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Jägerin wider Willen – Kollegin Jenny Seifert

Jenny, Flocke und Aika sind oft auf der Pirsch. Geschossen wird selten. | Foto: Manuel Arnu
Die Liebe kennt wundersame Wege – auch die Liebe zur Natur. Jenny Seifert, bei Globetrotter Dresden in der Textilabteilung tätig, kam erst auf den Hund und dann auf die Jagd. Aber sie ist wohl die netteste Jägerin, die das Wild sich wünschen kann.

Ein Knacken mischte sich unter das Konzert der Vogelstimmen und nach einer kurzen Pause trat ein Rehbock aus dem Unterholz. Ganz langsam kam der Bock näher. Jenny kauerte bewegungslos hinter einem Baum und beobachtete das scheue Wildtier. »Der wird doch nicht so blöd sein und noch näher kommen«, wunderte sie sich. Nee, der würde bestimmt wieder abhauen. Doch der Rehbock machte den Fehler seines Lebens, kam näher und näher, bis er nur noch ein paar Meter entfernt stehen blieb. Jenny wunderte sich noch einmal, dann holte sie tief Luft, legte die Büchse an und drückte ab. Die Vogelstimmen verstummten, der Rehbock sank getroffen auf den Waldboden.

Jenny Seifert, Mitarbeiterin der Textilabteilung in Dresdens Globetrotter-Filiale, sitzt an ihrem Küchentisch und lacht. Lacht darüber, wie aus der tierliebenden Jenny die Jägerin Seifert geworden ist. Zu Hause hegt und pflegt sie ihre Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen, im Herbst streift sie mit ihren Hunden Aika und Flocke auf Drückjagd durch Sachsens Wälder. Seit drei Jahren haben Jenny und ihr Freund Matthias den Jagdschein. Seither stapeln sich in der Kühltruhe Rücken, Keulen und Schultern von Reh und Wildsau. Jenny Seifert muss weit ausholen, um zu erklären, wie es so weit kommen konnte. Schuld an allem ist nämlich eine Fernsehserie.

 

Opfer des »Forsthaus Falkenau«

Jenny Seifert war Fan der TV-Soap »Forsthaus Falkenau« und verliebte sich prompt. Allerdings nicht in den Fernsehförster, sondern in dessen Münsterländer Jagdhund Aika. Die Liebe ging so weit, dass sich Jenny einen Münsterländer Welpen zulegte und ihn Aika nannte. Aika war brav und so still, dass ihr bald ein zweiter Hund Gesellschaft leisten sollte. Jenny fuhr also ins Münsterland und kam mit Flocke zurück. Flocke entpuppte sich als weniger braver Charakter: »Die Autotür ging auf und Flocke stürmte davon. Erst in den Wald, dann zur Entenjagd an die Weißeritz«, erinnert sich Jenny. Ein paar Tage später nahm Flocke im Wald Reißaus und trieb Jenny mit lautem Gebell ein Wildschwein vor die Füße.

Herrin über Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen und Hunde: Jenny Seifert. | Foto: Manuel Arnu
Tja. Münsterländer sind zwar reizende Hunde, doch wenn sie Fährte wittern, setzt der angeborene Jagdtrieb ein: Stöbern, Aufspüren, Hetzen, Kämpfen, Beute machen! Verzweifelt fragte Jenny beim Züchter an, was man da machen könnte. Knappe Antwort: Nichts, Flocke sei eben ein Jagdhund. Jenny durfte sich fortan zu den in Hundekreisen bekannten »Forsthaus-Falkenau-Geschädigten« zählen. Ein Jagdhund-Ausbilder gab ihr schließlich den entscheidenden Rat: »Du hast einen Jagdhund, dann musst du auch einen Jagdschein machen.« So wurde Jenny Seifert Jägerin.

