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Projekte: Cliff-Climbing auf Schottisch

Foto: Ralf Gantzhorn
Sie heißen Old Man of Stoer oder Old Man of Hoy und stehen wie steinerne Witwer vor der Steilküste Schottlands, einsam und unnahbar. An diesen sturmumtosten ­Felssäulen fanden vier deutsche Kletterer – auch nicht mehr die Jüngsten – ein schräges Abenteuer.
Auf dem Old Man of Hoy ist gerade genug Platz zum Freuen. | Foto: Ralf Gantzhorn

Manchmal wundert sich Ralf Gantzhorn selbst über sein Projekt. »Irgendwie ist es bekloppt, welchen Aufwand wir für diese kurzen Klettereien betrieben haben«, sinniert der 48-jährige Hamburger. »Zum Einstieg mussten wir durch zehn Grad kaltes Wasser schwimmen, die Absicherungen am Fels ­waren teils haarsträubend — ganz zu schweigen vom Hickhack mit den brütenden Eissturmvögeln, die ein bestialisch stinkendes ­Sekret versprühen, wenn man ihnen zu nahe kommt …« Andererseits werde er diese zwei, drei oder auch mal fünf Seillängen bis an sein Lebensende nicht vergessen: »Als wir dann oben saßen auf den winzigen Felsnasen, unter uns nur Wasser, ringsherum die Wellen, das Rauschen des Meeres, das Kreischen der Vögel — eine unfassbare Szenerie.«

»How to climb a Sea Stack« in 6 Schritten. | Grafik: 4-Seasons

Im Mai 2011 ist Ralf Gantzhorn mit drei ­Kletterfreunden das ­Projekt Sea Stacks angegangen. »To stack« bedeutet »übereinanderstapeln« und beschreibt die Schichtung der bis zu 150 Meter hohen Sandsteinsäulen. »Eigentlich ist der Mai in Schottland ein relativ wetterstabiler Monat«, erklärt Ralf, der während ­seiner Geologiesemeste­r in Aberdeen sein Herz an die Highlands verlor. »In jenem Mai aber hatten wir das mieseste Wetter, das ich dort je erlebt habe.« Stabiles Schlechtwetter, könnte man sagen, in dreieinhalb Wochen nur ein Tag ohne ­Regen. Weshalb die ­deutschen Bravehearts nur drei der geplanten fünf Sea Stacks ­erklimmen konnten. Doch die hatten es in sich.

 

Bildergalerie: Cliff-Climbing auf Schottisch

 

»Möglichst steil« heißt das Rezept gegen Stress mit Vögeln

Zum Beispiel der 60 Meter hohe Old Man of Stoer weit oben im Nordwesten des schottischen Festlandes. Selbst bei Ebbe wird er vom Meer umspült. Also: Klamotten runter, in einen wasserdichten Sack packen und mit dem einen Seilende an den Fuß des alten Mannes schwimmen. Durch einen Tangteppich auf die ­Felsinsel hochkämpfen, Klamotten anziehen und eine Seilbrücke bauen, an der sich die Kletterkumpels hinüberhangeln. In den Sandstein einsteigen, der durch die salzige Luft angenehm rau ist, und teils im unteren siebten Schwierigkeitsgrad (UIAA) ­klettern. Alles mit Klemmkeilen und anderen mobilen Mitteln ­absichern, weil Bohrhaken in Schottland verpönt sind. Möglichst steile Passagen suchen, denn: wo keine Felsbalkone, dort keine Vogelnester. Auf dem Gipfelsporn sitzend die Beine über dem Nordatlantik baumeln lassen und in Glücksgefühlen schwelgen. An dem überhängenden Fels wieder abseilen — baumelnd über dem schäumenden Ozean, wie ein Fähnchen im Wind.

Das Wetter war nicht immer schön. Ziemlich selten sogar. | Foto: Ralf Gantzhorn

Manchmal machte die Brandung eine Annäherung unmöglich. »Auf den Orkneyinseln standen wir drei Tage an der Steilküste und blickten sehnsüchtig auf einen vorgelagerten Sea Stack«, ­berichtet Ralf. »Wir hätten 60 Meter schwimmen müssen, da hätte­n uns die Brecher zu Krebsfutter zermahlen.« Geradezu ­britischen Humor bewies der renommierte Alpinfotograf schon in den 90er-Jahren, als er auf den Äußeren Hebriden einige Kletterrouten vom Segelschiff aus erstbeging und sie nach Liedern von Helge Schneider benannte: »Katzenklo« oder »Orang Utan Klaus«, so steht es nun für alle Ewigkeit in den Kletterführern.

Die beiden Klippentürme, die ihm diesmal entgangen sind, möcht­e Ralf Gantzhorn in jedem Fall nachholen. »Sea Stacks habe­n für mich so einen herrlich verspielten Charakter«, philosophiert er über sein Schottlandprojekt. »Wer als Kletterer keinen Sea Stack bestiegen hat, dem fehlt eine blinkende und absurde Facette diese­s Sports.«

 
4-Seasons Info
 

Das Buch zum Projekt

Sea Stacks spielen auch eine herausragende Rolle im neuen groß­formatigen Buch von Ralf Gantzhorn und dem Journalisten Jan Bertram. Titel: »Schottland — Outdoor-Erlebnis am Rande Europas«. Neben Klippenklettern geht es dort um Highlanddurchquerungen, Genusswanderungen an den Lochs sowie über winterliche Abenteuer am Ben Nevis. Alles wunderschön bebildert, genau beschrieben und mit Karten versehen. Bergverlag Rother, 227 S., 49,90 €, Globetrotter-Bestellnummer 18.46.63.
Außerdem ist gerade erschienen die vierte Auflage des »Rother-Wanderführers Schottland« von Ralf Gantzhorn mit 50 Touren. 160 S., 14,90 €, inkl. GPS-Tracks, Globetrotter-Bestellnummer 15.00.82.

 
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