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Schweizer Nationalpark: eine Welt vor unserer Zeit

Im Schweizerischen Nationalpark geht es ­superarchaisch zu, am Ende des Tages ist man ganz berührt und glücklich mit sich selbst.

Zuerst hört man es nur. Ein lang gezogenes, blechernes Röhren, als ob jemand einer altersschwachen Posaune den Garaus machen wollte. Gedämpft durch einen feuchten, wabernden Schleier, der die morgendliche Welt in beruhigendes Weiß hüllt. Vor wenigen Minuten waren die nächsten Meter des Weges ins Val Trupchun noch ziemlich gut sichtbar. Jetzt kann man das nicht mehr so einfach behaupten. Verein­zelte Lärchen und Arven tummeln sich schemenhaft im Nebel und immer wieder diese megacoolen Sounds wie aus dem Nichts. Nebelhörner auf undurchsichtiger See. Freilich müssen sich die Gesellen, also die Rot­hirsche, schön anstrengen, schließlich geht es für sie ja um alles oder nichts. Ob sie am Ende des Tages mit ihren Brunftschreien eine Partnerin auf sich aufmerksam machen konnten oder nicht.

Das Val Trupchun kommt einem vor wie ein Gemälde von Bob Ross. Allerdings hatte es mehr Zeit zum Entstehen. | Foto: swiss-image.ch/Christof Sonderegger

Was man über sie und den Schweizerischen Nationalpark gestern doch alles im puristisch angehauchten Nationalparkzentrum in Zernez erfahren hat: Der mächtige Rot­hirsch ist eine der rund 30 Säugetierarten, die im Park heimisch sind. Kurz vor Herbstbeginn verwandeln sie das Val Trupchun regelmäßig in einen tierischen Konzertsaal, überhaupt ist das Tal ein Sammelbecken für Tiere und damit ein hervorragender Ort, um sie zu beobachten. Und 100 Vogelarten und über 650 Blütenpflanzen kommen noch dazu. Zwar besitzt der Nationalpark keine himmelstarrenden Gipfel, keine gleißenden Hotspots, an denen sich die Besucher drängen und leise »Ahs« und »Ohs« seufzen. Dafür hält hier seit etwas mehr als 100 Jahren das Schicksal, das Ungezähmte, das Unwägbare, das pure Wilde das Zepter in der Hand – und das wirkt in dieser bis ins kleinste Eck geordneten und durchorganisierten Schweiz noch roher, unmittelbar zupackender als woanders. 2014 feierte er seinen hun­­dert­s­ten Geburtstag, es war der erste Nationalpark Mitteleuropas. Seit seiner Gründung werden innerhalb seiner Grenzen keine Bäume geschlagen, gefallene nicht abtransportiert, keine Tiere gejagt, keine Kühe geweidet, der Natur wird einfach ihr Gang gewährt. Der Mensch ist auf diesem Boden nur Gast und darf gerade mal wandern.

Beim König der Wälder

Seit über 100 Jahren macht die Natur im Schweizerischen Nationalpark, was sie will. | Foto: SNP/H.Lozza

Während er das tut, sieht er, irgendwann nachdem die Sonne den Nebel verscheucht hat und er ganz still und beinahe aufgelöst in dieser grandios archaischen Umgebung ist, so einen Röhrer ganz gemächlich vorüber­stolzieren. Und nun fühlt er sich ganz innig mit der Welt, und mit so viel Gefühl im Herzen wandert er später entlang einer Bergflanke wieder hinunter und immer weiter hinunter. Bald mitten durch den Wald. Hier stehen sie wieder, die knorrigen Arven, aus denen in den Dörfern der Region die Wohn- und Schlafstuben der traditionellen Häuser gezimmert sind.

Gegen Abend dann der dramatische Sonnenuntergang hoch über dem Ofenpasstal mit Blick in eine Weite und einem Pathos, das an Kanada oder Alaska erinnert. Die Arven schmiegen sich grün und golden in weite Bergflanken. Und der glückliche Mensch denkt plötzlich: Irgendwo in dieser wilden Landschaft könnte auch so ein alter Schulbus versteckt sein wie in Jon Krakauers Buch »Into the Wild«.

 
GM Info

St. Moritz kann ­auch down to earth

Der Schweizerische Nationalpark ist ein einmaliges Stück echter Wildnis, gleich um die Ecke von St. Moritz. Erleben kann man seine Urtümlichkeit am besten auf Wanderungen von gemütlichen Tagestouren bis hin zu mehrtägigen Routen. Ein besonderes Highlight ist das Val Trupchun, in dem ab etwa Anfang September die Hirsche zur Brunft zugange sind. Während dieser Zeit gibt es auch von Parkrangern geführte Wanderungen. Infos dazu: www.engadin.stmoritz.ch

 

 
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