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Rad ab – Weltreise statt Kindergarten

Foto: Waldemar Piontek
Familie Piontek kann’s nicht lassen. Noch bevor die Erstgeborene Papa sagen konnte, ging es per Bike und Anhänger auf Deutschlandtour. Und als das Brüderchen endlich den Dreirad-Führerschein hatte, schien die Zeit für ein richtiges Abenteuer gekommen: 10 Monate lang reisten die Pionteks mit ihren zwei und fünf Jahre alten Kindern per Bike durch Südostasien und Neuseeland. 4-Seasons wollte von Vater Waldemar wissen, ob er das auch anderen Familien empfehlen kann.

Ihr wart mit zwei Kleinkindernauf einjähriger Weltreise per Fahrrad. Skizziert doch mal kurz eure Reiseroute.

Fahrradpanne oder Gastspiel des rollenden Wanderzirkus?

Am 24. April 2003 sind wir von Frankfurt nach Kuala Lumpur in Malaysia geflogen. Im Gepäck waren unsere beiden Fahrräder und zwei Anhänger. Vom Kuala Lumpur International Airport, der 80 km außerhalb der Stadt liegt, sind wir mit unseren Rädern in südliche Richtung nach Melaka gefahren. Von da aus ging es an der Ostküste Malaysias wieder gen Norden, unterbrochen von einem kurzen Abstecher auf die Insel Tioman, bis zur thailändischen Grenze. Nach drei Monaten Malaysia folgte ein Monat Süd-Thailand. Anschließend kehrten wir nach Malaysia zurück und fuhren mit dem Bus an der Westküste über Penang zurück nach Kuala Lumpur. Von dort flogen wir nach Neuseeland. Leider begrüßten uns schon in Auckland diverse Sturmtiefs. Und auch die hohen Lebenshaltungskosten (zumindest im Vergleich zu Asien) sorgten dafür, dass wir die geplanten 3 Monate auf 5 Wochen reduzierten und früher als geplant nach Sri Lanka »flüchteten«. Sri Lanka bereisten wir in drei Monaten und kehrten dann wieder nach Malaysia zurück. Dort verbrachten wir die restlichen sechs Wochen in Melaka in einem gemütlichen chinesischen Guesthouse, deren Besitzer wir schon zu Beginn der Reise kennen gelernt hatten.

 

Warum genau diese Destinationen?

Das war eigentlich mehr Zufall. Zuerst planten wir eine Reise durch Zentralasien. Der Irak-Krieg hat uns aber einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Irak lag zwar gar nicht auf der Reiseroute, doch schon die Stationierung von US-Truppen in der Türkei ließ uns umdenken. Drei Wochen vor dem Auszug aus unserer Wohnung haben wir uns auf das neue Ziel Neuseeland mit Zwischenstopp Südostasien geeinigt. Dieser Zwischenstopp wurde dann zum Mittelpunkt der Reise. Besonders Malaysia wurde uns während der insgesamt 6 Monate zur zweiten Heimat.

 
Kulinarischer Höhepunkt – die Märkte und Küche Thailands. | Foto: Waldemar Piontek

Welche waren eure fünf schönsten Momente?

Fast ein Jahr unterwegs, und dann sollen wir das in fünf Punkte fassen? Nun gut, hier ist ein spontanes Ranking, welches wir in zehn Minuten bestimmt wieder revidieren und ergänzen wollen ... Nach zwei Tagen in Asien quälten uns die Sonne und der Jetlag. Nach vielen schattenlosen hügeligen Kilometern und Zweifeln über die Durchführbarkeit unseres Vorhabens wurden wir in einen Hindutempel eingeladen. Dort bekamen wir eine Mahlzeit auf Bananenblättern. Es war sehr eindrucksvoll, all die damit verbundenen Zeremonien mitzubekommen. Die Menschen waren sehr freundlich und hilfsbereit. Das waren die ersten »Farben« Malaysias, und wir fühlten uns gleich willkommen in Asien. Nicht missen wollen wir auch das Gefühl, neue Freunde gewonnen zu haben, bei denen wir jederzeit willkommen sind. Da waren Soon und Gabi, ein chinesisch-schweizerisches Paar, das ein Guesthouse in Melaka betreibt; Mohamed, ein Physiotherapeut der malayischen Rad-Nationalmannschaft, der unsere Kinder mit allem Möglichen und uns mit Infos und Muskelöl beschenkt hat; das nette Paar von Penarik Inn, das wie Großeltern für unsere Kinder war; Meng, der Journalist, der den ersten Artikel über uns in Asien veröffentlicht; die Gabels, die uns, aufgehalten durch die Stürme in Neuseeland, mit Rat und Tat unterstützt haben; Johnson, der Titus das Surfen beibringen wollte. Und diese Namen sind nur einige, für mehr reicht der Platz nicht, sorry. Die Natur, besonders auf Sri Lanka, bleibt ebenfalls unvergessen. Vom Fahrrad aus sahen wir Elefanten, Warane, Pfaue, Eisvögel und unzählige kitschig bunte Schmetterlinge. Fragt man die Kinder, darf Biko, ein kleiner Babykater von 6 Wochen, den sie mit der Flasche füttern durften, in dieser Aufzählung natürlich nicht fehlen. Am Ende der Reise trafen wir ihn wieder, da war er schon ein ausgewachsener Kater. Und auch wenn wir das vorher kaum geglaubt hätten, doch jedes Mal, wenn wir auf andere Deutsche getroffen sind, war der Austausch in unserer Muttersprache ein riesiges Vergnügen.

