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Nordisch by Nature: Langlaufkult in Finnisch-Lappland

Finnland von hinten – klare Perspektiven am Start des zweiten Tages. | Foto: Till Gottbrath
Lang laufen, das kann man in Finnisch-Lappland ziemlich gut. Hier haben Mensch und (Ren-)Tier Platz genug, um auszumachen, wer am schnellsten durch den Schnee kommt. Zum Beispiel beim Lapponia-hiihto, einem dreitägigen Skirennen über 190 Kilometer.

Eines vorweg: Ich bin kein Hardcore-Langläufer. Meine nordische Skikarriere begann ich im Alter von über 40 Jahren. Mit dem klassischen Stil klappt es inzwischen ganz gut, beim Skaten verbrauche ich jedoch einen unverhältnismäßig hohen Anteil meiner Energie zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts, während der Vortrieb stark zu wünschen übrig lässt. Trotzdem macht mir die Sache einen Riesenspaß. Und deshalb überzeugte ich Stone und Nicole, mit mir nach Finnisch-Lappland zum Lapponia-hiihto zu fahren.

Hi, hi, hi! Team Gottbrath vor dem Rennen. | Foto: Till Gottbrath

Stone hatte zunächst Lapponia-libido verstanden und war gleich Feuer und Flamme gewesen. Netterweise blieb er auch bei seinem Entschluss mitzufahren, als er hörte, dass es sich nur um eine Langlaufveranstaltung handelt. Der »Lappland-Lauf« – so lautet die Übersetzung von Lapponia-hiihto, wenn ich mich nicht täusche – ist eine Serie von drei Läufen an vier Tagen: 60 Kilometer, 50 Kilometer und dann 80 Kilometer. Zwischen dem 50er und dem 80er hat man einen Tag Ruhe, damit es nicht ganz so schlimm ist.

In Mitteleuropa ist der Lapponia-hiihto eher unbekannt. Wir haben also keine Ahnung, was uns hier erwartet. Mehr Klarheit bekomme ich vor Ort in Olos, 200 Kilometer nördlich des Polarkreises nahe der schwedischen Grenze, als ich auf der Suche nach der Toilette Klaus kennenlerne. Klaus lebt in Stuttgart, trainiert im Schwarzwald und startet bereits zum elften Mal. Ein erfahrener Lappland-Hase. »Beim Lapponia-hiihto geht es um die Ehre«, klärt Klaus auf. »Das Level ist extrem hoch. Drei harte Tage, das zieht einfach gute Leute an. Den Lapponia-hiihto muss man mal gemacht haben!« Während Klaus auf dem Klo verschwindet, steigen meine Bedenken wieder hoch: Bin ich hier richtig?

Einlaufen zwischen den Häusern von Muonio. | Foto: Till Gottbrath

Klaus gibt mir dann noch eine Reihe guter Tipps, die sich als überaus nützlich erweisen. Es scheint fast, der Lapponia-hiihto finde nicht zum 33. Mal statt, sondern eher zum ersten Mal: Es gibt praktisch keine schriftlichen Informationen, keiner weiß etwas, aber alle sind sichtlich bester Laune. Wir beschließen, uns anzupassen.

Auf einer Ebene im Moorgelände unterhalb der Skistation Olos laufen sich die ambitionierten Läufer warm. Aus strategischen Gründen verzichte ich darauf: Erstens ist es sowieso warm – schon am Morgen um die null Grad – und zweitens brauche ich meine Körner für die 60 Kilometer. Um die 400 Leute stehen am Start. Ich stelle mich ganz hinten dazu. Hier stehen die Dicken, die Langsamen und die Entspannten.

Nach dem Startschuss jagen die Eliteläufer in einem Höllentempo davon, damit sie ja nicht in den Stau am Waldeingang kommen. Ich wähle eine andere Taktik – nur nicht zu schnell angehen – und wünsche mir leise, dass ich nicht Allerletzter werde …

 

Langsam starten, Körner sparen

Die ersten zehn oder zwölf Kilometer geht es in sanften Wellen permanent auf und ab. Dabei haben es einige Abfahrten ganz schön in sich. Immer wieder zeugen große Löcher neben der Spur von größeren Einschlägen. Hier und da zische ich an einem Knäuel aus Menschen, Ski und Stöcken vorbei, die im Unterholz zappeln.

