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Helena Henneken – Globetrotterin des Jahres

Helena hat über ihre Iranreise ein bemerkenswertes Buch geschrieben. | Foto: Helena Henneken
Helena hat über ihre Iranreise ein bemerkenswertes Buch geschrieben. | Foto: Helena Henneken
Helena Henneken wurde zur Globetrotterin des Jahres gewählt, hätte ebenso gut aber den Globetrotter-Reisebuchpreis gewinnen können: Die 37-jährige Hamburgerin reiste 59 Tage allein durch den Iran und brachte einen 
bewegenden Bericht mit.

6 Wochen Iran: Chay – ja bitte! Morgens, mittags, abends | Foto: Helena Henneken
6 Wochen Iran: Chay – ja bitte! Morgens, mittags, abends | Foto: Helena Henneken
Helena, herzlichen Glückwunsch zum Titel »Globetrotter des Jahres«.
Was bedeutet dir dieser Titel?

Helena Henneken: Ich freue mich sehr! Mein erster Preis – zu meinem ersten Buch. Und beides gibt es nur aufgrund einer Reise: Die hat mich so überrascht, inspiriert und berührt, dass ich überhaupt erst die Idee hatte, meine Erlebnisse in Iran aufzuschreiben und mit interessierten Menschen zu teilen. Ein Herzensprojekt sozusagen. Umso schöner, jetzt so ein Feedback zu bekommen!

Dein Buch ist wunderschön bebildert. Die Fotos alleine erzählen schon eine Geschichte für sich. Wer hat die Bilder geschossen?

Die Bilder aus Iran habe ich mit meiner digitalen Kompaktkamera gemacht – auf Reisen fotografiere ich leidenschaftlich gerne! Zurück in Deutschland hat der Fotograf Benjamin Nadjib dann noch die 28 Geschenke und Souvenirs abgelichtet, die ich von der Reise mitgebracht habe.

Wie entstand die Idee den Iran zu bereisen? 

Der Iran war ein blinder Fleck auf meiner persönlichen Weltkarte. 2011 lernte ich in Kirgistan Schweizer kennen, die durch den Iran gereist waren. Sie erzählten begeistert vom Land und vor allem den Menschen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch das Bild, das viele vom Iran haben: viel zu gefährlich! Aber meine Neugier war geweckt, und ich begann mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich habe Sachbücher und Reiseführer gelesen, iranische Filme geguckt, ein wenig Farsi gelernt und dadurch schon in Deutschland einige Iraner und Halb-Iraner kennengelernt, die sehr hilfsbereit waren und mir von ihrer Heimat erzählten. Je mehr ich erfuhr, desto neugieriger wurde ich.

Und schließlich hast du die Flugtickets bestellt?

Ja genau. Wobei ich nur den Hinflug gebucht hatte. Ich wollte flexibel sein für den Fall, dass mich das Land überfordert. Dann wäre ich über Land in die Türkei gereist. 

Du bist also ohne Rückflugticket in den Iran gereist, hast aber nach 30 Tagen dein Visum verlängert.

(Lacht) So war es. Ich wollte länger bleiben. 

Blick aus dem Azadi Tower, teheran. | Foto: Helena Henneken
Blick aus dem Azadi Tower, teheran. | Foto: Helena Henneken
Nie Bedenken gehabt, alleine als Frau durch den Iran zu reisen?

Natürlich habe ich mich vorher gefragt, ob das eine gute Idee ist. Aber die Neugier überwog. Daher hatte ich mir ja die Option gegeben, wieder über den Landweg auszureisen. Im Land selbst hatte ich dann keine Bedenken mehr. Ich ließ mich weniger von Ängsten leiten als vielmehr von meinem Urvertrauen, das ich auf meinen bisherigen Reisen entwickeln konnte: Es wird schon gut gehen.  

Reist du gerne alleine?

Ich hatte ein paar Freunde gefragt, ob sie mitkommen wollen, erhielt aber nur Absagen. Grundsätzlich reise ich aber gerne alleine: man ist viel offener, wird öfter angesprochen, unerwartete Begegnungen und Gespräche mit Fremden entstehen – und genau das liebe ich am Reisen. Gerade im Iran wurde ich ständig eingeladen oder herumgeführt. Ich wohnte zum Teil tagelang bei unterschiedlichsten Menschen. Alleine war ich selten. 

Hattest du keine Bedenken, die Einladungen anzunehmen?

Als Deutsche ist es schon sehr ungewohnt, von wildfremden Menschen eingeladen zu werden. Natürlich habe ich mich jedes Mal gefragt, ob ich ein Angebot annehmen kann. Allein schon, weil das Höflichkeitssystem in Iran ein anderes ist. Und ich habe meinem Bauchgefühl vertraut. Bei vielen meiner Gastgeber hatte ich das Gefühl, dass sie sich sehr gefreut haben, mir ihr Land zu zeigen, sich auszutauschen und auf gegenseitiges Interesse zu stoßen. 

Dein Bild vom Iran – vor und nach der Reise – in ein paar Sätzen.

Obwohl ich mich vielmehr als jemals zuvor auf eine Reise vorbereitet habe, hatte ich bei Abflug immernoch keine wirkliche Vorstellung, was mich im Land erwartet. Ich hatte viele Fragen. Wie läuft das alleine als Frau? Wie sehr muss ich mich verschleiern? Darf ich mit fremden Männern auf der Straße sprechen? Bin ich sicher? Vor Ort habe ich dann viel beobachtet und mich treiben lassen. Ich war überwältigt, beinahe schon überrumpelt von der herzlichen Gastfreundschaft. Dass ich im Iran Freundschaften schließen werde, hatte ich auch nicht erwartet.

