präsentiert von:

Kaufberatung: Zelten heute

Foto: Moritz Schäfer
Mobile Behausungen sind so alt wie die Menschheit. Doch seit den ersten Steinzeit-Zelten aus Holz und Fell hat sich auf dem Zeltmarkt so einiges getan. Globetrotter-Expertin Julia Ciba erklärt aktuelle Trends und clevere Neuheiten.

Julia, was waren in den letzten Jahren die wichtigsten Entwicklungen im Zeltbereich?

Im Prinzip gibt es zwei nennenswerte Trends: Einerseits werden ultraleichte Zelte mit einem möglichst geringen Packmaß immer beliebter – die Nachfrage ist enorm; diese Entwicklung befeuern viele Hersteller aktuell mit immer leichteren Modellen. Andererseits habe ich aber auch festgestellt, dass die Nachfrage nach ­geräumigen, komfortablen Zelten größe­r wird. Allerdings sprechen wir da meiner Erfahrun­g nach von zwei völlig ver­schie­dene­n Zielgruppen.

Zuerst die Leichtgewichte. Wie viel wiegt ein modernes Zweipersonenzelt?

Tipis eignen sich perfekt als Gruppenzelte. Gut, dass es sie neuerdings auch in leicht gibt ... | Foto: Michael Neumann

Die magische Grenze, die alle Hersteller knacken wollen, liegt bei einem Kilogramm. Das derzeit leichteste Zelt für zwei Personen ist mit 880 Gramm das Telemark 2 ULW von Nordisk. Da wiegt das Zelt dann weniger als so manch eine Isomatte. Allerdings muss man sich beim Kauf da­rüber im Klaren sein, dass so ein extrem niedrige­s Gesamtgewicht auf Kosten von Robusthei­t und Komfort geht. Das wird den Kunden spätestens dann klar, wenn sie das Außenzelt anfassen.

Was heißt das konkret?

Die Hersteller verwenden für ihre ultra­leichten Zelte extrem dünne Materialien und versuchen, auch bei Lüftungs­öffnungen, Reißverschlüssen und bei den Leinen jedes Gramm zu sparen. Klar, dass das Zelt dadurch insgesamt empfindlicher wird. Doch es gibt auch sehr pfiffige Ideen, um das Gesamtgewicht zu redu­zieren: Das Gestänge bietet zum Beispiel eine Menge Einsparpotenzial. Deswegen arbeiten viele Hersteller daran, bei gleiche­m Platz­angebot im Zelt weniger ode­r kleinere ­Gestängebögen zu verwende­n. So spart man schnell ein paar Hundert Gramm und braucht nicht bei Komfort-Features wie der Belüftung, zwei Eingängen und Apsiden zu sparen.
 

4-Seasons Info

 

Zelt-Spezialistin Julia

Julia Ciba (40) arbeitet seit 13 Jahren als Spezialistin für Zelte, Schlafsäcke und Bergsport bei Globetrotter Hamburg. In ihrer Freizeit ist sie am liebsten auf Radtour, zum Klettern oder im Kajak unterwegs – gerne mit ihrem Allak von Hilleberg.

Zu ihren Lieblings­revieren zählen die Dolomiten, Schottland und Schleswig-Holstein – Hauptsache Natur.

 

 

Schließen sich geringes Gewicht und Komfort denn gegenseitig aus?

Das Beispiel des Hubba Hubba von MSR zeigt, dass es auch gute Kompromisse gibt: Mit 1,8 Kilogramm ist es für ein Zweipersonenzelt immer noch ein absolutes Leichtgewicht und bietet trotzdem zwei Eingänge samt Apsiden, gute Belüftun­g und genu­g Platz für zwei Personen im Innere­n. So lässt es sich auf Reisen auch mal ein paar Tage im Dauerregen aus­halten – ohne Lagerkoller. Das Telemark 2 ULW hingegen hat nur eine einzige kleine Belüftungsöffnung, kaum Stauraum für die Ausrüstung und nur einen Eingang. Spätestens wenn der Zeltpartner das zweit­e Mal nachts zum Pinkeln über einen drübersteigt, gibt es nicht nur wegen der fehlenden Lüftungsöffnungen dicke Luft.

