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Kindersoldaten in Afrika: Manfred Hell im Interview über das Hilfsprojekt »Rebound«

Foto: Gaudenz Danuser/World Vision
Rebound hat prominente Unterstützer: Wolfgang Niedecken, Sänger von BAP, und Manfred Hell, Chef von Jack Wolfskin. Sie verschaffen dem Projekt Öffentlichkeit, organisieren Spendenaktionen, helfen mit privaten Mitteln und vor Ort. Ein Gespräch mit Manfred Hell über Motive, Möglichkeiten und Fallstricke dieser groß angelegten Hilfsaktion.

Manfred, ein klassisches Outdoor-Reiseland ist Uganda nicht. Wie hat es dich dorthin verschlagen? 

Ich verreise seit langem einmal pro Jahr mit meinem Freund Wolfgang Niedecken »außer der Reihe«, quasi ein Bonus-Urlaub. Kein BAP, kein Jack Wolfskin, einfach dahin, wo wir schon immer mal hin wollten. Eigentlich planten wir Patagonien, aber Wolfgang erzählte permanent von einer Afrika-Reise, die ihn sehr mitgenommen hatte. Er war als Botschafter von Gemeinsam für Afrika unterwegs, einem Zusammenschluss mehrerer Hilfsorganisationen. »Du musst dir das angucken, das ist jenseits aller Vorstellungskraft«, sagte Wolfgang. Er brauchte schlichtweg jemanden, mit dem er über das sprechen konnte, was er da gesehen hatte und nicht mehr aus dem Kopf bekam. Im August 2007 fuhren wir gemeinsam nach Uganda.

 

Bürgerkrieg, Flüchtlinge, Kindersoldaten – kann man sich auf so etwas vorbereiten? 

Das dachte ich. Wolfgang hatte viel erzählt, ich einiges zum Thema gelesen. Aber vor Ort war alles anders. Die Beklemmung, die Bedrückung, das Verlorensein, wenn man tatsächlich dort steht, den Menschen gegenüber, die ihre Schicksale erzählen – das hat mich eigentlich während der ganzen Reise fast paralysiert, jedenfalls ständig überfordert. Nach diesen bedrückenden Besuchen bei Familien, die durch Aids dezimiert waren oder deren Kinder im Alter von sieben, acht Jahren verschleppt, getötet oder zum Morden gezwungen wurden – oder beides –, da möchtest du einfach aufhören zu denken. Den Kindern zuzuhören, wie sie ihre unvorstellbaren Leiden schildern, führt dazu, dass du abends nur noch allein sein willst. Das kannst du nicht so schnell verarbeiten. Ich habe nach kurzer Zeit entschieden, nur zuzuhören und zuzusehen. Was das alles bedeutet, ob und welche Konsequenzen es haben muss – diese Fragen habe ich auf den Zeitpunkt nach der Reise verschoben.

 

Fandest du nach der Rückkehr Antworten? 

Letztlich war es einfach. Jenseits aller Bedenken stand die Erkenntnis, dass es zynisch wäre, sich das alles anzusehen – und dann einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen. Man weiß ja, dass sich die große Politik nicht um diese Kinder und Familien kümmern wird, weil es in der Region keine Bodenschätze zu plündern gibt. Gleichzeitig sieht man an der unglaublich engagierten Arbeit der Menschen in den Hilfsorganisationen, dass man vor Ort eben doch sehr konkret helfen kann. Man trifft jeden Tag Menschen, die nur die eine Hoffnung haben: dass ein paar von den Ausländern, die da mal hinkommen, ihnen vielleicht helfen. Was wir sahen, hat uns einfach in die Pflicht genommen. 

 

Kommen, sehen, helfen: Manfred Hell und Wolfgang Niedecken in Uganda. | Foto: Gaudenz Danuser/World Vision
Wie seid ihr konkret vorgegangen?

