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Mit Heidi durch den Harz

Foto: Stefan Schorr
An Wochenenden ist der Harz fest in der Hand der Knickerbocker-Fraktion auf Tagesausflug. Doch wer statt Picknickdecke und Spazierstock Zelt und Kocher in den Rucksack packt, lernt Norddeutschlands höchstes Mittelgebirge aus einer ganz eigenen Perspektive kennen.
Egal wie schwer der Rucksack wirklich ist – in solchen Momenten wiegt er nichts. | Foto: Stefan Schorr

»Brocken oder nicht Brocken, das ist hier die Frage.« Vor wenigen Stunden sind Heidi und ich zu unserer Wanderung durch den Ostharz gestartet. Von Wernigerode nach Ilfeld, also von Nord nach Süd, soll unser Weg führen und jetzt stehen wir vor der Frage, ob wir den Aufstieg auf den mit 1142 Metern höchsten Berg Norddeutschlands vorzeitig abbrechen. Wir sind bedeutend später als geplant am Bahnhof »Steinerne Renne« losmarschiert, haben den Fichten-Reichtum am Hannekenbruch bestaunt und uns danach den Höllensteig – der Name ist Programm – hochgekämpft. Jetzt wird es langsam dunkel und der Wegweiser verrät uns »Brockenhaus 1,5 km«.

»Auf den Brocken zu gehen ist nie verkehrt, weil der zum Harz gehört wie Parmesan auf Spaghetti«, hat uns Freundin Doreen, die im thüringischen Sülzhayn aufgewachsen ist, vorab empfohlen. Carmen, eine andere Freundin, die zwei Jahre lang im niedersächsischen Braunlage gelebt hat, widersprach. »Der Harz ist wunderschön, aber den touristisch überlaufenen Brocken habe ich mir nie angetan.« Unentschieden. Das hilft auch nicht weiter.

Wir entscheiden uns gegen das Brockenplateau und tun gut daran. Der Eckerlochstieg ist ein schmaler, ausgetretener und mit Wurzeln überwucherter Pfad, der steil bergab nach Schierke führt – nichts für einen Abstieg in der Dunkelheit. Der Campingplatz »Am Schierker Stern«, den wir wenig später erreichen, liegt südlich des hübschen Ortes, der uns mit seinen bunten, skandinavisch anmutenden Holzhäusern begeistert. Aus dem Dunkel treten wir ans große Lagerfeuer, das auf dem Campingplatz lodert. »Wollt ihr zu uns?«, fragt Platzwart Nitschke ungläubig, hat aber zwischen hohen Fichten noch jede Menge Platz für unser Zelt. Als wir in den Schlafsäcken liegen, heulen die Schlittenhunde des Platzwartes den Mond an. Fast wie in Kanada.

 

Gastfreundschaft ist keine Hexerei

So schmeckt Wandern jedem: leckere Zwischenstopps und gute Wege. | Foto: Stefan Schorr

Es ist weit nach neun Uhr, als wir am nächsten Morgen – muskelverkatert von den gestrigen 20 Kilometern bergauf und bergab – aufwachen und uns verwundert die Augen reiben. Umgeben von beeindruckend hohen Bäumen sieht unser Nachtlager so gar nicht nach offiziellem Campingplatz aus. Dazu trägt auch bei, dass sämtliche Wohnwagen ein Stück weit entfernt stehen. Wildes Zelten sowie das Übernachten in den vielen vorhandenen Schutzhütten ist im Harz verboten und wird kontrolliert. Bei solchen Campingplätzen schmälert diese Regelung das Naturerlebnis jedoch nicht. »Ich gehe mal schnell Brötchen besorgen«, verkündet Heidi optimistisch. Ich setze Kaffeewasser auf, schau mir die Huskys an und staune, dass meine Begleiterin tatsächlich bald zurück ist. »Mir war der Weg in den Ort zu weit, da bin ich getrampt.« Das dritte Auto hielt und die nette Fahrerin brachte Heidi nach dem Einkauf auch wieder zum Campingplatz zurück. Das nennt man wohl Gastfreundschaft.

