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Im Laufschritt nach Tibet

Der Münchner Globetrotter-Mitarbeiter Stephan Meurisch (31) über seinen Marsch nach Tibet ohne einen Cent in der Tasche. Im März berichtete 4-Seasons über seinen Start in München, nun erwischten wir ihn am Telefon in Rumänien.

Seit 115 Tagen bist du unterwegs und übernachtest umsonst in Pensionen, vor Kirchen oder auf privaten Couchen. Wo warst du letzte Nacht?

Gestern traf ich in Aprasu de Sus eine Familie mit Kinderwagen. Ich fragte, ob sie jemanden kennen, bei dem ich übernachten könne. Sie waren unterwegs zu einer Geburtstagsfeier. »Komm mit!«, sagten sie. Nach der Party schlug ich mein Zelt im Garten auf. Vom Frühstück bekam ich noch ein Lunchpaket mit.

Wie dankst du deinen Gastgebern?

Das Einzige, was ich ihnen geben kann, sind meine Geschichten und meine Dankbarkeit.

Wieso bist du überhaupt ohne Geld losgezogen?

Stephan geht's gut in Rumänien: sein Abendessen... | Foto: Meurisch

Ganz einfach, ich habe kein Geld. Hätte ich genug davon, könnte ich die Reise wohl durchziehen, ohne viel mit Menschen sprechen zu müssen. Essen gibt’s aus den Atomaten, das GPS zeigt immer den richtigen Weg. Es ist auch ein Stückchen Freiheit, die ich nur ohne Geld erlange.

Musst du oft erklären, warum du als Westeuropäer ohne Geld unterwegs bist?

Noch nie. Ich erzähle immer nur meine Geschichte, dass ich von München nach Tibet laufe und ob sie mich aufnehmen möchten. Bisher wurde ich erst zweimal abgelehnt, einmal in Österreich, die keinen Platz hatten, mich aber weitervermittelten.

Wird es einfacher, je weiter du gen Osten gehst?

Deutschland und Österreich waren sprachlich bequem. In Rumänien sprechen mich die Leute aber schneller an. Sie halten an und fragen, ob ich Hunger habe oder mitkommen möchte. Letztens drückte mir ein Mann eine Flasche Wein in die Hand.

Es gab noch keine schlechten Erfahrungen?

In Siebenbürgen lud mich ein Mann zu sich ein. Bei ihm zu Hause verfiel ich erst einmal in Schock: ein riesiges Chaos! Dann wollte er meinen Ausweis haben. Unser Gespräch basierte nur auf Händen und Füßen, die Stimmung schwankte. Ich verschwand schnell und traf in dieser Nacht noch einen Pfarrer, vor dessen Kirche ich übernachten durfte.

Bist du immer noch mit deinem ersten Paar Schuhe unterwegs?

... sein Weg ... | Foto: Meurisch

Auch noch nach 1434 Kilometern bin ich sehr zufrieden mit meinem ersten Paar. Die Lowa Renegade Mid machen alles prima mit. Mit denen komme ich sicherlich noch nach Istanbul, was noch 1000 Kilometer entfernt ist. Ab wann genau ich dann das zweite Paar brauche, weiß ich noch nicht. Ich bin vorher noch nie so lange am Stück gelaufen. Es ist also auch spannend für mich, wie lange sie halten werden.

Ist Laufen nicht zu langsam für solch eine Strecke?

Laufen ist perfekt und die natürlichste Art der Fortbewegung. Alles andere ist zu schnell. Man fällt auf und erlebt Land und Leute hautnah ohne die Autoscheibe dazwischen. Mit den langsamen Veränderungen umgehe ich auch den Kulturschock, den ich nach neun Stunden Flug hätte.

Wie trainiert man denn für eine 2-Jahres-Wanderung?

Gar nicht — man hat ja zwei Jahre Zeit und hat keinen Zeitdruck, so schnell wie möglich am Ziel anzukommen. Und wenn es mir reicht, mache ich einfach Schluss und suche mir eine Unterkunft.

Wie schwer ist dein Rucksack?

27 Kilogramm. Anfangs kam er mir viel zu schwer vor, mittlerweile habe ich mich aber gut daran gewöhnt. Natürlich sind ein paar Sachen drin, die ich nur selten brauche, zum Beispiel das Solarpanel um mein Handy und meine Kamera aufzuladen, oder die warmen Wintersachen. Aber die Zeit kommt sicherlich noch, wo ich auch diese Dinge brauchen werde.

Warum unbedingt nach Tibet?

Nicht unbedingt — ich war einfach noch nie dort. Das gilt auch für alle Länder auf dem Weg dorthin. Jeden Tag wandere ich durch neue, mir absolut fremde Länder wie die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Iran, Pakistan, Indien und Nepal. Sehr spannend.

Was möchtest du mit dieser Reise erreichen?

... und seine Gastfamilie. | Foto: Meurisch

Bewusstsein für Freiheit auf dieser Welt. In Westeuropa haben wir alle Freiheiten, die wir uns nur wünschen können. Wenn Geld kein Hindernis mehr ist, was dann? Unsere Grenzen existieren meist nur im Kopf, nicht so für die Menschen in Tibet. Deren Grenzen sind durchaus real. Auch deshalb unterstütze ich mit dieser Reise das Projekt Shelter 108 e.V.

Außerdem habe ich damit die Chance, Botschaften weiterzubringen. In Deutschland und in Ungarn sprechen viele Menschen schlecht über Rumänien. Dort sei es gefährlich, dreckig und die Menschen unfreundlich. Ich weiß nicht, woher diese Vorurteile kommen. Es ist ein fantastisches Land mit wundervollen Menschen. Ich habe mich selten auf meiner Reise so wohl gefühlt. Das gleiche gilt wohl für die kommenden Länder — jeder hat ein bestimmtes Bild im Kopf, wenn man vom Iran hört. Angst kommt von Unwissenheit. Vielleicht baue ich mit dieser Reise kleine Brücken zwischen den Ländern.

Mit was hast du noch Schwierigkeiten?

Es ist immer schwerer »Auf Wiedersehen« zu sagen, als »Hallo« am Anfang einer Begegnung. Ich treffe so viele sehr nette Menschen, mit denen ich mehrere Tage verbringe. Viele schließe ich in mein Herz und es fällt mir schwer, mich nach mehreren Tagen Gastfreundschaft zu verabschieden und weiterzuziehen.

 

www.longtrailtotibet.blogspot.de

 
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