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Mit Esel und Kind: störrisch über Stock und Stein?

Harmonie bis in die Fußspitzen. | Foto: Dirk von Nayhauß
Harmonie bis in die Fußspitzen. | Foto: Dirk von Nayhauß
Ein Neunjähriger, sein Papa und eine Eseldame auf großer Tour – niemand konnte vor der einwöchigen Wanderung über das französische Hochplateau Vercors sagen, ob das zusammenpasst. Ob der Bub bei Dauerregen bockt oder das Tier im Steilen auf stur stellt? On verra.
Wenn Fabian vorausgeht, folgt Caline auf Schritt und Tritt. | Foto: Dirk von Nayhauß
Wenn Fabian vorausgeht, folgt Caline auf Schritt und Tritt. | Foto: Dirk von Nayhauß

Es regnet. Schon den zweiten Tag. Stetig tropft es von meiner ­Kapuze auf Brille und Nase. Seit Stunden sind wir unterwegs. Meine Schuhe sind innen noch einigermaßen trocken, aber ­Fabians Schritte werden von einem steten Schmatzen begleitet. Gestern Abend war die Haut seiner Füße aufgequollen wie nach einem Drei-Stunden-Bad, heute wird das nicht anders sein. Noch läuft Fabian ohne Murren. Läuft vorneweg. Hält den Strick in seiner Rechten und führt den Esel. Läuft einfach weiter, ohne zu klagen. Und ich hinter dem Esel. Immerhin ist Fabian erst neun Jahre alt, und dieses Wetter würde die Kräfte vieler ­Erwachsener schleichend aufweichen. Das Zelt können wir noch nicht aufschlagen, wir haben kaum noch Wasser, und die nächs­te Quelle ist zwei Wegstunden entfernt.

Zu allem Überfluss schert Caline aus und stapft geradewegs zu den nahen Himbeersträuchern. Fabian versucht mit einem hilflosen Blick, das 300 Kilo schwere Tier zu halten, aber er ist chancenlos. Zehn Meter abseits des Pfades bleibt unser Esel stehen und rupft genüsslich Blätter von den Sträuchern. Wenigstens einer von uns dreien ist glücklich. »Was soll’s?«, denke ich. An Caline ziehen und zerren, das hätte ohnehin keinen Sinn. Wenn Caline nicht will, dann will sie nicht. Caline ist eindeutig die Stärkste von uns.

Unsere kleine, vom Regen durchweichte Karawane

Dann machen wir eben auch eine kurze Pause. Aber nur ein paar Minuten, denn die feuchte Kälte dringt schnell unter alle ­wärmenden Hightech-Schichten. Fix ein bisschen Schokolade reinschieben, mehr geht nicht. Nach knapp zehn Minuten ist auch Caline bereit weiterzugehen. Wir kraulen sie noch kurz ­hinter den Ohren, und wenn sie uns mit ihren großen, freundlichen Eselsaugen anschaut, dann spürt man, dass sie die ­Lieb­kosung genießt. Das ist eines der Dinge, die ich auf dieser ­Wanderung lerne: Esel sind nicht dumm, dafür aber aus­ge­sprochen freundliche, zugewandte Tiere.

Caline genießt die Liebkosungen des Eselflüsterers. | Foto: Dirk von Nayhauß
Caline genießt die Liebkosungen des Eselflüsterers. | Foto: Dirk von Nayhauß

Zwei Stunden haben wir noch vor uns, lustlos und fröstelnd ­ziehen wir los. Doch der Regen wird bald dünner, hört schließlich ganz auf, und die Trostlosigkeit weicht einer magischen Stimmung. ­Nebel liegt zwischen den Nadelbäumen, den unzähligen ­Fels­brocken und sanften Hügeln. Auch im Sonnenschein wäre dies eine märchenhafte Landschaft, aber im Nebel bekommt sie etwas Traumhaftes. Bald scheint es mir, als würden uns Zwerge begleiten, würden hinter den Bäumen und Felsen ­hervorspähen und sich amü­sieren über unsere kleine, ­einsame, vom Regen durchweichte Karawane. ­Fabian dreht sich um und strahlt mich an. Wir reden kaum, ­genießen in schweigsamer ­Eintracht die ­Magie dieses Moments. Es sind diese Augenblicke, die ich einschließe in mein Herz. Es sind diese ­Momente, die Fabian und mich zusammen­schweißen.

Meine Gedanken schweifen zurück zum Anfang der Tour. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie wir vor fünf Tagen in dem ­kleinen Ort Villard-de-Lans den Esel zum ersten Mal beladen. Calines Besitzer Nicolas erklärt uns alles ganz genau: wie man den Sattel auflegt und festschnallt und dass wir abends die Hufe auskratzen sollen. »Bien sûr«, versichere ich Nicolas in dünnem Französisch. Schließlich ist Caline mit allem bepackt, was man so braucht: Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Wechselwäsche und Nahrung für eine Woche. Auch zwei Zehn-Liter-Wassersäcke ­haben wir dabei, auf unserer Route gibt es nur wenige Quellen.

