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Kollege Berglöw – eine Frages des Überlebens

Foto. Manuel Arnu
Niklas Berglöw verkauft Isomatten und Zelte in der Hamburger Globetrotter-Filiale. Bei seinen privaten Wildnistrips sind für ihn eine bequeme Matte und ein Dach über dem Kopf überflüssiger Luxus. Denn Niklas ist Survivalspezialist.

Niklas Berglöw steht auf einem gefrorenen See in der ­schwedischen Winterwildnis. Vor ihm klafft ein Loch im Eis. Niklas holt tief Luft, geht zwei Schritte voran und springt ohne Zögern ins Eiswasser. Lähmende Kälte dringt durch seine Kleidung, sein Atem stockt. Die schweren Stiefel ziehen ihn Richtung Grund. Niklas darf jetzt keine Zeit verlieren. Er robbt bibbernd zurück aufs Eis, kramt aus seinem Rucksack ­trockene Kleidung, entfacht mit Feuerstahl und Zweigen eine kleine ­Wärmequelle. Schnell muss es jetzt gehen, jeder Handgriff sitzen, denn Niklas möchte nicht erfrieren – er will überleben!

Niklas bei der Selbstrettung aus dem Eisloch. | Foto: Archiv Berglöw

Niklas Berglöw, 42 Jahre alt und Verkäufer in der Zeltabteilung bei Globetrotter Hamburg, nennt sich Survivalist und will auf ­Notsituationen nicht hilflos reagieren. Dazu gehört, sich Extrem­situationen auszusetzen und Überlebenstechniken zu üben, bis sie in Fleisch und Blut übergehen. Den Sprung ins Eiswasser, Teil eines Winter-Survivalkurses des schwedischen Militärs, überwachten Trainer, Sanitäter und Notärzte. Aber Niklas konnte sich selbst retten, ohne fremde Hilfe.

Niklas Berglöw ist Schwede, er wuchs in einem Vorort von Stockholm auf, in einer Schärenlandschaft aus Fels, Wald und Wasser. Als Kind war er immer mit Freunden in der Natur unterwegs, in seiner ­Jugend wälzte er Survival­bücher. Wildnis begann bei Niklas gleich hinter der Haustüre, wo er sein neu erworbenes ­Wissen ausprobieren konnte. Als junger Mann absolvierte Niklas seinen Wehrdienst beim ­Küstenregiment als »Amfibiesoldat«: zwölf Monate Ausbildung, viel Überlebenstraining mit wenig Ausrüstung. Er lernte, sich im Niemandsland zu orientieren, Kälte zu ertragen, Vögel zu fangen, Lagerplätze zu errichten und ins Eiswasser zu springen. Es folgte eine Ausbildung als Survivalinstruktor für Sommer und Winter beim schwedischen Militär.

Im zivilen Leben machte er eine Lehre zum Fotografen, arbeitete in der ­Securitybranche sowie in einem Jagd- und Angelgeschäft. 1998 brachten ihn seine Outdoorbegeisterung und ein EU-Stipendium zu einem sechsmonatigen Praktikum bei Globetrotter nach ­Hamburg. Lag es am Überlebenstraining? Jedenfalls fand sich ­Niklas auch im norddeutschen Großstadtdschungel bes­tens ­zurecht. Bei Globetrotter erhielt er eine Festanstellung, er heira­tete und gründete eine Familie in Hamburg. Seinen sympathischen Ikea-Akzent hat der zweifache Vater behalten.

Hej Niklas! Wohnst du noch oder lebst du schon? | Foto: Archiv Berglöw

Survivaltraining ist Niklas’ große Leidenschaft, vom Scheitel bis zur Sohle. Auch im Alltag trägt er robuste Lundhags-Lederstiefel. Die Schnürsenkel hat er durch Paracord ersetzt, ein leichtes ­Kernmantelseil mit 250 Kilogramm Bruchlast, das ursprünglich für amerikanische Fallschirme im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Das Seil besteht im Kern aus sieben verzwirnten Einzel­seilen. Im Notfall werden so aus zwei Schnürsenkeln fast 20 Meter dünnes Seil zum Reparieren, Basteln oder Fallenstellen.

Multifunktionalität ist Trumpf

»Ich wähle meine Ausrüstungsgegenstände immer so, dass sie mehrere Funktionen erfüllen können«, erklärt Niklas. »Meine Jacke ist nicht nur Bekleidung, sondern auch eine Decke beim Schlafen.« Seinen Poncho verwendet er als Wetterschutz, Tarp, Wasserbehälter und Biwaksack. In den Stiefeln trägt Niklas statt dicker Wintersocken lieber dünne Strümpfe und Fußlappen aus Wolle. Das hat er von den Samen in Lappland gelernt. »Die Fußlappen trocknen ­schneller, und ich kann sie auch als Halstuch oder zum Schneeschmelzen verwenden.«

