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Holger Heuber – Aus eigener Kraft

Holger Heuber in Aktion am Fels.
Foto: Klaus Fengler
Gleich in mehreren Outdoor-Disziplinen gilt er als Ausnahmetalent, dennoch kennen ihn nur Insider. Bei spektakulären Expeditionen gehört er zur Stammbesatzung, werkelt aber bescheiden im Hintergrund. Dass er nur knapp dem Rollstuhl entronnen ist, hat den »notorischen Multitasker« gelassener gemacht. Ein Gespräch mit Holger Heuber, Deutschlands unbekanntestem Outdoor-Promi.

Holger, gerade ist im Magazin GEO eine große Reportage über eure Tour auf Baffin Island erschienen. Das waren ja zwei Expeditionen in einer: Im arktischen Gebirge habt ihr eine 700 Meter hohe Wand bestiegen, dann ging es mit Ski und Pulka 350 Kilometer übers Eis zurück. Gestartet seid ihr Mitte April, bei mörderischer Kälte. Ist Big Wall-Klettern allein nicht aufregend genug?

Kiten lernen lohnt sich: Ein Tag Segeln ersetzt vier Tage Fußmarsch. | Foto: Klaus Fengler

Das Klettern steht im Mittelpunkt, aber das Drumherum, das Hin- und Wegkommen, ist für uns ein ebenso wichtiger Teil der Expedition. Natürlich wären wir lieber im Sommer nach Baffin gekommen, gemütlich mit Seekajaks, wie schon im Jahr 2000. Aber die »Bastions«, ein Gebirgsmassiv an der Küste, das wir auf Luftaufnahmen entdeckt hatten, liegen weit nördlich. Das Meer ist nie so lange eisfrei, dass man mit Kajaks sicher hinkäme und später wieder weg. Einzige Alternative war der An- und Abmarsch übers geschlossene Eis. Das, sagten die Eskimos, sei bis Mitte Juni möglich. Da wir mit zwei Monaten für die Tour rechneten, mussten wir Mitte April starten. Die Kälte war also Fluch und Segen zugleich.

 

Zwei Monate lang Laufen, Essen, Schlafen, Klettern bei Temperaturen weit unter null Grad – gewöhnt man sich da an eine Art Alltag?

Auch wenn man es erst selbst nicht glauben mag: ja. Minus 25 oder minus 30 Grad existierten auch für mich eher theoretisch – bis in Pond Inlet die Tür des kleinen Flugzeugs aufging. Die Kälte trifft dich mit solcher Wucht, dass du unwillkürlich fragst: Worauf haben wir uns da nur eingelassen? Es hat eine Weile gedauert, dann trat tatsächlich ein Gewöhnungseffekt ein. Man erlernt einen neuen Rhythmus, eine Art »Entdeckung der Langsamkeit«. So banal es klingt: Wichtig ist, möglichst wenig zu schwitzen. Sonst kühlst du komplett aus, sobald du kurz mal stehst. Allerdings kann man sich bei großer Kälte schon ganz schön schinden, ohne gleich klatschnass zu sein. Existenziell ist es auch, auf die Ausrüstung aufzupassen – auf dem Eis wie am Fels. Ein Schuh oder ein Handschuh weg, zu viel Zeit beim Zeltaufbau vertrödelt – und sofort drohen Erfrierungen.

Das Ganze nimmst du in Kauf, um Big Walls zu klettern – gewaltige Felswände, die aussehen wie hochgeklappte Autobahnen. Was ist so faszinierend daran?

Der pure, senkrechte Fels. Für viele Bergsteiger zählt nur die Gipfelhöhe: 6000, 7000, 8000 Meter. Die Leute, mit denen ich meist unterwegs bin – vorneweg Stefan Glowacz und Kurt Albert –  sind begeisterte Felskletterer. Wir suchen ausgeprägte Wände. Die Bastions ragen 700 Meter senkrecht aus dem Packeis auf, das hat uns fasziniert. Wenn man in so eine Wand einsteigt, beginnt ein Leben in der Vertikalen. Manchmal bewegt man sich zehn, zwölf Tage nur im Senkrechten. Leute wie uns fasziniert das.

 

Die Huber-Brüder machen Furore mit Speed-Besteigungen, sie klettern Mehrtages-Big Walls im Yosemite in ein paar Stunden hoch. Ihr seid lieber klassisch im Alpinstil unterwegs?