 

Bildergalerie: Wandern mit Esel und Kind

Fabian dauert das alles schon viel zu lange, er tänzelt ­herum und will endlich losziehen. Wir verabschieden uns von Nicolas. Anfangs erweist sich Caline noch als etwas störrisch, aber bald haben wir die richtige Technik gefunden: Geht Fabian vor und ich hinter ihr, läuft Caline (fast immer) wie eine Maschine.

Eine verwunschene Landschaft

Momente, die Vater und Sohn zusammenschweißen. | Foto: Dirk von Nayhauß
Momente, die Vater und Sohn zusammenschweißen. | Foto: Dirk von Nayhauß

In den ersten Stunden kommen wir noch an Häusern vorbei, an einer verlassenen Feriensiedlung und einem Golfplatz. Dann überschreiten wir endlich die Grenze zu den »Hauts plateaux du Vercors«. Mit seinen 170 Quadratkilometern ist es das größte Naturschutzgebiet Frankreichs. Eine verwunschene Landschaft von Wäldern und Wiesen. Ein Hochplateau, das an den ­Rändern zum Teil mehrere Hundert Meter abbricht. Urwüchsig, einsam, ohne Straßen und Siedlungen, nur ein paar unbewirtschaftete Hütten findet man hier. Menschen sehen wir kaum, ­dafür ­Steinböcke, Geier, Murmeltiere und Adler. Auch Wölfe gibt es.

Der Vercors ist wie geschaffen für eine Eselwanderung

Das Hochplateau bietet einige Steigungen, aber es wird nie so steil, dass der Esel nicht mehr weiterkönnte. Unsere Begleiterin ist erstaunlich geschickt, auf nassem Felsen rutscht Caline sogar kleine Stücke kontrolliert ab, aber eine Steilstufe – und sei sie nur einen Meter hoch – wäre ein unüberwindbares ­Hindernis. Doch an diesem ersten Tag ist mehr die Hitze das ­Problem. Wir sind müde, und es sind noch immer rund fünf Kilometer bis zur ersten Hütte. Die Füße brennen, und auch wenn Fabian nicht klagt, sehe ich an seinem Schritt, dass er sich am liebsten ­hinsetzen würde. Aber wir ­trotten weiter, und schließlich taucht sie hinter einem kleinen Hügel auf, die Cabane de Carrette: ein kleines Gemäuer, anno 1894 errichtet, 1997 saniert und heute in passablem Zustand. Im Erdgeschoss Holzbank mit Tisch, unterm Dach ein blanker Holzboden – man darf in diesen Wanderhütten keinen Luxus ­erwarten, aber man ist gut geschützt vor Wind und Regen.

Ich muss leider draußen bleiben. | Foto: Dirk von Nayhauß
Ich muss leider draußen bleiben. | Foto: Dirk von Nayhauß

Wirkte Fabian eben noch erschöpft, strotzt er schon wieder vor ­Energie und spielt mit Caline. Er stellt sich vor die Eseldame und streichelt ihren Kopf, Caline antwortet, indem sie ihn anschubst. Streicheln – schubsen, streicheln – schubsen, minutenlang geht das so. Fabian lacht, wie nur Kinder lachen können, und mir scheint es, als würde auch Caline schmunzeln. Ich rolle unter dem Dach die Isomatten aus und bereite das Abendmahl. Der ­Kocher faucht, bald brodelt der halbe Liter Wasser. Geboten wird »Pasta Primavera«. Zu Hause schmeckt dieses gefriergetrocknete Zeug fad und künstlich, hier ist es köstlich.

Als Fabian und ich auf dem Baumstamm vor dem Haus hockend unsere Pasta genießen, reckt Caline ihren Kopf vor und versucht, auch ein paar Nudeln aus dem Topf auf meinen Knien zu klauen. Weil sie nicht aufgibt, machen wir sie mit langer Leine an einem Baum fest. Nicolas hatte uns versichert: »Es reicht, wenn sie frisst, was die Natur zu bieten hat.« Caline allerdings ist beleidigt. Auch will sie mit in die Hütte und protes­tiert lautstark mit einem kräftigen »I-Aah!« Sie wird jeden Abend dastehen und uns ­vorwurfsvoll ansehen, aber weder im Zelt noch in der Hütte ist Platz für eine so große, behaarte Dame. Wir schlüpfen in unsere Daunenschlafsäcke und lauschen dem Röhren der Hirsche. Es klingt, als würden schlecht gelaunte Trolle durch die umliegenden Wälder rennen. Wir sind froh, heute nicht im Zelt zu schlafen.

