ersten Schritte (Teil 2)«.

 

4-Seasons Info

Markus Stadler ...

Markus Stadler ist Skitouren-Experte... ist seit vielen Jahren als Fachübungsleiter für die DAV-Sektion Rosenheim in der Skitourenausbildung engagiert. Darüber hinaus hat er ein Lehrbuch »Skitourengehen« verfasst, das voraussichtlich Ende Januar im Bergverlag Rother erscheinen wird. Weiter ist er als Autor zahlreicher Skitouren- und Kletterführer, sowie als Betreiber einer in Bergsteigerkreisen beliebten Homepage (mit tollen Touren-Tipps) einem größeren Publikum bekannt.

 

 
weiterführende Artikel: 
22.11.2011ArtikelOutdoorsportSkitouren

Skitouren-Spezial: Die ersten Schritte (Teil 2)

Im zweiten Teil unsere Serie erklärt Experte Markus Stadler wie man in verschiedenen Schneearten sicher abfährt, die Lawinengefahr beachtet und gibt Tipps für die Tourenplanung & Risikomanagement. zum Artikel