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Nordaustralien: wie der Emu in den Himmel kam

Foto: Ingo Hübner
Der menschenleere und oft ursprüngliche Norden ist eine gewaltige Bühne für einen einzigartigen Trip in die Welt der Aborigines.
Die Feuerrauch-Zeremonie soll böse Geister vertreiben, die sich einem beim Besuch einer Höhle manchmal an die Fersen heften. | Foto: Ingo Hübner
Die Feuerrauch-Zeremonie soll böse Geister vertreiben, die sich einem beim Besuch einer Höhle manchmal an die Fersen heften. | Foto: Ingo Hübner

Und da stehen wir also, unter dem gewaltigsten, zum niederknienden, klein machenden, glitzernden Sternenhimmel. Die Milchstraße nicht nur ein fluffiger Sternenhauch, sondern eine Manifestation der Unendlichkeit. Nachts am Cape Leveque, einem klitzekleinen Zipfel ziemlich weit im Nordwesten von Westaustralien, mit sehr viel Nirgendwo drum­herum. Langsam taucht der Mond, eine auf dem Rücken liegende, orange glühende Sichel, ins Meer. Aus irgendeinem Grund, den Außenstehende nicht verstehen, kann oder will Bundy das Schauspiel nicht betrachten und wendet ihm demonstrativ den Rücken zu.

Was er doch verpasst! »Ist es vorbei?«, flüstert er fast zaghaft. Stummes Nicken in der Runde. Also schwenkt er seinen Taschenlampenstrahl mitten in die Milchstraße und zeichnet das Kreuz des Südens nach. »Links davon seht ihr eine schwarze Fläche, die nach unten spitz zuläuft.« Er richtet seine Lampe in den Sand, kniet sich hin und zeichnet den Kopf nach, einen langen Hals und schließlich den Körper. Richtet die Lampe wieder in den Himmel und fragt: »Seht ihr es? Der Emu.« Die unendlich schwarzen Schatten zwischen dem Sternenstaub fügen sich langsam zu einem gigantischen Emu-Himmelsbild. »Das Traumzeittotem meines Großvaters.« Bundy nun in einem Ton, der schon allein diese Aussage wie die Preisgabe eines Geheimnisses wirken lässt. Der Rest ist auf keinen Fall sagbar. Wie der Emu in den Himmel kam, welche persönliche Geschichte Bundys Familie mit diesem Symbol verbindet. Sie ist nur für seine Familie in die Welt überliefert, zugänglich, erfahrbar. So ist das eben mit der Traumzeit, einer spirituellen Welt und Art, die Dinge hinter den Dingen zu sehen, deren Bedeutungen und Botschaften jeweils nur einigen eingeweihten Familienmitgliedern zugänglich sind.

Wer hier nicht badet, ist selbst schuld – eindeutig ein denkwürdiges Aussie-Erlebnis. | Foto: Ingo Hübner
Wer hier nicht badet, ist selbst schuld – eindeutig ein denkwürdiges Aussie-Erlebnis. | Foto: Ingo Hübner

Tagsüber war Bundy dafür schon ein wenig mitteilsamer, was seine Kultur angeht, zumindest die Alltagskultur der Saltwater People – das ist die allgemeine Bezeichnung für die Clans, deren Lebensraum die Nordwestküste ist. Und diese Alltagskultur beschäftigt sich vorwiegend mit dem Überleben. »Das Land sagt dir, was du zu tun hast, du musst nur zuhören«, lautete das Motto seines kleinen Workshops. Wenn dieser Baum orangefarbene Blüten trägt, ist der Beginn der Jagdzeit, wenn der dort gelbe Blüten trägt, ziehen die Wale vorbei, und wieder andere Blütenfarben signalisieren den Beginn der Regenzeit. Das wichtigste Merkmal der Bäume aber: Mit ihnen lässt sich Feuer machen und dieses wiederum sorgt dafür, dass sich sonst recht widerspenstiges Holz zu geraden Speeren biegen lässt. Eine Frau braucht übrigens keinen Speer, ihre Aufgabe ist es, im Sand nach essbaren Wurzeln und ähnlichen Dingen zu buddeln. Die Männer aber gehen mit den Speeren im Meer fischen. Was bei uns Novizen selbstverständlich in recht kläglichen Versuchen endet, über die sich Bundy ein klitzekleines Grinsen natürlich nicht verkneifen kann.

Der coole Bundy ist starker Kulturvermittler. | Foto: Ingo Hübner
Der coole Bundy ist starker Kulturvermittler. | Foto: Ingo Hübner

Einen Katzensprung weiter, so wie die Krähe fliegt, wir aber mit dem Helikopter, liegt die Freshwater Cove. Ein kleines Camp am Meer. Robinson-Crusoe-Feeling atmend mitten im Reich der Wandjina: drei Geschwister,­ die mit der Erschaffung der Welt zu tun haben und im Glaubenskosmos der Aborigines vornehmlich für Wolken, Regen und Fluten verantwortlich gemacht werden. Zu Gesicht bekommen wir eines dieser Wesen, die mit ihren großen Augen und seltsamen Köpfen aussehen wie Aliens, die einem Ufo entstiegen sind, an der Decke eines höhlenartigen Felsüberhangs. Wayne hat uns vom Camp dorthin geführt. Ein Ort, an dem seine Vorfahren schon in grauer Vorzeit Schutz suchten. Schon ein bisschen unheimlich, diese Wandjina. Vor allem, weil sie keinen Mund haben. Wayne hat dafür aber eine aus seiner Sicht äußerst logische Erklärung: Hätten sie einen, wäre das Land hier überflutet, denn aus dem Mund würde das Wasser nur so herausschießen. Dann erzählt er eine lange Geschichte, wie sich die ­Wandjina zerstritten haben und der Konflikt in einer großen Schlacht ihrer Gefolgschaften an einem Strand in der Nähe, dem ­sogenannten Stone Warrior Beach gipfelte. Dort hat die Traumzeit in unserem Universum voll zugeschlagen, sehr sichtbare Spuren hinterlassen. Zwischen dem grandiosen Zeugnis dieser mythischen Schlacht, nämlich Tausenden versteinerten Kriegern, wandeln wir am nächsten Morgen ein bisschen entrückt und ziemlich sprachlos umher.