Wann und für wen lohnen sich die Kompromisse zugunsten des Gewichts?

Das Aufpumpen des Heimplanet The Wedge dauert nur wenige Minuten. | Foto: Moritz Schäfer

Immer dann, wenn das Zelt im Rucksack mitgeführt wird und es auf jedes Gramm ankommt, also beim klassischen Trekking zum Beispiel. Wer zwei Kilo weniger Zelt im Rucksack schleppen muss, spart auf Dauer eine Menge Energie. Allerdings ist der Gewichtsvorteil schnell aufgehoben, wenn man in dem viel zu kleinen Zelt ohne Apsis bei schlechtem Wetter eine Woche festsitzt und die Stimmung von Tag zu Tag schlechter wird. Ich würde deshalb auf jede­n Fall mehr Gewicht im Rucksack in Kauf nehmen und dafür unterwegs den Mehrkomfort genießen.

Gutes Stichwort: Einige eurer Zelte sind kaum kleiner als ein Wohnwagen. Was hat es damit auf sich?

Das sind Familienzelte, bei denen das Platzangebot im Vordergrund steht. Im Comfort Camp von Tatonka zum Beispiel können selbst Großgewachsene fast aufrecht stehen, die Kinder haben ihr eigenes »Zimmer«, und bei Regen findet die ganze Familie im Vorzelt Platz. Allerdings wiegt so ein Zelt schnell zehn Kilo oder mehr und kommt also nur infrage, wenn man das ­Domizil nicht über lange Strecken hinweg tragen muss. Beim Paddeln im Kanadier oder auf Radtour mit Anhänger bietet ein großes Zelt aber viele Vorzüge. Und wer mit dem Auto zum Campen fährt, macht sich  über das Zeltgewicht eh keine Gedanken.

Welche Vorzüge bietet so ein Koloss?

Viele Zelte dieser Art kommen mit Fenster­n aus durchsichtiger Folie und mehrere­n großen Belüftungsöffnungen. Doch eine­r der größten Vorteile gegenüber kleinen Zelte­n ist die Deckenhöhe: Wenn man sich morgens im Stehen anziehen kann und beim Betreten des Zeltes nicht jedes Mal den Kopf einziehen muss, ist das für viele ein echtes Komfortplus. Außerdem kann bei Dauerregen problemlos im Vorzelt gekoch­t und beieinandergesessen werden.

Das hört sich irgendwie ganz schön nach Campingplatz an. Kommt so ein Zelt für längere Touren in der Wildnis infrage?

Das Comfort Camp von Tatonka (599,95 €) bietet Platz für die ganze Familie.

Das hängt ganz von der Tour ab. Wenn das Mehrgewicht kein Problem darstellt und ich an den Übernachtungsstellen ausreichen­d Platz für ein großes Zelt habe, spricht nichts gegen ein XXL-Modell. Allerdings sollte man nicht unterschätzen, wie viel länger der Aufbau von so einem Zelt dauert – das kann bei täglichem Auf- und Abbau echt nerven. Außerdem sind große Zelte natürlich auch windanfälliger.

»Ganz leicht« und »ganz komfortabel« liegen also voll im Trend. Kommen wir zur Materialkunde: Was gibt’s Neues?

Leider nicht sonderlich viel. Als Kunde habe ich nach wie vor die Wahl zwischen PU-beschichtetem Polyester und Nylon mit einer Silikonbeschichtung. Was viele Kunden nicht wissen: Letztere sind zwar UV-beständiger und leichter, sollten aber nach einer gewissen Zeit an den Nähten nachträglich abgedichtet werden – sonst kann es undicht werden. Im Bereich der Gestänge greifen die meisten Hersteller unserer Zelte auf die hochwertige DAC-Pressfit-Variante aus Aluminium zurück. Die sind extrem leicht und robust.

Nachhaltigkeit ist bei vielen Outdoor-Herstellern ein Thema. Auch im Zeltbereich?