Nach der Reise haben wir uns zusammengesetzt, zuerst Wolfgang und ich. Dann haben wir mit sehr erfahrenen, kritischen Journalisten, die uns begleitet hatten, mögliche Szenarien besprochen, erfahrene Entwicklungshelfer dazugenommen und sehr schnell begriffen, dass wir nur mit professioneller Hilfe etwas bewirken können. Letztlich haben wir mit der Hilfsorganisation World Vision ein ganz neues Projekt konzipiert. Mit Ausbildungsprogrammen, berufsbildenden Maßnahmen, Friedenserziehung, aber auch vielen kulturellen Angeboten sollen die Menschen unterstützt werden. Wir möchten ihnen helfen, die furchtbaren Grausamkeiten – die sich ja innerhalb der engsten Gemeinschaft, der Familie – abgespielt haben, zu überwinden und ein würdevolles Leben in Selbstständigkeit zu führen. Jack Wolfskin als Firma und auch ich persönlich, wir haben uns auf einen langen Zeitraum zu einer Finanzierung verpflichtet, die das Projekt in einer Grundversion sichert. Außerdem werben wir unaufhörlich für weitere Spenden, ebenso Wolfgang und BAP. Jeder Euro kommt eins zu eins an, das ist sichergestellt. Und jeder Beitrag hilft, zusätzlich Menschen in dem Projekt aufzunehmen. 

 

Promis und Firmen, die sich bei Hilfsprojekten engagieren, werden oft auch kritisiert, Stichwort: Instrumentalisierung von Not für PR-Zwecke. Kannst du das nachvollziehen? 

Ja, kann ich. Auch wir haben uns das immer wieder überlegt. Am Ende musst du das mit dir ganz alleine ausmachen und selbst beurteilen, was deine Motivation ist. Und die war stärker als die Bedenkenschieberei. Für Wolfgang und mich war klar: Wir haben, jeder für sich, die Mittel und die Position, dafür zu sorgen, dass diese unfassbare Schweinerei, die dort an Zigtausenden von unschuldigen Kindern geschieht, Öffentlichkeit bekommt. Dass diese traurigen Schicksale nicht länger unter den Teppich gekehrt und totgeschwiegen werden. 
Wir haben ja auch schon einiges erreicht. In der ZEIT gab es ein ganzes Dossier über unsere Reise und viel Öffentlichkeit für das Drama der Kindersoldaten. In jedem Interview, das Wolfgang oder ich geben, sprechen wir die Situation an und schaffen so Öffentlichkeit. Bundespräsident Köhler ist im Januar im Rahmen eines Staatsbesuchs, begleitet auch von Wolfgang, nach Gulu gefahren. Das hat für erheblichen politischen Druck auf die Regierenden in Uganda gesorgt, die bei dem Thema gerne mal weggeguckt haben. Diese Ergebnisse zählen. Das war für uns von Anfang an wichtiger als die Frage, ob wir von irgendwem verdächtigt würden, hier heimlich PR auf dem Rücken anderer zu machen. 

 

»Nach diesen Besuchen bei Familien, deren Kinder verschleppt, getötet oder zum Morden gezwungen wurden - da möchtest du einfach aufhören zu denken.« | Foto: Gaudenz Danuser/World Vision
Dennoch muss man sich gut überlegen, was man tut und wie man auftritt, oder? 

Richtig. Wir wussten um die Minenfelder, die vor uns lagen. Und wir wussten, dass jeder Fehler, den wir machen würden, letztlich am meisten den Kindern schaden würde, denen wir helfen wollen. Wir wussten aber auch: Wir haben den großen Bonus, dass man uns Vertrauen entgegenbringt, also den Personen Niedecken und Hell, den »Unternehmen« BAP und Jack Wolfskin. Das haben wir zu nutzen versucht, unter der obersten Maxime, dass sich jede Aktion dem Ziel unterzuordnen hat, dem Projekt zu dienen – und niemals auch nur an einer Stelle das Projekt »PR-mäßig« auszuschlachten. Beispiel: An deutschen Schulen darf man sowieso keine Werbung machen. Dennoch organisieren wir auf Wunsch Rebound-Infoveranstaltungen an Schulen. Geleitet und umgesetzt wird das von einem unabhängigen Journalisten. Der Name Jack Wolfskin taucht nicht auf. 

