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Kollege Jamie Degel – ein Sturz zu viel

Foto: Manuel Arnu
Er war Soldat Ihrer Majestät, räumte Minenfelder und half humanitär. Er war ein grandioser Kletterer – bis ihm diese Leidenschaft das Rückgrat brach. Doch Jamie Degel kämpfte sich zurück ins Leben und arbeitet heute als Bergsportexperte bei Globetrotter Hamburg.
»The rock is my church.« Jamie in den Dolomiten. | Foto: Archiv Jamie Degel
»The rock is my church.« Jamie in den Dolomiten. | Foto: Archiv Jamie Degel

Es beginnt im Kleinkindalter und zieht sich durchs ­ganze ­Leben: hinfallen und wieder aufstehen. In Beziehungen, im Beruf und im Sport. Hinfallen und aufstehen.

Jamie Degel, 42 Jahre alt und Verkäufer in der Bergsportabteilung Hamburg, ist leidenschaftlicher Bergsteiger und Kletterer. Vor zwei Jahren, an einem Oktobermorgen, steht der Brite mit walisischen Wurzeln mit seiner Arbeitskollegin und Kletterpartnerin Sonja am Fuß der Verschneidungswand im Weserbergland. ­Jamie blickt die 25 Meter hinauf, eine Route im achten Schwierigkeitsgrad. Sieben Zwischen­sicherungen wird er bis zur Schlüsselstelle auf halber Höhe legen, bis zu einem Überhang mit Untergriff. Jamie klopft den Fels ab. Keine Warnsignale. Die ersten Tritte und Griffe fühlen sich solide an.

Wenige Stunden später liegt Jamie auf dem OP-Tisch in der Uniklinik Hannover. Die Ärzte werden ihm sagen, dass er vielleicht nie wieder gehen kann. »Ich würde mein Leben genauso noch einmal leben«, sagt er heute.

Der gebrochene Wirbel wurde mit Titanplatten fixiert. | Foto: Archiv Jamie Degel
Der gebrochene Wirbel wurde mit Titanplatten fixiert. | Foto: Archiv Jamie Degel

Jamie wuchs in Südengland auf. Ein wunderschöner Landstrich, aber die Zeiten waren grau: Großbritannien steckte Ende der 80er-Jahre in einer tiefen Rezession. Jamie machte einen guten Schulabschluss. »Ich hatte nur Einser und Zweier.« Aber die ­Thatcher-Regierung hatte horrende Studiengebühren eingeführt, Jamie konnte sich die Uni nicht leisten. Als Optionen blieben die Arbeitslosigkeit oder die Streitkräfte des Vereinigten Königreichs. 1991 heuerte Jamie bei der Army an und begann eine Ausbildung zum Pionier und Fallschirmjäger. »Ich wollte die Welt sehen«, ­erklärt Jamie. Er wurde für Übungen nach Deutschland, Belize, Kanada, Neuseeland und Norwegen geschickt, es folgten Einsätze für die UN und Nato in Krisengebieten weltweit. In Kenia stellte er Wasserversorgungen her, baute Schulen auf. In Serbien sicherte er Versorgungsrouten, Telekommunikation und Stromleitungen. In Bosnien und Kroatien räumte er Minenfelder. »Da stehen einem die Nackenhaare hoch«, gesteht Jamie. War er auch in Kampfhandlungen verwickelt? Jamie schweigt.

Wo immer es Berge gab, folgte Jamie ihrem Ruf

Breites Kreuz, starke Arme und ein ebensolcher Wille – Jamie ist ein Athlet und Kämpfer. Vielleicht wurde er deshalb Soldat. Einen Ausgleich zum Job fand er im Sport. Jamie war Boxmeister seines Regiments, startete bei Militärmeisterschaften im ­Triathlon. Er wurde zum Sportlehrer ausgebildet, das schaffen in der British Army nur Soldaten mit überdurchschnittlicher Fitness. Und wann immer er in der Nähe von Bergen stationiert war, folgte er deren Ruf. Nahe dem deutschen Stützpunkt Hameln lernte er das ­Weserbergland kennen und das Sportklettern lieben. In Neuseeland bestieg Jamie den Mount Cook. Er versuchte sich am Mount Hunter im Denali-Nationalpark in Alaska und kletterte die Granitwände der Lofoten. Mit kleinen Zielen gibt er sich selten zu­frieden. »Ich bin ein Full-on-Typ«, sagt Jamie und grinst. Am K2 quälte er sich bis auf über 7000 Meter Höhe. Drei Kameraden schafften den Gipfel. »Mit allen Körperteilen und unversehrt ­wieder runterzukommen, ist auch eine Leistung«, findet Jamie.

Die Militäreinsätze machten Jamie zum Pazifisten

Die militärischen Operationen, die Einsätze in Kriegsgebieten ­haben Jamie verändert. »Ich bin mehr und mehr zum Pazifisten geworden. Ich glaube, ich habe zu viel gesehen.« Die British Army und Jamie Degel – das passte nicht mehr zusammen. Schließlich quittierte er den Dienst und blieb in Deutschland, ohne anerkannte Ausbildung. »Ich jobbte jahrelang als Fitnesstrainer. Ich habe drei Viertel aller Prüfungen zum Bergführer absolviert, kann aber nicht Ski fahren …« 2006 bot Globetrotter ihm eine Stelle in der Bergsportabteilung an. Jamie griff sofort zu.

