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Kollege Bärisch - Eine runde Sache

Foto: Manuel Arnu
Amateur-Radrennen, extreme Bergtouren, harte Wintertrips: Das war viele Jahre lang die Welt von Michael Bärisch. Inzwischen arbeitet er bei Globetrotter Dresden gleich an mehreren Fronten und lässt es privat ruhiger angehen – zumindest ein bisschen.

Seinen ersten entscheidenden Karriere­schritt machte Michael Bärisc­h 1999: Als 19-jähriger Studen­t betrat er die Dresdner Globetrotter-Filiale, um einen Rucksack zu kaufen. »Ich las am Schwarzen Brett, dass studentische Aushilfen gesucht wurden«, erinnert er sich. Michael bewarb sich, wurde zum Sondierungsgespräch eingeladen und war dabei. »Eine Supersache, denn ich konnte meine privaten Interessen mit einem angenehmen Nebenjob verknüpfen!«

Private Interessen – das heißt für Michael Bergsteigen, Klettern, Mountainbiken, Skitouren und natürlich: Rennradfahren. Das sieht man dem heute 30-Jährigen an: drahtiger, muskulöser Körpe­r, rasierte Beine und die typische Radlerbräune (tiefbraun, wo die Sonne hinkommt; dann übergangslos ziemlich blass, wo Trikot und Bike­hose den Körper bedecken). In seiner aktivste­n Zeit kurbelte Michael fast 20.000 Kilometer jährlich herunte­r – das schaffen viele Leute nicht mal mit dem Auto.
Michael schloss sein Geografiestudium mit Diplo­m ab, beschäftigte sich eingehend mit Sportevents im regionalen Kontext. Vergangenes Jahr, 2009, griffen dann Talent, Können und Interesse wie bei einem gut geölten Schaltwerk ineinander – Michael bekam eine Festanstellung bei Globetrotter Ausrüstung und ist seither in der Filiale Dresden für Öffentlichkeitsarbeit, Event­betreuung und Verkauf zuständig.

 

Mit 60 Kilo zum Mount McKinley

Schöne Arbeit: Michael wirkt bei der Organisation des Globetrotter Family Camps mit. | Foto: Archiv Bärisch

Bei der Arbeit ist er Multitasker, in der Freizeit nicht weniger. Das spiegelt auch seine gemütliche Dachwohnung im Dresdner Süden wider, in der die Sportgeräte beinahe mehr Platz als die Möbel einnehmen: Man sieht Skisäcke, Isomatten, Langlaufstöcke, Schlafsäcke, Kletterseile und ein Campusboard mit variabler Neigung fürs Kletterkrafttraining. An der Wand hängen ein mattsilbernes Rennrad und mehrere Sätze Laufräder, neben dem Schreibtisch warten ein Crossrad und ein Mountainbike auf ihren Einsatz draußen.
Das viel zitierte »Quälen im Sattel« kennt und schätzt Michael. »Egal, ob Rad-, Winter-, oder Bergtour: Die Fähigkeit zu leiden und an die Grenzen gehen zu wollen, sind unabdingbare Punkte, wenn man bestimmte Ziele erreichen möchte. Ich denke, beide Punkte erfülle ich ganz gut. Am Ende zu sehen, dass man drangeblieben ist und es geschafft hat – das ist das Größte!«

Dass auch Scheitern Konsequenz dieser Philosophie sein kann, erlebte Michael 2002 in Alaska, wo er den höchsten Berg Nordamerikas besteigen wollte. Der Mount McKinley ist 6194 Meter hoch und gilt als einer der kältesten Gipfel der Erde. Aber damit nicht genug: Michael und sein Begleiter planten die Tour »by fair means«, auf den üblichen Buschflieger ins Basecamp verzichteten sie. Für die 120 Kilometer Anmarsch, die Gipfelbesteigung und den Rückmarsch hatten sie fünf Wochen, schleppten die gesamte Ausrüs­tung, Essen und Brennstoff im Rucksack – fast 60 Kilo pro Mann. »Es gab keine Trails und Markierungen, nur absolute Wildnis, Eisaufbrüche an den Flüssen und beschissenes Weidengebüsch, an dem sich der Rucksack dauernd verhakte.« Die maximale Marschdistanz lag bei 13 Kilo­metern, aber es gab auch eine frustrierende Tages­etappe mit nur 700 Metern.

