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Ontario: Im Kielwasser der wilden Kerle

Foto: Christian Heeb
Endlose Wälder, Tausende Seen, eine lächerliche Einwohnerdichte und eine dem Kanu eng verbundene Vergangenheit, das sind Nord-Ontarios Markenzeichen. Der Ruf der Wildnis ist hier an jeder Straßenecke hörbar.
Luftiger Höhepunkt gleich um die Ecke von Thunder Bay: Den Eagle Canyon kann man auf Kanadas längster Hängebrücke überqueren. | Foto: Ontario Tourism
Luftiger Höhepunkt gleich um die Ecke von Thunder Bay: Den Eagle Canyon kann man auf Kanadas längster Hängebrücke überqueren. | Foto: OTMPC

Showtime. Ich habe sie schon von Weitem gehört und gehe deshalb vorsichtshalber an Land, um die Lage vom Ufer aus zu peilen. Aber so sieht keine Stromschnelle aus, mit der sich später angeben ließe. Ein unspektakuläres, vielleicht 50 Meter langes, flaches Waschbrett liegt vor mir, mit stehenden, ungefähr einen Meter hohen Wellen. Erst bei genauerem Hinsehen bemerke ich dicht unter dem Wasser dunkle Felsbrocken und hängen gebliebenes Treibholz. Ganz schön tückisch. Und umtragen ist nicht drin: Ich bin von Nadelwald förmlich eingemauert. An beiden Ufern reicht das Unterholz bis ans ­Wasser. Doch ich habe Glück. In der Flussmitte leckt eine glatte Zunge über das Waschbrett. Auf ihr reite ich kurz darauf durch das rauschende Spektakel, ohne dass auch nur ein einziger Spritzer über die Bordwand schlägt. Ich genieße die ­Action, schreie »Jiiehaaa« und beglückwünsche mich zu meiner Umsicht.

In dieser straßenlosen Wildnis kann der kleinste Fehler unab­sehbare Folgen haben. Eine halbe Stunde flussabwärts finde ich ein ruhiges Kehrwasser und ziehe das Kanu auf eine schmale Kiesbank. Als die Sonne untergeht, hocke ich gemütlich an meinem Feuer. Die Flammen züngeln an der rußgeschwärzten Kaffeekanne, der Qualm steigt senkrecht in den sternenklaren Himmel. Kein Lüftchen regt sich, die Mücken – es ist Anfang September – lassen mich in Ruhe. Mein ­vorletzter Paddeltag neigt sich dem Ende. Ich versuche, ein Re­sümee zu ziehen, doch für Lagerfeuer-Philosophie bin ich jetzt zu müde. Auch diese Nacht schlafe ich tief und fest.

 
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Sagenhafte Blicke im Sleeping Giant Park. | Foto: Ontario Turism
Sagenhafte Blicke im Sleeping Giant Park. | Foto: OTMPC

Der Wabakimi Provincial Park liegt im Norden von Ontario. Mittendrin im breiten Nadelwaldgürtel quer durch Kanada. Mit gut 9000 Quadratkilometern ist er das zweitgrößte von der Provinz verwaltete Wildnisgebiet – und Kanadischer Schild wie aus dem Bilderbuch: Ein Viertel ist nackter, moosbekleckerter Granit, der Rest Schwarzkiefern, Fichten und Espen dicht an dicht. Schwarzbären hausen hier, Elche und Wolfsrudel, und eine kleine Herde Rentiere. Das Stichwort ist »entlegen«. Nach Thunder Bay im Süden, der ­einzigen nennenswerten Stadt zwischen dem 1400 Kilometer entfernten Toronto und dem 700 Kilometer nahen Winni­peg, sind es drei Autostunden durch menschenleeren Wald. Die Straße hierher endet kurz vor der Parkgrenze in Armstrong, einem funktionalen 250-Seelen-Nest, das von ein bisschen Holzwirtschaft lebt und ­einen kleinen Bahnhof hat.

