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Interview Winterbergsteigen: Auf die kalte Tour

Der eisige Gang zum Gipfel des Gasherbrum II. | Foto: The North Face/Cory Richards
Simone Moro, Denis Urubko und Cory Richards haben mit der ersten Winterbesteigung des G II und ihrem Film »Cold« neue Maßstäbe im Alpinismus gesetzt. Seit dem 26. Dezember sind Moro und Urubko auf dem Weg zum Nanga Parbat.

Ein Hotelzimmer in München. Auf einem Sofa fläzen sich drei Bergsteiger und reißen Witze: der Italiener Simone Moro, der Amerikaner Cory Richards und der Russe Denis Urubko. Draußen ist es zum ersten Mal richtig kalt. Nebel steht in den Straßen, es ist ungemütlich. Moro und Urubko waren trotzdem schon im T-Shirt im Hofbräuhaus, Richards versinkt dagegen sogar im warmen Hotelzimmer fast in der dicken schwarzen Daunenjacke.

Im vergangenen Februar gelang den drei Bergsteigern am Gasherbrum II die erste Winterbesteigung eines Achttausenders im Karakorum. Richards hat darüber den Film »Cold« gedreht. Die preisgekrönten Bilder zeigen die unfassbare Härte des Winterbergsteigens in Pakistan. Im Film wirkt Richards ängstlich und gestresst, ein bisschen wie der Außenseiter im eingespielten Gespann Urubko/Moro. Jetzt auf dem Sofa philosophiert er nicht ganz jugendfrei, warum die gläserne Duschkabine des Zimmers wohl mitten in den Raum gebaut wurde. Großes Gelächter.

 
Wie eine heiße Dusche: Denis Urubko im ersten Sonnenlicht am G II. Der 38-Jährige lebt in Kasachstan und hat bereits alle 14 Achttausender ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen. | Foto: The North Face / Cory Richards

Minus 40 Grad Celsius, wie fühlt sich das für normale Menschen an?

Cory: Es ist für alle gleich. Wir haben entsprechende Ausrüstung, aber wenn es kalt ist, ist es kalt.

Simone: Am G II war es nicht so feucht-kalt, wie heute hier in München. Trockene Kälte lässt sich leichter ertragen. Trotzdem ist der Unterschied zwischen -30 oder -40 Grad groß. Da gibt es dieses Foto von Denis im Sonnenaufgang. Der Wechsel vom Schatten in die Sonne hat sich wie eine heiße Dusche angefühlt. Natürlich empfindet man die Kälte anders, wenn man selbst entscheidet sich dem auszusetzen. Wir hatten diese Bedingungen erwartet.

 

Ihr seid zwei ältere, sehr erfahrene Bergsteiger und ein junger, noch nicht so erfahrener Bergsteiger. Wie hat das funktioniert?

Simone: Perfekt. Wir haben mehr bergsteigerische Erfahrung, aber Cory brachte frische und innovative Ideen, wie man zum Beispiel so einen Film produziert. Da das Bergsteigen im Vordergrund stand, glaubten Denis und ich, dass es kein überragender Film werden könne. Aber Cory hat uns überrascht. Jeder brachte seine Stärken ein.

Cory: Am Berg habe ich mich nur eingemischt, wenn ich etwas Wichtiges zu einer Entscheidung beitragen konnte. Ansonsten habe ich zugeschaut und versucht zu lernen.

Simone: So eine Harmonie ist nicht so häufig in Expeditionsteams zu finden. Ein Amerikaner, ein Italiener und ein Russe — das sind drei verschiedene Meinungen, Lebensstile und Ausbildungen. Aber wir haben den Gipfel erreicht und den tollen Film gedreht, wir sind also ein gutes Beispiel für eine wirkliche globale Expedition.

 

Im Film wirkten Denis und Simone selbst in den schwierigsten Situationen lustig und fast unbeschwert. Cory dagegen scheint ziemlich gestresst und nervlich am Ende. Ist die lockere, fröhliche Art ein Weg der erfahrenen Bergsteiger mit den täglichen Gefahren umzugehen?

Simone: Das ist typisch für Denis und mich. Wir scherzen die ganze Zeit. Wenn es allerdings zur Sache geht, sind wir voll konzentriert. Das ist Teil unserer Erfahrung, wie man zwei Monate in solch extremer Umgebung verbringt. Wenn man nur ein bisschen Motivation und Zufriedenheit verliert, wird man es nicht schaffen.

U2 im Schlafsack: Simone Moro entspannt im Schneesturm. | Foto: The North Face/Cory Richards

Cory: Ich bin nicht so ernst, wie der Film vielleicht vorgibt. Ich gehe in die Berge um Spaß zu haben. Und manchmal hat man Angst, aber das bedeutet nicht, dass man im Zelt die ganze Zeit nur geschockt herumsitzt.

Simone: Denis und ich wirkten vielleicht selbstbewusster, aber wir haben dieselben Fragen und Unsicherheiten. Das ist ein natürlicher Prozess auf einer Expedition. Cory hat mit dem Film diese Seite des Bergsteigens öffentlich gemacht.

