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Skitouren in den Lyngenalpen – ein Tipp von Lars Schneider

Foto: Lars Schneider
Weit im Norden Norwegens ragen die Lyngenalpen aus dem Meer. Skifahren und Segeln lassen sich hier oben am Polarkreis zu einem einmaligen Erlebnis verbinden: Man steigt von der Jacht mit Fellen aufs Fjell und schwingt dann wieder hinunter zum Fjord – bis zu 1500 Höhenmeter!

»Tabletten gegen Seekrankheit sind doch totaler Quatsch«, brummt Knut, unser Skipper, als wir am Abend vor unserem Skitourentörn in Tromsø noch schnell ein paar Sachen einkaufen wollen. Unter anderem diese Pillen, denn wer weiß, was das norwegische Nordmeer für uns bereithält. Morgen früh legen wir bei Tagesanbruch gen Lyngen ab und wollen auf keinen Fall von den Launen der See um unseren lange erträumten Skigenuss gebracht werden. Immerhin werden wir eine ganze Woche lang auf dieser gerade mal 46 Fuß langen Segeljacht leben. Ohne Plan B und Notausgang ist es wichtig, gut vorbereitet zu sein. Wir wollen schließlich nicht die ganze Zeit die Fische füttern, statt das Nordmeer zu genießen. Knut muss es wissen, schließlich ist er ein erfahrener Seemann, groß geworden auf den Lofoten, wo Land und Meer fast eins sind: »Vergesst die Tabletten und esst viel Ananas, wenn es rau wird. Die schmeckt immer gleich gut. Egal, in welcher Richtung sie im Körper unterwegs ist.«

Haltestelle Skitour: kurze Wege vom Wasser auf den Berg. | Foto: Lars Schneider

Seemannsgarn hin oder her – neben Bier und Schokolade schmuggeln mein Kumpel Michi und ich vorsichtshalber doch noch ein Päckchen Pillen an Bord. Derart mental gestärkt sehen wir den Dingen fortan gelassen entgegen. Wir haben eine von vier Kabinen an Bord bezogen – immerhin gute vier Quadratmeter groß – in die sich zwei übereinander liegende Kojen und ein Schrank drücken, dazwischen ist gerade genug Platz, um zu stehen. Unsere Ski liegen an Deck sicher unter einer Plastikplane.

Neben Kapitän Knut, Kumpel Michi und mir gibt es noch drei weitere Gäste an Bord: nochmal ein Michael, Chris und Susi. Alle drei genau wie Michi waschechte Bayern, was mir als Hamburger nicht nur sprachlich einige Herausforderungen beschert, sondern auch eine etwas schwache Position verschafft, sollte es an Bord zu Nahrungsmittelknappheit oder Meinungsverschiedenheiten kommen, welcher Berg als nächster angesteuert wird. Ich würde auf Knut zählen müssen. Zwei Nordländer gegen vier Südländer.

Kollege Murphy klopft gleich in der allerersten Nacht an meine Kajütentüre. Ich schlafe oben in unserem Doppelstockbett und schrecke weit nach der Geisterstunde auf, wohl, weil jemand die nahe Klotür zuschlägt. Da ich im ersten Moment keine Ahnung habe, wo ich überhaupt bin, will ich mich zur Orientierung aufsetzen, bekomme aber auf halbem Wege mit voller Wucht direkt einen auf die Zwölf. Leicht benommen auf dem Rücken liegend, versuche ich, meine unscharfen Gedanken zu sortieren. Die gewaltige Gerade kam nicht vom Klabautermann oder einem norwegischen Troll auf Kriegspfad, sondern von der Kabinendecke. Michi im unteren Stockbett zerreißt es schier. Ein schönes Veilchen über dem Auge erinnert mich die nächsten Tage an die Tücken norwegischer Segeljachten.

 

Nordmänner segeln göttlich – und fluchen wie der Teufel

Die Einsamkeit des Skitouristen, oder: Wann kommt denn endlich mein Taxi? | Foto: Lars Schneider

Leider erst zwei Tage später lerne ich von Knut, welchen norwegischen Fluch man in einem solchen Moment vorzugsweise hätte benutzen können. Ein kräftiges »Haelveter« (Sch...e) wäre seiner Meinung nach wohl durchaus angemessen gewesen.

Knut ist heute mit von Bord gegangen und begleitet uns auf die Skitour zum Gillavarri, gleich oberhalb des Örtchens Olderdalen. Sondre, unser Bergführer, der uns seit dem ersten Berg gestern den Weg weist, steigt voran, wir folgen ihm durch einen immer dichter werdenden Birkenwald auf einen immer steileren Hang. Es ist äußerst mühsam, wieder und wieder verfangen wir uns im Geäst, Schweiß fließt in Strömen. Von Knut hinter uns tönt pausenlos »Haelveter« aus den Birken. Später, als das Gelände endlich frei von lästigem Holz wird, und wir in klassischer Zickzack-Linie aufsteigen, zeigt Knut uns, welche Art des Aufstiegs er bevorzugt: Er steigt in der Falllinie auf. »Norwegian Style« sei das, erklärt uns Sondre. »Außerdem will Knut vor euch wieder unten sein, um den Nachmittagssnack vorzubereiten.« Prima Idee!

