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Herstellerportrait: Die Story von Arc'teryx

Foto: Archiv Arc'teryx
Von den Fans kultisch verehrt, von der Konkurrenz unverhohlen bewundert: Die kanadische Nobel-Marke Arc‘teryx schafft es regelmäßig, aus abgedrehten Ideen perfekte Produkte zu machen. Wie die das hinkriegen? Das fragt sich auch Till Gottbrath seit 15 Jahren. Ein Versuch, dem Mythos Arc‘teryx auf die Spur zu kommen.

An meine erste Begegnung mit Arc‘teryx kann ich mich genau erinnern. 1994 segelte ich auf Arved Fuchs’ Expeditionsschiff »Dagmar Aaen« mit. In Vancouver bereiteten wir das Schiff für den Vorstoß in die Nordostpassage vor. In der Stadt besuchten wir auch die Faltboot-Werft Feathercraft, wo ich einen asketischen Mann mit spärlichem Haupthaar kennenlernte: Tom Herbst. Tom ist so etwas wie die »graue Eminenz« der kanadischen Outdoor-Welt, er kennt praktisch jeden. Nach dem dritten Bier schlug Tom vor, zum »Coop« rüberzugehen (Mountain Equipment Coop ist eine Outdoor-Ladenkette, die tatsächlich als Kooperative organisiert ist). Da sei nämlich so ein verrückter Typ mit durchgeknallten Ideen, mit dem man viel Spaß haben könne. Und einer jungen Freak-Marke namens Arc‘teryx hätte der Typ schon zu einer innovativen Fertigungstechnik verholfen, dem »Thermo-Molding«.

Flagschiff: Alpha LT, Gore Pro Shell, 365 Gramm. | Foto: Archiv Arc'teryx

Der verrückte Typ war Mike Blenkarn. Als fanatischer Mountain-Biker hatte er sich geärgert, dass sein Bike an unfahrbaren Passagen so unbequem zu tragen war. Also entwickelte er ein Tragepolster für den Rahmen. Eigentlich simpel, aber es sollte perfekt werden. Alles bei Mike muss perfekt sein. Irgendwie schaffte er es, Polsterschaum, tragende Materialien und Bezugsstoff thermisch zu verbinden – in einer dreidimensionalen Form. Auf dieses unscheinbare, aber unglaublich raffinierte Polster namens »Shoulder Yoke« wurden zwei andere Insider der Bike- und Kletterszene Vancouvers aufmerksam: Dave Lane und Jeremy Guard.

Dave hatte 1989 die Firma Arc’teryx gegründet, zunächst firmierte er unter dem Namen »Rock Solid Manufacturing«. Daves Geschichte ist die klassische: Unzufriedenheit mit dem bestehenden Produkt – in diesem Fall Klettergurte – und der Wunsch, es besser zu machen. Jeremy, ein Visionär und Ästhet, stieß später dazu. Für den Firmennamen ließen sich die beiden vom Archaeopteryx inspirieren, einem Urvogel, dessen Versteinerung im bayerischen Altmühltal gefunden wurde. Der Urvogel hatte nämlich als erstes Tier Federn entwickelt und so die Evolution gewaltig vorangetrieben. Dave und Jeremy kürzten den Vogelnamen auf Arc‘teryx und entliehen dem Knochensalat ein etwas krakeliges Logo. Der Claim »Evolution in Action« erklärte ihren Plan: Dinge optisch und funktional perfektionieren, ohne modische Sperenzchen.

Mit Mike entwickelten sie die Idee eines via Thermo-Molding hergestellten und daher ultrabequemen Klettergurts. Bis dahin wurden Gurte genäht, Komfort war für Kletterer ein Fremdwort. Prototypen wurden mithilfe eines Pizzaofens und eines Ikea-Papierkorbs produziert, inklusive aller Rückschläge, die in einer solchen Phase normal sind. Thermo-Molding ist ein komplexes Verfahren, bei dem jeder Parameter genau stimmen muss. Aber als alles passte, schlug der Klettergurt »Vapor« in der Szene ein wie eine Bombe.