Neben seinen zwei Kollegen wirkt Denis Urubko bislang eher ruhig. Jetzt aber lacht er auf.

Denis: Aber es stimmt, im Film kommt Simone ziemlich locker rüber. Einmal fragt Cory ihn im Zelt was er da gerade mache. Simone liegt tief im Schlafsack und antwortet: er höre U2.

Während der Szene im Film tobt draußen ein Sturm und im Zelt fliegen feine Schneekristalle in der Luft.

Cory: Die Jungs können in solchen Situation wirklich erstaunlich gut entspannen. Ich habe versucht das von ihnen zu lernen.

 

Cory sagt in einer Szene, dass er sich einsam fühle. War die Verbindung zwischen Simone und Denis zu stark für ein drittes Teammitglied?

Cory: Nein, das ist auf die ganze Expedition zu übertragen. Wir waren dort wirklich komplett allein. Im Winter ist es ein wochenlanger Marsch zur nächsten Siedlung.

 
Allein am Ende der Welt, bis zur nächsten Siedlung ist es ein wochenlanger Fußmarsch. | Foto: The North Face/Cory Richards

Ein 8.000er ist schon in der normalen Saison schwer zu besteigen, warum geht ihr im Winter?

Simone: Bislang schien es in Pakistan unmöglich im Winter auf 8.000er zu steigen. Aber jetzt waren wir die Ersten und das werden wir auch in zweihundert Jahren noch sein. Die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus konnte auch nur einmal geschehen.

Denis: Seit zwanzig Jahren haben sich Expeditionen erfolglos im pakistanischen Winter versucht ...

Cory: ... wir wollten etwas klettern, was noch niemand zuvor geklettert ist. Meist scheitern solchen Vorhaben, aber wir hatten viel Glück. Nur wenn die Möglichkeit zu scheitern groß ist, verschiebt man wirklich die Grenzen. Der Hip-Hop-Sänger Jay-Z hat einen Vers: »difficult takes a day, impossible takes a week.« Ich mag diese Zeile. Denn irgendwann wird unmöglich möglich, es dauert eben ein bisschen, aber es passiert.

 
Dank Satellitentelefon sind genaue Wetterprognosen auch im tiefsten pakistanischen Winter zu bekommen. | Foto: The North Face/Cory Richards

Gab es einen Ausrüstungsgegenstand, der besonders wichtig war für euren Erfolg am G II?

Denis: Der Erfolg hängt nicht nur an der Ausrüstung und schon gar nicht an einem Teil allein.

Während Denis Urubko fast ein wenig verärgert in die Runde blickt, blitzt der Humor des Expeditionschefs Simone Moro auf. Er grinst schief.

Simone: ... du bist gesponsert und da kannst du nicht sagen, der Erfolgt hängt nicht von der Ausrüstung ab!

Cory: Nein, ernsthaft: Wichtig war das Satellitentelefon. Sonst hätten wir nicht mit dem Meteorologen Karl Gabl in Innsbruck telefonieren können. Wir hätten nicht gewusst, dass wir nur 30 Stunden gutes Wetter haben würden. Wir wären nicht zwei Tage im Sturm aufgestiegen, wenn wir nicht von diesem Wetterfenster für den Gipfelgang gewusst hätten. Wahrscheinlich wären wir noch mitten im Anstieg gewesen, als das Wetter endgültig schlecht wurde. Und das wäre böse ausgegangen.

 
 

Trotzdem seid ihr im Abstieg in eine Lawine gekommen. Im Film ist die Szene sehr kurz, könnt ihr davon genauer erzählen?

Denis: Ich habe die Lawine überhaupt nicht gesehen! Plötzlich haben die Jungs geschrieen, ich habe mich nicht umgeschaut und einfach nur versucht davonzurennen.

 

Wohin seid ihr gerannt?

Cory: Der Schnee war so tief (zeigt auf seinen Oberschenkel), wir konnten überhaupt nicht rennen.

Simone: Wir haben höchstens zwei Meter geschafft, bevor uns die Lawine etwa 150 Meter mitgerissen und dabei über eine große Gletscherspalte geschleudert hat.

Denis: Schon die Lawine zu überleben war großes Glück. Simone saß unverschüttet obenauf. Cory war halb begraben, aber nicht in der Lage sich zu befreien und ich war bis zum Hals im Schnee, konnte mich nicht bewegen, aber atmen. Als wir später die Spalte bemerkten, waren wir doppelt geschockt. Wenn wir dort mit dem ganzen Schnee reingefallen wären, wir hätten keine Chance gehabt.

 

Ihr hattet auch keine Verschüttetensuchgeräte dabei?

Cory: Nein, die wären zu schwer gewesen.

Simone: Außerdem sind die Lawinen viel größer, als beispielsweise in den Alpen. Oft mit Eisblöcken, oder es fegt dich gleich tausend Meter talwärts, da findest du eh nur Tote.

 
Erster Amerikaner, der einen 8.000er im Winter bestieg: Cory Richards, 30 Jahre, Fotograf und Bergsteiger aus Boulder, Colorado. | Foto: The North Face/Cory Richards

Cory, du hast dem Outside Magazin erzählt, dass du den Film nicht mehr ansehen kannst. Warum?