Vaude hat zwei Zelte aus recyceltem Polyester auf dem Markt, und Hilleberg wirbt damit, dass ihre Zelte aufgrund ihrer Langlebigkeit und der europäischen Produktion besonders nachhaltig sind. Ansonsten tun sich die Hersteller bei dem Thema schwer.

Welche Neuentwicklung der letzten Jahre fandest du besonders spannend?

Heimplanet-Zelte wirken futuristisch – fast wie von einem anderen Stern. | Foto: Michael Neumann

Da fallen mir sofort die Zelte der Firma Heimplane­t mit ihrer Konstruktion aus aufblasbaren, außen liegenden Schläuche­n ein, die das Zelt in Form bringen. Die Zelte sehen total skurril aus. Das Opti­c Vue 3,5 von Mountain Hardwear verfolg­t mit seinen beiden nebeneinanderliegenden Eingängen ebenfalls ein völlig neues ­Konzept, das ich interessant finde.

Ein aufblasbares Zelt? Jetzt bin ich neugierig …

Die Firma Heimplanet ist ein junges deutsche­s Start-up-Unternehmen aus Hamburg. Das Besondere an den Zelten ist, dass sie ohne ein klassisches Gestänge aus Aluminium auskommen und nur von Luftschläuchen in Form gehalten werden. Dadurch geht der Aufbau extrem schnell: Einfach ausrollen und aufpumpen – schon steht das Zelt. Allerdings wiegen die ummantelte­n Gummischläuche natürlich mehr als ein Gestänge aus Alu und nehme­n mehr Platz ein. Deswegen können die Zelte von Heimplanet gewichtstechnisch und in Sachen Packmaß kaum mit einem traditionellen Zelt in gleicher Größe mithalten. Dafür sind sie ein echter Hin­gucker: Wer seinen Heimplaneten irgendw­o aufschlägt, wird garantiert nach wenige­n Minuten angesprochen.  

Und was spricht für ein Zelt mit nebeneinanderliegenden Eingängen?

Panoramazelt: das Mountain Hardwear Optic Vue 3.5 (299,95 €).

Ganz einfach: die Aussicht. Durch die Anordnun­g der Eingänge hat man aus dem Optic Vue 3.5 einen 180-Grad-Panorama-Ausblick. So kann man morgens nach dem Aufwachen einfach die Eingänge auf­machen und hat dann aus dem Schlafsack heraus einen freien Blick auf den Sonnenaufgang und die Natur. Ansonsten ist das Zelt ein herkömmliches Kuppelzelt für zwei Personen, das mit einer spitzen Verarbeitun­g und einem üppigen Platz­angebot im Innenraum punktet.

Thema Kuppelzelt: Hat sich in Sachen Form irgendwas getan?

Nein, nicht wirklich. Mit den klassischen Zeltformen Tunnel, Kuppel und Geodät sind nach wie vor so ziemlich alle Ein­satzbereiche für ein Zelt abgedeckt. Im Bereic­h der ganz leichten Einpersonenzelte finden wir seit einiger Zeit immer mehr Zelte mit nur einem Gestängebogen. Außerdem erleben Tipis aktuell ein Reviva­l, weil es sie neuerdings auch in ultraleich­t gibt.

Was spricht für so ein Indianerzelt?

Viele Kunden schätzen die Stehhöhe und bei Modellen aus wasserdampfdurch­lässigem Baumwollmischgewebe das angenehm­e Raum­klima in einem Tipi. Allerding­s wogen die meisten Tipis bisher extre­m viel, 20 Kilogramm und mehr kame­n da schnell zusammen. Doch seit diese­m Jahr gibt es die Wicki-U­p-Zelte von Nigor. Da wiegt ein Dreipersonentipi nur noch knapp unter zwei Kilo – eine echte Revolution für Tipi-Fans.

Hilleberg dominiert in Sachen Qualität und Langlebigkeit seit Jahren den Markt. Gibt’s was Neues von den Schweden?