W.L. Gore und YKK geben auf, Blenkarn macht weiter

Als nächstes folgten Rucksäcke mit thermogeformtem Tragesystem, danach wagte man sich an Bekleidung. Auch dieser Auftritt erfolgte mit einem Paukenschlag, denn die Arc‘teryx-Tüftler trieben auch mit ihren Klamotten die Evolution kräftig voran (und die Mitbewerber vor sich her). Augenfälligste Neuerung der Arc‘teryx-Bekleidung waren wasserfeste Reißverschlüsse! Am Projekt »Watertight Zip« hatten sich zuvor schon W.L. Gore und YKK die Zähne ausgebissen – zwei Weltunternehmen, das eine spezialisiert auf »wasserdicht«, das andere auf Reißverschlüsse.

Mastermind Mike Blenkarn at work. | Foto: Archiv Arc'teryx

Mike Blenkarn als Daniel Düsentrieb der Outdoor-Branche wollte das nicht akzeptieren. Zu verlockend waren die Vorteile wasserfester Zipper: Man könnte sich die altbekannten Abdeckleisten an Taschen und Front-RVs sparen – und damit jede Menge Gewicht. Mit Bügeleisen, Nudelmaschine und viel Polyurethan werkelte er herum, suchte Hilfe bei Technikern und Werkstoffspezialisten – bis es schließlich funktionierte. Heute werden Mikes Zipper von YKK hergestellt und weltweit von allen bekannten Outdoor-Marken eingesetzt.

Auch bei den Schnitten ging das Arc‘teryx-Team völlig neue Wege. Designchef Tom Fayle entwickelte Schnittformen, die viel körpernäher waren als die oft sackartigen Anoraks der 90er – und dabei volle Bewegungsfreiheit boten. Tom dachte im Wortsinn dreidimensional. Ich kann mich noch erinnern, als die ersten Textilteile auf der OutDoor-Messe 1999 rauskamen: Da gab es Nähte an Stellen, wo vorher nie welche waren – und umgekehrt. Das alles passte, bewegte sich perfekt mit und sah auch noch gut aus.

Die Outdoor-Gemeinde verdankt Arc’teryx noch mehr Innovationen: Gemeinsam mit Polartec entwickelte man das »Powershield«-Material, das den großen Softshell-Boom auslöste. Bei der Entwicklung von Gore-Tex XCR hatten die Kanadier ebenso die Hände im Spiel wie bei der nächsten Generation: Gore-Tex Pro Shell. Davon profitieren die eigenen Produkte. Auch unabhängige Experten bestätigen gern, dass kaum ein Hersteller die Verarbeitung von Gore-Tex so gut beherrscht wie die Urvogel-Truppe aus Vancouver.

Nebenbei lancierte Arc‘teryx mit der AC2-Reihe wasserdichte Rucksäcke und hat bei den Klettergurten eben erst die »Warp Strength Technology« (Infos bei den »Meilensteinen« oben) präsentiert – wieder ein Schritt nach vorn.

Arc'teryx im Kreativpool Vancouver

»Wir haben so oft die Latte höher gelegt, dass man nun dauernd die Neuerfindung des Rades erwartet.« | Foto: Archiv Arc'teryx

Dass die Kanadier bis heute so viel Geld und Energie in die Entwicklung stecken können, liegt nicht zuletzt am Verkauf von Arc’teryx an Salomon im Jahr 2002. Erst waren viele Fans – Arc’teryx hat in der Tat Fans – schockiert, denn oft schon hatten Konzerne kleine Hightech-Buden übernommen und aus Profitgier kaputtgemacht. Aber Arc’teryx sollte nicht seiner Seele beraubt werden. Salomon versprach es – und hält sich daran. Die französische Zentrale lässt die Kanadier bis heute ihr Ding machen. »Wir genießen völlige Freiheit«, bestätigt der heutige Arc‘teryx-Chef Tyler Jordan.