Ja, also ich bin der Till und ich will nicht Letzter werden. | Foto: Till Gottbrath

Unter Langläufern gilt Finnland als Hochburg der klassischen Technik. Davon ist hier nicht viel zu sehen. Ich schätze, dass vielleicht fünf Prozent der Starter klassisch laufen. Auf den ersten 25 Kilometern der Loipe ist die klassische Spur weitgehend von den Skatern vernichtet. Und ich habe mich kurzfristig entschieden, eben doch klassisch zu starten. Schon bald laufe ich allein. Ein suchender Blick nach hinten – bin ich etwa schon der Allerletzte? Ich glaube nicht. Und auch das ist beruhigend: Geht es mal geradeaus, sehe ich Läufer vor mir.

Die Spur ist schnell. Mit Doppelstockschüben pfeife ich bei leichtem Rückenwind über den Jerisjärvi – »Järvi« heißt See. Ich schaue ungläubig auf mein Garmin: zwischen 14 und 15,5 Stundenkilometer! Hinter dem See geht es bergauf. Und wie. Das allererste Stück ist ein wahrer Lungenbrecher. Die Loipe führt auf einer Brücke über die Hauptstraße, und kurz darauf passieren wir die Grenze des Pallas-Ounastunturi-Nationalparks. Nun steigt die Loipe lang und gleichmäßig an. Ich weiß nicht, über wie viele Kilometer, aber gefühlt sind es etliche. Ich stapfe ganz piano bergan. Bloß nicht das Pulver verschießen. Oben wartet die Belohnung. Es geht an der Baumgrenze auf dem sanften Westhang des Sammaitunturi 
entlang. Schräg voraus liegen die Bergkuppen des Nationalparks. Ich stoppe, mache Fotos und schaue mich in aller Ruhe um. Vergessen ist der Wettkampf. Mein Herz hüpft. Aber nicht mehr vor Anstrengung, sondern vor Begeisterung.

Gut eineinhalb Stunden später ist es damit vorbei. Mein Ski wird immer schlechter. Die Sonne scheint genau in die Spur, und der Belag saugt regelrecht. Ich habe weder Grip, noch kann ich gleiten. Am Ende des Sarkisjärvi fühlen sich meine Arme und Beine schwer wie Blei an. Der Schnitt beträgt nur noch acht bis neun Stundenkilometer.

Fies ist außerdem, dass die Spur nach 40 Kilometern direkt auf Olos mit seinen Windkraftanlagen zuläuft. »Jetzt ist es nicht mehr weit«, denke ich. Und schaue dann auf das unbestechliche GPS, das ganz klar etwas anderes zeigt: Die Strecke führt noch über eine weite, wenn auch flache 20-Kilometer-Schleife nach Süden.

Ich versuche meine Schmerzen und das Leid zu verdrängen, indem ich an unsere ersten Tage hier denke. Die waren klasse! Von dem nagelneuen, gar nicht mal so kleinen Flughafen in Kittilä fuhren wir mit dem Bus nach Muonio und passierten unterwegs Orte wie Sinetänsalmi, Villenpuisto oder Hukkakumpu – um nur ein paar Highlights zu nennen. Bald lernen wir auch, dass Finnisch gar nicht so schwierig ist. Wörter wie Posti, Taksi, Kioski, Bankki, Apteekki oder Meetvursti beweisen das.

 

Erheiterung und Empörung

Mit einem Mietwagen fuhren wir hinauf nach Kautokeino in Norwegen, ins Zentrum der Sami-Kultur. Ein Banner wies schon am Ortseingang auf das samische Osterfest hin, und ohne größere Probleme wurden wir zum Rentierrennen geleitet. Das Rennen würde um elf Uhr beginnen, hieß es, was bedeutet: nicht vor elf Uhr, irgendwann danach. Immerhin gab es Parkplatzwächter, die uns richtige Eintrittskarten zum »Reindeer Race Worldcup« verkauften.

Ho, ho, ho! Rentiere sind eben auch Renn-Tiere. | Foto: Till Gottbrath

Ein eisiger Wind blies über den zugefrorenen See. Ein paar wenige Schneeflocken tanzten schwerelos umher. Die Hauptdarsteller waren an krüppeligen Birken festgebunden. An ein paar Ständen gab es samische Sachen zu kaufen: Rentierfelle, Schuhe aus Rentierfellen, 
Sitzkissen aus Rentierfellen, Handschuhe aus Rentierfellen, Mützen aus Rentierfellen. Fleisch vom Rentier – gefroren oder getrocknet. Keine Frage, Rentiere sind Nutztiere. Aber sind es auch Renn-Tiere?