 
Weihnachten auf Sri Lanka – fast wie zu Hause. | Foto: Waldemar Piontek

Und die fünf schlimmsten Erlebnisse?

Das ist einfacher, denn soviel gab es davon nicht. Einmal ist Anika von einem kleinen Geländer abgerutscht und hat sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen, die mit zwei Stichen genäht werden musste. In kürzester Zeit standen unzählige Menschen um uns herum, die alle helfen wollten. Das Krankenhaus, in dem Anika behandelt wurde, gehört zu den modernsten Malaysias. Und da waren natürlich die Stürme in Neuseeland. Sie hatten aber auch etwas Gutes, denn wir mussten umdenken und haben unsere wahren Bedürfnisse herausgefunden. So gingen wir nach Sri Lanka und ließen uns viel Zeit. Nie vergessen werden wir den Unfall an den Bahngleisen. Bei einer Zugfahrt im Süden Sri Lankas erlebten wir hautnah den Tod einer Frau mit, die vor dem Zug wegsprang und mit dem Kopf gegen eine Stange prallte. Die Bahnlinie führt dort durch Armen-Siedlungen. Die Menschen leben in ihren Hütten direkt an den Gleisen, Absperrungen gibt es nicht. Das Schreien ihres Kindes wird uns für immer begleiten. Der Abschied von den Menschen in Kuala Lumpur war herzlich, aber auch unendlich traurig. Auch das Ankommen in Deutschland war alles andere als schön. Es herrschte klirrende Kälte, die Menschen waren gehetzt. Es war eine ganz neue Erfahrung, dass die Menschen aneinander vorbeilaufen, sich nicht in die Augen schauen und nicht miteinander reden. Wir kamen uns wie Fremde vor und sehnten uns nach Asien zurück.

 
Beim nächsten Bild fehlten Titus und das Sandwich ... | Foto: Waldemar Piontek

Stichwort Kinderfreundlichkeit. Welche Länder könnt ihr empfehlen?

In Asien bedeuten Kinder Leben und Reichtum. Überall, wo wir aufgetaucht sind, wurden wir freundlich empfangen. Unsere Kinder standen immer im Mittelpunkt. Alle wollten ihr »goldenes Haar« anfassen. Manchmal mussten wir richtig aufpassen, dass es unseren Kindern nicht zu viel wurde. In Thailand war das am extremsten. Kinder gehören dort quasi allen, deshalb war es auch selbstverständlich, dass sie auf den Arm genommen wurden, auch wenn sie das nicht wollten. In Malaysia war es am einfachsten. Dort sind die Menschen zwar sehr interessiert, aber nicht zu aufdringlich. In Neuseeland ist es wiederum sehr europäisch ... obwohl, nicht ganz, denn dort können auch Kinder im Park spielen, nicht nur Hunde.

 

Wenn Anika und Titus der Oma von der Reise erzählen, wo fangen sie an?

Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal erzählen sie von den Elefanten, die wir gesehen haben, manchmal von Freunden, die wir unterwegs kennen gelernt haben. Tiere und Natur stehen bei ihnen aber meist im Vordergrund. Ihnen fallen noch heute immer wieder irgendwelche Ereignisse ein, die sie dann spontan erzählen. Manchmal sind da sogar englische Wörter dabei. Titus sagt sogar »thank you« und »you’re welcome«.

 

Werden Kinder bei dieser Fülle an Eindrücken nicht überfordert?

