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Kaufberatung Rucksack: Die volle Tragweite

Foto: Lars Schneider
Wer sein gesamtes Hab und Gut auf dem Rücken durch die Pampa schleppen will, sollte bei der Wahl des Schneckenhauses keine Kompromisse machen. Stefan Kluge, Professor für Rucksackkunde in der Globetrotter-Filiale am Hamburger Wiesendamm, verrät, auf was es bei der Auswahl des richtigen Trekking-Rucksacks ankommt.
 

Sagt der Kunde: Ich brauche einen Rucksack. Was sagst Du?

Wo willst du hin? Denn jemand, der für zwei Wochen ins Fjäll will, braucht sicher einen anderen Pack als derjenige, der in den Alpen für eine Woche von Hütte zu Hütte wandern möchte.

 
Stefan Kluge: 37 Jahre, waschechter Hamburger, gelernter Stahlschiffbauer, später Zollbeamter und Fahrradmechaniker, heute Bereichsleiter Rucksäcke in der Filiale von Globetrotter Ausrüstung am Hamburger Wiesendamm. Stefan wandert am liebsten in Schottland oder auf Korsika und besitzt 15 Rucksäcke (oder so). | Foto: Lars Schneider

Angenommen, die Entscheidung geht in Richtung klassische Trekkingtour mit Zelt und Eigenverpflegung.

Dann gilt es herauszufinden, wohin und wie lange. Nur dann kann man ermitteln, wie viel Gewicht man tragen muss – oder tragen will.

 

Das sind ja oft zwei ganz differente Dinge.

Das stimmt. Nicht jeder weiß, wie viel er tragen kann oder möchte. Und manchmal steht da jemand, der in der Toskana von Campingplatz zu Campingplatz laufen möchte, aber nicht davon abzubringen ist, sein 20 kg schweres Hauszelt mitzunehmen. In einer Beratung kann man dann erklären, warum man vielleicht nicht unbedingt so viel tragen sollte.

 

 

Reicht die Angabe des Reiseziels, damit du den passenden Rucksack herauspicken kannst?

Nein, ganz sicher nicht. Für fast jeden Einsatzbereich gibt es gleich mehrere passende Kandidaten. Somit ist Rucksackkauf immer auch Gefühlskauf.

 

Aber es ist ja schon ein Unterschied, ob ich den Rucksack im Laden trage oder draußen auf Tour.

Das passende Klima können wir natürlich nicht bieten – außer vielleicht eine Simulation in der Kältekammer oder im Regenturm – aber die Rucksäcke sind alle realistisch beladen, um den Ernstfall zu simulieren. Damit kann man dann auch über die Schuhteststrecke hoppeln.

 

Was genau heißt realistisch beladen?

Nicht jeder große Rucksack ist auch automatisch ein Kandidat, mit dem man große Lasten angenehm tragen kann. Das hängt sehr vom Hüftgurt ab. Deshalb sind alle Rucksäcke nach ihren Möglichkeiten unterschiedlich schwer beladen. So merkt man beim Ausprobieren gleich, wo es drückt, wenn es denn drückt.

 

Gibt es eine Faustregel, nach der ich das Gewicht errechnen kann, das sich auf einer längeren Tour gut tragen lässt?

Wir gehen normalerweise von 20 bis 25 % des Körpergewichts aus. Die Bundeswehr geht von 33 % aus – aber dort machen Wanderungen ja auch weniger Spaß. Letztendlich hängt vieles vom persönlichen Trainingsstand ab.  

 
Wer die Wahl hat, hat die Qual. Gut, dass es bei Globetrotter Fachberater gibt, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen. | Foto: Lars Schneider

Ab wann erachtest du es für sinnvoll, dass auch Kinder Rucksäcke tragen?