Sie sehen zunächst wenig athletisch aus. Aber wenn sie dann aus den Startboxen schießen, sind die scheinbar so tollpatschigen Dinger mit ihren viel zu großen Köpfen und viel zu tapsigen Hufen echte Raketen. Die Streckenlänge misst 1000 Meter – dafür brauchen sie nur eine Minute und 15 Sekunden. Dabei wedeln sie wild mit den Zungen und scheinen zu lachen. Witzige Tiere. Die »Jörer« – Fahrer, oder wie man da sagt – halten sich an einer Leine fest, die zwischen den Beinen durch zum Zuggeschirr führt, während eine andere Leine zum Lenken und Anfeuern dient. Alle Fahrer haben Helme und viele Protektoren. Wer richtig cool ist, trägt einen Rennanzug wie die Alpinskiläufer, gern auch im Style der 1980er-Jahre und gern auch zwei bis drei Nummern zu groß.

Sie können zwar schnell rennen, die Rentiere, sie lassen sich aber auch schnell aus der Bahn werfen. Derartige Entgleisungen geschehen öfter und sorgen jedes Mal für eine Mischung aus Erheiterung und Empörung bei den mittlerweile zahlreichen Zuschauern – es werden an die 200 oder gar 300 Menschen sein. Die meisten Sami haben natürlich ihre traditionelle Tracht an.

Da lang! Die Strecke ist gut markiert. | Foto: Till Gottbrath

Doch zurück in die Gegenwart, zurück in die Loipe: Zu meiner großen Freude erreicht die Strecke irgendwann den Punkt, wo sie um den alpinen Skiberg Olos biegt – zu erkennen an der Beleuchtung, die man installiert hat, weil hier die Polarnacht rund sechs Wochen dauert. Auf den letzten fünf Kilometern erwarten mich noch ein paar böse Anstiege. Richtige Wadenbeißer. Ich quäle mich und überhole noch drei andere Läufer.

Am Ziel, direkt neben dem Schlepplift und vor dem Restaurant des Hotels, tanzt nicht gerade der Bär. Umso schöner, dass Nicole und Stone mich erwarten. Schön auch, den Namen »Gottbrrracht« aus der Lautsprecheranlage zu hören, eingebettet in einen Schwall finnischer Worte. Als ich abends im Bett liege, den Kopfhörer auf dem Kopf und das Bier in der Hand, ist die Welt rund: Ich habe es geschafft. Ich bin nicht Letzter geworden, und ich bin auch nicht völlig am Ende. Ein guter Tag!

 

Wo Mut fast zum Verhängnis wird

Und kein Baum, ums sich dahinter zu verstekcen ... Bei der Bergwertung am zweiten Tag. | Foto: Till Gottbrath

Die 50-Kilometer-Strecke am zweiten Tag startet nicht in Olos, sondern in Vuontisjärvi, einer kleinen Fjällstation an einem See. Das haben die Veranstalter gut gemacht, denn so sortiert sich das Teilnehmerfeld, bevor es fast 500 Höhenmeter bergauf geht. Darauf folgt eine halsbrecherische Abfahrt – steil, sehr eng und kurvig geht es hinab. Später erfahre ich auch, warum: Die Veranstalter dürfen im Nationalparkgebiet die Loipe nicht verbreitern. Fast wird mir mein Mut zum Verhängnis. Bei hohem Tempo stürze ich zweimal, zum Glück ohne Schäden an der geschützten Natur anzurichten. Reden wir nicht von Mensch und Material.

Der weitere Streckenverlauf bietet noch eine größere Steigung hinauf zur Skistation Pallas, ein paar Wellen und die bösen Wadenbeißer am Ende. Alles in allem komme ich ganz gut durch. Am Tagesziel in Olos freue ich mich, dass nur noch 80 Kilometer zu bewältigen sind, übermorgen …

Der Ruhetag tut den Muskeln gut. Es wäre aber falsch zu sagen, dass ich am Morgen darauf frisch an den Start gehe. Der Himmel ist wolkenverhangen und am Ende einer langen Steigung pfeift ein eisiger Wind ins Gesicht. Meine Ski laufen heute gut: satter Grip bergauf, gutes Gleiten in der Ebene und bergab. Ich versuche mich einzubremsen.

Dann kommt die Sonne heraus, und die Loipe schmilzt dahin. Der Schnee wird weich, sulzig, grieselig. Die Ski gleiten kaum mehr. Ich versuche, mehr mit den Armen zu arbeiten, aber auch das geht nicht, weil die Teller im aufgeweichten Schnee versinken. Was nicht nur mühsam ist, sondern auch bedenklich: Die Stöcke könnten dabei abbrechen. Also versuche ich zu skaten. Aber mit 2,10 Meter langen Classic-Ski, mit entsprechenden Schuhen und Bindungen und einer miesen Technik ist das nicht einfach.

