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Grönland – 70 Tage kalte Füsse

Foto: Frank Polte
In einer Gegend, in der sich einzig Eisbär und Walross Gute Nacht sagen, paddelten drei junge Dresdener fast 1000 Kilometer durchs Eismeer. Mit an Bord je 70 Kilo Ausrüstung und die stete Angst, ob die Müsliriegel auch bis zum letzten Tag reichen. 4-Seasons wollte es genauer wissen...

Ist Grönland grün oder weiß?

Ca. 85% der Gesamtfläche Grönlands sind mit dem Inlandeis bedeckt. Nur die Küsten sind im Sommer schnee- und eisfrei. Von Anfang Juli bis Ende August erlebt Grönland einen kurzen, aber intensiven Sommer. Bei unserem Start in Scoresbysund am 19. Juni lag noch gut Schnee. Und nicht selten beginnt es Mitte September zu schneien.

 
Frank Polte, Jan Haink, Bernhard Schüttler und Interviewer Manuel Arnu. | Foto: Frank Polte

Warum ausgerechnet Grönland?

Die Idee entstand auf einer unserer zurückliegenden Berg-Expeditionen in Grönland. Die Faszination der unendlichen Weite, die extrem steile Küstenlinie und die ursprüngliche, gewaltige Natur waren die Auslöser. Uns reizte das Abenteuer. Wir wollten mit dem traditionellen Fortbewegungsmittel der Inuit, dem Kajak, vollkommen autark, also ohne fremde Hilfe, die Strecke zwischen den einzigen beiden Siedlungsgebieten an der unzugänglichen Ostküste zurücklegen.

 

Was gibt es außer Eis, Wasser und Felsen dort zu sehen?

Drei Paddler!

 
Schutz gegen Kälte, Sonne und Eisbären – sieht martialisch aus, ist aber in Grönland unverzichtbar. | Foto: Frank Polte

Eure Tour spielte sich in Ostgrönland ab. Was ist das Besondere an der Ostküste?

Die Ostküste heißt bei den Inuit »Tunu« – die Rückseite des Landes. Nahezu die gesamte Küste (ca. 3000 km) wird von einem steilen Gebirge gesäumt und ist offen zum Atlantik. Auf einem Großteil dieser Strecke erheben sich die Berge fast direkt aus dem Meer bis in 1000 Meter Höhe. Gewaltige Gletscher aus dem Inland kalben kilometerbreit direkt in das Meer. Im Gegensatz zur Westküste, die durch günstige Strömungen sehr lange Zeit im Jahr eisfrei ist, herrschen an der Ostküste häufig das ganze Jahr über sehr schwierige Eisbedingungen. Der Ostgrönlandstrom mit seinen gewaltigen Treibeismengen erlaubt nur wenige Wochen im Jahr Schifffahrt. Häufig öffnet sich das Packeis, welches sich im Winter fest mit dem Land verbindet, erst im August, nur um sich bereits Anfang Oktober wieder zu schließen. Auf Grund der großen Luftdruckunterschiede zwischen der Inlandeiskappe und dem Atlantik kommt es besonders im Herbst zu orkanartigen Stürmen. Somit ist es kaum verwunderlich, dass an der Ostküste nur etwa 3000 Einwohner leben. Diese verteilen sich auf die zwei Siedlungsgebiete um Ittoqqortoomiit (Scoresbysund) und Ammassalik. Zwischen beiden Siedlungsgebieten befinden sich keine weiteren ständig bewohnten Ortschaften.

 

Schifffahrt und Navigation im Polarmeer hat einen ganz speziellen Reiz - warum?

Die größte Tugend des Polarforschers ist die Geduld. Kaum eine Seefahrt der Geschichte dauerte länger als die Befahrungen der arktischen Gewässer. Gefragt nach ihrer geplanten Rückkehr, konnten die Polarbären allenfalls das Jahr voraussagen. Denn das Eismeer hat seine eigenen Gesetze. Glaubt man, das eine verstanden zu haben, wird man bald ein neues zu lernen gezwungen sein, welches das erste Gesetz allem Anschein nach wieder aushebelt. Mit einem Schiff steht man permanent vor mehreren Fragen: Wie nah komme ich meinem Ziel mit einem Kurs, der nahezu ausschließlich von ständig wechselnden Eissituationen bestimmt wird? Welche Gefahr birgt die Weiterfahrt? Kann ich hier an meiner jetzigen Position auf eine Besserung der Lage warten? Wie erreiche ich im dichten Eis eine günstigere, sichere Position? Wie lange kann ich vor dem jahreszeitlichen und versorgungstechnischen Hintergrund überhaupt warten? Die Verluste von Mensch und Material in den vergangenen Jahrhunderten zeigen, wie fatal die Konsequenz einer falschen Antwort sein kann. Die Fahrt, die eben noch hohe Entdeckerziele verfolgte, wird plötzlich zum Kampf um das bloße Überleben. Es klingt paradox, aber die Fortbewegung im Kajak ist in vielen Belangen sicherer. Man kann wesentlich kleinere Wasserflächen nutzen. Wird das Eis noch dichter, zieht man das Boot auf eine Scholle und wartet ab. Verdichtet sich das Eis weiter, geht man zum Laufen über und zieht das Boot wie einen Schlitten. »Schollenhopping« haben wir das genannt. Dennoch gibt es auch den Eisbrei aus Brocken und kleinen Schollen, der selbst den Kajakfahrer zum Stillstand zwingt. Ein Nachteil, der an dieser Stelle nicht verschwiegen werden darf: Der Paddler, mit plusminus 70 cm Sichthöhe ausgestattet, bemerkt diesen Zustand natürlich erst, wenn er mittendrin steckt.

