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Jäger des Augenblicks – Interview mit Stefan Glowacz

Stetig nach oben: Der Film ist auch eine Bilanz von Glowacz’ Karriere. | Foto: Klaus Fengler
Am 25. April kommt der neue Kletterfilm mit Stefan Glowacz ins Kino. »Jäger des Augenblicks« erzählt von einer spektakulären Erstbegehung am Tafelberg Roraima und der letzten gemeinsamen Expedition mit Glowacz’ inzwischen verunglücktem Freund Kurt Albert.

Anfang 2010 packt Kletterer Stefan Glowacz ein weiteres Mal seine Sachen, um mit seinen langjährigen Kletterpartnern Kurt Albert und Holger Heuber ins Ungewisse aufzubrechen. Ihr Ziel: eine neue Route am sagenumwobenen Tafelberg Roraima im Dreiländereck von Brasilien, Venezuela und Guyana. Sie ahnen nicht, dass es die letzte Expedition in dieser Konstellation ist.

Wie ein gewaltiger Schiffsbug ragt der Roraima aus dem Regenwald. Die Route verläuft etwas links der vorderen Kante. | Foto: Klaus Fengler

Als sie sich zwei Wochen lang mit Einbäumen über Flussläufe und schließlich zu Fuß durch den Dschungel zum Berg gekämpft haben, stehen sie unter einer 600 Meter hohen Wand, die wie ein Schiffsbug aus dem grünen Urwald ragt. Weil Dauerregen die Wand in Wasserfälle verwandelt und weil sich Glowacz am Fuß verletzt, wird das Trio zum Abbruch gezwungen. Eine unfertige Route bleibt zurück, doch die Rückkehr ist für ein halbes Jahr später geplant.

Niemand ahnt, dass Kurt Albert auf dem zweiten Trip nicht mehr dabei ist. Der Begründer des Rotpunkt-Kletterns verunglückt am 26. September 2010 bei einer Begehung des Hochglückklettersteigs in der Fränkischen Schweiz tödlich. Ohne ihren langjährigen Expeditionspartner und Freund kehren Stefan Glowacz und Holger Heuber im November 2010 zum Roraima zurück und vollenden die Route »Behind the rainbow« in Kurts Andenken.

Der Film, der mit großem technischen Aufwand während der zwei Trips in Südamerika entstand, ist also nicht nur die spektakuläre Dokumentation einer Kletterexpedition. Er ist gleichzeitig ein Nachruf auf den Kletterpionier Kurt Albert und eine Art Rückblick auf die Karriere von Stefan Glowacz – wie er zu dem Kletterer wurde, der er heute ist.

4-Seasons.de hat die Gelegenheit genutzt und Stefan Glowacz ein paar Fragen gestellt:

Du bist jetzt 48 Jahre alt und kletterst dein ganzes Leben. Woher nimmst du immer noch die Motivation für solche Trips?

Ich bin einfach neugierig und Klettern ist nicht nur meine Leidenschaft sondern meine Lebensphilosophie. Es sind die Ziele, die mich motivieren.

Andere Leute stecken in diesem Alter gerne in einer Midlife-Crisis, kennst du so was auch?

Jeder Mensch hadert immer wieder mal mit seinem Leben. Das ist doch ein ganz normaler Vorgang, um sich zu hinterfragen und neu auszurichten.

Der Film ist auch eine Bilanz deiner Karriere. Du erwähnst dort, dass im Leistungssport oft Dinge auf der Strecke bleiben, die man nicht nachholen kann. Was bereust du?

Abendessen vor dem Portaledge: Noch wissen sie nicht, dass es die letzten gemeinsamen Nächte in einer Wand sein werden. | Foto: Klaus Fengler

Ich bereue keine Sekunde. Es ist eine Erkenntnis, zu der ich gelangt bin. Vielleicht würde ich manche Dinge mit meinem Wissen von heute anders gestalten. Vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Aber ich wusste es zu diesem Zeitpunkt einfach nicht besser.

Im Film sieht man nur euch drei Protagonisten. Ihr hattet aber ein Team an Kameraleuten dabei, oder?