Zwei Monate Dauerfrost: Holger auf Baffin Island. | Foto: Klaus Fengler

Richtig, mit Haulbag und Portaledge (Haulbag: Gepäcksack zum Nachziehen. Portaledge: Schlafplattform für senkrechte Wände; Anm. d. Red.). Der Alpinstil – also unten einsteigen, hocharbeiten und oben aussteigen – ist für uns nach wie vor die beste Methode. In Baffin, wo es so kalt ist, verschafft man sich jedoch eine gewisse Sicherheit durch die Verwendung von Fixseilen. Das heißt, du kletterst bis zu einem Umkehrpunkt, fixierst dort Seile und steigst am Abend ab zum Zelt oder Biwakplatz. Dort kann man auch mal einen Schneesturm aussitzen. Dann steigt man am Fixseil wieder bis zum Umkehrpunkt und klettert am Fels weiter. Je höher man kommt, desto aufwändiger wird das Auf- und Absteigen. Meist bleibt man daher etwa ab Wandmitte komplett in der Vertikalen – bis man durch ist.

 

Wie schläft es sich mit 500 Metern Luft unter der Matratze?

Hervorragend – schon, weil Klettern und Kälte wirklich todmüde machen. Man ist im Portaledge angeseilt, stürzt also nicht ab, wenn man sich im Schlaf bewegt. Aufs Material muss man höllisch aufpassen. Wenn einem der einzige Löffel auskommt, ist er weg. Man bindet alles fest, Kocher, Schlafsäcke, Handschuhe. Ein Problem war das Trinkwasser. Im Dauerfrost hatten wir eine Tonne mit Schnee zum Schmelzen. Wenn die leer war, musste einer bis runter zum Felsfuß, neuen Schnee holen.

 

Nach der Erstbesteigung der Bastions ging es in die Horizontale: 350 km zur nächsten Siedlung, im Wettlauf mit dem aufbrechenden Packeis. Wünscht man sich da nicht einen Helikopter, der einen holt?

700 Meter senkrecht geschafft. Jetzt folgen 350 Kilometer waagerecht. | Foto: Klaus Fengler

Manchmal schon. Aber das Unterwegssein aus eigener Kraft ist uns wichtig – und auch sehr spannend. Zum Beispiel wollten wir diesmal Zugdrachen einsetzen. Keiner hatte Erfahrung mit Kites, also wurde zuvor in Norwegen trainiert. Es hat uns ganz schön verblasen. Auf Baffin konnten wir die Kites nicht oft einsetzen, aber einmal schafften wir an einem Tag 55 Kilometer. Das hat uns vier Tage Fußmarsch erspart.

 

In Medienberichten über die Tour ist fast nur von den Kletter-Promis Stefan Glowacz und Robert Jasper die Rede. Ihr wart aber zu fünft. Klaus Fengler wird als Fotograf genannt, Mariusz Hoffmann und du laufen als Kameramänner irgendwie mit. Bei anderen Trips ist oft Kletter-Legende Kurt Albert das Aushängeschild. Dich kennt zwar jeder Insider, aber nicht die breite Öffentlichkeit. Ärgert dich das?

Nein. Zum einen bin ich nicht der Rampenlicht-Typ. Zum anderen sind Stefan, Robert und Kurt schon sehr lange als professionelle Bergsteiger unterwegs. Meine Brötchen habe ich über viele Jahre mit richtiger Arbeit verdient (lacht). Weil ich nie Profi war, musste ich auch kein Geld von Sponsoren auftreiben oder meinen Namen vermarkten. Trotzdem kann ich als Nicht-Profi an diesen Touren teilnehmen. Das empfinde ich als großes Glück. Im Team mit Stefan, Kurt und den anderen kann ich meine Leidenschaften ausleben, das würde ich alleine nie zustande bringen. Wer in den Zeitschriften zuerst genannt wird, ist für mich nicht so bedeutend.

 

Kurt Albert, Stefan Glowacz und du, quasi der harte Kern eurer Truppe, ihr habt in den letzten Jahren einen eigenen Expeditionsstil entwickelt: das Besteigen von abgelegenen und daher meist unbekannten Riesenfelswänden. Die An- und Abreise soll »by fair means« erfolgen, also aus eigener Kraft. Warum?