Von hier aus starten die Wasserflugzeuge und bringen einen zum Kanuwandern in den Wabakimi Provincial Park. Ein weitläufiges System aus Seen und Flüssen, das sage und schreibe 2000 Kilometer Kanurouten mit rund 500 historischen Tragestellen bietet. Wabakimi gilt zwar nach heutigem Maßstab als unberührt, doch die Anishinabe­ genannten Ureinwohner haben die Wasserwege schon immer genutzt. Ein schöner Gedanke, das Kanu dort von einem See zum anderen zu tragen, wo bereits viele Generationen mit ihren Mokassins­ Spuren im Waldboden hinterlassen haben. Und zwar zu einer Zeit, als die Flüsse in Kanada die einzigen Straßen waren und Kanus­ aus Birkenrinde die Autos und Lastwagen.

Echte Männer paddeln 4000 Kilometer!

Tatsächlich ist das Kanu besonders im Norden Ontarios ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Kulturgut. Dass dies keine leere Floskel ist, zeigt sich bereits auf dem Flug von Toronto nach Thunder Bay. Unter uns dehnt sich nach Norden eine schier ­endlose Fluss- und Seenlandschaft aus, die stellenweise aus mehr Wasser als Land zu bestehen scheint. Straßen sehe ich nur hin und wieder. Bis ich merke, dass ich immer dieselbe sehe, den Trans-Canada Highway. Wie funktionierte der Verkehr früher bloß?

Im Fort William Historical Park trifft man wilde Paddler ...
Im Fort William Historical Park trifft man wilde Paddler ... | Foto: Mike Kraus

Die frankokanadischen Pelzhändler des späten 18. Jahrhunderts, die Voyageurs, brauchten für die 2000 Kilometer von Montréal nach Thunder Bay einst den halben Sommer. In großen, schwer mit Handelsgut beladenen Lastenkanus nahmen sie den Weg über Ottawa und Mattawa River, Lake Nipissing, French River, Georgian Bay und Lake Huron, schleppten Kanus und Ladung in Sault Ste. Marie um die Stromschnellen herum und paddelten dann die schroffen Gestade des Lake Superior entlang nach Fort William. So hieß Thunder Bay früher, und wegen der Kanu-Connection von T-Bay, heute ein moderner Verladehafen für Getreide, nutze ich gleich nach der Ankunft die Gelegenheit für einen Besuch im Fort William Historical Park etwas außerhalb. Dort wurde der wichtigste Pelzhandelsposten der Montréaler North­west Company, deren ­Handelsgebiet um 1800 bis nach Oregon­ reichte, detailgetreu nachgebaut: Palisadenzaun und mehr als ein Dutz­end­ Gebäude – inklusive kostümierter Darsteller.

... und edle Pelzhändler.
... und edle Pelzhändler. | Foto: Mike Kraus

Das Museum beherbergt über 15 000 relevante Artefakte, darunter eine ganze Menge rekonstruierter Birkenrindenkanus. Halbwilde Gesellen und eitle Weiberhelden seien die Voyageurs gewesen, erfahre ich hier, und freiheitsliebende Weltenstürmer. Vor allem aber eines: unvergleichliche Kanufahrer. Sie vollbrachten Leistungen, die damals niemandem sonst gelangen. Bis zu 70 000 Paddelschläge schafften sie täglich und verbrannten dabei 7000 Kalorien. Von Montréal nach Fort William – so steht es unter einer der schönen Bildtafeln – machten sie in weniger als sechs Wochen. Ihre Lieder erzählen von Leistenbrüchen an schwierigen Tragestellen und von ertrunkenen Kollegen, vom Liebreiz der Indianer-Squaws, von Tod und Teufel sowie vom Stolz, ein »homme du nord«, ein Mann des Nordens zu sein.

Ich mag diese Typen auf Anhieb und komme mit einem der kos­tümierten Darsteller, einem sehnigen Burschen mit langen Haaren, ins Gespräch. Als er hört, dass ich im Wabakimi Provincial Park paddeln will, reagiert er mit der in hiesigen Paddlerkreisen offenbar angemessenen Mischung aus Ehrfurcht und stillem Neid. »Wow«, sagt er nur. Und empfiehlt zwei Orte, die ich vorher ­unbedingt sehen sollte: den Sleeping Giant Provincial Park und die Kakabeka Falls. Beide ganz in der Nähe. »Dort bekommst du ein Gefühl für die Leistungen unserer Voyageurs.«

Ein Binnensee so groß wie Österreich

Gleich hinter der Hafenausfahrt von Thunder Bay dehnt und streckt sich das Wasser bis zum Horizont.
Gleich hinter der Hafenausfahrt von Thunder Bay dehnt und streckt sich das Wasser bis zum Horizont. | Foto: Mike Kraus

