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Roadtrip USA: Elternzeit mal anders

Foto: Lars Schneider
Mit einem alten VW-Bus auf einen monatelangen Roadtrip in den USA zu gehen, ist nicht unbedingt eine klassische Entscheidung von Eltern mit einem acht Monate alten Baby. Aber andererseits vielleicht die beste, die man treffen kann, um als frischgebackene Familie ein großartiges Abenteuer zu erleben.

 Es gibt Momente, da überlegen wir ernsthaft, ob wir nicht besser hätten zu Hause bleiben sollen und einfach zwei Monate ganz entspannt im Garten, Schwimmbad oder auf dem Spielplatz hätten verbringen sollen.

Campen unterm Sternenhimmel, hier in den Alabama Hills. | Foto: Lars Schneider
Campen unterm Sternenhimmel, hier in den Alabama Hills. | Foto: Lars Schneider

Momente wie diesen: Es ist zwei Uhr in der Nacht. Vor drei Stunden haben wir den Valley of Fire State Park in Nevada erreicht, nur einen Steinwurf von Las Vegas entfernt. Am offiziellen Zeltplatz das ernüchternde Schild: »campground full«. Also stellen wir auf einem Parkplatz in der Nähe ziemlich illegal unseren Bus ab und hoffen, dass der Ranger seine Runde durch den Park schon hinter sich hat. Gerade als wir unsere Augen schließen wollen, erwacht Fietje. 90 Minuten lang weint er, ist kaum zu beruhigen. Warum, wissen wir nicht. Endlich schläft er wieder ein, zu erschöpft, um weiter unglücklich zu sein. Als dann auch Katrin und ich an der Schwelle der Träume ­stehen, knistert, rappelt und tippelt es plötzlich – unter der vorderen Sitzbank, wo wir unsere Vorräte aufbewahren. Licht an, und siehe da: eine Maus. Mir kommt es vor, als würde sie hämisch grinsen, ehe sie in irgendeinem Eck verschwindet, vorerst.

Aber es gibt auch solche Momente: Wir haben eine Nacht im Zelt verbracht. Für Fietje die erste seines Lebens. Dick eingemummelt hat er die Nacht zwischen uns gelegen, mal mit mir, mal mit Katrin gekuschelt. Als am Morgen die Sonne aufs Zelt scheint, dehnt und streckt er sich und öffnet die Augen. Ruhig, aber auch ein wenig ­verwundert sieht er sich um, blickt uns an, lächelt. Da möchte man nirgendwo anders sein.

Mit acht Monaten auf große Reise

Acht Monate ist Fietje alt, als wir drei große Duffel Bags packen, eine Babyschale und Kindertrage in zwei große Säcke stopfen und nach Kalifornien fliegen. Unsere Elternzeit. Zumindest einen Teil davon möchten wir gemeinsam und möglichst abenteuerlich verbringen. Mithilfe eines Freundes kaufen wir einen VW-Bus. Baujahr 1971 – vier Jahre älter als ich –, ausgebaut mit Bett und Hubdach. Für zwei Monate soll er ­unser Zuhause sein. Die Küche besteht aus einem Campingkocher, Frischwasser kommt aus einem Zehn-Liter-Kanis­ter, unser Kühlschrank ist eine Kühlbox, die wir alle zwei Tage mit Eis von der Tankstelle auffüllen müssen. Es gibt ein paar Schränke und Stauraum. Nur die Kinderkarre, die wir vor Ort in einem Secondhand­shop gekauft haben, steht irgendwie immer im Weg rum.

Kleiner Mann auf großer Tour. Und Fietje gefällt’s. | Foto: Lars Schneider
Kleiner Mann auf großer Tour. Und Fietje gefällt’s. | Foto: Lars Schneider

Als Outdoorfotografen sind Katrin und ich in den letzten Jahren mehr gereist als zu Hause gewesen. Das wird sich künftig zwar etwas ändern, trotzdem wollen wir unseren Sohn früh ans Unterwegssein ­gewöhnn. Allerdings müssen zunächst einmal wir selbst lernen,  dass Reisen jetzt anders funktioniert: Unseren Plan, eine wirklich weite Runde durch den Südwesten der USA zu drehen, verwerfen wir gleich nach den ersten Tagen. Denn anders als daheim können wir hier nur fahren, während Fietje seinen Vormittags- oder Nachmittagsschlaf hält. Er hasst es plötzlich, in seinen Sitz geschnallt zu sein. Vor Kurzem hat er angefangen zu krabbeln, und es gibt ja so viel zu entdecken, besonders hier. Also passen wir unsere Pläne an: mehr Zeit an einzelnen Orten, weniger Autofahrten. Und das ist gut so.