»Die Idee ist, vom letzten Punkt der Zivilisation aus eigener Kraft an den Felsen zu gelangen – und wieder zurück.« | Foto: Klaus Fengler

Die Idee ist, vom letzten Punkt der Zivilisation aus eigener Kraft an den Berg zu gelangen und wieder zurück. Soweit möglich verzichten wir auf Technik wie Motorboote oder Helikopter und nutzen lieber Kajaks, Ski oder Segel – je nach Lage unseres Ziels. So ist nicht nur das Klettern ein Abenteuer, sondern die Tour als Ganzes. Wenn man sich dem Berg langsam annähert und auch hinterher lange braucht, um wieder in die Zivilisation zu kommen, ist das Erlebnis intensiver und vielfältiger. Andere Aspekte werden wichtig. Beim normalen Big Wall-Klettern ist das Spannendste am Boden der Lagerkoller, wenn mal wieder das Wetter schlecht ist.

 

Wie ist die Idee zu »Big Wall by fair means« entstanden?

Die erste Tour dieser Art haben Stefan Glowacz, Kurt Albert und ein paar Freunde vor einigen Jahren in Kanada gemacht. Sie wollten zum Cirque of the Unclimbables, einem Massiv nahe am South Nahanni River. Man kam auf die Idee, auf dem Fluss mit Kajaks an- und abzureisen, statt wie andere Kletterer den Buschflieger zu nehmen. Als sich herausstellte, dass sich auch die Paddler am Nahanni einfliegen lassen, nur weiter oben, wurden die Jungs störrisch: Ein Flugzeug kam nicht in Frage! Sie starteten also an einer Straße in der Pampa, zogen ihre Boote einen Flusslauf hinauf und weiter über eine Hochebene, bis sie nach Tagen den Nahanni »by fair means« erreicht hatten. Dann begann die eigentliche Tour. So wurde die Idee zu »Big Wall by fair means« geboren. Ich wurde von Kurt erst als Paddel-Lehrer engagiert, später bin ich dann fest zum Team gestoßen.

 

Kurt Albert konnte vorher gar nicht paddeln?

Kletter-Legende Kurt Albert lernte eigens Paddeln. Blöd nur, wenn die Strömung aus der falschen Richtung kommt. | Foto: Archiv Heuber

Nicht wirklich. Kurt fragte mich nach einem Ziel, für das sich das Üben lohnt. Ich sagte: Der Grand Canyon – das ist das Größte. Und wenn du die Eskimorolle kannst, spült es dich schon irgendwie durch. Das war halb im Scherz gemeint, aber Kurt nahm es wörtlich. Er hat so an die 5000 Eskimorollen absolviert und sich dann für den Grand Canyon angemeldet. Er kam tatsächlich runter, wenn auch meistens rollend.  

 

 

 

Du giltst als einer der besten Allrounder der Outdoor-Szene: als Kletterer ebenso wie als Paddler, Skifahrer oder Gleitschirmflieger. Warst du auch deshalb so angetan vom By-fair-means-Stil?

Die Bandbreite der Touren kam mir schon entgegen, aber vieles war auch für mich Neuland. Das ging ja so weit, dass wir bei einer Besteigung in der Antarktis ohne Motorkraft auskommen wollten. Also wurde ein Segelboot gemietet und um Kap Hoorn und durch die Drake Passage zum Berg gesegelt. Auch die Vielfalt der Landschaften reizt mich: 1998 waren wir in Grönland, 1999 in der Antarktis, 2000 zum ersten Mal auf Baffin Island, 2001 am El Gigante in Mexiko, 2002 wieder in Kanada. Dann hatte ich drei Jahre Zwangspause. 2006/2007 ging es weiter mit einer wunderschönen Tour nach Venezuela, im Frühjahr 2008 dann wieder Baffin Island. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen (lacht).

 

Wie wird man Multisportler? Fängt man alles gleichzeitig an?