Bei Hilleberg ist man immer der Strategie treu geblieben, lieber ein vorhandenes Model­l zu verbessern, als jedes Jahr ein völlig neues Zelt auf den Markt zu bringe­n. Diesem Prinzip verdanken die Zelte ihre­n guten Ruf und ihre hohe Qualität. Da wird lieber mal hier ein Reiß­verschluss ­verändert oder da eine Lüftung optimiert. In Fachkreisen gelte­n Hilleberg-Zelte oft als das Nonplusultr­a. Allerdings spiegelt sich das auch in den Preisen wide­r: Für ein Hilleberg kann man leicht 1000 Euro und mehr ausgeben – das ist vielen Kunden natürlic­h zu viel.

Welche Rolle spielt bei Zelten eigentlich das Design?

Jedes Gramm zählt: Per Taschenwaage kontrolliert Julia die Herstellerangaben. | Foto: Moritz Schäfer

Im Vergleich zu vielen anderen Outdoor-produkten eher eine untergeordnete Rolle. Ein Zelt soll vor allem zweckgemäß und robus­t sein. Allerdings freuen sich viele über mehrere Farben zur Auswahl. Viel wichtiger ist den Kunden aber zum Beispiel die Wassersäule – danach fragt jeder.

Was hat es mit der Wassersäule auf sich?

Sie gibt die Wasserdichtigkeit eines Ma­terial­s an. Unter einen Messzylinder wird Stoff gespann­t, und der Zylinder wird mit Wasse­r gefüllt. Der Wert, bei dem sich das Wasser durch das Material zu drücken beginn­t, bezeichne­t die Wassersäule. Oberzelte und Zeltböden gelten in Deutschland ab einem Wert von 1300 Millimeter­n als wasserdicht. Aber Vorsicht: Jeder Hersteller misst anders, weil es keine normierten Messverfahren gibt. Beim Zelt­boden macht es Sinn, auf eine hohe Wassersäul­e zu achte­n. Schließlic­h will man nicht gleich Feuchtigkeit im Zelt habe­n, sobald man sich hinknie­t. Beim Außenzel­t ist die Wassersäul­e nicht ganz so wichtig, denn dort laste­t wenige­r Druck drauf. Allerdings sollte man die Wasser­säule beim Zeltkauf auch nicht überbewerten. Schließlich sagt sie nichts über die Verarbeitung oder die Ausstattung eines Zeltes aus.

Welche Ausstattungsmerkmale eines Zeltes findest du denn besonders wichtig?

Ich persönlich finde eine gute Belüftung sehr nützlich. Wenn man jeden Morgen in einer Tropfsteinhöhle aufwacht, weil das Kondenswasser nicht entweichen konnte, ist das nicht nur lästig, sondern sorgt auf Dauer auch für nasse Ausrüstung. Ganz wichtig ist auch genug Stauraum für das Gepäck. Was bringt mir das leichteste Zelt, wenn mein Partner und ich dann nachts noch unsere großen Rucksäcke mit in die eh schon enge Kabine nehmen müssen, weil es keine Apsiden gibt?

Zu guter Letzt: Gibt es auf dem Zeltmarkt einen Preistrend?

Nicht wirklich. Zur Herstellung eines Zeltes braucht man einfach ziemlich viel Mate­rial, und das lassen sich die Hersteller ­natürlich bezahlen. Wenn man dann auch noch ein sehr hochwertiges Zelt möchte, knackt man schnell die 500-­Eur­o-Marke. Das Optic Vue 3.5 zeigt jedoch, dass man auch schon ab 300 Euro ein solides Zweipersonenzelt bekommen kann.

 
weiterführende Artikel: 
15.10.2005ArtikelBeratung und ServiceKaufberatung

Kaufberatung Rucksack: Die volle Tragweite

Wer sein gesamtes Hab und Gut auf dem Rücken durch die Pampa schleppen will, sollte bei der Wahl des Schneckenhauses keine Kompromisse machen. zum Artikel
08.08.2011ArtikelOutdoorsportKanuBeratung und ServiceKaufberatung

Kaufberatung Kanu: So werden Sie Paddler

Ob kleine Fluchten vor der Haustür, regelmäßiges Fitnesstraining oder mehrwöchige autarke Erkundungsfahrten – Paddeln liegt im Trend. zum Artikel