Mit dem Notboot à la Nehberg. | Foto: Archiv Berglöw

»Mein Vorbild ist Lars Fält«, erzählt Niklas, »ein international ­bekannter Survivalexperte aus Schweden.« Fält hat die schwedische Militär-Survivalschule gegründet, Fachbücher ­geschrieben und mehr als 35 Jahre lang englische und US-­amerikanische ­Spezialkräfte in Überlebenskunst ausgebildet. Auch ­jenseits von militärischem Nutzen hat das Erlernen von Überlebenstechniken Relevanz, findet Niklas, gerade in unserer zivilisierten Welt voller Überfluss: »Für fast jedes Problem gibt es eine technische ­Antwort, davon kann man sich auch bei einem Rundgang durch eine Globetrotter-Filiale überzeugen«, so Niklas. Es gibt Outdoor-Espressomaschinen, Solarladegeräte für ­Smartphones, selbst­aufblasende Isomatten, die bequemer sind als die Matratzen zu Hause. »Aber sobald die technischen ­Hilfsmittel ­ihren Geist ­aufgeben, beginnt die Hilflosigkeit«, hat Niklas ­beobachtet.

Mit seinem Wissen hingegen könne man nicht nur bei einem Campingtrip Brennstoff sparen oder den Speiseplan mit Beeren und Pilzen aufpeppen – sein Wissen helfe im ­Notfall beim Überleben! Niklas hat auch schon bei minus 30 Grad Kälte ohne Schlafsack auf einem Bett aus Tannenzweigen übernachtet; eine Situation, die Wanderer bei einem Notbiwak ­treffen kann. »Dann erhitze ich in meiner Feldflasche Wasser, nehme sie als Wärmflasche und versuche, in der Embryonal­stellung zu schlafen.« Das ist kein ­Luxuscamping, aber man überlebt.

Mit Ekelmutproben wie im RTL-Dschungelcamp hat Niklas’ Überlebenstraining wenig gemeinsam. Regenwürmer hat er trotzdem schon mal gekostet. Niklas ­verzieht sein Gesicht. »Einfach nur bitter und zäh. Wenn man sie grillt, werden sie besser, fast wie Pommes. Noch schmackhafter sind Schnecken, im eigenen Haus über dem Feuer gegart.« Aber es gibt auch Survival-Dreisterneküche, sofern das Notfallgepäck Angelhaken und Schnur enthält: »Hecht und Barsch kann man grillen. Oder man packt den Fisch in nasse Birkenrinde, legt ihn mit im Feuer erhitzten Steinen in eine Erdgrube, etwa 30 bis 60 Minuten warten, voilà! Dazu Löwenzahnsalat und einen Tee aus jungen Tannennadeln.«

Mit Kollegen auf Lehrgang bei Nehberg

Ähnlich delikate Survivaltipps hat Niklas von Deutschlands ­berühmtestem Würmeresser, Rüdiger Nehberg, bekommen. »Ich war mit Globetrotter-Kollegen zwei Wochenenden auf seinem Hof eingeladen. Wir haben unter anderem in Hängematten übernachtet, Feuer gemacht und uns durch seinen Hindernisparcour gekämpft. Das hat Spaß gemacht.«

Ohne sein Survivalpäckchen geht Niklas nicht aus dem Haus. | Foto: Archiv Berglöw

Wenn Niklas sich für drei Dinge entscheiden müsste, die er außer seiner Kleidung mit in die Wildnis nehmen dürfte? Die Antwort fällt ihm leicht. Erstens: sein Messer, mit dem er Werkzeuge ­herstellen oder Holz zerkleinern kann. Dazu einen kleinen Feuerstahl, umwickelt mit einem Stück ­Fahrradschlauch; Messer und Stahl machen selbst bei Nässe und Wind Feuer, Gummi­schlauch sorgt für guten Griff und kann notfalls als Brennstoff ­dienen. »Als Drittes würde ich ­einen Kompass mitnehmen. Obwohl man etwa in den schwedischen Wäldern darauf ­verzichten könnte. Ameisen­hügel sind immer nach Süden ausgerichtet, Bäume haben auf der Nordseite kürzere Äste und mehr Flechten.«

Auch im Arbeitsalltag ist Niklas auf alles vorbereitet. In seiner Jackentasche trägt er stets eine Notfallkarte mit praktischen Tipps und ein Survivalpäckchen mit ­Kompass, Angelzeug, Schweizer Messer, Verbandsmaterial, Wasserreinigungs­tabletten, Signalspiegel, Feuerstahl und zwei Tampons als Zunder. Und sollte das nächste Jahrhunderthochwasser die Elbe hochdrücken, Niklas müsste nicht einmal ein Boot aus der Kanuabteilung ent­wenden: »Bei Nehberg habe ich gelernt, ein Notboot aus Ästen und Plas­tikplane zu bauen«, sagt er stolz, »und es ist sogar geschwommen!« So nimmt Niklas selbst einer Springflut den Schrecken.

 
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