Am Limit: McKinley »by fair means«. | Foto: Archiv Bärisch

Nach knapp zwei Wochen erreichten sie entkräftet das vorgeschobene Basislager, holten sich einen Magen-Darm-Infekt – und unternahmen trotzdem drei Gipfelversuche. Schlechtwetterperioden mit Schnee und minus 30 Grad machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Die Bergsteiger kamen bis auf 5600 Meter, aber nicht auf den Gipfel.
»Als wir im Basecamp völlig fertig nach einem Rückflug fragten, wollte uns erst keiner glauben, dass wir reingelaufen waren, denn davor war der McKinley erst einmal auf dieser sehr speziellen Anmarschroute by fair means gemacht worden«, erzählt Michael.
Dem verpassten Gipfel trauert er nicht nach: »Die Ruhe, die Weite, die großartige Landschaft waren phänomenal, bevor wir am Berg waren. Es überhaupt probiert zu haben, war für uns eine große Erfahrung, an der wir beide gewachsen sind. Wir habe­n gekämpft und es wirklich versucht. Dann darf man auch scheitern.«
Seine Begeisterung für schöne Natur und sportliche Touren bekam Michael offenbar in die Wieg­e gelegt. »Mit fünf Jahren konnte ich sofort Fahrrad fahren – ohne üben und Stützräder!« Mit den Eltern ging es im Urlaub meist zum Wandern. Seine Lieblingssendungen im Fernsehen waren Übertragungen von Tour de France und Giro d´Italia, sein Radsportheld Miguel Indurain. »Anfang der 90er Jahre inspirierten mich dann die beiden Weltumradler Brümmer und Glöckner mit ihren Vorträgen.« Folgerichtig startete Michae­l, 15 Jahre alt, mit einem Freund zur ers­ten längeren Radtour ohne Eltern: von Dresden zur Elbquelle ins Riesengebirge, 350 Kilometer in nur vier Tage Zeit. »Ich merkte, dass es mir leicht fiel und Spaß machte, mit Gepäck über 100 Kilometer am Tag zu radeln«, erzählt er. Der Rad­reise-Virus hatte Besitz von ihm ergriffen.

 

Ein Leben ohne Fahrrad ist nicht vorstellbar

Alpenpässe sammelt Michael im Dutzend. | Foto: Archiv Bärisch

Der nächste Meilenstein sollte nach dem Abitur folgen: die erste große Tour, eine fremde Kultur. Michael flog samt Fahrrad nach Marokko. Kleiner Planungsfehler: Die Reise fand mitten im Hochsommer statt, in Nordafrika herrschten Temperaturen zwischen 30 und 45 Grad. »Heute greife ich mir an den Kopf, aber damals war das eine irre Sache!«, lacht Michael. Er steckte die Hitze weg, radelte vier Wochen quer durchs Land und bestieg unterwegs noch den Toubkal, den höchsten Berg des Hohen Atlas.

Ein Leben ohne Fahrrad ist für Michael nicht mehr vorstellbar. Er sitzt zu jeder Jahreszeit im Sattel. Für ihn ist das Fahrrad ein unabhängiges und umweltfreundliches Verkehrsmitte­l, Benzinpreise oder Parkplatzprobleme spielen keine Rolle. Die Geschwindigkeit ist schneller als beim Laufen, aber langsamer als bei motorisierte­n Fahrzeugen – genau richtig, um Ein­drücke aufzunehmen und zu sammeln. Den Fahrtwind im Gesicht, nicht abgeschirmt wie im Auto, sondern direkt verbunden mit der Natu­r. Gerüche wahrnehmen, Klänge höre­n, Wärme und Kälte spüren. Dahin­gleiten über Asphalt, die Schaltung klickt, die Kette surrt. Das Rad ist nicht nur Fortbewegungsmittel, es ist Passion. Und natürlich Sport­gerät: »Der Radsport zeichnet sich für mich durch das Ausloten meiner körperlichen Grenzen aus. Durch Geschwindigkeit. Und Erfolge sind nur durch viel Training und Disziplin möglich«, sagt Michael.