Man sagt, dass Kinder nicht mehr als 10 % ihres Körpergewichts tragen sollen, solange sie stark im Wachstum sind. Prinzipiell finden wir es gut, wenn Kinder von Anfang an einen kleinen Rucksack tragen und sei es nur mit dem Kuscheltier und vielleicht ihrem Schlafsack drin. Das vermittelt gleich ein ganz anderes Gefühl vom Wandern. Diese Form von Gleichberechtigung ist Kindern oft wichtig. Ab dem elften, zwölften Lebensjahr kann man dann auch anfangen, sich über einen Kinder-Trekkingrucksack Gedanken zu machen und nach und nach anfangen, das Gewicht nach oben aufzustocken. Trotzdem sollte immer darauf geachtet werden, dass der Rucksack leicht und die Touren nicht zu lang sind.

 

Wie viele große Trekkingrucksäcke habt ihr im Programm?

Etwa 20 verschiedene Modelle in den unterschiedlichen Größenausfertigungen sprich     Rückenlängen.

 

Das Wissen um die eigene Rückenlänge ist ja ein ganz wichtiger Faktor, um einen Rucksack zu finden. Wie messe ich die?

Zumindest zu zweit sollte das kein Problem sein. Dafür muss man den Beckenkamm suchen, also die seitliche Oberkante des Hüftknochens und von dort parallel zur Wirbelsäule den Abstand bis auf Höhe des C-7 messen – das ist der Halswirbel, der etwas vorsteht, wenn man sich vorbeugt.

 
So messen Sie auch daheim die Rückenlänge: vom Hüftknochen parallel zur Wirbelsäule bis auf Höhe des Halswirbels C-7 Maß nehmen. | Foto: Lars Schneider

Aber die Anprobe in der Filiale ersetzt dieses Wissen kaum?

Wir raten Kunden immer, vorbeizukommen, denn das Wissen um die bloße Zahl der Rückenlänge ist selten ausreichend. Selbst wenn ich drei Rucksäcke mit einer identisch angegebenen Rückenlänge habe, werden selten alle drei auch wirklich gut sitzen. Manche messen schlicht unterschiedlich, manche konstruieren anders. Und so kann ein Rucksack, dessen Parameter eigentlich stimmen, trotzdem sitzen wie ein Tritt ins Kreuz.   

 

 

Wie viel Zeit braucht eine gute Beratung?

Das hängt natürlich ein wenig von den Vorkenntnissen des Kunden ab. Wenn wir bei Adam und Eva anfangen und uns langsam herantasten, dann kann es schon eine Stunde, vielleicht mehr dauern. Oft ist es auch sinnvoll, noch ein zweites Mal wiederzukommen, denn wenn man vier, fünf verschiedene Rucksäcke aufprobiert hat, schmerzen danach ohnehin alle weiteren, auch wenn da vielleicht der richtige dabei ist.

 

Wäre es denn auch möglich, die zwei favorisierten Modelle zum Wohnzimmer-Dauertest mit nach Hause zu nehmen?

Klar. Der Kunde soll schließlich zufrieden sein und mit dem Produkt viele unvergessliche Stunden erleben. Und wer mag, kann seine Zufriedenheit dann gern in Form einer profunden Online-Produktbewertung unter www.globetrotter.de ausdrücken. Es gab auch schon Kunden, die kamen Monate nach dem Kauf mit ’ner Flasche Sekt vorbei.

 

Brauchen Frauen und Männer unterschiedliche Rucksäcke?

Aber hallo. Es ist nun mal so, dass Frauen eine ganz andere Physiognomie haben als Männer. Meistens – nicht immer – äußert sich das in einem kürzeren Rücken, einem ausgestellteren Beckenkamm und einem anders ausgeprägten Kreuzbein. Frauenrucksäcke haben daher normalerweise einen stärker angewinkelten Hüftgurt und schmaler geschnittene Schulterträger – die wollen schließlich keinen Wonderbra-Effekt.

 

Lassen sich Rucksäcke, deren Rückenlänge eher suboptimal ist, nicht auch per Schulterträger anpassen?

Nein. Schließlich wird die Hauptlast der Ausrüstung mittels Hüftgurt aufs Becken verteilt. Mit den Schulterriemen kann ich nur das Feintuning machen, um zum Beispiel den richtigen Winkel für die Lageverstellriemen zu erreichen.