Bildergalerie: Mit Heidi durch den Harz

Gut gestärkt brechen wir an diesem nicht mehr ganz so frühen Morgen auf. Im Ort Elend steht die mit 80 Sitzplätzen kleinste Holzkirche Deutschlands. Wir werfen einen kurzen Blick hinein und genießen dann die Sonne auf einer Parkbank vor dem putzigen Bau. Ich erzähle Heidi, was ich über »Brocken-Benno« gelesen habe. Benno Schmidt (Jahrgang 1932) begann 1989 damit, fast täglich auf den Brocken zu wandern. Noch in diesem Jahr will der Wernigeroder seine 5000. Besteigung schaffen. Wanderführer Schmidt hat außerdem den »Grenzweg« ersonnen. Im Mai 2006 wurde dieser Wanderweg auf dem ehemaligen Grenzstreifen zwischen der Bundesrepublik und der DDR offiziell eröffnet. Wir stoßen an dem aus zwei Steinbrocken bestehenden Wiedervereinigungsdenkmal in Heinrichswinkel auf den Weg und folgen ihm nach Süden, Richtung Sorge. »Von Elend nach Sorge«, schmunzelt Heidi, »hier war das Leben wohl auch nicht immer nur Spaß.« Wie anders geht es uns heute. Links des Weges dunkle Nadelbäume, rechts die Warme Bode, die gemächlich durch die hübsche Wiesenlandschaft gluckst. Wir sind rundum zufrieden.

 

Schlummern wie Goethe persönlich

Beim Rückweg per Dampflok kann man die Tour nochmals im Zeitraffer erleben. | Foto: Stefan Schorr

Zu unserem Glück trägt auch ein kurzer Anruf bei Frank Weiner bei. Der Betreiber des Schullandheims »Dreiländereck« südlich von Benneckenstein erlaubt uns, neben seinen Blockhütten zu zelten. An den von ihm aufgestellten Klangspielen tobt Heidi sich am nächsten Morgen im Wald kurz aus, danach herrscht wieder Stille. Die Spinnennetze hängen noch voller Tautropfen, einzelne Vögel beginnen zu zwitschern und nur langsam dringt die Sonne durch die Bäume, als wir weiter nach Süden wandern. Bis wir den kleinen Ort Sophienhof erblicken, sind die Fleecejacken längst wieder gegen T-Shirts getauscht, die Regenjacken sind ohnehin bis zum Ende der Wanderung in den Rucksack verbannt.

Auf einem Trampelpfad wandern wir durch herbstlich gefärbten Buchenwald zum Schaubergwerk Rabensteiner Stollen, das wir allerdings links liegen lassen. Für Ilfeld habe ich im Vorfeld keine Campingmöglichkeit gefunden. Mein Plan, durch persönliches Vorsprechen in der Touristeninformation vielleicht doch noch eine Wiese für unser Zelt zu finden, geht auch nicht auf. Wir »müssen« ins Hotel. So lautet unsere Parole: wenn schon, denn schon und checken in der »Goldenen Krone« ein. Kein Geringerer als J. W. von Goethe hat hier während seiner Harzreise 1777 genächtigt. Keine Ahnung, ob der Dichter hier auch jenen Vierzeiler »Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah. Lerne nur das Glück ergreifen, denn das Glück ist immer da« geschrieben hat. Aufs Wandern in Deutschland würde es jedenfalls zutreffen.

Mit einer Dampflok der Harzer Schmalspurbahn fahren wir am nächsten Tag zurück nach Wernigerode. Blicken noch einmal auf und in die dichten Wälder dieses schönen Mittelgebirges und sind uns einig, hier ein absolut lohnendes Tourengebiet erwandert zu haben – auch ohne ganz oben gewesen zu sein. Der Harz hat‘s eben.

 

4-Seasons Info
 

Harz »auf die harte Tour«

 

Der Harz schiebt sich als 2000 Quadratkilometer großer Gebirgskeil in die norddeutsche Tiefebene. Der Waldreichtum brachte dem Mittelgebirge seinen Namen, steht das mittelhochdeutsche »hart« doch für bewaldetes Gebirge. Dem Wanderer aus den Metropolen Berlin, Hannover und Hamburg bietet der Harz das ideale Geläuf für große Spaziergänge bis hin zur kleinen Mini-Expedition.

 

Anreise
Mit der Bahn über Braunschweig und Vienenburg nach Wernigerode. Oder über Hannover nach Ilsenburg oder Halberstadt und von dort mit dem Bus weiter. Alternativ Anreise mit dem eigenen Pkw, der am Bahnhof »Steinerne Renne« stehen bleiben kann.

Beste Jahreszeit
Der Harz »geht« ganzjährig. Die Campingplätze haben auch im Winter geöffnet, wenn Touren auf Ski oder Schneeschuhen denkbar sind. Im Frühling oder Herbst sind Begegnungen mit anderen Wanderern selbst auf den Hauptwegen eher selten.