 

Was versprecht ihr euch davon, deutsche Kinder auf das Schicksal der afrikanischen Kinder aufmerksam zu machen? 

Ich habe, auch an meinen eigenen und befreundeten Kindern, erfahren, dass Kinder um ein Vielfaches offener und interessierter an diese Thematik rangehen als Erwachsene. Kinder sind noch nicht abgestumpft und haben ein geschärftes Gerechtigkeitsempfinden. Sie begreifen, dass es Kinder wie sie sind, die dort so unsagbar grausam behandelt werden. Und wenn wir glauben – und das tue ich – dass wir in EINER Welt leben, und dass sich das Ignorieren des Schicksals von Menschen in Afrika irgendwann auch an unseren Kinder rächen wird – dann ist es ein guter Ansatz, auch eben diesen Kindern mit Vorträgen und Workshops Wissen zu verschaffen. 

 

Der Startschuss für Rebound ist schon im Februar 2008 gefallen, aber erst jetzt läuft das Projekt richtig an. Arbeitet man nicht schnell und effizient genug? 

Doch, und wie! Wenn wir in unserer Firma ein neues Warenwirtschaftssystem projizieren, dauert das gerne mal anderthalb Jahre – und dabei ist das relativ einfach im Vergleich zu einem hochkomplexen Projekt wie Rebound. In Afrika muss man politische Überzeugungsarbeit leisten, Baugenehmigungen einholen, Infrastruktur aufbauen. Programme müssen entwickelt, Personal eingestellt und angelernt werden. Dabei wird akribisch drauf geachtet, alle Gelder absolut effizient einzusetzen. Die Baumaßnahmen sind dem Prinzip der Nachhaltigkeit unterworfen. Das ist ein Riesenjob. Also: Ganz im Gegenteil, wir sind sehr weit. Die ersten Teilnehmer des Projekts sind benannt, die ersten Förderprogramme laufen. Wolfgang und ich werden im Februar 2009 wieder vor Ort sein und dann ein voll funktionierendes Projekt sehen. So etwas in Afrika so schnell hinzukriegen, dazu muss man schon sehr viel Geduld, Überzeugungsgabe, Fingerspitzengefühl, Leidenschaft und Ausdauer an den Tag legen.

 

Verzweifelt man angesichts der zahllosen Widrigkeiten nicht manchmal?

Man muss vorher wissen, worauf man sich einlässt. Darum ist es ja so wichtig, nicht auf eigene Faust zu agieren, sondern mit erfahrenen Entwicklungshelfern, die sich auskennen, die Mentalität verstehen und die richtigen Wege kennen, um zum Ziel zu kommen. Übrigens sind 90 % der eingesetzten Entwicklungshelfer im World Vision-Projekt Afrikaner. Würden wir unsere europäische Schablone über alles legen, kämen wir nicht weit. Das ist nicht nur eine Frage der Geduld, sondern auch des Respekts. 

 

Was wünschst du dir persönlich für Rebound? 

Im Frühjahr werden die ersten Kurse abgeschlossen sein und neue Kinder und Familien in das Projekt kommen. Ich hoffe, dass wir durch weitere Spenden die Zahl dieser Teilnehmer ständig erhöhen können. Mehr als alles andere aber wünsche ich mir, dass es endlich zum Waffenstillstand in dieser Region kommt und die Menschen nach 20 Jahren Flüchtlingslager in ihre Dörfer zurückkönnen. Ich hoffe, dass Rebound so stark wächst, dass wir vielen tausend Menschen auf dem Weg in ein friedlicheres, würdevolles Leben ein wenig helfen können. Dafür werde ich weiter trommeln, dem Projekt Öffentlichkeit geben und die Menschen bitten, mitzuhelfen durch ihre Spenden. 
 

 
weiterführende Artikel: 
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