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Kollege Linsner: Der Vermesser der Outdoor-Welt

Foto: Manuel Arnu
Einst war Maik Linsner Vermessungstechniker. Heute sind GPS-Geräte sein Spezialgebiet als Verkäufer bei Globetrotter München. Und auch sein größtes Hobby dreht sich um Koordinaten.

Am liebsten ist Maik Linsner auf der Pirsch. Mit festem Schuhwerk und robuster Outdoorbekleidung kraucht er leise durchs Unterholz. Mit scharfem Auge beobachtet er das ­Gelände, immer auf der Suche nach vielversprechenden Spuren. Mitten im Wald tauchen plötzlich verlassene Gebäude auf. Zer­brochene Scheiben, knarrende Holz­türen, bunte Graffiti und verblichene russische Schilder. Früher war hier eine Kaserne, heute ist es eine verwaiste und verwilderte Geisterstadt. Die Fährte stimmt.

»Erweiterte Cacheausrüstung« von Maik und zwei Freunden. | Foto: Archiv Linsner
»Erweiterte Cacheausrüstung« von Maik und zwei Freunden. | Foto: Archiv Linsner

Etwas abseits liegt ein rostiger Eisendeckel im Waldboden. Maik öffnet die bemooste Falltüre, den Zugang zu einem unterirdischen Bunker. Er schaltet seine 1500 Lumen starke Lupine-Stirnlampe ein und steigt in die Dunkelheit hinab. Langsam, aber sicher schleicht er näher an seine Beute heran. Seine »Waffe« ist ein kleiner Garmin GPS-Empfänger, und die Jagd gilt versteckten Plastikdosen.

Maik Linsner, 50 Jahre alt und Verkäufer in der Münchner Kleinteile-Abteilung, ist passionierter Geocacher. Geocaching bedeutet: elektronisch unterstützte Schatz­suche. Sogenannte Owner verstecken Dosen zusammen mit einem Notizbuch und ver­öffentlichen die geografischen Koordinaten des Verstecks, das »Final«, im Internet. Die Sucher bemühen sich, den Fund mithilfe eines GPS-Geräts ausfindig zu machen, und tragen sich als Beweis für die erfolg­reiche Suche im Logbuch ein. Dann wird die Dose für den nächsten Cacher versteckt und alle Spuren werden verwischt.

Dreckig machen

Es gibt ganz einfache, sogar rollstuhl­ge­rechte Geocaches und extrem schwierige Suchen. »Ich finde, die ganz schweren Caches machen am meisten Spaß«, sagt Maik. Und die schmutzigen: »Dreckig machen ist für mich ein Synonym, etwas erlebt zu haben.« Maik kriecht mit Freuden durch ­feuchte Bunkerstollen oder prusikt auch schon mal am Seil in eine Baumkrone hinauf, um eine Dose zu loggen. Geocachen ist wie ein Überraschungsei für Erwachsene: Spiel, Spaß, Spannung. Gelegentlich steht in ausgesuchten Finals sogar ein Kasten Bier als Belohnung für die ausdauernden Sucher.

Mit Schirmmütze, (Berliner) Charme und Bleistift: Maik auf der Pirsch. | Foto: Archiv Maik Linsner
Mit Schirmmütze, (Berliner) Charme und Bleistift: Maik auf der Pirsch. | Foto: Archiv Maik Linsner

Kartografie-Kombinat

Es ist kein Zufall, dass Maik ein GPS-Jäger geworden ist. Aufgewachsen in Ostberlin, absolvierte er in der DDR die Ausbildung zum Vermessungstechniker. Es folgten drei Jahre NVA. »Mit knapp eins sechzig Körpergröße war ich vermutlich der kleinste Panzerfahrer der Warschauer Vertragsstaaten.« Im Anschluss arbeitete Maik im Kombinat »Geodäsie und Kartografie«. Seine Messgeräte funktionierten damals analog und optisch. Ende der 80er kamen die ersten computergestützten Vermessungsinstrumente zum Einsatz. »Die Teile waren riesig, man musste sie zu zweit tragen.« Nach der Wende vermaß Maik Grundstücksteilungen. »Viele Bürger hatten große Grundstücke, die geteilt und zu Geld gemacht wurden. Ich hatte Arbeit ohne Ende.«

In Berlin trat Maik 1990 dem Bergsteigerclub ­Bärenstein bei, der Verein gab­ seinem Leben neue sportliche Strukturen. Mit Vereins­kameraden ging er Paddeln in Brandenburg und an der Mecklenburger Seenplatte, er fuhr zum Klettern in die Sachsenschweiz und kroch durch Höhlen im Harz und Thüringer Wald. Im Winter spurten sie sich mit Langlaufski durch den Schnee im Erz- und Riesengebirge.

