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Kollegin Lutz: ruhiger treten

Foto: Manuel Arnu
Karin Lutz war lange Jahre auf der Überholspur des Karriere-Highways unterwegs. Bis die Verkaufsberaterin von Globetrotter Köln ihren Lebensstil umkrempelte und aufs Fahrrad umsattelte.
Luxushotels? Braucht Karin nicht mehr. | Foto: Archiv Karin Lutz
Luxushotels? Braucht Karin nicht mehr. | Foto: Archiv Karin Lutz

An ihre erste Nacht in einem Zelt – vor 14 Jahren – kann sich Karin Lutz noch genau erinnern: Karin und ihr Ehemann Claus waren vor wenigen Stunden mit dem Flugzeug auf der Vulkaninsel Teneriffa gelandet und mit schwer beladenen Fahrrädern in Richtung Westen gestartet. Dunkelheit überraschte die beiden, als sie die Hotelburgen von Playa de las Américas erreichten. Auf einer einladenden grünen Wiese errichteten sie hastig ihr neu gekauftes Zelt und legten sich in die warmen Schlafsäcke. »Ich lag stundenlang wach, ohne mich zu rühren.« Jede Stimme und jedes Rascheln ließen Karin erschaudern. Warum hatte sie kein Hotel gebucht, worauf hatte sie sich eingelassen! Morgens kroch Karin aus ihrem Schlafsack und staunte nicht schlecht: Sie hatten ihr Zelt inmitten eines Hotelparks aufgeschlagen.

Karin Lutz, 53 Jahre alt, ist Verkaufsberaterin bei Globetrotter Köln und arbeitet in der Textil- und Rucksackabteilung. Leger gekleidet, durchtrainiert und energiegeladen gibt sie sich sogleich als Outdoorsportlerin zu erkennen. Dabei war es für Karin die längste Zeit ihres Lebens undenkbar, überhaupt in einem Zelt zu übernachten. Beruf und Familie dominierten ihren Alltag. Für Natur und Sport gab es keinen Platz.

Karin stammt aus Landau in der Pfalz, absolvierte eine Ausbildung zur Bürokauffrau und zog zunächst als Hausfrau ihren Sohn groß. 1990 wechselte die Familie nach Berlin. Claus arbeitete in der Ladenbaubranche. Sie unterstützte ihn bei Büroarbeiten und wurde von Jahr zu Jahr stärker in seine Firma integriert. Die ­Geschäfte blühten, Claus richtete zum Beispiel die Schlemmerabteilung im Berliner Kaufhaus KaDeWe ein, und auch Karins Arbeitspensum wuchs und wuchs: »Ich arbeitete etwa 80 Stunden die Woche.« Gefangen im Hamsterrad der Karriere: mehr Arbeit, mehr Geld, mehr Druck. Urlaub verbrachte Familie Lutz in teuren Hotels in Florida, auf Teneriffa oder den Seychellen.

Erste Zweifel

1995 bekam Karin auf den Kanarischen Inseln erste Zweifel an ihrem aufwendigen Lebensstil. Ein wundervolles Hotel, fantastisches Essen und gepflegtes Ambiente. Nach dem Aufstehen trug Karin das Morgenkostümchen, mittags den Hosenanzug, abends auf der Terrasse beim Pool das Abendkleid. »Das wollte ich eigentlich gar nicht!« Karin sehnte sich nach einem ein­facheren Leben, ohne Dresscode und Statussymbole. »Lieber Jeans und T-Shirt statt Seidenkleid.«

Dieses Schlüsselerlebnis hatte weitreichende Folgen. Im folgenden Sommer kauften sich Karin und Claus Mountainbikes. Sie drehten ihre Runden durch Spandau, Tegel und Grunewald. Aus gemütlichen Touren wurde intensives Training, an langen ­Wochenenden bis zu 150 Kilometer täglich Kondition bolzen. 1997 startete Karin zu ihrem ersten MTB-Marathon. Es folgten zahlreiche Rennen in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und Spanien. »Nach vier Jahren war die wilde Zeit der Radrennen vorbei.« Karin und Claus, deren Sohn inzwischen volljährig war, schraubten Schutzbleche und Gepäckträger an ihre Bikes, kauften Zelt und Schlafsäcke und flogen im Winter 2001 nach Teneriffa – für Karins erste Radreise und ihre erste Nacht im Zelt …

Zwei neue Leidenschaften

Während der 14-tägigen Rundtour über die Kanareninsel lernte Karin den unkomplizierten Komfort eines Zelts nach einem ermüdenden Radtag kennen. »Schon die zweite Nacht im Zelt war besser, und nach drei Nächten waren alle Schlafprobleme erledigt.« Karin hatte neue Leidenschaften entdeckt: Reiseradfahren und Zelten. Das Ehepaar Lutz radelte durch Ost- und Westdeutschland, Dänemark, Österreich, Frankreich, Holland, Spanien, die Schweiz und die Türkei. Die ersten Touren beschränkten sich auf 300 bis 500 Kilometer. Mit den Jahren dehnten die beiden die Distanzen auf mehr als 1500 Kilometer pro Tour aus.