 

Bildergalerie: In vier Schritten zum paßgenauen Rucksack

Manchmal hat es den Eindruck, man bräuchte ein Diplom, um einen Rucksack perfekt einzustellen ...

Das ist nicht ganz falsch. Eine ungenaue Einstellung macht das Potenzial eines an sich guten Tragesystems schnell zunichte. Wer bei uns einen Rucksack kauft, bekommt ihn aber perfekt eingestellt mit nach Hause. Auch arbeiten wir derzeit an einer individuellen Einstell-Anleitung für die meisten Modelle, die man online studieren oder im Laden mitnehmen kann.

 

Obwohl sich die Konzepte obenrum oft ähneln, setzen viele Hersteller beim Hüftgurt auf ganz verschiedene Lösungen.

Stimmt. Manche Gurte sind extrem fett, andere eher schmal. Was letztlich zählt, ist aber allein die Steifigkeit. Bei manchen Trekkingrucksäcken ist der Gurt knüppelhart, doch nur so rutschen Lasten von über 30 kg nicht von der Hüfte.

 

Gibt es eigentlich auch komplett wasserdichte Rucksäcke?

Bei unseren derzeitigen Rucksäcken, egal, ob von Bach, Tatonka oder Gregory, ist die Wasserdichtigkeit erstmal recht ähnlich. Das heißt, die Stoffe sind im Neuzustand eine Zeit lang wasserabweisend, durch die Nähte und Nahtlöcher – und davon hat ein Rucksack leicht über tausend – kann aber zu jedem Zeitpunkt Wasser eindringen.

 

Und wie halte ich meine Ausrüstung trocken, wenn es mal richtig schüttet?

Da gibt es zwei Möglichkeiten: wasserdichter Überzug außen oder einen besseren Müllsack innen. Für Gebiete, in denen man mit überproportional viel Regen rechnen muss, empfehle ich einen Innensack. Das heißt zwar, der Rucksack kann nur noch von oben bepackt werden, aber die Ausrüstung ist wirklich 100%ig geschützt – selbst wenn ich mich beim Überqueren eines Flusses auf die Nase lege. Bei einem Überzug dringt leichter Wasser ein. Und bei Sturm kommt er ganz schön ins Flattern.

 

Also wäre ein wasserdichter Rucksack schon eine tolle Nummer?

Natürlich wäre man da einige Sorgen los. Aber ein komplett wasserdichter Rucksack hat auch Nachteile. Leicht tritt da das »Apfel-in-der-Tüte-Syndrom« auf: Man verschließt etwas Feuchtes im luftdichten Sack und schnell fängt da das Gammeln an.

 

Was hältst du von der Idee, die Nähte wie beim Zelt mit Nahtdichter abzudichten?

Na ja, das kann man zwar machen, aber durch das ständige Stopfen der Ausrüstung wird sich die Dichtung wieder lösen.

 
Check des Hüftgurtes: Wer große Lasten bewegen will, braucht einen möglichst steifen Kraftschluss zur Hüfte. | Foto: Lars Schneider

Wie tief muss ich in die Tasche greifen, um einen ordentlichen Rucksack zu bekommen?

Zurzeit lässt sich das ganz gut rechnen: einfach sein geplantes Tragegewicht mit zehn multiplizieren. Will man also 20 Kilo tragen, kann man mit etwa 200 Euro rechnen, bei 25 Kilo entsprechend 250 Euro.

 

 

Man sieht sie immer wieder im Supermarkt: 70-Liter-Trekkingrucksäcke für weit unter 100 Euro. Kann man solchen Angeboten trauen?

Fürs Interrail oder beim mehrtägigen Open-Air-Camping wie bei »Rock am Ring« oder im dänischen Roskilde sind solche Modelle ausreichend. Aber sonst ...? Es kann halt kein Hersteller zaubern, irgendwo muss gespart werden. Näharbeit kostet überall ähnlich viel – bleiben also die verarbeiteten Materialien.