Nein, denn durch das Bike als Fortbewegungsmittel war unser Tempo stets »nachvollziehbar«. Wir sind nur langsam vorangekommen und haben immer darauf geachtet, dass sie genügend Freiraum zum Spielen hatten. Eigentlich haben sie unser Tempo bestimmt. Und wenn es ihnen gut ging, ging es auch uns gut. Wir sind nicht jeden Tag gefahren. Anfangs jeden zweiten, dann nur jeden vierten Tag. Zum Schluss waren es sogar nur zwei bis vier Radeltage pro Monat. So war genug Raum zum Verarbeiten der Ereignisse.

 
Sagenhaft – die »Petronas Twin Towers« in Kuala Lumpur sind mit 452 m die höchsten Wolkenkratzer der Welt. | Foto: Waldemar Piontek

Ab welchem Alter kann man Kids auf solche Reisen mitnehmen?

Kinder sind sehr flexibel. Meist sind es eher die Erwachsenen, aus deren Gewohnheiten Einschränkungen werden und die diese dann auf die Kinder projezieren. Generell gilt: Je jünger die Kinder sind, umso einfacher ist es. Ein gestilltes Baby ist überall zu Hause. Anika war acht und Titus vier Monate, als wir auf die ersten Radreisen gingen. Anfangs allerdings nur in Deutschland, später in ganz Europa. Bei Krabbelkindern kann es für die Eltern etwas stressig werden, weil sie alles in den Mund stecken. Trotzdem gab es gesundheitlich kaum Probleme. Allerdings würde ich schon sehr darauf achten, in welches Land ich mit ihnen reise. Auch wenn die Angst vor tropischen Krankheiten bei uns gern übertrieben wird, so kann beispielsweise das Dengue-Fieber für Kinder schnell tödlich werden. Und wer glaubt, dass unsere Reise etwas ganz Besonderes ist, der irrt. Unterwegs trafen wir eine australisch-mongolische Familie. Die Eltern waren seit sieben Jahren mit den Rädern unterwegs, ihr damals 3-jähriger Sohn Marcus kam in Thailand zur Welt und schlief anfangs in einer kleinen Badewanne mit Sonnenschutz auf dem vorderen Gepäckträger. Es geht alles – sofern man auf die Bedürfnisse der Kinder Rücksicht nimmt.

 

Gab es vor der Reise Bedenken im Freundes- und Familienkreis?

Und ob! Bei unseren Familien sind wir auf Unverständnis gestoßen. Ich denke, dass ihre größte Angst war, dass die Kinder damit überfordert sind oder ihnen etwas passiert. Sie hielten uns für leichtsinnig und unverantwortlich. »Ein Ressorturlaub in den Tropen ja, aber mit dem Rad durch Asien?« Für manche ist »auf Bäume klettern« schon eine große Gefahr und die Tatsache, dass unsere Kinder ungeimpft sind, hat die Meinung nicht gebessert. Und nach einer Anfrage in einem Internet-Weltreiseforum habe ich doch tatsächlich die Antwort bekommen: »Kauf doch deinen Kindern einen Gameboy, da haben sie mehr davon«. Ich denke, dass die Menschen ihre eigenen Ängste auf uns projiziert haben. Dabei sind auch eigene Zweifel hochgekommen, mit denen wir erst mal fertig werden mussten. Es gab aber natürlich nicht nur solche Stimmen. Menschen, die selbst reisen, haben uns ermutigt, und das Echo im Gästebuch auf unserer Homepage war auch positiv und hat uns bestärkt.

 

Hätte die Reise auch ohne Bike als Fortbewegungsmittel funktioniert?

Ja, sicher. Setzt man allerdings auf ein Auto, ist man weniger flexibel. Wir haben oft auch den Bus oder Zug genommen und in Neuseeland sogar einen Mietwagen. Das Reisen und Entdecken ist für uns wichtig, nicht das womit. Das Fahrrad ist aber schon etwas Besonderes. Wir waren langsam genug, um vieles mitzubekommen, wir waren immer mitten unter Menschen, und wir kamen in Winkel, wo kein Busreisender hinkommt. Gerade mit Kindern ist das Fahrrad ideal – ich sage nur Pinkelpause.

 
Mittendrin statt nur dabei. Während ihrer Zeit in Malaysia gehörten die Pionteks fast schon zur Familie. | Foto: Waldemar Piontek

Hattet ihr Räder »von der Stange«?