In Freital nahe Dresden hat sich Jenny eine gemütliche Wohnung in einer ehemaligen Papierfabrik eingerichtet, idyllisch gelegen zwischen der Weißeritz und einem alten Mühlenkanal. Hier lebt sie mit Freund Matthias, den Hunden, Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen. Durchs Küchenfenster blickt sie auf sattes Grün und dichten Wald, wo sich Rehe, Wildschweine, Füchse und Dachse tummeln. Durchs Naturschutzgebiet Königsbrücker Heide, einem ehemaligen Truppenübungsgelände der Sowjets, keine 30 Kilometer von Dresden entfernt, ziehen sogar ab und zu ein paar Wölfe. Und gleich hinter ihrem Mühlengraben streife »Hausbock Hansi« durchs Dickicht, erzählt Jenny. Der knapp zwei Jahre alte Rehbock lasse sich weder vom Gebell der Hunde noch vom Lärm des nahen Fußballplatzes stören.

Ihre unbekümmerte und offene Art hat Jenny Seifert zur »Jägerin wider Willen« gemacht, aber auch zu ihrem Beruf gebracht. Die kleine Jenny wuchs in dem Dorf Lomnitz südlich der Königsbrücker Heide auf, liebte Sport, spielte Fußball, war als Teenager sächsische Meisterin in der Akrobatik – aber noch nie in der Großstadt Dresden gewesen. »Dann wollte ich eine Ausbildung in einem Sportgeschäft machen, habe fünf, sechs Läden angeschrieben, darunter auch Globetrotter Ausrüstung in Dresden.«

Erst beim Abschicken wurde sie stutzig: ein Spezialist für Bergsport und Outdoor? Von Bergsport hatte Jenny keine Ahnung und »Outdoor« bedeutete für sie, über Wiesen zu streunen oder mit der Familie in der Hohen Tatra zu wandern. Doch der große Globetrotter wollte das kleine Landei – und Jenny bekam einen Ausbildungsplatz zur Kauffrau im Sportartikeleinzelhandel.

»Ausbildungsleiter Rainer Schröder empfahl mir gleich, mit dem Klettern anzufangen«, erzählt Jenny. Kurz darauf nahmen die Kollegen sie mit zum Kleinen Zschand in der Sächsischen Schweiz. Das erste Mal am Fels. Und in der Filiale schnitt Rainer für Jenny ein Stück Seil ab: Wenn mal keine Kunden drängten, sollte sie Knoten und Schlingen üben. Mit Chrissie Golbs aus der Buchabteilung ging sie bald regelmäßig am Fels und in der Halle klettern. Kurz: Jenny wurde nicht nur zur Fachverkäuferin, sondern auch zur Bergsport-Expertin gemacht. So funktioniert Ausbildung bei Globetrotter Ausrüstung.

 

Eine ganze Filiale zieht um

Seit elf Jahren ist Jenny nun bei Globetrotter, inzwischen bei der Bekleidung, firmenintern »Klamotte« genannt. »Erst hatte ich Angst, dass da lauter zickige Weiber arbeiten«, lacht sie, »aber es ist echt kultig. Wir sind nicht irgendwelche Kollegen, sondern Freunde.« Zum Beispiel treffen sich die »Klamotte«-Leute alle drei Monate in einer Hütte im Erzgebirge. »Wir sehen uns ja sonst so selten«, grinst Jenny, »also müssen wir auch in der Freizeit was zusammen machen!«

So auch im Frühjahr 2011: Vor dem Umzug der Dresdner Globetrotter-Filiale bekamen viele Mitarbeiter gleichzeitig Urlaub – im Einzelhandel eine seltene Situation. Die Damen der Klamotte nutzten das, um endlich einmal gemeinsam wegzufahren: Eine Hüttenwoche in Österreich, mit Tourenski. »Wir haben uns super verstanden. Es wurde auch kräftig gefeiert, wie das im Skiurlaub so üblich ist«, kichert Jenny.