Cory: Ich kann ihn bis zur Lawinen-Szene schauen, danach kommen die Emotionen hoch und ich ertrage es nur schwer. Ich habe das Simone und Denis noch gar nicht erzählt, weil wir uns hier zum ersten Mal wiedertreffen: Als ich nach Hause kam war ich wirklich fertig. Ich hatte ein Posttraumatisches Stresssyndrom. Ich habe versucht die Erinnerung zu betäuben. Trinken, rauchen — irgendwas um abzuschalten. Die zwei Jungs haben so etwas schon zuvor erlebt, aber für mich war das mein erster »Close Call«. Ich habe zum ersten Mal geglaubt, ich würde sterben. Der Film bringt diese Erinnerungen zurück, sehr schnell. Es ist meine Stimme im Film, die das auslöst.

Simone und Denis haben zugehört und nicken, sie scheinen so etwas zu kennen. 1997 überlebte Simone eine Lawine bei dem Versuch die Annapurna-Südwand im Winter zu begehen, seine Kameraden Anatoli Boukreev und Dimitri Sobolev starben.

 
Expeditionsleader: Simone Moro, 44 Jahre, aus Bergamo in Italien, hat bereits drei 8.000er im Winter bestiegen. | Foto: The North Face/Cory Richards

Und trotzdem brecht ihr diesen Winter zum Nanga Parbat auf, der ebenfalls in Pakistan liegt und noch nicht im Winter bestiegen wurde?

Cory: Ich gehe nicht mit. Ich habe ein wichtiges Jobangebot. Und der geplante Anstieg über die Diamir-Flanke gehört nicht zu meinen Traumzielen. Außerdem bin ich frisch verheiratet und möchte Zeit mit meiner Frau verbringen.

Simone: Deshalb gehen nur Denis und ich, wie wir es schon am Makalu gemacht haben. Wir werden einen Kameramann haben, aber er wird nicht mit auf den Berg kommen. Oben werden wir uns gegenseitig filmen und versuchen von Corys Erfahrungen zu lernen. Kein zusätzlicher Sauerstoff, keine Sherpas – nur zwei Menschen und der größte Berg der Erde. Denn der Everest ist höher, aber die Höhendifferenz zwischen Basislager und Gipfel am Nanga Parbat ist die weltweit größte. In den letzten 25 Jahren sind dort elf Winterbesteigungen gescheitert.

 
 

Wieso habt ihr euch für den Nanga Parbat entschieden?

Simone: Zuerst wollten wir zum K2, aber dort ist diesen Winter auch eine russische Expedition. Wir möchten keinen Wettlauf, das wäre zu gefährlich.

Denis Urubko und Simone Moro kurz vor dem Gipfel des G II. In diesem Winter versuchen die zwei »Winterexperten« den Nanga Parbat. | Foto: Cory Richards.

Denis: Außerdem ist der Nanga Parbat der Berg der Entdecker. Dort wurde immer etwas Neues versucht. 1895 kam der englische Bergsteiger Mummery mit der ersten Himalaja-Expedition an den Berg. 1948 wurde dort auch die erste Winterbesteigung eines 8.000ers versucht. Tenzing Norgay, der spätere Erstbesteiger des Mount Everest, war dabei. Mit der Durchsteigung der Rupalwand bereitete Reinhold Messner den Weg auch extrem schwierige Routen an den 8.000ern zu klettern. In dieser Tradition möchten wir an diesem Berg etwas schaffen. Außerdem ist der Nanga Parbat als letzter 8.000er des Himalaja im Winter noch unbestiegen.

Cory: Und wenn es irgendjemand schaffen kann, dann diese Zwei!

 

Warum schaffen es die Beiden?

Cory: Weil ich erlebt habe, wie sie Entscheidungen trafen, die andere Leute nicht so treffen würden. Und ich habe beobachtet, wie sie Dinge nicht getan haben, die andere Leute tun würden. Sie haben die richtigen Fähigkeiten und agieren wie Brüder. Sie kämpfen füreinander und nicht um den Gipfel. Den Gipfel erreichen sie dann von ganz alleine.

 
4-Seasons Info

Gasherbrum 2011

Auf 4-Seasons.TV gibt es eine 5-teilige Video-Serie über die Expedition mit zusätzlichen Aufnahmen, die nicht im Film »Cold« zu sehen sind.

Nanga Parbat 2012

Seit dem 26. Dezember 2011 sind Simone Moro und Denis Urubko zum Nanga Parbat unterwegs und bereits im Basislager unter der Diamir-Wand angekommen. Die beiden Alpinisten werden vom italienischen Fotografen Matteo Zanga begleitet. Simone Moro hat zu den ersten Bildern aus dem Basislager ein paar Zeilen geschrieben:

Bildergalerie: Winterexpedition zum Nanga Parbat 2012

Aktuelle Fortschritte kann man über den Expeditionsblog oder über Simone Moros Twitter-Account verfolgen. Ein erstes Video zeigt die Anreise:

 

 
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