Gestern waren wir von Tromsø zwei Stunden gen Norden gesegelt, um unseren Guide Sondre zu treffen. Der hatte uns, kaum hatten wir unsere Ski aus dem Beiboot gehievt, mit fast feuchten Augen begrüßt. »Meine Gäste aus dem Alpenraum haben normalerweise ganz schmale Ski, die toll sind für den Aufstieg, aber auf dem Weg nach unten nur halb so viel Spaß machen. Wir Norweger kaufen breite Ski für eine geile Abfahrt. Aber ihr seid gut ausgerüstet. Wir werden eine Menge Spaß haben.« Michi grinst. Seine Ski sehen aus wie die von Sven Hannawald.

Ein schwankendes Basecamp: Nördlich des Polarkreises geht man von einem Segelschiff auf Skitour. | Foto: Lars Schneider

So ziehen wir in unserer extrabreiten Spur im Gänsemarsch höher und höher. Die Baumgrenze liegt weit zurück, unter uns werden die Verästelungen des Kåfjords, an dem unser Schiff ankert, immer besser sichtbar. Zwischen den dunklen Wasserarmen heben sich verschneite Fjells und Gipfel weiß ab. Nur das Wetter spielt heute nicht so mit wie gestern, als das Meer die Farbe des hellblauen Himmels hatte und der Blick fast bis nach Island reichte. Heute ist alles in eine graue Soße getunkt, die Wolken hängen schmutzig und regungslos am Himmel, das Meer ist schwarz, kein Glitzern. Auf dem höchsten Punkt des Gillavarris auf 1163 Meter Höhe ist es saukalt und zugig, gleich nach dem Gipfelfoto stellen wir unsere Bindungen und Stiefel in den Abfahrtsmodus und fahren durch wunderschönen Pulverschnee ab zum ersten Sattel. Was uns im Aufstieg dreißig Minuten gekostet hat, bringt kaum fünf Minuten Abfahrtsgenuss, aber egal. Den Rest wiegt die Aussicht auf, grauer Himmel hin oder her: In so einer spektakulären Umgebung hat noch keiner von uns seine Spuren in den Schnee gezogen. Jeden Tag der Woche staunen wir aufs Neue, wie unendlich wild und schön die Vermählung von Fjord und Fjell hier oben, weit nördlich von Tromsø und vom Polarkreis, ist.

500 Höhenmeter tiefer mutiert der Schnee zu einem nassen und schweren Etwas, das sich an die Ski klammert und mir im dichten Wald die Richtung diktiert – bezeichnenderweise immer schnurstracks auf krüppelige Birken zu. Bei Michi, einem souveränen Freerider, sieht das alles ganz einfach aus. Bei mir kostet die Abfahrt Schweiß und Nerven.

 

Die Lyngenalpen sind wie eine Diva: schön, aber oft übellaunig

Abfahrt deluxe – Michi Trojer steuert fjordwärts durch die Bergwelt Lyngens. | Foto: Lars Schneider

Doch als wir zwischen der einzigen Reihe bunt bemalter Häuser von Olderdalen hindurchgleiten und mit geschulterten Ski 50 Meter später am schwappenden Meer stehen, ist der miese Schnee schon längst wieder vergessen. Und nach diesem Tag weit, weit draußen in der Bergwelt Nordnorwegens schmeckt das Abendessen auf der winzigen Segeljacht doppelt gut. Heute wartet ein mächtiges Lachsfilet, so groß wie ein Ofenblech und belegt mit einer Extraportion Knoblauch, von uns weggezaubert zu werden. Die Kraft werden wir am nächsten Tag brauchen, wenn wir von Havnnes aus – mit Blick auf die majestätischen Lyngenalpen auf der westlichen Seite des Fjords – das Haupt der Insel Uløya besteigen wollen.

Kniefall vor den Lyngenalpen – weit unten wartet die Jacht. | Foto: Lars Schneider

Der Ort und seine über 100 Jahre alten weißen Holzhäuser liegen schon längst hinter einer Geländekante verborgen, doch der Geruch von Fisch hängt mir noch immer in der Nase: Der Geruch aus den Hallen, in denen Tonnen von Fisch auf Eis lagern und auf den Weitertransport warten, und der Geruch von den Gestellen, an denen Tausende von Fischköpfen trocknen. Doch als wir höher hinauskommen, wird die Polarluft klarer und klarer. Unter uns breitet sich der Lyngenfjord aus. Pechschwarz vor den zerklüfteten, fast 2000 Meter hohen Bergen am gegenüberliegenden Ufer und funkelnd in der Aprilsonne, die wie ein Feuerwerk durch dräuende Wolkenberge schneidet. Die Höhenmeter werden nebensächlich – wie auch der auf der Abfahrt zu erwartende Nassschnee. Stattdessen wird mit jedem Meter höher die Erkenntnis klarer, dass man nach Lyngen nicht kommt, um auf Skitour zu gehen, wie in anderen Bergregionen der Welt. Nach Lyngen kommt man, um diese einzigartige arktische Landschaft zu erleben, um Abfahrten bis hinunter ans Meer zu unternehmen, um an einem Ort gewesen zu sein, der mit nichts vergleichbar ist auf dieser Welt.

