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Hersteller Ecco: der freundliche Riese

Foto: Archiv Ecco
Wenn sich große Mode- oder Schuh-Marken am Thema Outdoor versuchen, geht das fast immer schief. Ein Global Player hat es trotzdem geschafft: Ecco etabliert sich in der Riege der führenden Wildnis-Schuster. Wie haben die Dänen das nur angestellt?

Wer bei Globetrotter nach Schuhen sucht, stößt immer öfter auf Ecco: komfortable Wanderstiefel, leichte Trailrunner, robuste Freizeit- und Kinderschuhe. Rund 50 Ecco-Modell­e sind bereits im Sortiment – und doch sind sie nur die sichtbare Spitz­e eines Eisbergs. Ecco ist ein Gigant.

D­er Schuhhersteller aus Dänemark zählt mit 20 000 Mitarbeitern zu den größten der Welt und hat 2012 einen Umsatz von über eine­r Milliarde Euro erzielt. Zum Vergleich: Der deutsche Outdoor-Marktführer Jack Wolfskin liegt bei 351 Millionen; The North Face, das internationale Branchen-Flaggschiff, bei 2,2 Milliarden.

Auf dem Land geblieben: Die Ecco-Zentrale 1963 und heute. | Foto: Archiv Ecco

Bemerkenswert: Hinter den schwindelerregenden Ecco-Zahlen steckt kein verflochtener Großkonzern, der seine Produktion an Subunternehmer vergibt, sondern eine Firma mit ganz klassischen Strukturen. Ecco ist seit der Gründung vor 50 Jahren in Familien­besitz und macht alles selbst.

Die Zentrale in Dänemark übernimmt Entwicklung und Design, die Produktion läuft in eigenen Fabriken rund um den Globus. Jeder Schuster, egal ob er in Portugal, Indonesien oder China arbeitet, ist direkt bei Ecco angestellt. Das Leder kommt aus Gerbereien, die ebenfalls der Firma gehören. Von der Kuh bis zum Schuh, sage­n die Dänen, haben sie alles selbst in der Hand. Und sie fertige­n fast jede Art von Schuhen: Lederstiefel, High Heels, Golfschuhe, Busines­s- und Straßenmodelle. Aber erst vor ein paar Jahren begann Ecco, ernsthaft über Outdoor-Schuhe nachzudenken.

Um zu verstehen, wie schwer einem klassischen Hersteller der Einstie­g in die Outdoor-Szene fällt, muss man deren Eigenheiten kennen: Schiere Größe mag auf dem Massenmarkt nützlich sein, in der vergleichsweise winzigen Abenteuer-Branche ist sie eher hinderlich. Die meisten Hersteller und Händler starteten in den 70er-Jahren als kleine Klitschen, zusammengehalten von der Leidenschaf­t für Outdoor-Touren und dem Willen, dafür brauchbare Ausrüstung zu entwickeln und zu verkaufen. Die junge Szene wusste zunächst weni­g von Betriebswirtschaftslehre, häufte aber ein Gebirge von Spezial­wissen auf. Dieses Wissen und die bei den Kunden erworbene Glaubwürdigkeit umgaben die Branche wie ein Schutzwall, als Ende der 90er-Jahre ein wahrer Boom einsetzte.

Ecco wählt den schweren Weg

Outdoor-Ausrüstung wurde alltagstauglich. Nicht nur auf Tour, auch auf dem Arbeitsweg, in Fußgängerzonen oder im Stadtpark trug man Gore-Tex-Jacken, Fleeceklamotten, bequeme Outdoor-Schuhe oder rutschfeste Sandalen. Die Outdoor-­Klitschen eroberten die Kleider- und Schuhschränke – zur Bestürzun­g der klassischen Bekleidungs- und Schuhindustrie, die angestammte Marktanteile verlor.

Die Anforderungen an Outdoor-Schuhe sind extrem. Aber Großproduzent Ecco hat seine Hausaufgaben ordentlich gemacht. | Foto: Archiv Ecco

Naheliegende Gegenmaßnahmen der Etablierten – nämlich selbst Outdoor-Equipment an den Mann zu bringen – scheiterten am fehlenden Know-how und mangelnden Kundenvertrauen: Welche­r Natursportler, der sich auf seine Ausrüstung verlassen muss, würde diese bei einer Modekette oder beim Schuhdiscounter kaufen?

Seither gilt: Wer es in die Outdoor-Branche schaffen will, muss ganz vorne anfangen und mühevoll Know-how und Credibility aufbauen. Doch welcher Großkonzern mutet sich das zu? Lieber kauft man eine etablierte Outdoor-Marke auf. Das hätte Ecco sich vermutlich auch leiste­n können. Aber die Dänen gingen den schweren Weg – nicht verwunderlich, wenn man die Firmengeschichte kennt.

Der Traum des Karl Toosbuy

Die Historie von Ecco beginnt vor genau 50 Jahren im südlichen Dänemark. 1963 verkauft Karl Toosbuy, ein gelernter Schuh­macher und Designer – und mit Anfang 30 bereits Manager einer Schuhfabrik in Kopenhagen –, seinen gesamten Besitz. Er kündigt und zieht mit seiner Frau Birte und der fünfjährigen Tochte­r Hanni ins Örtchen Bredebro nahe der deutschen Grenze. Sein ganzes Geld investier­t Toosbuy in einen lang gehegten Traum: die eigene Schuhfirma, in der er seine Ideen ohne Kompromisse umsetzen kann.