 

Wie lange habt ihr euch auf den Trip vorbereitet?

Die Vorbereitungszeit umfasste zwei Jahre. Neben den Vorbereitungen in Sachen Material und Paddeltechnik stellte sich die Beschaffung detaillierter Informationen und entsprechender Karten als sehr schwierig heraus. Da unsere Expedition im Juni starten sollte, das erste Versorgungsschiff aber auf Grund der Eislage den geplanten »Einstieg« in Scoresbysund frühestens Ende Juli erreicht, mussten wir den Großteil unserer Ausrüstung (Boote, Verpflegung) bereits ein Jahr zuvor verschiffen.

 
Unglück im Glück. Nur selten ist das Wetter derart trist, meist sorgt stabiler Hochdruck für gute Laune und beste Sicht. | Foto: Frank Polte

Wie sah die Vorbereitung genau aus?

Das klingt jetzt wie ein Praktikum bei der Stadtverwaltung, aber es war tatsächlich so: Zuerst haben wir einen Ordner angelegt! Der Inhalt des Ordners spiegelte ziemlich originalgetreu den Stand der Vorbereitungen wider. Er enthielt Aufgabenübersichten, Ausrüstungslisten und die Korrespondenz. Wir trafen uns in unregelmäßigen Abständen und verteilten die anstehenden Aufgaben. Es liegt in der Natur der Sache, dass zwei erledigte Aufgaben mindestens eine neue nach sich ziehen. Einmal wöchentlich trafen wir uns zu Rettungsübungen und zum Eskimotiertraining. Im Sommer 2000, bevor die Boote verschickt wurden, bastelten wir eigentlich ständig an Verbesserungen: Rundumleine, Ersatzpaddelhalterung, Knierohr, Stauraumbegrenzer, zusätzliche Befestigungspunkte am Oberdeck, Cockpit-Isolierung, gleitfähige PE-Folie für das Ziehen der Kajaks übers Eis. An der körperlichen Fitness arbeitete jeder für sich. Ohne eine gewisse Grundkondition wäre unsere Tour allerdings nie über die Träumerei hinausgekommen. Neben ganz gewöhnlichen Paddeltouren gab es auch Themenausflüge. Zum Beispiel mit vollbeladenen Booten und Trockennahrung um die Insel Rügen, das Eisbrechertraining in den schwedischen Schären oder unser spektakulärer Auftritt mit dem rutschoptimierten Kajak an der Langlaufloipe im Isergebirge.

 

Seid ihr richtige Paddler, oder war das Kajak nur Mittel zum Zweck?

Klar sind wir richtige Paddler. Aus dem gelegentlichen Wanderpaddeln in unserer Kindheit sind in den letzten Jahren immer anspruchsvollere Kajaktouren geworden. Alljährliche Ostseekajaktouren unter herbst- und winterlichen Bedingungen waren ein hervorragendes Training. Mit Grönland als Traumziel im Kopf haben wir uns in den letzten Jahren besonders beim Thema Sicherheit viel dazu erarbeitet.

 

Hattet ihr Erfahrung mit Eis im Wasser?

Bis zum Anfang unserer konkreten Vorbereitung hielten sich unsere Erfahrungen in Grenzen. Diesbezüglich hatten wir das Glück, auf gute Informationen zurückgreifen zu können. Arved Fuchs, der mit seinem Schiff einst in Scoresbysund überwinterte, gab spezielle Auskünfte über das Gebiet, in dem unsere Tour beginnen sollte. Allgemeinere, aber nicht weniger wichtige Hinweise bekamen wir von Hans Memminger, der in mehreren Etappen ab 1989 die Nordwest-Passage gepaddelt war, und einer Freisinger Expedition, die das gleiche Ziel schon drei Jahre zuvor in Angriff genommen hatte. Ganz wichtige Erfahrungen mit dem Eis und unserem Material sammelten wir bei unserer Tour in den winterlichen schwedischen Schären. Dort erlebten wir innerhalb einer Woche die Phase vom geschlossenem Eis bis hin zum Aufbrechen des Eises. Also nahezu ideale Trainingsbedingungen für Schollenspringen, mit dem Kajak im dichtesten Eis paddeln und  Lagerleben auf dem Eis.