Unser erster Stopp sind die Alabama Hills am Fuße der östlichen ­Sierra Nevada. Dieser von Felskugeln übersäte Wüstenfleck hält natürliche Nischen und Buchten bereit, in denen man ­legal über Nacht parken kann. Das Gelände ist wie geschaffen für Streifzüge und kleine ­Entdeckungstouren, wie ein riesiger Abenteuerspielplatz. Wer gern Western schaut, kennt die Gegend womöglich: Unzählige Klassiker wurden hier gedreht.

Familienleben rund um den Bulli Baujahr 1971. | Foto: Lars Schneider
Familienleben rund um den Bulli Baujahr 1971. | Foto: Lars Schneider

Wir bleiben einige Tage, erkunden verschiedene Ecken des Natur­reservats, setzen Fietje in seine Kraxe, laufen vormittags zusammen in Richtung Mt. Whitney, dem höchsten Gipfel (4421 Meter) der USA außerhalb Alaskas, und am Nachmittag zu einigen der vielen Felsbögen in der Gegend, wie dem Mobius Arch und Lathe Arch. Es gibt keine Ranger und wenig Regeln in diesem Gebiet, wir parken am Ende einer Stichstraße neben einem hübschen Felshaufen, und alles ist genau so, wie man es sich für einen Roadtrip durch den Süd­westen der USA vorstellt. Inklusive des atemberaubenden Sternenhimmels, der unseren Bulli Nacht für Nacht überspannt. Nur das Eis in unserer Kühlbox schmilzt allmählich dahin, und unsere Wasservorräte gehen viel zu schnell zur Neige.

Nach weiteren staubigen und warmen Tagen, an denen wir Dünenlandschaften und Canyons besucht haben, wird im Death Valley die erste Dusche fällig. Katrin und ich spülen uns gegenseitig aus einem Wasserbeutel vom Busdach aus ab. Fietje setzen wir in eine Faltschüssel, erwärmen auf dem ­Campingkocher Wasser und begießen ihn aus einem Becher damit. Er genießt es, und wir stellen wieder einmal fest, wie wenig wir benötigen und wie wenig vor allem unser kleiner Mann braucht, um glücklich zu sein. Auch auf ein großes Bett können wir verzichten. Wir haben hinten im Bus 120 Zenti­meter für uns drei und schlafen meist selig und eng nebeneinander. Morgen für Morgen so zusammen aufzuwachen und mitzuerleben, wie Fietje als Erstes zum Fenster robbt, um die Umgebung zu mustern, das macht glücklich. Dann klettere ich meist nach draußen, öffne die Heckklappe, und wir liegen noch eine Weile da, suchen den Himmel nach Vögeln ab oder lauschen dem Wind.

Frostige Nachttemperaturen

Nach fast einem Monat verlassen wir die ­Wüstengebiete Kaliforniens und Nevadas und fahren nach Norden. Wir wollen nach Utah und in den Bryce Canyon und den Zion National Park. Ein Wetterumschwung mit Sturm und Schnee zwingt uns zu einer Pause in einem kleinen Apartment in Cedar City. Immerhin, wir können eine Waschmaschine benutzen und alle Kamera-Akkus laden und unsere Mahlzeiten an einem Tisch einnehmen, was mal ganz nett für den Rücken ist. Aber dann juckt es auch schon wieder, und wir wollen zurück in den Bus und die Natur.

Im Südwesten der USA hat die Natur unzählige Abenteuerspielplätze gebaut. | Foto: Lars Schneider
Im Südwesten der USA hat die Natur unzählige Abenteuerspielplätze gebaut. | Foto: Lars Schneider

Im Bryce Canyon sind wir plötzlich auf rund 2500 Metern über dem Meer, und das bedeutet Anfang April auch an schönen Tagen noch frostige Nachttemperaturen. Zum ersten Mal müssen wir Fietje besser einpacken als nur in seinen Fleecestrampler, doch wir sind unsicher, wie viele Schichten er braucht. Am Ende ist er ein Paket aus mehreren Lagen Wolle und Fleece, das in einem Daunenschlafsack steckt. Seine Wangen sind gerötet, die Nasenspitze ist etwas kalt, aber er schläft wie ein Stein – bei minus vier Grad.