Den kraftvollen Ziheschlag hat Holger von der Pike auf gelernt. | Foto: Archiv Heuber

Ich komme aus der Fränkischen Schweiz, die Felsen liegen direkt vor der Tür. Trotzdem kam zuerst das Paddeln. Meine Eltern waren leidenschaftliche Kanufahrer und setzten mich schon als Kleinkind ins Boot. Mit elf Jahren nahm mich jemand zum Klettern mit. Ich war hin und weg, alles andere wurde schlagartig uninteressant, besonders die Schule. Jede freie Minute bin ich mit meinen Kumpels zum Fels geradelt. Die Ausrüstung bestand aus einer Wäscheleine, einem alten Motorradhelm und drei Karabinern. Die gefährlichste Zeit meines Lebens! Das bemerkten meine Eltern zum Glück und besorgten mir vernünftiges Equipment. Klettern und Bergsteigen war lange am wichtigsten, als ich älter wurde, gewann das Paddeln wieder an Stellenwert. Später konnte ich mich dann auch für andere Sportarten begeistern, vor allem Drachen- und Gleitschirmfliegen.

 

Du sagst, du hättest dein Geld mit richtiger Arbeit verdient. Wie?  

Das begann holperig. Ich war froh, als ich mit 15 die Hauptschule hinter mir hatte, einen Berufswunsch gab es nicht. Mit Sport kenn‘ ich mich aus, dachte ich, und begann eine Lehre als Sportartikelkaufmann. In dem Sportgeschäft in Erlangen gab es sogar eine kleine Bergsportabteilung. Nach drei Jahren Lehre wurde ich übernommen. Allerdings endete diese Karriere kurz darauf abrupt: Vom Alpenverein kam eine Einladung zu einer Kenia-Expedition. Für mich mit meinen 17 Jahren eine Riesensache. Ich marschierte zum Chef: »Chef, ich fahre nach Kenia! An Weihnachten brauche ich fünfeinhalb Wochen Urlaub!« Der Chef erklärte, dass dies im Weihnachtsgeschäft unmöglich sei. Am Schluss der Debatte kündigte ich fristlos und ging heim. Das war der Tag, an dem die Eltern meine sportlichen Aktivitäten erstmals nicht so toll fanden. Aber: Ich fuhr nach Kenia!

 

War es klug, den Job wegen einer Kletterreise hinzuwerfen?  

Im Nachhinein: ja. Ich saß auf der Straße, aber genau das hat mir buchstäblich die Augen geöffnet – was es alles gibt, was man alles machen kann. Ich wollte die Welt kennenlernen. Eine Weile jobbte ich als Krankenpfleger, gern im Nachtdienst, weil so viel Zeit zum Klettern und Reisen blieb. Irgendwann wurde mir klar, was ich wollte. Auf dem zweiten Bildungsweg holte ich ein paar Prüfungen nach, absolvierte ein Sportstudium in München und arbeitete als Sportlehrer. Anfang der 90er eröffnete ich ein kleines Sportgeschäft – in der naiven Hoffnung, dass man als Selbstständiger mehr Zeit zum Klettern und Reisen hat als ein Lehrer.

 

Was war der Auslöser, dich selbstständig zu machen?

Zimmer mit Aussicht: Abendessen im Portaledge. | Foto: Klaus Fengler

Schon die Begeisterung fürs Klettern. Die Fränkische Schweiz ist dafür ja ein Mekka. Als ich mit dem Klettern begann, war man noch mit Bergschuhen und Trittleitern unterwegs. In den 70ern kam der Kurt und markierte mit einem roten Punkt die Routen, die er »frei« geklettert war, also nur am Fels. Seil und Haken nahm man nur noch zur Sicherung. So entstand das »Rotpunkt-Klettern«, der Vorläufer des modernen Sportkletterns. Damals ging uns auf, was für Möglichkeiten wir direkt vor der Haustüre hatten. In den 80ern wurde fast jedes Jahr ein neuer Schwierigkeitsgrad eröffnet. Man freute sich, wenn man Routen im 8. oder 9. Grad schaffte – und hörte dann, dass schon wieder jemand einen draufgesetzt hatte. 1991 definierte Wolfgang Güllich mit »Action directe« den 11. Grad. Das war eine tolle Zeit, anstrengend, aber mit einer wahnsinnigen Aufbruchstimmung. Der Laden, »Rotpunkt-Sport«, hatte anfangs nur 30 Quadratmeter, so nach dem Motto »vom Spezialisten für den Spezialisten«. Es gab fünf Rucksäcke, und wenn zwei verkauft waren, wurden drei neue bestellt. Aber dann wurde auch daraus ein Fulltime-Job, der Laden wuchs, für das Kletter-Training hatte ich erst abends Zeit.