Uralte Felszeichnungen

So ein leckeres Frühstück ­– Dschungelcamp ist eben nicht gleich Dschungelcamp. | Foto: Ingo Hübner
So ein leckeres Frühstück ­– Dschungelcamp ist eben nicht gleich Dschungelcamp. | Foto: Ingo Hübner

Zwei Tage später im Northern Territory, Kakadu National Park. Weltkultur- und Naturerbe. Hier geht es nach kurzer Beratung erst mal zu einem ganz irdischen Highlight: zum ultraerfrischenden Baden in einen der zahlreichen natürlichen Felspools. Eingerahmt von schrundigen Felswänden, der Hitze schlaffen Palmen und gespeist von einem kleinen Wasserfall liegt der Pool Maguk. Eine Art urzeitliches Paradies, wo man sich die Kleidung vom Leib reißt und einfach reinspringt und wünscht, dieser Moment würde ewig dauern. Berühmt sind im Park aber vor allem die Felsgalerien mit mehrere Tausend Jahre alten Zeichnungen am Nourlangie und Ubirr Rock. Alles ist an diesem Ort mit Bedeutung aufgeladen, durchwoben von der Traumzeit, die keine Zeitspanne in der Vergangenheit charakterisiert, sondern für die Aborigines beständig, also auch in der Gegenwart wirkt.

Injalak Hill, nur mit Extragenehmigung zu besuchen, erhebt sich scheinbar als Felswand hinter der Aborigines-Gemeinde Gunbalanya. Guide Thommo, der zu den Galerien seiner Ahnen auf dem Injalak Hill führt, flüstert mehr, als dass er spricht. Womöglich zollt er seinen Vorfahren damit Respekt. Manchmal überkommt ihn jedoch die Stimmung des Landes: »Aaaaaaaaaaah, wunderschön«, seufzt er dann. Auf dem Bergrücken angekommen, stehen wir unvermittelt vor einem Felsüberhang, der so überbordend mit einer Vielzahl von Tieren bemalt ist, dass er Nourlangie und Ubirr mühelos in den Schatten stellt.

Die Natur kann im Kakadu NP mitunter ebenso ganz schön Eindruck schinden. | Foto: Ingo Hübner
Die Natur kann im Kakadu NP mitunter ebenso ganz schön Eindruck schinden. | Foto: Ingo Hübner

Thommo grinst verschmitzt, als er das ungläubige Staunen registriert, und bemerkt beinahe nebenbei, dass sich mehr als zehn Galerien dieser Art auf Injalak Hill verstecken. Wir wandern durch ein vertracktes gigantisches Freiluftmuseum. Durch enge Felsgänge, an deren dunklen Wänden winzige Fledermäuse kleben, unter mächtigen Überhängen, die ganzen Großfamilien eine Bleibe geboten haben, vorbei an zusammengewürfelten Riesensteinmurmeln. Und überall diese Zeichnungen, manche bis zu 8000 Jahre alt. Irgendwo in diesem Labyrinth deutet Thommo auf erdfarbene, menschenähnliche Wesen an einer hohen Wand. »Mimi Spirits«, flüstert er wieder. Einst waren das Menschen, die sich wünschten, böse Geister zu sein. Nachts würden sie hier singen, und es sei wunderschön! »Aber kommt bloß nicht her, sie verwunden einen mit ihren Speeren und das macht lange und vor allem schmerzhaft krank.« Und Thommo grinst schon wieder so verschmitzt.

 
GM Info

Nordaustralien

Anreise

Sehr angenehm nach Perth fliegt man mit Etihad ­Airways, www.etihad.com. Um zügig in den Nordwesten zu gelangen, fliegt man weiter nach Broome. Alternativ fliegt man gleich ins Northern Territory nach Darwin.

Aborigines-Erlebnisse und Übernachten

Die Website www.waitoc.com gibt einen guten Überblick über indigene Touren und Anbieter in Westaustralien.

Am Cape Leveque geben Bundy’s Cultural Tours einen Einblick in die lokale Kultur:
www.bundysculturaltours.com.au

Das Camp Kooljaman ist gut zum Übernachten: www.kooljaman.com.au

Wandjina Tours bietet mehrtägige Aufenthalte in der Freshwater Cove: www.wandjinatours.com.au

Im Kakadu National Park im Northern Territory kann man mittendrin im Zeltlager übernachten: www.lords-safaris.com

Führungen (und Infos zu Genehmigungen für den Besuch) am Injalak Hill: www.injalak.com

Allgemeine Reiseinfos

Über Westaustralien: www.westernaustralia.com

Übers Northern Territory: www.northernterritory.com

 

 
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