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Hersteller: Betriebsausflug à la Hilleberg

Foto: Archiv Hilleberg
Auf die Frage nach den besten Zelten antworten nicht wenige Outdoorer: Hilleberg. 4-Seasons ist der 41-jährigen Erfolgsgeschichte der schwedischen Perfektionisten auf den Grund gegangen – bei einer Kanutour der »Tentmaker« rund um Firmengründer Bo Hilleberg.
Bo Hilleberg: 71 Jahre, davon 41 im Zeltbau. | Foto: Archiv Hilleberg

Bo Hilleberg ist in seinem Element. Umgeben von einem ­Dutzend Mitarbeitern sitzt der 71-Jährige mit leuch­tenden Augen auf einem Stein und stochert eine Kartoffel aus dem Lagerfeuer. Die Gespräche kreisen selten ums Geschäft, viel ­häufiger um abenteuerliche Outdoortouren — auch um derbe Witze sind die Schweden nicht verlegen. Die Kanus liegen für die Nacht am Seeufer vertaut. Auch die Zelte sind schon abgespannt, sie sprenkeln die moosige Insel dunkelgrün und orangerot. Den Platz mit dem ebensten und trockensten Untergrund hat ­Bo Hilleberg gefunde­n. Jahrzehntelange Erfahrung bewährt sich eben.

Die jährliche Kanutour im mittelschwedischen Naturreservat ­Rogen, drei Autostunden vom Firmensitz Östersund entfernt, ist bei Hilleberg zum Ritual geworden. Von der Praktikantin bis ­zum Verwaltungsratsvorsitzenden Bo Hilleberg — hier sitzen ­gewissermaßen alle in einem Boot. Fünf Tage dauert der ­Betriebsausflug, der sich eher nach großer Familie anfühlt. Eines Abends brutzeln die unvermeidlichen Köttbullar auf den Gaskocher­n, während ­emsige ­Hände Preiselbeeren pflücken. Ein Hauch von Bullerbü scheint durch diese Firma zu wehen.

Aber es ist wohl eher der gute Geist von Bo Hilleberg. Vor mehr als 40 Jahren erging es dem damaligen Förster wie so vielen ­Firmengründern im Outdoorbereich. Der leidenschaftliche ­Wanderer, Paddler und Skifahrer war mit den marktüblichen ­Zelten dermaßen ­unzufrieden, dass er selbst zu tüfteln begann. Seine Vision: ein Zelt, bei dem sich Innen- und Außenzelt gleichzeiti­g aufstelle­n lassen — Schluss also mit Innenzelten, die schon beim Aufbau nass werden, und Schluss mit wild flatternden Überzelten!

Bo Hilleberg (vorn) beim fünftägigen Kanutrip mit Kollegen. Er gibt in der Firma weiterhin die Richtung vor. | Foto: Moritz Becher
Ein Mann, ein Plan. 1971 gründete Bo Hilleberg seine Firma, die zunächst vor allem Forstmaschinen verkaufte. Im selben Jahr lernte er beim Skifahren in Österreich die Kufsteinerin Renat­e Neuner ­kennen. Seine Perle Tirols zog bald zu ihm nach Schweden, und die Heirat markierte zugleich den Startschuss für die »Hilleberg — The ­Tentmaker AB«. Denn Renate brachte das nötig­e Fingerspitzen­gefühl mit, um Bos Ideen an der Nähmaschin­e umzusetzen. 1973 stellte Hilleberg mit dem Keb das erste Zelt mit gekoppeltem ­Innen- und Außenteil vor. Es wurd­e auf Anhieb ein Erfolg.

Der endgültige Durchbruch gelang Bo Hilleberg im Jahr 1975, als er von einem Materiallieferanten eine Stoffprobe ­zugeschickt ­bekam. Das Gewebe war sowohl leichter als auch dichter als alle anderen bisherigen Stoffe. Statt mit dem sonst üblichen ­Poly­urethan (PU) war es mit Silikon beschichtet, ­dadurch absolut ­wasserdicht und unglaublich reißfest. »Genau so etwas hatte ich gesucht«, sagt Bo zur Geburtsstunde von ­Hillebergs Kerlon-Geweb­e. Es wird im Gegensatz zu silikonisierten Stoffen beid­seitig und in drei Lagen mit reinem Silikon beschichtet. Noch heute setzt Kerlon Maßstäbe im Verhältnis von Stärke zu Gewicht. ­Hilleberg verwendet inzwischen vier Varianten: Für die robustesten Zelte das Kerlon 1800 (ein Loch reißt erst ab 18 Kilogramm ­Zuggewicht weiter auf), für einige Spezialmodelle wie das ­Gruppenzelt Atlas das Kerlon SP (Weiterreißfestigkeit 15 Kilo), für extra leichte Ganzjahresmodelle Kerlon 1200 sowie für die Drei-Saison-Zelte Kerlon 1000.