 

Und was sagtest du als Chef, wenn jetzt einer deiner Mitarbeiter fünfeinhalb Wochen Urlaub für eine Kletterreise wollte?

Nicht kategorisch nein. Bei uns arbeiteten Leute wie der Milan Sikora, auch so ein kletternder Lebenskünstler. Das musste man eben hinkriegen …

 

Bildergalerie: Aus eigener Kraft: Holger Heuber

Mit dem Laden und als sehr guter Kletterer warst du mittendrin in der Szene. Nebenbei konntest du paddeln, fliegen und warst bei vielen Expeditionen dabei. Ein schönes Leben?

Absolut. Das ging immer so fröhlich dahin. Bis 2002 der Unfall kam.

 

Die erwähnte Zwangspause. Du bist beim Fliegen abgestürzt. Lange sah es so aus, als würdest du dein Leben im Rollstuhl verbringen …

Ja, innerhalb einer Sekunde veränderte sich alles. Bis dahin war ich immer so der Sunnyboy, dem alles zuzufliegen schien – sportlich und geschäftlich. Und dann lag ich fast zweieinhalb Jahre lang im Krankenhaus.

 

Was genau ist passiert?

Bei einem Gleitschirm-Wettbewerb habe ich beim Landeanflug zu spät entschieden, jemand anderen vorzulassen. Im Rückblick war es einfach Dummheit. Man darf nie so viel riskieren, dass es überhaupt zu so einer Situation kommt. Jedenfalls bin ich ins Lee einer Baumreihe geraten, der Schirm klappte ein und ich stürzte aus 20 Metern Höhe ab. Ich hatte schwere und komplexe Verletzungen am Becken und an den Wirbeln.

 

Freunde von dir sagen, du müsstest – medizinisch gesehen – eigentlich immer noch im Rollstuhl sitzen, hättest aber mit großer Willensstärke wieder das Laufen gelernt …

Zurück am Fels: Holger Heuber 2007 an einem Tepui in Venezuela. Es ist die erste große Tour nach Jahren eiserner Reha-Übungen. | Foto: Klaus Fengler

Vor allem hatte ich Glück im Unglück: Trotz massiver Verletzungen bekam ich so viel Gefühl in den Beinen und soviel muskuläre Stabilität, dass ich irgendwann wieder Laufen lernen konnte. Das ist nicht selbstverständlich, aber es hat erst mal nichts mit Willen oder Training zu tun. In der Reha habe ich viele Leute kennengelernt, vor denen ich höchsten Respekt habe. Supersportler, mit extremer Willenskraft. Aber wenn an der Wirbelsäule etwas nicht mehr reparabel ist, kann auch der motivierteste Profi noch so viel tun und wollen – es nützt nichts. Bei mir waren nicht alle Verbindungen gekappt. Darauf konnte ich aufbauen.

 

Hast du in der Reha von deinen sportlichen Talenten profitiert?

Schon. Über die vielen Sportarten hatte ich ein gutes Körpergefühl erworben. Und ich habe immer gern trainiert. Vom Klettern oder Paddeln wusste ich, was hartes Training bringt. Insofern war die Reha für mich eine Art Fortsetzung von bekannten Abläufen, nur dass ich diesmal daran arbeitete, einen Teil meines Bewegungsumfangs wiederzuerlangen.

 

Wie haben deine Expeditionskameraden reagiert?

Mit meinem ganzen privaten Umfeld hatte ich riesiges Glück. Meine Familie war mein wichtigster Rückhalt, aber auch die Kumpels, egal ob Kurt, Stefan oder Klaus Fengler, waren von Anfang an bei mir. Sie unterstützten mich auf die richtige Weise. Kein Mitleid, das kann man am wenigsten brauchen. Stattdessen: Holger, mach hin, die und die Tour ist in Planung! Erst bekam ich einen Laptop geschenkt, für E-Mails. Dann meinte Stefan: Holger, ich brauch einen neuen Diavortrag, den kannst du doch programmieren! So lag ich mit dem Laptop auf dem Bett und sortierte Bilder von irgendwelchen Expeditionen. Die Jungs waren absolut klasse. Ohne sie wäre ich sicher nicht da, wo ich jetzt bin.