Um auf so einen hochwertigen Kinofilm zu drehen, ist ein großes Team notwendig. Ich wundere mich jedes Mal beim Abspann des Films wieder, wie viele Menschen daran mitgearbeitet haben.

In der Wand auf den kleinen Felsbändern und im Portaledge war oft nur Platz für euch, wo war das Team?

Zum Teil schliefen die Kameraleute Franz Hinterbrandner und Stefan Bühl nebendran im eigenen Portaledge. Aber oft mussten sie auch über die Fixseile nach oben aussteigen, um Akkus zu laden oder Festplatten zu kopieren.

Ihr hattet also Fixseile neben der Route hängen?

Natürlich hatten wir Fixseile. Ansonsten wären diese Aufnahmen nicht möglich gewesen.

Klettert und verhält man sich bei Gesprächen anders, wenn eine Kamera über die Schulter blickt?

Am Anfang vielleicht ein bisschen. Wir waren immer verkabelt und ständig von einer Kamera beobachtet. Nach kurzer Zeit nimmt man die jedoch gar nicht mehr wahr und bewegt sich völlig normal.

Bei euren Expeditionen legt ihr immer viel Wert darauf etwas aus eigener Kraft zu erreichen. Im Film kommt es aber so rüber, als seid ihr nur einmal zu Fuß zum Berg und habt sonst immer den Helikopter benutzt.

Plötzlich zu zweit: Holger Heuber und Stefan Glowacz vor dem zweiten Versuch. | Foto: Klaus Fengler

Der Eindruck täuscht. Nach dem ersten Versuch hatte ich einen Fersenbeinbruch und ohne den Heli des Filmteams wären wir in einer sehr, sehr unangenehmen Situation gewesen. Beim zweiten Anlauf aber haben wir den Anmarsch wieder aus eigener Kraft bewältigt und sind zu Fuß auf das Gipfelplateau des Roaima Tepui gelaufen. Lediglich die extrem schwere Kameraausrüstung wurde geflogen.

Du hast es gerade erwähnt. Beim zweiten Anlauf habt die Route von oben kommend erschlossen. Ist das kletterethisch korrekt?

Wie gesagt, wir sind auch beim zweiten Anlauf aus eigener Kraft auf den Berg gelaufen. Wir haben die Route aber nicht von oben eingerichtet sondern sind direkt bis zum höchsten erreichten Punkt der ersten Expedition abgeseilt und haben von dort aus die Erstbegehung von unten fertig geklettert.

Zwischen den zwei Expeditionen stirbt Kurt Albert bei einem Unfall. Wie hat sich da die Beziehung »Stefan Glowacz und Holger Heuber« verändert?

Wir sind vielleicht noch enger zusammengerückt.

Die Schlüsselseillängen am Roraima kletterst du. Holger nennt dich in diesen Szenen »Chef«. Ihr seid Freunde, aber welche Rolle hat jeder von euch. Bist du der Chef?

Stefan muss ran: In den schweren Seillängen wird Glowacz vorgeschickt. | Foto: Klaus Fengler

Nein leider nicht. Jeder hat seinen Bereich und wenn die Kletterei richtig schwer wird, dann werde ich vorgeschickt.

Wenn du von solchen Reisen zurückkommst, fällst du da in ein Loch?

Je intensiver eine Expedition, umso tiefer ist das Loch in das ich danach falle. Ich beschäftige mich zum Teil über Jahre hinweg sehr intensiv mit einem Ziel. Teilweise bin ich richtig besessen davon. Wenn das dann wegfällt, dann braucht die Psyche auch eine Zeit der Erholung.

 
4-Seasons Info

Jäger des Augenblicks. Ein Abenteuer am Mount Roraima.

Genre: Dokumentation

Länge: 102 Minuten

Athleten: Stefan Glowacz, Holger Heuber, Kurt Albert

Kamera: Franz Hinterbrandner und Kolja Brandt

Produzent und Autor: Philipp Manderla

Regie: Christian Lonk, Philipp Manderla und Malte Röper

Infos und Termine: www.jaegerdesaugenblicks.de

 
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