Bo Hilleberg 1979 mit seinen Kindern Petra und Rolf vor einem Keron. | Foto: Archiv Hilleberg

Auf der Kanutour werden Nacht für Nacht die Zelte getauscht, damit jeder Mitarbeiter Praxiserfahrung mit verschiedenen ­Modellen sammelt. »Wir haben 2011 erstmals Zelte präsentiert, die nicht für den ganzjährigen Einsatz bestimmt sind«, erläutert Bo Hilleberg. Vor allem die Märkte in Amerika und Asien verlangten danach. So entstand beispielsweise das neue Kuppelzelt Rogen, das auch an seinem namensgebenden See eine gute Figur abgibt. Vor allem die Standsicherheit auf schlechtem Untergrund und das üppige Raumangebot finden viele Freunde. Der Hilleberg-Betriebsausflug im Vorjahr wäre für das Drei-Jahreszeiten-Zelt eine härtere Prüfung gewesen: Da hat es am Rogen geschneit, im August!

Die Zeltstadt von Hilleberg ist mittlerweile auf 21 verschiedene Modelle angewachsen, die Personenvarianten nicht mitgerechnet. Die Produktpalette reicht vom äußerst leichten Tunnelzelt Anjan (1,7 Kilo in der Zwei-Personen-Variante) bis hin zum ­Saitaris, einem Kuppelzelt für härteste Bedingungen. Außerdem experimentiert Hilleberg verstärkt mit minimalistischen Behausungen in Form von Tarps als Regenschutz oder Meshzelten als reinen ­Insektenschutz. »Tarps sind auch ein wunderbares Zubehö­r«, schwärmt Bo Hilleberg. »Sie können zum Beispiel zwischen zwei Zelten als gemeinsames Wohnzimmer aufgespannt werden.«

 

Pedantische Modellpflege bei Hilleberg

Reißtest mit einem Kerlon-Gewebe. | Foto: Hilleberg

Mehr noch als Experimentierfreude kennzeichnet das Streben nach Perfektion die Geschichte der Firma Hilleberg, die heute in Östersund 15 Mitarbeiter zählt. Die sechs ehernen Grundsätze der Tentmaker lauten: Zuverlässigkeit, Handhabung, Vielseitigkeit, Haltbarkeit, Komfort und geringes Gewicht. Wobei das ­Abspecken niemals zulasten der anderen Prinzipien gehen darf. »Klar könnten wir noch leichtere Zelte bauen«, sagt Bo Hilleberg, »aber dann wären sie keine Hillebergs mehr, weil sie unseren Ansprüche­n an Stabilität und Haltbarkeit nicht mehr genügen würden.« Statt laufend neue Modelle auf den Markt zu werfen, betreibt Hilleberg pedantisch Modellpflege. So gehört das Tunnelzelt Keron bereits seit 1980 zur Familie, es wird stetig ­optimiert und genießt nach wie vor den Stellenwert des Flaggschiffs.

 

Die Nadeln der Nähmaschinen werden gekühlt

Jedes Zelt wird vor Auslieferung aufgebaut. | Foto: Archiv Hilleberg

Um auch bei der Fertigung höchste Qualität zu gewährleisten, hat Hilleberg vor über zehn Jahren in Estland eine eigene Fabrik ­gebaut mit aktuell 35 Mitarbeitern. Dort wird das von Spezial­firmen aus aller Welt angelieferte Material penibel geprüft, ehe es in die ­Verarbeitung geht. Weil man silikonbeschichtete Stoffe nicht ­tapen kann, hängt die Wasserdichtigkeit vor allem vom ­Können der Näherinnen ab. Und die estnischen Arbeiterinnen ­beherrschen die ­doppelte Kappnaht, bei der jeder Stich durch vier ­Gewebe­lagen geht, wie kaum ­jemand sonst. Die ­Nadeln der ­Nähmaschinen ­werden sogar ­gekühlt, damit die Stichlöche­r nicht unnötig groß geraten, was die Wasserdichtigkeit und die Festigkei­t beeinträchtigen würde. Zum Schluss baut ein hauseigener Inspekto­r jedes Zelt komplett auf, prüft die Leichtgängigkeit der Reißverschlüsse, nimmt jede Naht in Augenschein. Erst wenn alle Teile geprüft sind, wandert das Zelt in den Packsack und dann in die Lager in Schweden und in den USA.

Das Überseegeschäft koordiniert Bos Tochter Petra in der vier­köpfigen Dependance nahe Seattle. Auch Petra nimmt diesmal an der Kanutour teil, während ihr ­Bruder Rolf als Geschäftsführer in ­Östersund die Stellung hält — noch. Denn für 2012 hat Rolf ­seinen Rückzug von der operativen Spitze angekündigt, um sich mehr um seine Familie zu kümmern. »Für die Kunden wird sich dadurch nichts ändern«, verspricht Bo.

Hier geht's zum Interview mit Bosse Hilleberg.

In der letzten Nacht am Rogen setzt Dauerregen ein. Während sich vor einigen Zelten Pfützen bilden, kommt Bo Hilleberg am Morgen ­trockenen Fußes aus seiner Apsis gekrochen. Hat er wieder mal den idealen Standplatz gefunden, der alte Fuchs.

 
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