Zweisamkeit im Zweiradkleid: Karin und Claus an der Mosel. | Foto: Archiv Karin Lutz
Zweisamkeit im Zweiradkleid: Karin und Claus an der Mosel. | Foto: Archiv Karin Lutz

Auch beruflich drückten Karin und Claus aufs Tempo. 2006 zogen sie nach Hürth bei Köln und eröffneten eine Bäckerei. Karin stand von Montag bis Freitag je zwölf Stunden im Laden, oft auch am Wochenende. »Dann hat es in meinem Kopf ›Klick‹ gemacht. Die ganze Hektik, der ganze Druck waren mir zu viel.« Viele Menschen träumen von einem Neuanfang im Leben, verpassen aber die Ausfahrt auf dem Karriere-Highway. Karin erkannte die Zeichen und nahm den Fuß vom Gas­pedal. »Ich wollte mehr Freiheit. Natur und Ruhe genießen.« Am 31. Dezember 2009 gab Karin ihre Arbeit auf, Claus ebenfalls. Im Frühjahr 2010 drehten die beiden mit ihren Rädern eine 2000 Kilometer und neun Wochen lange Vorbereitungstour durch Deutschland. Von Köln zum Bodensee und ­wieder zurück, mit ­Umwegen, versteht sich.

Körperlich gut vorbereitet ­brachen sie Ende April 2010 zu einer halbjährigen Radreise entlang der Westküste Nordamerikas auf. 12 500 Kilometer von Seattle die Pazifikküste hinab bis nach San Diego. Zurück über Arizona, Utah, Colorado, Wyoming und Montana nach British ­Columbia. Pro Tag pedalierten sie im Schnitt 100 Kilometer mit ihren Reiserädern, die inklusive Gepäck gute 50 Kilogramm wogen. Eine Tour wie aus dem Bilderbuch: Karin und Claus radelten durch den grünen Olympic National Parc in Washington und wurden dabei von Weißkopfseeadlern begleitet. Sie passierten die Dünenlandschaft Oregons und überquerten die Golden Gate Bridge in San Francisco. Sie bewunderten den Yellowstone-Nationalpark, den Grand Canyon, schindeten sich bei 40 Grad durchs Death Valley und staunten über den Geysir Old Faithful. Regenwald wechselte sich mit Mammutbäumen ab, ­Kakteen und Wüsten mit endloser Prärie oder schneebedeckten Gipfeln. Sie kreuzten die Pfade von Bären, Bisons, Klapperschlangen, Bergziegen, Seelöwen und Wapitis.

Mit 48 Jahren zu Globetrotter

Sattelfest und schwer beladen am Brice Canyon (USA). | Foto: Archiv Karin Lutz
Sattelfest und schwer beladen am Brice Canyon (USA). | Foto: Archiv Karin Lutz

Zurück in Deutschland folgte der letzte Schritt von Karins Lebens­umgestaltung. Mit 48 Jahren beschloss sie einen beruflichen Neuanfang und bewarb sich bei Globetrotter in Köln für eine ­Stelle als Verkaufsberaterin. Seit ihrer ersten Radtour auf Teneriffa war Karin Globetrotter-Kundin gewesen, in der Berliner Filiale hatte sie ihre erste Outdoorausrüstung gekauft. Und vier Wochen nach ihrer Rückkehr aus Nordamerika, im November 2010, bekam sie den Job im Kölner Olivandenhof. Die Entscheidung, kleinere Brötchen zu backen, hat Karin nicht bereut: »Ich bin heute viel glücklicher und zufriedener. Vielleicht, weil mein Lebensstil viel minimalistischer geworden ist.« Statt eines Audi A8 stehen nur noch Fahrräder in ihrer Garage: ein Mountainbike, ein Rennrad und ihr Reiserad, mit dem sie ­inzwischen rund 40 000 Kilometer zurückgelegt hat. »Auch mein Kleiderschrank ist nicht mehr zwei Meter breit, sondern nur noch 80 Zentimeter«, erklärt Karin. Ihr Mann Claus arbeitet jetzt als Filialleiter einer Bäckerei.

Am Ziel ihrer Lebensreise sieht Karin sich aber noch nicht. Vielmehr träumt sie von einer langen Radtour nach Alaska oder an der Ost­küste der USA entlang. »Und danach möchte ich nicht mehr arbeiten«, sagt sie lachend. Bis dahin wird noch Zeit vergehen, die Karin und Claus mit aus­gedehnten Radtouren in Europa und Deutschland füllen. »Deutschland ist ein wundervolles Radreiseland. In unserer Heimat gibt es viel zu ­entdecken«, findet Karin. Sie ist den ehemaligen Eisernen ­Vorhang abgeradelt, von Fulda bis Lübeck, oder den wenig frequentierten Limes-Radweg. Im Herbst werden Karin und Claus den Bodensee-Königssee-Radweg vervollständigen, und für ­gemütlichere Touren empfiehlt Karin die gut ausgebauten Radwanderwege entlang der großen deutschen Flüsse: Rhein, Main, Neckar, Mosel, Donau oder Inn – Karin kennt sie inzwischen alle.

Und wenn Karin auf einer Radtour mit einem frisch gebrühten Kaffee vor ihrem Zelt sitzt, die Stille genießt und den Morgen­nebel bewundert, dann hat sie alles, was sie für ein glückliches Leben braucht.

 
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