Mein Rahmen ist 10 Jahre alt, Katjas 4. Beide wurden aber mit Hilfe einiger Sponsoren nach unseren Vorstellungen »hochgerüstet«. Anikas Anhänger war einer der ersten »Trets« von Hase Spezialräder. Titus fuhr in einem »Chariot«, den wir schon seit seiner Geburt haben. Diesen habe ich allerdings mit Speichenrädern, einer Federung und einigen Verstärkungen ausgestattet. Trotzdem bin ich der Meinung, dass Räder »von der Stange« ausreichen. Wir haben genügend Menschen getroffen, die sich unterwegs Räder gekauft haben und damit gefahren sind. In Asien darf man kein Hightech erwarten. Je einfacher, desto besser. Das war auch der Grund, warum ich die 9-fach Schaltung an Katjas Rad gegen eine 8-fach getauscht habe. Selbst für die war es schon sehr schwierig, eine passend lange Kette zu bekommen. Aber ich will ehrlich sein: Viele Veränderungen an unseren Rädern entstanden nicht aus Notwendigkeit, sondern durch meine Freude am Verbessern. Wenn ich nicht daran basteln kann, dann fehlt mir was.

 

Was glaubtet ihr vorher unbedingt zu brauchen?

Eine Menge natürlich! Hier in Europa werden wir alle auf Sicherheit und künstliche Bedürfnisse getrimmt. In Asien stellten wir jedoch schnell fest, dass wir außer ein paar Kleidungsstücken und Badelatschen nicht viel brauchen.

 

Können eure Kinder mittlerweile auch selbst radeln?

Anika konnte es schon vorher. Auf der Reise wäre es für sie aber zu anstrengend gewesen, selbst zu radeln. Da war der »Trets«, der Anhänger zum Mittreten, die beste Alternative. Titus zieht immer noch das Dreirad dem Zweirad vor.

 
»Sprachtalent« Titus bei seinen Englisch-Studien. | Foto: Waldemar Piontek

Habt ihr Tour de France geguckt?

Ja, hin und wieder. Es ist erstaunlich, was die Rennfahrer da leisten. Andererseits finde ich es erschreckend, von wie vielen Autos und Motorrädern sie umringt sind. Aber das geht wohl heute nicht mehr anders. Auch wenn es bei uns manchmal sehr anstrengend war und Reisen auch harte Arbeit ist, mit dem, was die dort tun, ist unsere Tour nicht im Ansatz vergleichbar.

 

 

Welche Grundregeln könnt ihr anderen Outdoor-Eltern mit auf den Weg geben?

Die einzige wichtige Regel ist Vertrauen in sich und seine Kinder. Sich keinesfalls von anderen verunsichern lassen. Auf sein Gefühl vertrauen, das Richtige zu tun. Auf die Bedürfnisse der Kinder achten. Ein Grundschatz an medizinischem Wissen und Ausrüstung, um sich im Ernstfall selbst helfen zu können, kann aber nie schaden.

 

Was kostet so eine Tour eigentlich?

Wir hatten pro Tag ca. 18 Euro für uns alle zur Verfügung. Davon mussten wir übernachten und essen. Viel ist das nicht, aber es hat gereicht. Wir haben viel selbst gekocht, was den Vorteil hatte, dass wir Geld gespart und gleichzeitig gelernt haben, wie man asiatisch kocht. Nur in Neuseeland wurde das Geld knapp. Das war auch ein Grund, diese Inseln schnell wieder zu verlassen.

 
Mit Schirm und Charme durch die Drive-in-Dusche. | Foto: Waldemar Piontek

Und noch eine ganz praktische Frage: Wie versichert sich der Weltreisende?

Wir hatten eine Auslandskrankenversicherung mit Selbstbeteiligung bis 25,- €. Gebraucht haben wir sie nicht, denn in den meisten Fällen haben wir uns mit Homöopathie geholfen. Wir hatten eine Taschenapotheke nach Dr. Banser von der deutschen Homöopathischen Union dabei. Die ärztliche Behandlung in Malaysia und Thailand ist sehr günstig und in Sri Lanka im Krankenhaus kostenlos. Außer unserem Selbstvertrauen hatten wir keine weiteren Versicherungen.

 

Wo geht es als nächstes hin?

Das steht noch nicht fest. Zentralasien wartet immer noch und nach Sri Lanka haben wir Lust auf Indien bekommen. Anika kommt jedoch bald in die Schule, und wir suchen eine neue Perspektive zum Leben. Meinen alten Arbeitsplatz als technischer Redakteur gibt es nicht mehr. Derzeit arbeiten wir an einem Buch und zeigen unsere Eindrücke in Form von Diashows. Unsere Homepage www.39grad.de wird auch bald erweitert. Zum derzeitigen Online-Tagebuch kommen Erfahrungen und Tipps fürs Reisen mit Kids hinzu. Wie auf der Reise wird sich auch hier sicherlich vieles von selbst ergeben.