2005 trat er in das Picardellics Velo Team Dresden ein, schraubte seine Trainingskilometer auf Profi-Niveau hoch und startete bei regionale­n und überregionalen Radrennen in der Leistungsklasse. Ein Highlight war 2006 die Jeantex-Tour-Transalp – ein sehr hartes Etappen­rennen über sieben Tage, mehr als 800 Kilomete­r und sage und schreibe 21.019 Höhenmete­r.

Unter Michaels gewaltigem Trainingspensum litten allerdings die verbliebenen Hobbys wie Klettern und Bergsteigen. 2008 gab Michael den aktiven Rennsport auf, nicht zuletzt wegen der zahlreichen Doping­enthüllungen, die ihm das Interesse am Profi-Rennsport endgültig raubten.

 

Wintertrips im Osterzgebirge

Ist kein Fahrrad zur Hand, kann sich Michael auch auf Ski »quälen«. | Foto: Archiv Bärisch

Auch mit seinen alpinistischen Neigungen fühlt sich Michael – in Dresden geboren und aufgewachsen – an der Elbe bestens aufgehoben. Dresden, das kann man Ortsfremden nicht oft genug sagen, ist mehr als Semper­oper, Frauenkirche und Blaues Wunder. Die Hauptstadt des Freistaats Sachsen ist die vermutlich alpinistischste Großstadt Deutschlands jenseits der Alpen.

In etwa 30 Minuten schaffen es Kletterer vom Hauptbahnhof bis an die ersten Sandsteintürme in der Sächsi­schen Schweiz. In der kalten Jahreszeit beförder­t der »Wintersportexpress« Skifahrer innerhalb einer Stunde nach Altenberg. Michael vergleicht das Osterzgebirge gerne mit einem kleinen Skandinavien: »Der Kamm ist eine sehr einsame Hochfläche, man kann da oben super entspannen und hat eine schöne Aussicht ins Böhmische Becken. Abseits von Altenberg oder Oberwiesenthal kann es dort so richtig einsam sein.«

Im Winter zieht es Michael daher regelmäßig in das sehr schneesichere Mittelgebirge zu den kilometer­langen Loipen, den kurzen Skitouren am Geising­berg und den vielen kleinen Skigebieten. Im Sommer ist das Osterzgebirge ein erstklassiges Revier für Wanderer und Biker.

Die Natur in und um Dresden nutzt Michael auch beruflich. Der Globetrotter-Veranstaltungskalender ist prall gefüllt mit Outdoor-Events. Es gibt Aktionen für jedermann wie die traditionelle Globeboot, das Globetrotter Family Camp, den Outdoor-Tag im Waldseilgarten Moritzburg, Vorträge von Outdoor-Promis, Kletterkurse, Paddelabende – aber auch Veranstaltungen für Spezialisten wie die Skitourentage am Geisingberg oder die Holzhauer Telemarktage. Dass unser Leben zunehmend »eventisiert« wird, stört Michael Bärisch nicht weiter. Für ihn ist »Event« nur eine Begrifflichkeit, ihm kommt es viel mehr auf den Inhalt der Aktionen an.

 

Die Natur vor allem genießen

Klettern? Daheim am sächsischen Fels. Mit Magnesia aber bitteschön nur im Steinbruch. | Foto: Archiv Bärisch

»Ich begeistere sehr gern andere Menschen für die verschiedenen Facetten des Draußenseins. Dabei versuche ich, sie zu unterstützen, für sich selbst Wege und Ziele zu finden, wie sie die Natu­r am besten erleben können. Das geht von der einfachen Tourempfehlung über Tipps bei der Planun­g bis zur Unterstützung bei der Aus­rüstungs­wahl. Und wir versuchen auch, dabei unseren Beitrag für den Umweltschutz nicht zu vergessen.«

Beim Radsport hat Michael mittlerweile einen Gang runtergeschaltet, bei den Outdoor-Touren aber noch viel vor: »Da ist noch einiges auf dem Zettel!« Doch hat er erkannt, dass er die Natur vor allem genießen möchte: »Auch beim Radrennsport war das Schönste das Training, die vielen herrlichen Tage in der sächsischen Landschaft.« Deshalb fährt er keine Rennen mehr, aber natürlich noch Rennrad. So oft er kann.