 

Wo bist du denn jetzt?

Senkrecht steigen die Bastions aus dem Packeis. Holger Heuber steigt mit. | Foto: Klaus Fengler

So eine Geschichte hat immer zwei Seiten. Natürlich überwiegen die bitteren Aspekte: dass man wegen eines dummen Fehlers so lange außer Gefecht war, dass trotz aller Reha-Erfolge auch gesundheitlich für den Rest des Lebens einiges zurückbleibt. Aber es gibt eine positive Seite: Man denkt über vermeintlich Selbstverständliches nach, ordnet Dinge, lernt vieles neu schätzen. Früher war ich extrem unruhig, ein notorischer Multitasker und sportlich hyperaktiv. Ein toller Tag musste am besten drei oder vier Sportarten abdecken. Das sah das dann so aus, dass ich im Engadin durch die Ardezer Schlucht paddelte – wunderbares Wildwasser – und gleichzeitig überlegte, dass ja jetzt die ideale Startzeit mit dem Drachen wäre. Und kaum hing ich am Drachen, ging mir schon das nächste Ding durch den Kopf. Wenn du so viele tolle Dinge erlebst, wird das Besondere scheinbar zur Normalität. Ich fühlte mich getrieben, immer nachzulegen. Wenn du dann plötzlich sehr lange im Zimmer liegst, ohne dich bewegen zu können, dann registrierst du erst, dass die vielen schönen Abenteuer eben nicht die Normalität sind. Du registrierst, dass die Gesundheit, schon allein das Sich-bewegen-Können, das wichtigste und höchste Gut ist.

 

Nach fast zweieinhalb Jahren kamst du nach Hause. Hast du gleich wieder von Expeditionen geträumt?

Kajaks und Kanus sind beliebte Vehikel der By-fair-means-Truppe, denn sie machen die Wildnis zugänglich und schlucken viel Gepäck. | Foto: Archiv Heuber

Nein, von Selbstständigkeit. Ich brauchte für alles Hilfe, immer musste ich jemanden bitten. Für mich war es der größte Schritt – größer als alle Expeditionen – wieder ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Aber irgendwann, nach vielen, vielen kleinen Schritten, machte ich meine erste Mini-Skitour. Von da an ging es weiter bergauf. 2006 fuhr ich mit Kurt nach Venezuela auf eine Scouting-Tour für die Tepui-Expedition 2007, an der ich auch teilnahm. Und dieses Jahr dann Baffin Island.

 

 

Lässt du es künftig tatsächlich ruhiger angehen?

Ich denke ja. Aus dem Sportgeschäft bin ich ausgestiegen und mache kleinere Projekte: Vorträge, Events mit meinem mobilen Kletterturm, Jobs als Kameramann, Paddelprojekte mit Schulklassen. Und irgendwann wird wieder ein »Big Wall by fair means« kommen. Vielleicht wird‘s beim nächsten Mal nicht ganz so kalt …

 

4-Seasons Info
 

Mehr von Holger Heuber

 

Holger Heuber ist 45 und lebt im fränkischen Forchheim. Gemeinsam mit der bekannten Kletterin Gunda Frühwald hat er eine Tochter. Papa Holger: »Nina ist inzwischen 24 und meine Physiotherapeutin.« Holger ist, besonders im Duett mit Kurt Albert, ein hervorragender Vortragsreferent, die Diashows reichen von Expeditionsberichten über Kletter-Abenteuer bis zu Impulsvorträgen für Firmen. Aktuelle Termine und Buchung online unter www.holger-heuber.de. Zudem betreibt Holger Heuber einen 8 Meter hohen mobilen Kletterturm, den man für Events mieten kann (www.mobilerkletterturm.de). Gesponsert wird Holger von den Outdoor- und Kletterfirmen Marmot und Red Chili, außerdem von den Paddelausrüstern hf-Kajaksport und Prijon. Bei Redaktionsschluss (Oktober 2008) paddelte Holger Heuber im Kajak rund um Mallorca, an Bord Zelt und Kletterausrüstung. Auf dem Programm: »deep water soloing«. Dabei klettert man ungesichert an der Felsküste. Wer fällt, wird nass. Mehr: www.holger-heuber.de.

 
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