Das heißt, die Menschen waren die größte Überraschung?

Ja, die Offenheit der Leute mir gegenüber hat mich überrascht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Menschen, die in einem Überwachungsstaat leben, eine Fremde so aufnehmen. Und mit mir sogar über die Politik, das Sozialwesen oder die Wirtschaft in ihrem Land diskutieren. Hinter verschlossenen Türen, gelegentlich aber auch im öffentlichen Sammeltaxi. Mich hat zudem verwundert, wie gut viele Iraner Englisch sprechen und wie gut einige über Europa und auch Deutschland Bescheid wissen. Teilweise hat mich meine Ahnungslosigkeit fast beschämt: Die Iraner wussten so viel über uns – ich praktisch nichts über sie. 

Ateshkadeln – Feuertempel der Zoroastrier, Yazd.| Foto: Helena Henneken
Ateshkadeln – Feuertempel der Zoroastrier, Yazd.| Foto: Helena Henneken
Facebook, Satelliten TV – gibt es das im Iran?

Obwohl facebook und twitter offiziell gesperrt sind, finden die Menschen im Iran momentan Möglichkeiten, diese Verbote zu umgehen. Iranische Bekannte in Deutschland haben mir allerdings erklärt, dass es immer auf die politische Situation ankommt: Mal hält das Regime die Zügel lockerer, dann wieder straffer. Zur Zeit meiner Reise wurde ich oft gefragt: »Do you have a facebook ID?« Die verbotenen Satellitenschüsseln waren ebenfalls weitverbreitet – ich habe im Iran zum Beispiel Champions League Spiele des FC Bayern verfolgt. 

Bist du etwa Fußballfan?

Eigentlich nicht. Aber im Iran war das ein beliebtes Thema: Wenn ich erwähnte, dass ich aus Hamburg komme, wurde ich oft auf den Iraner Mehdi Mahdavikia angesprochen, von dem ich erst im Iran gelernt habe, dass er lange für den HSV gespielt hat. »Bayern Munich« stand ebenfalls hoch im Kurs. Und auch die deutschen Nationalspieler verschiedener Generationen sind beliebt und bekannt.

Dürfen Frauen im Iran eigentlich alleine reisen?

Einige Frauen haben mir berichtet, dass sie nur mit einem engen männlichen Verwandten, also Vater, Bruder oder Ehemann, reisen dürfen. Ich habe aber auch Frauen und Familien kennengelernt, bei denen das anders gehandhabt wurde, insbesondere in den größeren Städten. 

Hast du im Iran etwas fürs Leben gelernt?

Für mich gilt eine wichtige Regel des iranischen Höflichkeitssystems »Ta’arof« ab jetzt auf jeden Fall auch für mein Weltbild: Man sollte immer dreimal fragen. Die »menschliche Seite«, die ich vor Ort kennenlernen durfte, hat mein Bild, das ich vom Iran vor der Reise hatte, extrem gewandelt – da gibt es jetzt einen deutlichen Unterschied zwischen Regime und Menschen. Außerdem habe ich mir oft die Frage gestellt: Wie begegne ich, wie begegnen wir eigentlich Fremden in unserem Land? Wie steht es um unsere Willkommenskultur? 

Wurdest du mit Neid, auf dein westliches, freies Leben konfrontiert?

Es gab Frauen, die bedauerten, nicht so frei zu sein – nicht so wie ich reisen zu können. Einige, nicht besonders religiöse Frauen haben mir
auch zu verstehen gegeben, wie sehr es sie nervt, das Kopftuch tragen zu müssen. Sittenpolizei, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, das Nieder-
schlagen der »Grünen Revolution« vor 5 Jahren waren durchaus Themen, die immer wieder aufkamen. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass mir
persönlich deshalb mit Neid begegnet wurde. 

Wie ist der Titel deines Buches »They would rock« zu verstehen?

Eine 16-jährige Iranerin hat auf der Reise zu mir gesagt: »If my people lived in another country, they would rock!« Salopp übersetzt heißt das, dass die Iraner einiges reißen könnten, wenn sie in einem anderen System leben würden. Dieser Satz hat viele meiner Eindrücke irgendwie auf den Punkt gebracht. 

Dein eindrücklichstes Erlebnis im Iran?

Es gab nicht das eine Erlebnis. Die ganze Reise hat mich auf sehr unterschiedlichen Ebenen sehr berührt. Am Ende eines irgendwie verrückten und sehr lustigen Wandertags mit 40 Iranern in den kurdischen Bergen, habe ich es dann zum ersten Mal ausgesprochen: »Ich glaube, darüber muss ich ein Buch schreiben...!« Woraufhin ich von meinen iranischen Bekannten direkt angefeuert wurde: »Ja, schreib ein Buch!« Und damit begann dieses Herzensprojekt.

Wird Helena Henneken mit dem Buch im Gepäck wieder in den Iran fahren?

(Lacht) Dazu braucht es erst einmal eine englische Fassung. Aber ja, ich möchte sehr gerne wieder in den Iran reisen. Ich habe dort Freunde gefunden. Auch der Kulturschätze und der Landschaft wegen möchte ich gerne noch einmal hin. Der Iran ist ein wunderschönes Land.

 
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