Faulenzen ist angesagt – und für Fabian ein Ausritt

Die größte Doline – mit Abstand. | Foto: Dirk von Nayhauß
Die größte Doline – mit Abstand. | Foto: Dirk von Nayhauß

Nicolas hatte uns gewarnt, das Wetter könnte mit einem Gewitter umschlagen. So nutzen wir die trockenen Tage, um bis zur Cabane des Aiguillettes vorzustoßen, mit knapp 1900 Metern der höchste Punkt unserer Wanderung. Die letzten Höhenmeter wird es ungewöhnlich steil, aber Caline stapft unbekümmert weiter. Sobald ich allerdings 15, 20 Meter zurückfalle, bleibt sie stehen und wartet, bis ich aufgeschlossen habe. Als wir die Cabane des ­Aiguillettes mit ihren vier Schlafplätzen erreichen, fällt alle Erschöpfung von uns ab. Was für ein traumhafter Ort! Von Norden her schiebt sich der Grand Veymont heran, mit 2341 Metern der höchste ­Gipfel des Kalksteinmassivs; gen Osten, nur ein paar Schritte ­entfernt, bricht das Plateau um Hunderte Meter steil ab. Schnell ist entschieden, hier zwei Nächte zu bleiben. Am folgenden Tag ist also Faulenzen angesagt. Und ein Ausritt – zumindest für Fabian, denn meine 80 Kilo will ich Caline nicht zumuten. Stolz wie ein Indianer sitzt Fabian im Sattel und lässt den Blick in die Ferne schweifen. Wir gehen – beziehungsweise reiten – querfeldein und finden uns ­wieder auf einer Wiese voller Edelweiß. Wir beobachten drei Steinböcke, die unbekümmert in unserer Nähe grasen. Und wir entdecken eine Doline, von denen es auf den Hauts ­plateaux du Vercors zahllose gibt, aber diese hier ist unsere tiefste, mehr als 20 Meter sind es bis zum Grund.

Zurück an der Hütte zieht ein Gewitter auf. Tropfen prasseln aufs ­Metalldach. Blitz – rums, und dazwischen keine Sekunde. Fabian hockt auf meinem Schoß, ­gebannt starren wir aus dem Fenster. Das Schauspiel vergeht irgendwann, aber der Regen bleibt. Und wir müssen am nächsten Morgen weiter. Zwei Tage lang laufen wir im Regen, die Landschaft versinkt im Grau. Irgendwann fühlt sich alles feucht an. Geheimnisvolle Nebelstimmungen lassen uns die ­nassen Füße wenigstens zeitweise vergessen, und so gelangen wir zur Cabane de Pré ­Peyret. Eine nette Hütte mit Kanonenofen, aber wir schlagen lieber unser Zelt auf. Campen ist eigentlich ­verboten in dem Naturschutzgebiet, doch das Biwakieren in der Nähe der Hütten wird toleriert.

Ob Caline die Tour genauso gut gefallen hat wie uns?

Wer führt da wen? | Foto: Dirk von Nayhauß
Wer führt da wen? | Foto: Dirk von Nayhauß

Der letzte Tag wartet noch einmal mit allen Gegensätzen auf, die der Vercors zu bieten hat: Sonne und Regen, weite Blicke und dichter Nebel, Hügel und Felsabbrüche. Letztere sehen wir gar nicht, können sie aber nur wenige Meter vom Pfad entfernt erahnen. Was für eine grandiose ­Landschaft muss sich hinter den ­Wolkenschwaden verbergen, doch stürmische Böen lassen keine Wehmut aufkommen; wir suchen lieber das Weite, steigen ab nach Col de Rousset, einem kleinen Ferienort. Nach einer Stunde im Nieselregen kommt Nicolas. Wir laden Caline auf den Hänger, und zu unserem Erstaunen fährt sie gerne Auto. Steht aufrecht und schaut mal links, mal rechts in die Dämmerung. Schade, dass wir uns nicht mit Caline unterhalten können. Ich wüsste ­gerne, ob ihr unsere Tour genauso gut gefallen hat wie uns.

 

4-Seasons Info

On y va? I-Aah!

Karte VercoursPlanungshilfe:
Infos zur Region gibt es auf parc-du-vercors.fr, Infos zu den Hütten (in französischer Sprache) auf cabanesduvercors.com.

Beste Reisezeit:
Juni bis Anfang Oktober.

Anreise:
Mit Flugzeug oder Zug bis Lyon oder Grenoble, von dort weiter mit dem Bus.

Übernachten:
Am Anfang der Tour, in Villard-de-Lans, im Gîte »L’Étable Gourmande«, niemand kocht so köstlich wie Antoinette Morey: etablegourmande.com.

Esel:
In Frankreich gibt es einige Angebote für »Randonnées avec des ânes«. Eine Übersicht vermitteln die Websites ane-et-rando.com und bourricot.com. Wir haben unsere Eseldame Caline bei »Auprès de mon âne« geliehen: ane-vercors.fr.

Literatur:
Iris Kürschner: Rother Wanderführer »Dauphiné West«, ist im Moment vergriffen, soll aber noch in diesem Jahr neu aufgelegt werden.

Karten:
IGN 1 : 25 000, Blätter: 3236 OT (Villard-de-Lans) und 3237 OT (Glandasse); bei Globetrotter Köln vorrätig, in den anderen Filialen auf Bestellung. Ed. Libris Blatt 10 Vercors (1 : 60 000), Bestellnummer 16.87.08.

 

 
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