 
Trautes Heim: Das Zelt ist Küche, Aufenthaltsraum und Schlafstätte. | Foto: Frank Polte

Ihr hattet Ausrüstung plus Verpflegung für 70 Tage im Kajak. Wie war das möglich?

Ganz am Anfang stand natürlich die Frage, ob es überhaupt möglich ist. Also begann unsere Grönlandvorbereitung auf dem Baggersee mit dem Versuch, wieviel Kilogramm Kies man in ein Kajak laden kann, damit es noch über Wasser schwimmt – und ob es überhaupt möglich ist, ein so schwer beladenes Boot über Land zu ziehen. Aus der bereits vorhandenen Erfahrung konnten wir schließlich ausrechnen, was da so an Ausrüstung und vor allem an Essen und Brennstoff zusammen kommt.

 

Ganz grob, wie sah eure Ausrüstungsliste aus?

Die Kajaks waren bei Prijon gebaut und von uns getuned, eine PE-Folie diente als Gleitunterlage beim Ziehen. Gesamtgewicht pro Boot am Start der Tour ca. 120 kg, davon 60 kg Essen und  10 kg Brennstoff. Am Körper trugen wir atmungsaktive Trockenanzüge (absolut wasserdichte Paddelanzüge, bei einer Wassertemperatur von 0°C schlicht überlebenswichtig), Fleeceunterbekleidung, Paddelpfötchen und normale Funktionsbekleidung beim Laufen und im Lager. Ein sturmstabiles, geräumiges Zelt war unser Unterschlupf, dazu Kunstfaserschlafsäcke und Isomatten. Fürs Essen hatten wir einen Benzinkocher und 32 Liter Benzin, mit dem wir 180 kg Expeditionsnahrung der Firma Schultheiß, Gefriergetrocknetes, Pemmikan und Peronin auf Temperatur brachten. Ohne Peronin, eine spezielle Pulvernahrung mit ca. einem Drittel weniger Gewicht und Volumen als normale Trockennahrung, wäre die Tour kaum möglich gewesen. Für Navigation und Sicherheit vertrauten wir auf ein GPS, den PLB-Notsender, eine Pumpgun und unsere Eisbärwarnanlage.

 

Kann jeder in Grönland paddeln?

Der Küstenabschnitt, den wir zurückgelegt haben, ist wahrscheinlich einer der rauesten Grönlands. Eine intensive Vorbereitung, Erfahrung und viel Glück bei der Realisierung sind da schon notwendig. Es gibt aber gerade im Umfeld von Ammassalik und vor allem an der gemäßigten Westküste (Stichwort Diskobucht) wunderschöne Kajakreviere, die wesentlich weniger Vorbereitung erfordern.

 

Wann ist eure Entscheidung gefallen, loszupaddeln?

Wir hatten uns bis zum letzten Tag die Möglichkeit offen gehalten, unseren Abflug noch zu verschieben oder doch lieber in Mecklenburg paddeln zu gehen. Und schon in der Vorbereitungszeit war uns klar geworden, dass eine endgültige Entscheidung nur vor Ort gefällt werden kann.

 
Wer sein Boot liebt, der zieht: Packeispassagen zwingen zum Wandern. | Foto: Frank Polte

Wie orientiert man sich unterwegs? 

Bei Landsicht haben wir mit Karte, Kompass und GPS hantiert, an nebeligen Tagen nutzten wir den so genannten »Wasserhimmel«, um die offenen Wasserrinnen zu finden. Das dunkle Meer reflektiert am Nebelhimmel deutlich dunkler als das Eis. Unsere Lagerpositionen, besonders die auf den treibenden Eisschollen, haben wir mit dem GPS ermittelt, um die Abdrift, vielmals auch die Zurückdrift – die ganz besonders bitter war –, jederzeit genau bestimmen zu können.

 

Wie sah ein normaler Tag für euch aus?

Nach siebeneinhalb Stunden Schlaf wach werden. Im Zelt Tee kochen, die Morgenmahlzeit bereiten, in die Sonne blinzeln. Trotz Routine wieder erst nach zwei Stunden das Boot an die Eiskante ziehen. Auf dem Weg durch das Eis nach Möglichkeit Aussichts-Eisberge ansteuern und besteigen. Nach etwa vier Stunden eine Mittagspause mit Tee vom Morgen und Peronin-Cocktail aus der Flasche einlegen. Weitere vier Stunden gen Südosten fahren. Eine große Scholle für die Nacht suchen und anlegen. Das Lager aufbauen, Essen kochen. Position nehmen, Tagebuch schreiben. Die kalten Füße in den Schlaf massieren.