Doch jeder Traum endet früher oder später mit einem Erwachen. Nachdem wir wieder an Bord gegangen sind, um unseren Nachmittagssnack, eine heiße Tomatensuppe, zu schlürfen, bringt Knut das Schiff auf Südkurs. Leider herrscht absolute Flaute, also muss der knatternde Dieselmotor bemüht werden. Das ist zwar weniger stilvoll als unter vollen Segeln vom Abenteuer zurück in den Alltag zu schippern, aber andererseits auch gut, was den Verbrauch von Pillen betrifft. Oder von Ananas.

 

4-Seasons Info
 

Ski & Sail in den Lyngenalpen

 

Die Lyngenalpen liegen nördlich von Tromsø und über 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Sie gelten als das schönste Gebirge Skandinaviens. Diese einzigartige Landschaft liegt auf einer Halbinsel und hat Gipfel mit über 1800 Meter Höhe, die vom Anspruch durchaus mit Alpengipfeln vergleichbar sind. Lyngen gilt seit einigen Jahren bei Skitourengehern und Freeridern als Geheimtipp – nicht zuletzt wegen der einmaligen Gelegenheit, direkt vom Boot aus zur Skitour zu starten.

 

Charakter
Aufgrund der geografischen Lage unterscheiden sich die Schneebedingungen in den Lyngenalpen deutlich von denen in den Alpen. Oft ist es hier oben nördlich des Polarkreises bereits auf Meereshöhe möglich, Ski zu fahren. Das Gebiet ist ein weltweit einmaliger Ort für Skitouren, da sich hier die Möglichkeit bietet, unzählige Gipfel bis über 1800 Meter Höhe direkt vom Meer aus zu erklimmen. Und auch wieder bis ans Salzwasser abzufahren. Das Gebiet ist von Fjorden durchzogen, weshalb ein idealer Ausgangspunkt für solcherlei Touren ein Schiff ist, mit dem Tag für Tag neue Berge erreicht werden können und das einem nach der Skitour Dusche, Bett und ein opulentes Mahl bietet.

Informationen
Norwegisches Fremdenverkehrsamt, ABC-Str. 19, 20354 Hamburg, Telefon 0180/5001548 (0,14 Euro/Minute), Fax 040/22941588, 
E-Mail: germany[et]innovation-norway.no, www.visit-norway.de.

Anreise
Tromsø liegt über 1800 Autokilometer nördlich von Hamburg. Wer also nicht besonders viel Zeit hat oder es bequem mag, reist am besten per Flugzeug an. Norwegian (www.norwegian.no) oder SAS (www.flysas.com) bieten täglich Flüge mit einem Zwischenstopp in Oslo zu Preisen von etwa 300 bis 400 Euro an. Weiter per Schiff oder Auto und Autofähre auf die Lyngen-Halbinsel.

Veranstalter
Da die Logistik einer kombinierten Segel- und Skitour schwierig ist, lohnt es, sich einem Veranstalter anzuvertrauen. »Arctic Adventure Tours« bietet 2010 zwei Termine für kleine Gruppen an (28. März bis 4. April und 10. bis 17. April). Im Preis von 2750 Euro ist inklusive: Flug ab München, Frankfurt oder Hamburg mit Zwischenlandung nach Tromsø, 7 Übernachtungen auf der Segeljacht »Bavaria 46« in 2-Bett-Kabinen, Vollverpflegung (außer alkoholische Getränke), 6 Skitourentage mit lokalem Bergführer, Skipper/Koch und alle Transporte in Norwegen. Nähere Infos erhalten Sie unter der Telefonnummer 08453/336880 und im Internet unter www.arctic-adventuretours.de.

Ausrüstung
Wie bei Skitouren in den Alpen benötigt man in den Lyngenalpen die klassische Skitourenausrüstung inklusive vollständiger Sicherheitsausrüstung (LawinenverschüttetenSuchgerät, Schaufel und Sonde), dazu leichtere Schuhe und bequeme Bekleidung für das Leben an Bord. Eine Regenjacke ist für stürmische Tage auf See ebenfalls angebracht. In den Kabinen der Segeljacht ist Bettwäsche vorhanden.

Literatur
»Toppturer i Norge«, erschienen im FriFlyt-Verlag (Preis: 349 NOK). Ein Buch über die 133 schönsten Skitouren des Landes, von denen einige natürlich in Lyngen liegen. Am einfachsten erhältlich direkt vor Ort.