GPS für alle

2008 wechselte Maik zu einem westdeutschen Ingenieurbüro, arbeitete auf Großbaustellen für Auto- und Eisenbahnen in Ungarn, Norwegen und Rumänien. Das ursprünglich militärische Global Positioning System war inzwischen für zivile Nutzung freigegeben und wurde auch auf Maiks Baustellen unersetzbar.

Das Garmin eTrex Vista war Maiks Einstiegsdroge in die Cachesucht. | Foto: Archiv Maik Linsner
Das Garmin eTrex Vista war Maiks Einstiegsdroge in die Cachesucht. | Foto: Archiv Maik Linsner

In ganz Deutschland sind ungefähr 340 000 Geocaches versteckt, die meisten rings um Großstädte. Die moderne Schnitzeljagd bringt Trekking und Survival zusammen, ist ein Schmelztiegel von Outdoor und urbanem Leben. »Geocaching führt meist zu außergewöhnlichen Orten, zu Sehens­würdigkeiten oder einfach nur zu einem Platz in deiner Stadt, den du noch nicht kennst«, schwärmt Maik. »Geocachen macht glücklich und bildet«, sagt er und lacht. Maik hat schon viele Tausend Schätze »geloggt«, trotzdem kommt er immer wieder ins Staunen. Die Wampenschleifer, eine Gruppe besonders pfiffiger Geocacher aus Mecklenburg-Vorpommern, haben eine ­Reihe von Dosen versteckt, die zu den schwierigsten Schatzsuchen in Deutschland zählen. »Bei meinem letzten Wampenschleifer musste man im Nebenraum eine Kurbel drehen, dann senkte sich im anderen Zimmer die Decke herab und gab die Dose preis.« Mehr Details will Maik nicht ausplaudern. Die ­Lösungen ­öffentlich zu verbreiten, gilt unter Geocachern als Todsünde.

Globetrotter Calling

Das Geocaching öffnete Maik auch die Tür zu Globetrotter. Ende 2010, im Winter, schickte ihn sein Vermessungs-Chef zum Stempeln. Es war das Ende seines ersten Lebens. Zufällig las Maik in der 4-Seasons einen Bericht über die bevorstehende Neueröffnung der Münchner Filiale und schickte seine Bewerbung ab. Im Januar wurde er nach München eingeladen. Vor dem Bewerbungsgespräch loggte er noch schnell eine bayerische Geocaching-Dose. »Im Bewerbungsgespräch erzählte ich vom Geocachen, dann war schnell alles klar.«

Haie? Egal. Maik beim Bodyboarden in Südafrika. | Foto: Archiv Maik Linsner
Haie? Egal. Maik beim Bodyboarden in Südafrika. | Foto: Archiv Maik Linsner

Technikfreak Maik bekam eine Stelle in der Kleinteile-Abteilung. Seit 2011 lebt er in München und verkauft Kocher, Handtücher, Lampen, Wasserfilter, Messer, Äxte, Geschirr oder Uhren. Sein Spezialgebiet sind und bleiben GPS-Geräte. »Ich habe sofort Kollegen mit gleicher Wellenlänge getroffen.« Die Mitarbeiter der Technikabteilung erkenne man am Multitool am Gürtel. »Wenn ich mein Leatherman nicht trage, fühle ich mich nackt«, gesteht Maik. »Die Technik-Kollegen sind immer draußen, zünden ihr Feuer mit Messer, Funkenstahl und Birkenrinde an.« Sie haben Benzin im Blut, oder zumindest ein Butan/Isobutan/Propan-Gemisch.

Von Kochern schwärmt Maik wie von edlen Sportwagen. Er besitzt neun Outdoor-­kocher: fünf funktionstüchtige Modelle und vier alte DDR-Juwel-Brenner. Sein kleinster Kocher, ein Soto Windmaster, wiegt nur ­­ 69 Gramm und leistet 3260 Watt. Das reicht, um eine Eisenpfanne zum Glühen zu bringen. Auch bei Lampen wird Maik schnell schwach. »Wenn ich richtig Spaß haben möchte, packe ich meine Lupine Piko Stirnlampe mit 1500 Lumen auf den Kopf und zwei 900 Lumen starke Stablampen an die Seite. Dann muss ich nur noch Kettengeräusche machen, und jeder glaubt, ich komme mit einem Bergepanzer!«

Bewegung bitte

Aber Maik kann auch ohne Technik. »Ich möchte mich bewegen und die Umgebung kennenlernen.« Ob beim Schneeschuh­laufen, Radeln oder Wasserwandern. Gerne schnappt sich Maik Rucksack und Isomatte und legt sich mit Freunden zum Übernachten an die Isar. Das Lagerfeuer prasselt, die Sterne funkeln. Am nächsten Morgen geht es wieder zurück nach Hause. Nur wenn dann das Smartphone klingelt und der Premium-Account von geocaching.com eine neue Dose in München meldet, dann muss Maik einen Umweg machen und mit seinem GPS-Gerät wieder auf die Pirsch gehen.

 
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