Apropos: Tyler Jordan, ein jungenhaft wirkender Kerl mit rötlichen Haaren, ist ein Arc’teryx-Mann der ersten Stunde, ein extrem guter Kletterer und nicht minder furchtloser Northshore-Mountainbiker. Zurückblickend sagt er: »Die Übernahme durch Salomon hat uns professioneller gemacht. Früher haben wir die Ärmel hochgekrempelt, gemacht und am Ende des Jahres geschaut, ob Geld übrig war. Heute sind wir organisiert, wissen genau über Einkauf, Produktion, Lager und Ordern Bescheid. Was sich aber nicht verändert hat, ist unser kreatives Potenzial.«

Bildergalerie: Meilensteine der Arc'teryx-Geschichte

Diesbezüglich kann Arc’teryx aus dem Vollen schöpfen: Vancouver ist ein Hotspot für Leute, die ihre Inspiration aus Natur und Sport ziehen. Klettergebiete und MTB-Trails der Weltklasse, Paddeln, Fliegenfischen, Hiken, Trailrunning, Skitouren – liegt alles vor der Haustür. Und so tummeln sich in dieser jungen Stadt Designer, Sportler und Outdoor-Freaks aller Couleur.

Tyler Jordan bestätigt: »Vancouver hat eine tolle Dynamik. Viele ambitionierte Outdoor-Designer oder -Produktentwickler träumen davon, bei uns zu arbeiten. Wir können uns die Besten aussuchen. Allerdings sind die kreativen Leute oft ziemliche Freaks. Es ist alles andere als einfach, sie in ein System zu integrieren, das tatsächlich Innovationen hervorbringen soll. Es ist ja keineswegs so, dass die kreativen Köpfe im Kämmerchen sitzen und auf göttliche Eingebungen warten. Design ist auch echtes Handwerk und systematisches Erarbeiten von Problemlösungen. Das funktioniert fast nur im Team.«

Damit dieses Team genug Raum zur Entfaltung hat, wurde 2006 beim Umzug in ein neues Gebäude in North Vancouver ein komplettes Stockwerk für die Kreativ-Abteilung reserviert. Von den insgesamt 422 kanadischen Mitarbeitern (280 in der Fabrikation, 27 im Lager und 115 im Head Office) arbeiten allein 25 für »Produktentwicklung und Design«, darunter auch spezialisierte Schneider und Mustermacher.

Knapp die Hälfte aller Arc’teryx-Produkte wird in Kanada hergestellt, der Rest zumeist in China. »Ich weiß, viele Arc’teryx-Fans wünschen sich 100 % Kanada«, räumt Tyler ein, »wir auch. Aber unsere Fertigung ist massiv ausgelastet und kümmert sich vor allem um die sehr anspruchsvollen Teile, die wir nicht abgeben können oder wollen. Bei der Fernost-Produktion beherrschen unsere Lieferanten die Technologie perfekt. Unser Partner für die Gore-Tex-Verarbeitung zum Beispiel produziert nur für Arc’teryx. So stellen wir nebenbei sicher, dass kein Know-how zur Konkurrenz rüberwandert.«

Wie kriegt Arc'teryx das bloß hin?

Der erste Stock ist fürs Design reserviert. | Foto: Archiv Arc'teryx

Was also macht den Mythos Arc’teryx aus? Wahrscheinlich der Mix aus kreativem Potenzial, Leidenschaft für Innovationen und einer Menge richtiger Arbeit. Geht das immer so weiter? Dazu Tyler Jordan: »Wir haben so oft die Latte höher gelegt, dass man nun dauernd die Neuerfindung
des Rades erwartet. Das geht nicht jedes Jahr. Aber bei den AC2-Rucksäcken und den Warp Strength-Klettergurten haben die anderen sich wieder die Augen gerieben und gefragt: Wie kriegen die das bloß hin …?«

Bei den jährlichen Fachmessen wird es weiterhin die üblichen »Rituale« geben: dass schon beim Aufbau des Arc’teryx-Standes fremde Produktentwickler auffällig unauffällig herumschleichen. Dass gewisse Besucher (scheinbar mit dem Handy telefonierend) fotografieren oder die neuen Farben gleich mit dem Densitometer bestimmen. Und dass man bei Arc’teryx wieder darüber diskutiert, den Messestand künftig nur für akkreditierte Besucher zu öffnen – um den Vorschlag dann wieder zu verwerfen, weil diese Haltung nicht zur Company passen würde ;-)

Arc‘teryx wird also noch für einige Überraschungen gut sein. Tom, Mike und die anderen Tüftler haben schon einen neuen Pizzaofen bestellt …