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Reisen in der Wüste

Foto: Michael Martin
Wer in die Wüste will, kommt mit dem üblichen Outdoor-Know-how nicht weit. Darum wenden wir uns an den Fachmann: Michael Martin bereist seit 27 Jahren sämtliche Wüsten der Erde. 12 typische Fragen, 12 kluge Antworten.

1. Wüste – das klingt ja erstmal romantisch. Wie ist es wirklich?

Wüsten sind einsam und lebensfeindlich, aber eben auch Orte des Lebens und der Vielfalt. Die Reduktion führt dazu, dass man die Landschaften, die Menschen, die Tiere und Pflanzen sehr intensiv wahrnimmt. Das kann tatsächlich sehr romantisch sein. Die Reize liegen aber auch in der Begegnung mit anderen Kulturen und den ganz praktischen Herausforderungen einer Wüstenreise.

 

2. Gibt es Wüsten für Anfänger, Fortgeschrittene und Profis?

Alternative ÖPNV? Platzkarten gibt es auf den Trucks keine ...

Ein Drittel der Landoberfläche der Erde ist von Wüsten und Halbwüsten bedeckt – die Auswahl an Wüsten und Routen ist also unendlich. Was den Schwierigkeitsgrad anbelangt, kann man Wüstenreisen mit dem Bergsteigen vergleichen: Route, Ausrüstung, Erfahrung und Wetter sind die vier Hauptfaktoren. Und wie in den Bergen gilt: Lieber vorsichtig anfangen, denn Leichtsinn kann man schnell mit dem Leben bezahlen.

 

 

3. Deine Tipps für Wüstenanfänger?

Grundsätzlich im Winter in die Wüste. Dann herrscht meist sonniges, angenehm kühles bis warmes Wetter, die Sicht ist glasklar. Und es gibt weniger Schlangen, Skorpione und Sandstürme. Wüstenanfänger sollten zudem auf eine gewisse Infrastruktur mit Straßen, Orten oder Camps achten, da bieten sich zum Beispiel die Wüsten Mojave oder Sonora im Südwesten der USA an, oder die Namib in Südwestafrika.

 

4. Wovon sollte man die Finger lassen?

Von politisch instabilen Regionen wie Tschad, Afghanistan oder Irak – dort heißen die Gefahren nicht Sonnenstich oder Wassermangel, sondern Minen, Banditen, Entführung oder sogar Krieg. Das gilt auch für einige vermeintlich sichere Länder, deren Wüstenregionen außerhalb der touristischen Routen liegen. In Nordkenia zum Beispiel gibt es ein massives Banditenproblem, in der Wüste Lut im Iran gerät man schnell zwischen die Fronten von Polizei und Drogenhändlern, in einigen Regionen des Niger operieren Rebellen, andere sind vermint. Erste und aktuelle Infos bietet die Website des Auswärtigen Amtes (www.auswaertiges-amt.de). Aber keine Sorge: Es gibt so viele Wüsten, in denen man gefahrlos reisen kann. 

 

5. Sieht man eine Fata Morgana erst kurz vor dem Verdursten?

... dafür aber innovative Methoden zum »Vorglühen« des Diesels. | Foto: Michael Martin

Ein dürstender Wüstenwanderer lässt sich wahrscheinlich leichter täuschen, aber sehen kann eine Fata Morgana jeder. Sie ist physikalisch erklärbar: Bei einer klassischen Fata Morgana erwärmt sich die Luft über dem Boden stärker. An der Grenze der bodennahen und wärmeren Luftschicht zur darüberliegenden kühleren Luftschicht kann es zur Spiegelung von Landschaften, Tieren oder Häusern kommen.

 

 

6. Sind die klassischen Methoden – zu Fuß oder per Kamel – die schönsten?

Da muss man mit einigen Klischees aufräumen. »Zu Fuß durch die Wüste« ist eher die Hollywood-Variante – in der Realität ist man schon durch das Gewicht der Wasservorräte sehr eingeschränkt, mehr als ein ausgedehnter Spaziergang ist da bereits sehr schwierig. Und das Kamel ist eher was für Profis – also die Einheimischen. Erstens sind die Tiere ganz schön störrisch und nicht leicht zu handhaben. Zweitens wird auf Kamelen in der Praxis kaum geritten: der Passgang und diese kleinen, harten Holzsättel sind nicht wirklich bequem. Meist läuft man neben dem Kamel her, das die Vorräte trägt. Wer so eine Tour zum Beispiel mit einem guten Veranstalter unternimmt, begegnet der Natur sehr intensiv. Allerdings lernt man dabei immer nur einen sehr kleinen Ausschnitt der Wüste kennen.