Gesagt, getan. Und so fahre ich zunächst zum Sleeping Giant. Thunder Bay versinkt so schnell im Rückspiegel, als hätte es die Stadt nie gegeben. Gleich hinter dem letzten Haus übernimmt die herbe Fels- und Waldkulisse. Rückenlehne leicht zurück, Tempomat an: Hier würde sich, da bin ich sicher, sogar der liebe Gott ­hinters Steuer setzen. Im Übrigen habe ich den Trans-Canada Highway unter den Reifen, die rund 8000 Kilometer lange, Neufundland mit der Pazifikküste verbindende Mutter aller Roadtrips. Ein irgendwie berauschendes Gefühl, von dem ich noch zehre, als ich eine Stunde später den Sleeping Giant Provincial Park am Ende der weit in den Lake Superior ragenden Sibley Peninsula erreiche.

Ich bestaune die namengebenden Fels­wände­, die von Westen aussehen wie ein schlafender Riese, und fotografiere drei oder vier Schwarzbären, die in aller Ruhe die Piste­ überqueren. Als ich am Ende des weit über die Felsenkante reichenden Thunder­ Bay Lookout stehe, liegt mir der Lake Superior­ zu Füßen: ein Binnensee so groß wie Österreich, eine konturlose, am Horizont­ mit dem Himmel verschmelzende Wasser­fläche. Die Voyageurs­ hatten, wenn sie hier vorbeikamen, Dutzende gefährliche Stromschnellen und zermürbende Tragestellen hinter sich.

Fast wie am Meer: ein Strandgang am Lake Superior. | Foto: Ontario Turism
Fast wie am Meer: ein Strandgang am Lake Superior. | Foto: OTMPC

Über Letztere werden sie sich in Fort William mit ihren von Norden­ auf dem Kaministiquia River kommenden Pelzhändlerkollegen ausgetauscht haben. Die schwierigste davon umging die 40 Meter hohen Kakabeka Falls westlich von Thunder Bay. Ich starre in die Schlucht, lausche dem ohrenbetäubenden Rauschen der Wassermassen und stelle mir vor, wie die Männer ihre Kanus entluden und die stets mehrere Tonnen wiegende Last mitsamt Kanu in mehreren Trips rund um die Fälle schleppten. Fluchend, schwitzend, feixend und vom Liebreiz der Indianer-Squaws singend.

Am letzten Morgen in Wabakimi liegt feiner Nebel über dem Fluss. Während der Morgengymnastik denke ich an meine Helden, die Voyageurs, die diese sicher nicht nötig hatten, Kerle, wie sie waren. Dann entdecke ich flussabwärts frische Bärenspuren. Gut möglich, dass der Bär mir bei meinen Verrenkungen zugeschaut hat. Ich breche das Lager ab, verstaue alles im Kanu und stoße ab. Ein paar Paddelschläge, und schon trägt mich die Strömung fort.

 
4-Seasons Info

Ontarios Norden entdecken

Karte OntarioAnreise: Air Canada fliegt täglich von Frankfurt nach Toronto, aircanada.com. Weiter nach Thunder Bay mit Porter Airlines, flyporter.com.

Übernachten: In Thunder Bay im modernen Valhalla Inn, valhallainn.com.

Parks: Der Sleeping Giant Provincial Park liegt eine gute Autostunde nordöstlich von Thunder Bay und bietet neben schönen Wanderwegen tolle Aussichtspunkte auf den riesigen Lake Superior, ontarioparks.com/­park/sleepinggiant.

Paddeln in Wabakimi: Parkinformationen gibt es unter ontarioparks.com/park/wabakimi. Verschiedene Veranstalter organisieren geführte, mehrtägige Kanutouren im Park, darunter Wilderness North, wildernessnorth.com.

Allgemein: Jede Menge Reiseinfos über Ontario findet man unter ontariotravel.net/de. Viele Tipps und ein großes Gewinnspiel, bei dem wir eine Reise für zwei nach Ontario verlosen, gibt es unter 4-Seasons.de/ontario.

Video: Ontario in schönen Bildern gibt's auf 4-Seasons.tv/ontario.

 

 
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