Auch das Eisklettern – hier im Harz – hat Jamie drauf. | Foto: Archiv Jamie Degel
Auch das Eisklettern – hier im Harz – hat Jamie drauf. | Foto: Archiv Jamie Degel

Bergsport in der Hansestadt? Und wie! Die Sektion Hamburg des Deutschen Alpenvereins hat über 16 000 Mitglieder, es gibt sieben Kletterhallen. Die Verkaufsfläche der Hamburger Globetrotter-Filiale ist annähernd so groß wie in der Bergsport-Hochburg München. Jamie schwärmt von den nördlichen Klettergebieten Ith, Harz oder Wesergebirge. 2012 tastete er sich an den neunten Grad heran. Im Oktober erhielt er eine Einladung zum Red-Chili-Kletterevent mit Stefan Glowacz. Es war wie der Aufstieg in die Bundesliga. Am Morgen des 13. Oktober war Jamie mit Kollegin Sonja auf dem Weg in den Frankenjura, als das Kletterevent kurz­fristig abgesagt wurde. Sie bogen ab ins Weserbergland …

Jamie ist an der Schlüsselstelle der Kletterroute angelangt. Er belastet den Untergriff und ist im Kopf schon beim nächsten Zug. Dann bricht der Fels aus, und Jamie stürzt. »Kletterer fallen in ihrem Leben Hunderte Male ins Seil. Wir trainieren das, es gehört zum Sport dazu.« Doch dieser Sturz ist anders. Die oberste Zwischensicherung bricht aus dem Fels, dann auch die nächste und die nächste. Jamie erlebt den Sturz wie in Zeitlupe. Nach knapp drei Sekunden schlägt er mit dem Rücken auf dem Waldboden auf. Jamie steht auf, macht ein paar Schritte und kollabiert. Der erste Lendenwirbel ist zertrümmert.

Ganz der Daddy: mit Töchterchen Annie (damals 3) in Wales. | Foto: Archiv Jamie Degel
Ganz der Daddy: mit Töchterchen Annie (damals 3) in Wales. | Foto: Archiv Jamie Degel

THW, Feuerwehr und Notarzt erreichen innerhalb einer halben Stunde den Unfallort. Im Hubschrauber blickt er in das Gesicht des Notarztes. »Ich konnte sehen, er machte sich nicht allzu viel Sorgen.« Das gab Jamie Hoffnung. In der Uniklinik Hannover ­entfernen die Ärzte in einer Sechs-Stunden-Operation kleine ­Knochensplitter aus Jamies Rückenmark. Drei Wirbel werden mit einer Metallplatte versteift. Schon 72 Stunden nach der OP läuft er aus dem Krankenhaus, wenngleich mühsam, mit Rollator. Die Nervenschäden beeinträchtigen seine Atmung – ein schwerer Schlag für einen Ausdauersportler mit einer Bestzeit im Olympischen Triathlon von knapp über zwei Stunden. Wenige Tage nach der OP beginnt Jamie mit Klimmzügen. Die Ärzte sind entsetzt, aber Jamie ist Sporttherapeut – ebenfalls eine militärische Ausbildung – und weiß, wie er seinen Körper wieder fit und stabil bekommt. Sechs Monate nach der OP klettert Jamie mit Titan­platte im Rücken seine erste Klettertour nach dem Unfall. »Ich weiß, das war Wahnsinn, aber ich musste es ausprobieren.« Jamie erlebt Erfolge und Rückschläge. Aus Frust frisst sich der Modellathlet 15 Kilo an, hauptsächlich mit Lasagne. Heute wiegt Jamie wieder zehn Kilo weniger, läuft 10 000 Meter in 45 Minuten. Das Erfolgsrezept? »Ohne meine Frau Ulrike, die mir viel Kraft geschenkt hat, hätte ich es nie geschafft.«

Die fatale Kletterroute möchte Jamie erneut probieren

»The rock is my church«, sagt Jamie. Es ist seine Art von Glaubensbekenntnis. »Klettern ist Naturverbundenheit, steht für ­einmalige Erlebnisse im Freundeskreis und Abenteuer pur!«  Klettern habe schon vielen gequälten Seelen geholfen, findet ­Jamie. »Man kann sich ins Bett legen und alles furchtbar finden oder aufstehen, sich bewegen und neue Ziele setzen.« Auch ­Jamies Frau wollte unbedingt, dass er wieder klettert. Sie wusste, es ist ein integraler Bestandteil seiner Persönlichkeit.

Heute lebt Jamie mit Ulrike, zwei Söhnen und zwei Töchtern in Hoopte an der Elbe, südlich von Hamburg. Dort gibt es eine Fähre, einen kleinen Hafen und einen Sandstrand. Nächstes Jahr möchte er im Weserbergland die Klettertour wiederholen. Der fatale Griff ist ja schon ausgebrochen …

 
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