Der Urlaub war allerdings nur die Ruhe vor dem Sturm: Zurück in Dresden erwartete die Mitarbeiter ein Mammutprojekt: der etappenweise Umzug in das 6200 Quadratmeter große und vier Etagen hohe Erlebnishaus in der Prager Straße. Etappenweise deshalb, weil in der neuen Filiale noch monatelang um- und ausgebaut wird. Schon die erste Phase des Umzugs zog sich über fast fünf Wochen. Erst wurde die Filiale leerverkauft: »An Klamotten waren noch ein paar Übergrößen da, ansonsten war alles weg!«, erzählt Jenny. Auf der ehemaligen Zeltfläche wurde ein riesiger Tisch aufgestellt, an dem sich die Mitarbeiter morgens trafen, frühstückten und den Tagesplan besprachen. Anschließend wurde ausgeräumt, verpackt, entsorgt. Im Hof stand ein Container, in dem altes Testmaterial und fehlerhafte Ware landeten. »Aber auch da wurde nichts weggeworfen«, sagt Jenny, »der Container wurde von den Nachbarn genau beobachtet: Immer wenn wir was reinwarfen, kam sofort jemand gelaufen und schnappte sich die Ware.«

 

15 neue Familienmitglieder

Die Hunde sind bei Jenny fast überall dabei. | Foto: Manuel Arnu

Am 18. April war der Auszug abgeschlossen. Eine Woche früher als geplant öffnete Globetrotter Ausrüstung in der Prager Straße die Pforten, allerdings erst mal nur auf einer Etage. Seither wird vorne beraten und hinten geschraubt. Bis zum 3. September – dann steigt die feierliche Eröffnung auf allen vier Stockwerken, selbstverständlich mit Regen- und Kältekammer, Kletterwand und Wasserfläche.

Der Umzug hat Jennys Alltag verändert: »Globetrotter ist jetzt mitten in der Stadt. Das ist auch für uns Mitarbeiter schön, es gibt neue Möglichkeiten fürs Mittagessen und wir können selbst shoppen gehen.« Sofern die Zeit reicht: »Der Umbau ist noch nicht abgeschlossen, aber die Kunden stürmen schon den Laden. Samstags geht es zu wie früher nur an Weihnachten. Es kommen auch mehr Touristen, wir beraten immer öfter auf Englisch.«

Um dem gerecht zu werden, fangen im Spätsommer 50 neue Mitarbeiter in der Filiale an, 15 davon in der »Klamotte«. Jenny ist gespannt: »Ich hoffe sehr, dass wir uns weiterhin so gut verstehen. Wir tun jedenfalls alles, um die neuen Familienmitglieder zu integrieren.« Dazu beitragen sollen Treffen im Hochseilgarten Moritzburg und ein Familienwochenende mit Bootstouren auf der Elbe.

 

Schonzeit für Hausbock Hansi

Auch beim Wandern in Skandinavien heißt es: keine Jenny ohne Hund. | Foto: Archiv Seifert

Jenny Seifert stand noch nie auf einem extremen Gipfel, hat nicht die Welt umrundet. Dafür ist sie mit ihren Hunden draußen, geht klettern, joggen oder radeln. Im Urlaub reist sie nicht nach Übersee, sondern wandert – mit Hunden, logo – durch Skandinavien. Die Jagd hat ihre Sinne geschärft, jedes Rascheln wird registriert. Ein beeindruckendes Erlebnis hatte Jenny während der Hirschbrunft in der Königsbrücker Heide: »Eine Schneise und auf jeder Seite ein Hirsch. Beide haben sich angebrüllt, so was habe ich noch nie gesehen.« Aber ist das Jagen nicht verpönt bei Kollegen und Freunden? Jenny lacht: »Nein, die freuen sich, wenn sie zu Weihnachten Wild bekommen.«

Plötzlich schaut sie konzentriert durchs Küchenfenster: Ein paar Zweige wackeln. Es ist Hausbock Hansi, der zum Äsen kommt. Wäre Hansi nicht einen Schuss wert? Jenny lächelt: »Nein, dem würde ich lieber eine Schleife umbinden. Ich sammle ja jedes verletzte Tier auf und hege und pflege es.« Das Schießen und Zerlegen der Tiere überlässt sie lieber ihrem Freund. Jenny Seifert hat in ihrem Leben erst einen Bock geschossen. Und der hat einfach Pech gehabt.

 
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