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Schweizerischer Nationalpark – im Herzen wild

Foto: Thomas Jutzler
Der Schweizerische Nationalpark inmitten der Alpen ist ein einzigartiges Stück Wildnis. Abseits der bekannten Postkarten-Destinationen zeigt sich die Schweiz hier wunderbar still und einsam.
Erfrischung mit Seltenheitswert: Aus der Nationalparkregion hat sich der Mensch weitestgehend zurückgezogen. | Foto: Thomas Jutzler
Erfrischung mit Seltenheitswert: Aus der Nationalparkregion hat sich der Mensch weitestgehend zurückgezogen. | Foto: Thomas Jutzler

Wirklich alles spricht hier mit gewaltiger, bergromantikschwangerer Stimme zu dir. Der Bergpfad von Sur En zur Sesvennahütte hinauf, mit seinen läppischen 1500 ­Höhenmetern dazwischen. Die lieblichen gelben und quietsch­orangen Lärchen, die sich die steilen Bergflanken hinaufdrängen. Und natürlich das sich stetig tiefer einschneidende Val d’Uina selbst, in dem sich Pfad und Lärchen befinden. Nur der Fluri, der die Wanderung auf dieser ersten Etappe des Nationalpark-Panoramaweges anführt und einem vom Prospekt als Schmugglerpfad­geschichtenerzähler aufgetischt wurde, der spricht nicht – zumindest nicht sehr viel. Ist eher so der Typ aus der Alm-Öhi-Fraktion: wissend in sich ruhend, rauchend, vom anstrengenden Bergwetter zerfurcht. Womöglich will Fluri aber einfach nur die ganze Berg­imposanz nicht unnötig zerreden.

Nach längerem Anstieg die erste Atempause, Fluri weist eine beinahe senkrecht scheinende Wand aus Stein hinauf: »Hier sind die Schmuggler von und nach Italien früher über den Berg gekommen«, das Ganze natürlich kaugummigedehnt. »Und was wurde da so geschmuggelt?«, mag der Interessierte fragen. »Schmugglerware eben«, antwortet Fluri beinahe wie aus der Pistole geschossen. Mit früher meint er auf jeden Fall die Zeit vor 1910, als der Felsengaleriegang durch die bereits ein Stück weiter oben sichtbare Quar-Schlucht nach rund zweijähriger Bauzeit fertiggestellt wurde.

Würdiger Auftakt für den Panoramaweg: die Quar-Schlucht. | Foto: Thomas Jutzler
Würdiger Auftakt für den Panoramaweg: die Quar-Schlucht. | Foto: Thomas Jutzler

Dieser Felsenweg eröffnet eine wahrhaft beflügelnde Erfahrung: Wie eine Eisenader schlängelt er sich 600 Meter lang hinauf durch bedrohlich schartiges, grauschwarzes Gestein. Ein schwindelerregender Balkon ohne Geländer, rechts, mehr als 100 Meter unter dir, der dumpf grollende Gebirgsbach – immer noch so laut, dass er selbst den Fluri übertönen würde, wenn er denn etwas sagen würde. Gewiss ist, dass du nun auf dem gleichen Pfad gehst wie die Schmuggler ab 1910, und die Wanderung durch die Schlucht keiner verpassen sollte, der den Schweizerischen Nationalpark besucht. Das Gefühl, dein Magen schwebe leicht, bekommst du nicht so einfach an jeder Ecke. Und dann folgt Paukenschlag auf Paukenschlag, hinter jeder Biegung und jedem feuchten Tunnelgang tut sich ein noch waghalsigerer Abgrund auf, der Blick weiß gar nicht mehr, woran er sich festhalten soll, bis es genauso plötzlich wieder vorbei ist und sich am oberen Ende Weg und Bach fast auf gleicher Höhe treffen. Ein paar Meter noch und die Bergwände schließen sich geheimnisvoll hinter dir, als ob da vielleicht der versteckte Eingang zur Zwergenstadt im Berg Erebor in Mittelerde läge.