7. Also doch besser mit dem Geländewagen oder Bus?

Autos erlauben größere Distanzen, man sieht unterschiedliche Landschaften, kann Oasen besuchen oder ganze Wüsten durchqueren. Um nicht wie im Blechkäfig zu reisen, sollte man das Auto aber so oft wie möglich verlassen. Bei Bus-, LKW- oder PKW-Touren mit Chauffeur ist das gar nicht so einfach. Wer selbst fährt, braucht mehr Ausdauer und sollte sich unterwegs zu helfen wissen. Vier Leute pro Auto sind das Maximum, sonst wird es zu eng und zu schwer. Viele Pisten sind so entlegen, dass mindestens zwei Autos erforderlich sind. Das macht die Reise wieder komplizierter: mehr Pannen, mehr Warten …

 

8. Was ist dann Deiner Meinung nach die ideale Art des Reisens?

Alles hat Vor- und Nachteile. Für mich persönlich ist das Motorrad ein guter Kompromiss zwischen Geländewagen und Kamel: großer Aktionsradius, näher an Land und Leuten und viel flexibler als ein Auto. Ein Motorrad wird – anders als ein Landcruiser – nicht geklaut und ist billiger im Unterhalt. Auch die Einheimischen reagieren positiver.

 

9. Organisiert in die Wüste oder auf eigene Faust?

Seit 27 Jahren in den Wüsten dieser Erde zu Hause: Michael Martin | Foto: Archiv Martin

Das kommt auf die eigene Persönlichkeit und die Erfahrung an. Je schwieriger das Zielgebiet – politisch bzw. logistisch –, desto eher empfiehlt sich eine Reisegruppe. So eine Tour sollte man bereits in Deutschland bei einem erfahrenen Reiseveranstalter wie Suntours oder Hauser Exkursionen buchen. Vor Ort bei lokalen Agenturen kann man schnell an eines der vielen schwarzen Schafe in der Branche geraten. Ich persönlich reise am liebsten auf eigene Faust – zu zweit. In größeren Trupps habe ich oft erlebt, dass man sich mehr mit den Problemen der Gruppe als mit der Schönheit der Wüste beschäftigt – gerade ausgesetzte Situationen führen schnell zu Grüppchenbildung und Streit.

 

10. Tags Gluthitze, nachts Eiseskälte – was packt man da in den Koffer?

Generell ist in jeder Wüste die Gefahr von Dehydrierung und Sonnenbrand groß, man sollte immer möglichst viel Haut bedecken. Man kann der traditionellen Kleidung der Tuareg einiges abschauen: Die ist weit, luftig und bietet den Sonnenstrahlen kaum Angriffsfläche. Feste und hohe Schuhe sind ebenfalls wichtig, sie schützen vor Verletzungen im Geröll und verhindern von vornherein 80 Prozent aller eventuellen Schlangenbisse. Die angeblich mörderischen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind allerdings auch so ein Klischee – in der Wüste sind sie etwas größer als in den gemäßigten Breiten, aber lange nicht so extrem, wie man oft hört. Im Winter packt man wie bei uns Daunenjacke, Handschuhe, Windstopper-Fleece und einen warmen Schlafsack ein, im Sommer reicht – auch nachts – leichte Baumwollkleidung. Im Herbst und Frühling sollte die Bandbreite etwas größer sein. Sehr wichtig finde ich, dass die Kleidung den Landessitten angepasst ist. In islamisch geprägten Regionen also lange Hosen für die Männer, Frauen sollten hochgeschlossene Kleidung tragen, im Iran und Saudi-Arabien herrscht sogar Kopftuchpflicht.

 

11. Wie überlebt man einen Skorpionstich? Einschneiden und aussaugen?

»Die angeblich mörderischen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind auch nur so ein Klischee ...« | Foto: Michael Martin

Sorry, schon wieder Hollywood. Einer hat mich im Tschad mal gestochen, das tat höllisch weh, aber sonst passierte nicht viel. Skorpionstiche sind nur in den seltensten Fällen tödlich, fast immer sind alte oder kranke Menschen oder Kinder betroffen, die von seltenen, besonders giftigen Skorpionarten gestochen wurden. Bedrohlicher sind Schlangen wie Sand- und Hornvipern, aber auch die sind selten und beißen nur, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen. Die beste und einfachste Vorsichtsmaßnahme ist wie gesagt hohes Schuhwerk. Aufpassen sollte man allerdings beim Holzsammeln – ein bisschen Krach machen und immer erst schauen, bevor man hinlangt. Und nachts immer mit einer Taschenlampe den Weg ausleuchten und sehr fest auftreten – das vermeidet ungewollte Überraschungen für beide Seiten. Insgesamt werden Schlangen und Skorpione aber als Gefahrenquelle überschätzt.

 

12. Sex in der Wüste: ist es dafür wirklich immer viel zu heiß?

Gar nicht. Sex in der Wüste ist sehr schön – bei Hitze und bei Kälte.

 

4-Seasons Info
 

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Michael Martin fuhr schon als Teenager mit dem Mofa nach Marokko, um die Sahara zu sehen. 27 Jahre, 15 Bildbände und 1000 Diavorträge später ist er immer noch von Wüsten fasziniert. Michaels berühmte Fotos sind omnipräsent, weniger bekannt sind seine Filme. Ausführliche Ausschnitte auf www.4-seasons.tv/michael-martin; die dreiteilige DVD-Edition »Die Wüsten der Erde« (330 min!) kann man direkt bestellen unter www.michael-martin.de – und Vortragstermine, Hintergrundinfos und viele Fotos einsehen.

 
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