Mittlerweile laufe ich allein auf weiter Flur, wo niemand meine Flüche hört. Wie gern ich jetzt aufgeben würde. Aber wie nur? Mein Handy hat kein Netz – mir bleibt nichts anderes übrig, als weiterzulaufen.

Später wird die Loipe zum Glück wieder fester, sodass ich an der nächsten Verpflegungsstation eben doch nicht aufgebe. Das Ziel ist das Ziel. Dabei ist es psychologisch von Vorteil, dass die letzten Kilometer dieselben sind wie am Tag zwei. Aber meine Muskeln brennen. Sie schreien vor Schmerz. Und jemand muss unsichtbaren Honig in die Loipe gekippt haben. Die Ski wollen einfach nicht mehr rutschen.

 

Mit der Motorik eines Roboters

Damit unterwegs die Körner reichen ... | Foto: Till Gottbrath

Und rutschen doch. Irgendwie erreiche ich das Ziel. Es ist nicht mehr viel los hier. Mein Körper zittert vor Erschöpfung. Ich muss fast heulen und weiß nicht warum. Zwei Tage später habe ich immer noch die Motorik eines Roboters, aber in der Erinnerung verblasst das Leiden, und die schönen Augenblicke gewinnen an Raum.

Nicole, Stone und mir ist klar: Wir werden wiederkommen. Nicht um beim Rennen zu starten, sondern um das nächste Mal ganz normale Langlauftouren zu machen, von Hütte zu Hütte. Das Loipennetz um Olos und Muonio ist gigantisch, insgesamt über 1000 Kilometer lang und meist hervorragend präpariert. Da ist dann wirklich der Weg das Ziel.

Ach ja, ich bin übrigens nicht Letzter geworden beim Lapponia-hiihto. Aber ich war verdammt nah dran.

 
4-Seasons Info
 

Lapponia-hiihto

 

Ursprünglich war es kein Wettbewerb, sondern eher eine Art Freizeitprogramm für die Osterferien. Mittlerweile hat sich das Drei-Tage-Rennen zu einer festen Institution der nordischen Skiszene entwickelt. Dabei ist die Atmosphäre familiär geblieben – und die Landschaftskulisse im hohen Norden unverändert großartig.

Anreise
Mit Finnair über Helsinki nach Kittilä (www.finnair.fi). Manchmal gibt es auch günstige Flüge bei www.blue1.com. Vom Flughafen gute Busverbindung nach Olos oder Muonio – bis direkt zum Hotel bzw. zur Hütte.

Lapponia-hiihto 2011
Die nächste Lapponia-Skiwoche findet vom 2. bis zum 9. April 2011 statt. Gelaufen werden drei Rennen über 60, 50 und – nach einem Ruhetag – 80 Kilometer. Man kann skaten (wie die große Mehrheit) oder klassisch laufen. Teilnahmegebühr: 120 Euro. Man kann auch nur einzelne Rennen mitmachen oder die optionale Kurzversion wählen (gut für Familien und Gruppen).
Mehr Infos gibt es unter www.lapponiahiihto.fi/de/ (ein wenig unstrukturiert) und www.euro-loppet.com/skilanglauf-rennen/lapponia-hiitho.php.

Unterkunft 
Olos, das Zentrum der Veranstaltung, ist ein eher beschauliches Alpin-Skigebiet mit einem Hotel und Hütten in mehreren Kategorien. Vorteil: mittendrin, super Loipen; Nachteil: etwas teurer.
Der nächste Ort mit Supermarkt ist Muonio, ca. 6 km entfernt (Bus), mit mehreren Hütten und Hotels. Alternativ kann man zwischen diversen Hütten und Hotels »im Wald« wählen.
Mehr Infos: www.muonio.fi.

Aktivitäten/Events
Die gesamte Region ist mit einem gigantischen Loipennetz von über 1000 Kilometer Länge durchzogen, meist klassisch und frei gespurt. Sensationell!
Das Sami Easter Festival steigt in Kautokeino (Norwegen), rund 155 km nördlich von Muonio, und lohnt nicht nur wegen der Rentierrennen. Alle Infos dazu unter www.samieasterfestival.com und www.kautokeino.nu.
Neben Olos liegen in der Gegend noch die alpinen Skigebiete von Ylläs, Pallas und Levi. Gemessen an den Gebieten in den Alpen bieten sie allerdings nichts, was die weite Reise lohnte.

 
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