Jetzt kommt der Fluri doch noch in Fahrt: »Kaffee, Alkohol, Zigaretten, Schokolade und Zucker schmuggelte man nach Italien, hinein in die Schweiz vor allem Fleisch.« Von so vielen Schmuggeldetails offenbar aus der Reserve gelockt, hat auf einmal fast jeder eine Schmuggelgeschichte parat (die folgenden Namen sind zum Schutze der Personen geändert): Frau Angerer beichtet, dass ihr Mann Bienenwaben in die Schweiz brachte – dazu muss man wissen, dass Honig in der Schweiz verdammt teuer sein kann. Herr Bär berichtet von Geldkoffern, die nach Basel transferiert wurden – ob er seine meint, bleibt an dieser Stelle unklar, – und der Fotograf dieser Geschichte davon, wie seine Oma die Urne ihres Mannes heimlich in einer Sporttasche über eine Landesgrenze mitführte, um sie zur letzten gemeinsamen Ruhestätte zu bringen. Wenig später markiert ein recht unauffälliger Grenzstein den Übergang nach Italien, und noch ein wenig später sitzt du schon beim ersten Zirbenschnaps in der Sesvennahütte. Vielleicht weiß der Wirt noch was über die Schmuggler zu berichten? »Nein, leider nicht. Es gab aber ein Buch mit Geschichten, nur das schmuggelte jemand aus der Hütte raus«, sagt er.

Schicksalhafte Begegnungen

Majestätisch thront der Piz Plavna Dadaint gegenüber dem oberen Ende des Val Mingèr. | Foto: Thomas Jutzler
Majestätisch thront der Piz Plavna Dadaint gegenüber dem oberen Ende des Val Mingèr. | Foto: Thomas Jutzler

Es ist nicht das Himmelstarrende, was diese Region und den Nati­o­nalpark ausmacht, es ist das Schicksalhafte, das Ungezähmte. Inmitten dieser geordneten und bis ins kleinste Eck wohl austarierten Schweiz regiert hier das Unwägbare, das Wilde. 2014 feierte der Nationalpark sein 100-jähriges Bestehen, und das heißt: Seit 100 Jahren werden keine Bäume geschlagen, gefallene nicht abtransportiert, keine Tiere gejagt, keine Kühe geweidet, keine Bachläufe korrigiert, keine Lawinenschäden beseitigt und keine menschlichen Freizeitaktivitäten außer dem Wandern erlaubt. Die einzige sichtbare Verbindung zwischen diesen beiden Extremen ist die in der Schweiz allgegenwärtige Beschilderung, die einem auch noch so fern der Zivilisation stets den richtigen Weg weist.

Im Val Mingèr ist die ausnahmsweise nicht wirklich nötig, nur ein Weg führt stetig nach oben. Und bald tritt auch hier das Schicksalhafte auf: Hinter der Baumgrenze öffnet sich ein karger Talkessel, die Alp Mingèr. Einzelne verwachsene Kiefern tummeln sich in nebliger Landschaft, Schutthalden ­ziehen sich links die Bergflanken hinauf und oben erheben sich dunk­le Kamine in den wolkenzerzausten Himmel. Schon wieder so eine Herr-der-Ringe-Landschaft. Fehlen nur noch die Orks auf ­ihren Reitungetümen, die irgendwo hinter einem Felsen auf­tauchen und gleich Jagd auf dich machen. Tatsächlich, da war doch eine Bewegung in der Ferne. Einmal konzentriert durchs Fernglas gespäht: Doch keine Gefahr, da ist nur eine herum­turnende Herde Gämsen.

Auch das Berglexikon namens Henri braucht mal Pause. | Foto: Thomas Jutzler
Auch das Berglexikon namens Henri braucht mal Pause. | Foto: Thomas Jutzler

Zurück auf dem Panoramaweg durchs Val Mora, heißt die nächste Begleitung Henri. Henri, der freundlich verschmitzte, sprudelnde Quell lexikalischen Bergwissens. 150 Pflanzenarten – von mehr als 1000 in den Bergen der Region existierenden – kann er benennen und ihre möglichen Heilkräfte nutzen. Die Gesteine bestimmen und die Vögel an ihrem Ruf erkennen. Das Geräusch ist ein Tannenhäher, dort vorne fliegt wahrscheinlich ein Bussard und neben dir auf dem Boden ist Wacholder – nicht zu verwechseln mit dem ähnlich aussehenden Rhododendron, wenn die Pflanzen jung sind. Dieses Gestein war einst Afrika, jenes einst Mittelmeer, das andere kam aus den Untiefen des Erdinneren herauf. »Ihr werdet staunen über die fantastischen Formationen, die die Natur zu bieten hat«, lautet sein Tagesmotto, das er dir früh um sieben Uhr um die Ohren geschleudert hatte.