 

Was hälst du von Rucksäcken mit einer Vorbereitung für Trinksysteme?

Anfangs zogen unsere Kunden noch Parallelen zu den Mallorca-Urlaubern, die Sangria per Schlauch aus Eimern konsumieren. Aber viele denken mittlerweile anders und kommen, um ihren Rucksack nachrüsten zu lassen. Denn im Vergleich zur herkömmlichen Flasche trinkt man mit Camelbak & Co. einfach mehr, das erhöht die Leistungsfähigkeit.

 

Der richtige Rucksack ist gefunden, nun geht’s ans Packen.

Richtiges Packen ist essenziell, um das volle Potenzial eines Rucksacks auszuschöpfen. Grundsätzlich könnte man sagen: die leichten Sachen nach unten und außen, die schweren Sachen knapp schulterhoch und dicht an den Rücken.

 
Bei einigen Modellen kann man das Innentragegestell herausnehmen und auf nahezu jeden Problemrücken anpassen. | Foto: Lars Schneider

Meistens hat man aber entweder zu viele leichte Sachen oder zu viele schwere dabei, um so packen zu können.

Man kann es auch so versuchen: Zuerst den Schlafsack, Schlafklamotten und Schmutzwäsche nach unten ins Schlafsackfach, darüber die Kochutensilien und Lebensmittel. Außen herum zum Polstern und oben drüber die Bekleidung mit Ausnahme von Mütze, Handschuhen und einer zusätzlich wärmenden Schicht, die dann neben Erste-Hilfe, Taschenmesser, Lampe und Schokoriegeln ins Deckelfach gehören.

 

 

Wie pflege ich meinen Rucksack?

Wenn er nass geworden ist, gut trocknen lassen und nicht feucht irgendwo im Keller verstauen. Wenn er schmutzig geworden ist, nicht in die Waschmaschine schmeißen oder das Gestell rausnehmen und dann in der Badewanne waschen; Nylon hat die unangenehme Eigenschaft, sich beim Trocknen zusammenzuziehen. Und dann passt dem sauberen Rucksack sein Gestell nicht mehr. Deshalb den Pack einfach abbrausen, milde Seife verwenden und fertig. Und etwas Patina tut einem Rucksack ja auch ganz gut. Bei längerer Lagerung sollten die Schnallen verschlossen sein, damit sie sich nicht verformen.

 

Wie lange hält ein Rucksack in der Regel?

Bei normaler Nutzung kann man von einer Lebensdauer von sieben, acht, vielleicht neun Jahren ausgehen. Bei häufiger Nutzung in großer Höhe mit entsprechender UV-Einstrahlung können die Schäume der Gurte aber schon früher aufgeben – viele Hersteller bieten jedoch einen Ausstausch derselben an.

 

Wie schütze ich meinen Rucksack auf Flugreisen vor Transportschäden?

Es gibt Säcke, die dafür sorgen, dass Riemen und Schnallen nicht an Förderbändern abgerissen werden: einmal die günstige Variante für fünf Euro aus Plastik, die man dann am Ziel in den Abflugbereich legt, damit vielleicht jemand anderrer noch was davon hat. Oder eben so genannte Cargobags, Nylonhüllen, die etwas robuster und mehrfach verwendbar sind. Transporthüllen kann ich jedem ans Herz legen. Wir sehen Kunden zwar gern häufiger in der Filiale, aber bitte nicht mit einem zerfetzten Rucksack unterm Arm.

 
4-Seasons Info
 

Was-ist-was am Rucksack

 

1. Deckel mit möglichst großem Deckelfach für alles, was schnell greifbar sein muss.

2. Lastkontrollriemen

3. Schultergurte

4. Brustgurt (hält die Schultergurte in Position)

5. Hüftgurt mit gepolsterter Hüftflosse (trägt die Hauptlast des Gewichts)

6. Stabilisierungsriemen

7. Innenliegendes Tragegestell

8. Bodenfach (hier parkt meist der Schlafsack)