Übernachten & Einkaufen
Obwohl Pensionen und Hotels überwiegen, ist eine Mehrtageswanderung mit dem eigenen Zelt möglich. Wildes Zelten ist ebenso wie das Übernachten in Schutzhütten verboten, was auch kontrolliert wird. Aber es gibt diverse offizielle Plätze: Campingplatz am Hotel »Alte Waldmühle im Harz«, Wernigerode, Tel. 03943/266399, www.camping-wernigerode.de. »Harz Camping am Schierker Stern«, Tel. 039455/58817, www.harz-camping.com. Wir durften in Benneckenstein neben dem Schullandheim zelten. Normalerweise empfängt Frank Weiner jedoch nur größere Gruppen. Tel. 039457/2204, http://mitglied.lycos.de/slhdreilaendereck/. Alternativ in Braunlage-Hohegeiß Campingplatz »Am Bärenbache«, Tel. 05583/1306, www.campingplatz-hohegeiss.de. Ilfeld bietet keine Zeltmöglichkeit. Auskunft über Pensionen und Hotels gibt die Südharztouristik Ilfeld-Information, Tel. 036331/32033, www.suedharztouristik.de. Wir waren auf Goethes Spuren im Hotel »Zur Goldenen Krone«, wo ein großzügiges Doppelzimmer 50 Euro kostete. Die Wanderung führt immer wieder durch Orte mit Einkaufsmöglichkeiten.

Zurück zum Startpunkt
Die Harzquerbahn fährt zwischen Nordhausen und Wernigerode mit einfachen Triebwagen und drei stilvollen Dampfloks. Die Fahrt von Ilfeld nach Wernigerode dauert rund drei Stunden. Fahrplanauskunft unter Tel. 03943/558-0 oder www.hsb-wr.de.

Für den Erwerb der Harzer Wandernadel reicht die Tour nicht ganz – doch wir kommen wieder, keine Frage. | Foto: Stefan Schorr

Veranstalter
Hans-Dieter Peters bietet mit seiner Firma »Wandern im Harz« in Bad Harzburg unterschiedlichste Touren an. Wer die beschriebene Wanderung ohne Zelt machen möchte, findet unter www.wandern-im-harz.de/wandernundbahn.htm (Tel. 05322/559603) ein Komplettangebot mit Hotelübernachtungen, Wanderkarten und Gepäcktransport.
Benno Schmidt alias Brocken-Benno bietet Gruppenführungen zum Brocken und Umgebung an, Tel. 03943/23203.

Literatur, Karten, Infos
Zur literarischen Einstimmung: Heinrich Heine »Die Harzreise«, Theodor Fontane »Cécile«, beide erschienen im Reclam Verlag. Jens-Fietje Dwars »Goethes Harzreise 1777«, Quantus Verlag (antiquarisch). Bildband »Nationalpark Harz. Auf Goethes Spuren durch ein wildes Land«, Tecklenborg Verlag. Diverse Wanderführer, etwa »Harz mit Kyffhäuser« von Bernhard Pollmann, Bergverlag Rother.
Kompass Wander-, Bike- und Langlaufkarte »Ostharz mit dem Netz der Harzer Schmalspurbahnen«, 1:50.000. Noch detaillierter sind die Karten des Schmidt Buch Verlages, www.schmidt-buch-verlag.de, oder der Landesvermessung und Geobasisinformation Niedersachsen, www.lgn.niedersachsen.de.
Harzer Verkehrsverband e. V. in Goslar, Tel. 05321/3404-0, www.harzinfo.de.

Tourenvorschlag
Wernigerode – Brocken – Schierke (20 km): Start am Bahnhof »Steinerne Renne« südwestlich von Wernigerode. Von hier 12 km bis aufs Brockenplateau. Von dort Abstieg nach Schierke.
Schierke – Benneckenstein (23 km): von Schierke nach Elend, dem Ort mit der kleinsten Holzkirche Deutschlands. Von Elend auf dem Hexenstieg bis zum Harzer Grenzweg. Auf diesem nach Süden und weiter nach Benneckenstein.
Benneckenstein – Ilfeld (18 km): von Benneckenstein über Sophienhof und Rabenberger Stollen (Schaubergwerk) nach Ilfeld.
Verlängerung nach Nordhausen (12 km): von Ilfeld weiter ins zwölf Kilometer entfernte Nordhausen. Hier startet die Harzer Querbahn ihre Fahrt über Ilfeld zurück nach Wernigerode.
Zurück von Ilfeld oder Nordhausen nach Wernigerode mit der Harzquerbahn: Stilvoll im dampflokbespannten Zug durch die Harzer Wälder zurück zum Start. Am Bahnhof »Drei Annen Hohne« Umsteigen in die Brockenbahn möglich, die hoch zum Brocken dampft – so kommt man dann doch noch zum Gipfel ;-)