Into the Wild

Und Henri behält uneingeschränkt Recht. Im Kleinen wie im Großen: Das Val Mora breitet sich in einer Weite und Höhe aus, als ob es jemand aus Kanada oder Alaska hierher verfrachtet hätte. Als wir einen Fluss überqueren und einen meterhohen Erdwall erklimmen, scheint es gar möglich, dass dahinter der alte Schulbus auftaucht, in dem Christopher McCandless seinen Into-the-Wild-Trip beendete. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Wall ein ­kleiner kreisrunder Dolinensee. Eine schillernde Perle, eingefasst vom unglaublichen Bergpanorama, wie Henri sich ausdrückt. Ja, ja, lyrisch sein kann er auch ein bisschen.

Früher Vogel fängt die beste Stimmung: morgens am Ofenpass. | Foto: Thomas Jutzler
Früher Vogel fängt die beste Stimmung: morgens am Ofenpass. | Foto: Thomas Jutzler

Gegen Abend stehen wir hoch über dem Ofenpasstal mit Blick auf den kahlen gedrungenen Berg Munt Buffalora, da kommt Henri mit einer Gaunergeschichte um die Ecke: Die Einwohner von Buffalora, dem kleinen Ort dort unten im Tal, entdeckten im 14. Jahrhundert auf dem Munt Buffalora einen roten Stein und sahen dies als göttliches ­Zeichen, dem Berg edle ­Metalle entreißen zu können. ­Allerdings entrissen sie ihm nur Eisen­erz und im 18. Jahrhundert schließlich lagen die Minen – deren Eingänge am Berg mit geübtem Auge zu erkennen sind – brach, weil sich der Abbau nicht mehr lohnte. Ein findiger Schweizer Geschäftsmann allerdings verkaufte für teures Geld die Schürfrechte einem Italiener. Das zweifelhafte Argument: Auf Eisen folgt stets Silber, wenn man nur genügend tief schürft.

Aus der Nähe betrachten lassen sich einige Mineneingänge, die nicht viel mehr als gesichtslose dunkle Löcher sind, auf der ­nä­chs­­­ten Etappe über den Munt la Schera zur Alp la Schera. Alsbald bekommt die Szenerie einen Touch schottische Highlands, weit und breit kein Baum, kein Strauch, nur gelbbraunes Gras. Eine Wanderübung in Askese, verloren und klein unter gewaltigen Gipfeln und einem allumspannenden Himmel. Wie froh wärst du jetzt über Henris aufheiternde Geschichten! Aber dafür liegt dir irgendwann die Welt zu Füßen, oben auf dem Munt la Schera. Von da führt der Weg hinunter, hinunter und noch weiter hinunter. Vom Berg direkt in ein Tal hinein, bald mitten durch den Wald. Hier stehen sie, die altersgebeugten knorrigen Arven, aus deren Holz in den Dörfern der Region die Wohn- und Schlafstuben der traditionellen Häuser gezimmert sind. Bis zu 800 Jahre alt und kälte­re­sistent wie nichts anderes hier oben, hatte Henri erzählt. Plötzlich machst du etwas Sonderbares, lehnst dich an die schrundige ­Rinde des Baumes, befühlst sie behutsam, legst ein Ohr an und lauschst. Lauschst ganz still seiner windigen, von den vielen ­harten Wintern ganz reibeisernen Stimme.

 
4-Seasons Info

Auf Nationalparkwegen

Karte Schweizer NationalparkAllgemein

Das Dorf Scuol eignet sich gut als Basis, um die Region und den Nationalpark zu entdecken. Auf der Website engadin.com finden sich Unterkünfte für jeden Geschmack und natürlich weitere nützliche Infos und Angebote wie etwa die Schmugglerpfadtour.

Herumkommen

Mit dem ÖV, Bus und Bahn, gelangt man sehr gut zu Startpunkten von Wandertouren und am Abend wieder zurück. Ein eigenes Auto ist nicht wirklich nötig, zumal man auch bis Scuol mit der Bahn fahren kann.

Wandern und Weitwandern

Der Nationalpark-Panoramaweg führt in neun Etappen auf großem Rund mit 150 km Länge um den Nationalpark herum und teilweise hindurch. Gleichermaßen erlebt man auf ihm die großartige Bergwelt und die Kultur des Engadins: etwa das Kloster St. Johann zu Müstair – UNESCO-Welterbe – oder traditionelle Bergdörfer wie Guarda. Ausgangs- und Endpunkt ist Scuol. Infos: wanderland.ch. Auf der Website des Nationalparks sind ebenfalls viele Wanderungen und geführte Touren gelistet: nationalpark.ch.

Der Schweizerische Nationalpark in bewegten Bildern: 4-Seasons.tv/nationalpark-schweiz.

 

 
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