Nach dem Frühstück erkunden wir die Trails des Parks. Atemberaubende Felsformationen in Orangetönen ziehen sich an einem Ge­ländeabbruch entlang. Fietje beobachtet aus seinem Hochsitz auf meinem Rücken alles genau, macht uns auf den Mond aufmerksam. Hier und da liegt noch ein bisschen Schnee und erinnert uns an die nächste kalte Nacht. »Vielleicht sollten wir einfach wieder südwärts ziehen«, schlägt Katrin vor. Ich habe nichts dagegen, und am Abend, bei Lagerfeuer und gerösteten Marshmallows, schmieden wir einen Plan: Zion National Park, Grand Canyon, Sedona und dann auf dem schnellsten Weg an die Küste. Wir wollen jetzt endlich ans Meer, das Salz in der Luft riechen, die Füße in den Sand stecken.

Viel zu schön, um nur durchzufahren: der Joshua Tree National Park. | Foto: Lars Schneider
Viel zu schön, um nur durchzufahren: der Joshua Tree National Park. | Foto: Lars Schneider

Natürlich kann man sich fragen, ob Fietje wirklich etwas davon hat, mit uns durch die Gegend zu fahren. Erinnern wird er sich sicherlich nicht daran, und es gibt immer wieder Momente, in denen wir uns die Haare raufen. Andererseits spüren wir, wie gut es ihm tut, Tag für Tag draußen zu sein. Auch heute noch, mehr als ein Jahr später, ist er lieber draußen, selbst wenn es schüttet und stürmt. Und es macht ihm nichts aus, mal drei Nächte in Folge in unterschiedlichen Betten zu schlafen.

Den Bus behalten wir fürs nächste Abenteuer

Mitnehmen: das Zweieinhalbpersonenzelt. | Foto: Lars Schneider
Mitnehmen: das Zweieinhalbpersonenzelt. | Foto: Lars Schneider

Es gibt viele Dinge, die unser Sohn auf dieser Reise zum ersten Mal riecht, hört oder sieht. Ein Höhepunkt sind die Seeelefanten an einem Strand südlich von San Simeon. Ein paar Hundert von ihnen liegen dicht gedrängt zusammen, einen Steinwurf weit entfernt gibt es eine Beobachtungsplattform. Es stinkt, es wird gegrunzt, gerauft und ziemlich viel gefaulenzt. Fietje ist fasziniert. Fast acht Wochen sind vergangen, da steuern wir zum letzen Mal ­einen State Park an, suchen uns auf dem Campground einen ­schönen Stellplatz und richten uns häuslich ein. Wir freuen uns ein bisschen auf zu Hause, aber wir werden den Bus und dieses einfache Leben vermissen. Wir werden wiederkommen. Den Bus behalten wir, stellen ihn bei amerikanischen Freunden unter und nehmen uns fest vor, ihn irgendwann bis zur Ostküste zu fahren. Als Familie, um ­gemeinsam noch mehr Abenteuer zu erleben.

 
4-Seasons Info

Tipps für Trips mit Kleinkind

Anreise
Bis zum Alter von zwei Jahren ist der Flug (meist) gratis. Babys bekommen allerdings keinen eigenen Sitzplatz. Je nach Schlafrhythmus des Kindes evtl. einen Nachtflug wählen!

Vermieter
Neben den Wohnmobilvermietern gibt es in Kalifornien Spezialisten, die alte VW-Busse vermieten (ab 900 $ / Woche): vwsurfari.com, californiacampers.com.

Ausrüstung
Fürs Baby erwiesen sich als sinnvoll: Faltschüssel als Badewannenersatz (z. B. von Ortlieb), Kinderschlafsack aus Daune (Yeti V.I.B. Junior), Sonnenbrille (Julbo Looping) und Sonnencreme (LSF 50), Kopfbedeckung und Bekleidung mit UV-Schutz. Einen Babysitz fürs Auto haben wir mitgebracht (im Flugzeug kostenfrei).

Route
Letztlich völlig individuell gestaltbar. Wichtig nur: genug Zeit lassen, gerade mit Kindern! Wir fanden’s besonders toll in folgenden Parks: Death Valley, Joshua Tree, Valley of Fire, Bryce Canyon, Zion. Außerdem: Alabama Hills sowie die Küste zwischen Los Angeles und San Francisco.  

Übernachtung
Wer mit einem Campervan reist, hat drei Möglichkeiten, nachts zu parken:

  • Zeltplätze der State und National Parks oder vereinzelter privater Anbieter (pro Nacht 12 – 35 $,meist ohne Strom und Dusche)
  • »public land« außerhalb der Parks – keine Infrastruktur, aber oft in sehr schöner Natur
  • Parkplätze der »Walmart«-Supermärkte – nicht gerade romantisch, aber für Wohnmobilisten gratis

 

 
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