Schuh-Visionär und Ecco-Gründer: Karl Toosbuy. | Foto: Archiv Ecco

Karl Toosbuy ist ein echter Visionär: Er will Schuhe machen, die sich dem Fuß anpassen – nicht umgekehrt. Ein regelrechter Tabubruch in der jahrhundertealten Tradition des Schusterhandwerks. Auch hinsichtlich Design und Produktion denkt Toosbuy in neuen Dimensionen. Er überträgt die Ideen der damals revolutionären skandinavischen Designschule auf seine Schuhe und tüftelt detailbesesse­n an neuen Materialien und Fertigungsmethoden. Auch vor gewaltigen Investitionen in Personal, Maschinen und Standorte schreckt Toosbuy nicht zurück – er will im großen Stil produzieren.

Anfang der 80er spezialisiert sich Ecco auf das Spritzgussverfahren, bei dem die Sohle nicht mehr mit dem Schuh vernäht werden muss, sondern Kunststoff direkt aufs Obermaterial gepresst wird – damals eine unerhörte Innovation, heute Standard. Die Marke Ecco expandiert weltweit, eröffnet Werke in Portugal, Indonesien, Thailand und China. Als der Ledernachschub ins Stocken gerät und Toosbuy Kompromiss­e bei der Qualität machen soll, entschließt er sich, eigen­e Gerbereien aufzubauen. Mittlerweile ist Ecco selbst einer der weltgrößten Lederproduzenten und beliefert auch andere Schuhhersteller und Industriezweige, die hochwertige Leder verarbeiten. 

Kurz: Karl Toosbuy errichtet ein weltumspannendes Imperium à la Rockefeller oder Bill Gates. Allein mit bequemen Schuhen – und einer Zentrale in Bredebro, 50 Kilometer von Flensburg.

Auf dem Weg zum Milliarden-Unternehmen gelingt Ecco ein Kunststück, das mindestens so beeindruckend ist wie das rasante Wachstum: Die Marke bleibt authentisch. Karl Toosbuys Pioniergeist und Detailversessenheit übertragen sich auf die Mitarbeiter, es entsteht eine Unternehmenskultur, die Problemen nicht ausweicht, sondern sie als Herausforderung sieht. Gleichzeitig bleibt Ecco eine grund­solide Familienfirma, deren soziale Standards und Umweltschutzmaßnahmen nicht an der dänischen Grenze ende­n. Tatsächlich ist Ecco der weltweit einzige Schuh-Großproduzent, der ohne Sub­unternehmer und Outsourcing auskommt und damit bei sämtlichen Herstellungsschritten in der Verantwortung steht. Aber eben auch die volle Kontrolle hat – genau, wie es Toosbuy immer vorschwebte.

Der Sprung in die Outdoor-Branche

Als der Gründer 2004 stirbt, übernimmt Tochter Hanni das Unternehmen und den Vorsitz im Aufsichtsrat. Geschäftsführer ist ihr Mann Dieter Kasprzak. Der aus Pirmasens stammende Schuh-designe­r ist bereits seit 1991 bei Ecco. Karl Toosbuys Firmen- und Produktphilosophie wird nahtlos fortgeführt – und birgt auch das Geheimnis, wie Ecco der Sprung in die Outdoor-Branche gelingt.

Das Biom-Konzept lässt dem Fuß freien Lauf. Der Hike-Schuh Biom Terrain (links) kommt 2014 heraus. | Foto: Archiv Ecco

Der erste Schritt besteht wieder in einer selbst gestellten Heraus­forderung: Die Ecco-Designer beschäftigen sich intensiv mit den Bewegungsabläufe­n beim Gehen und Laufen. Man fängt bei den Grundlagen an und holt sich kompetente Hilfe ins Boot: Mit dem Biomechaniker Prof. Gerd-Peter Brüggemann von der Sporthochschule Köln entwickelt Ecco ein völlig neues Schuhkonzept, das ein natürliches Abrollverhalten ermöglicht. Ergebnis ist die Serie Biom (abgeleitet von Biomechanik), deren erstes Modell 2008 vorgestellt wird. »Natural Motion« nennt Ecco die Idee, nach der sich der Fuß möglichst frei von unnötiger Dämpfung und Führungs­elementen bewege­n können soll. Ursprünglich für Laufschuhe gedach­t, wird das Biom-Prinzip mit riesigem Erfolg auf Freizeitschuhe übertrage­n. Wander- und Hikingschuhe sind der logische nächste Schritt.

Ecco knallt jedoch nicht mit der Gewalt einer Weltmarke in den Outdoor-Markt, sondern tritt geradezu bescheiden auf. »Klar versucht jeder Hersteller, uns möglichst viel Ware zu verkaufen«, erzähl­t Antj­e Fock, bei Globetrotter fürs Schuhsortiment zuständig, »aber Ecco wollte von sich aus erst mal langsam machen. Das war ungewöhnlich – und hat uns durchaus beeindruckt.«

Jede Saison machen die Dänen ihre Hausaufgaben, lernen dazu, verbessern Details – und schieben immer bessere Outdoor-Modelle nach. Dabei nutzt Ecco natürlich seine gewaltigen Ressourcen und technischen Möglichkeiten, von denen mittel­ständische Outdoor-Schuster nur träumen. Aber überzeugt haben die Dänen auf dem klassischen Weg: von vorne anfangen, Know-how und Glaubwürdigkeit aufbauen, und schließlich erst die Händler und dann die Kunden mit perfekten Produkten gewinnen. Ecco, der freundliche Riese aus dem flachen Dänemark, ist in der Wildnis angekommen.

 
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