 

Wie sah ein unnormaler Tag aus?

Nach siebeneinhalb Stunden Schlaf wach werden. Im Zelt Tee kochen, die Morgenmahlzeit bereiten, missmutig die graue, nieselnde Käseglocke anknurren, die über dem Zelt aufgehängt ist. Vier Stunden später, nach genauer Abschätzung der Vor- und Nachteile dieser Situation, das Boot an die Eiskante ziehen und dabei akzeptieren, dass die Käseglocke etwas größer ist, verständlicherweise keine Aussichtseisberge ansteuern. Nach etwa drei Stunden eine Mittagspause mit Tee vom Morgen und Mousse au Chocolat einlegen, eine GPS-Messung machen, um sicherzugehen, dass der gelegentlich auftauchende Schatten die 600 Meter hohe Küste ist, fröstelnd und mit klammen Fingern wieder einsteigen. Weitere vier Stunden gen Südosten fahren. Eine große Scholle für die Nacht suchen, anlegen. Das Lager aufbauen, Essen kochen. Position nehmen, Tagebuch schreiben. Die kalten Füße in den Schlaf massieren.

 
Effektive Fingerübung gegen Lagerkoller. | Foto: Frank Polte

Wo schläft man nach einem harten Tag auf dem Wasser?

Unsere anfänglichen Bedenken, dass es auf Grund der steilen Küste häufig schwierig werden würde, einen Anlande- bzw. Lagerplatz zu finden, wurden schnell zerstreut. Das zugefrorene Meer, das noch sicher mit dem Festland verbunden war (Festeis), stellte sich für die erste Hälfte unserer Tour als unkomplizierter und sicherer Lagerplatz heraus. Als das Festeis für uns nicht mehr erreichbar war, sind wir auf Treibeisschollen umgezogen. Dabei war entscheidend, dass diese möglichst groß waren und »Wasseranschluss«, also eine Trinkwasserpfütze, hatten. Zum Ende der Tour hin boten sich dann auch solide Festlandsplätze in wunderschönen Buchten an. Es war schon ein besonderer Moment, als wir nach fünfundvierzig Tagen unsere Füße das erste Mal wieder auf Moos setzen durften und ein Bächlein an unserem Zelt vorbeifloss.

 

Die Titanic ist an einem Eisberg zugrunde gegangen – ein Problem auch für euch?

Höchstens die letzte Verfilmung. Wenn SIE den Streifen sehen wollte, ER aber nicht, war die Krise vorprogrammiert. Wie für Beziehungen gilt auch für Eisberge: Die frischen sind rasant, haben scharfe Kanten und zeigen abenteuerlichste Konstruktionen. Hütet euch! Die älteren sind abgeschliffen vom Wind, rund, gemütlicher, zuverlässiger. Wenn Sie eingefroren sind, passiert überhaupt nichts mehr.

 

Was stellte sich als größtes Problem auf der Reise heraus?

Es war schwer mit dem permanenten Entscheidungsdruck umzugehen. Wurden die Verhältnisse schwieriger, gab es plötzlich wieder alle vier Grundrichtungen: vor, links, rechts, zurück. Die Strecke, die wir einsehen konnten, war im Regelfall in einer halben Stunde bewältigt, in jede Richtung. Danach konnte es noch einfacher werden oder schwieriger. Dann gab es wieder vier Richtungen. Auf diese Art haben wir zum Beispiel ein 100 km langes Treibeisfeld durchquert. Dabei muss man sich auf die gesammelten Erfahrungen und seinen Instinkt verlassen. Das ist schwer genug, aber dafür sind es auch drei Erfahrungsmengen, drei Instinkte...

 

War das rege Tierleben Grönlands Schönheit oder Gefahr?

Schönheit, unumstritten. Narwale scheinen keine rechte Notiz zu nehmen und ziehen majestätisch ihre Bahn. Viel Spaß hatten wir mit dem unbeholfenen Sökong-Vogel, der sich bei jeder Wasserlandung überschlägt. Gefährlich sind nur das Walross und der Eisbär, in dieser Reihenfolge. Das Walross greift im Wasser an. Es gibt keine überzeugende Verteidigungsmöglichkeit. Der Angriff erfolgt durch Rammen des Bootes von unten. Man müsste also durch das Boot schießen. Selbst wenn man diesen Unsinn erwägt, stehen die Chancen schlecht. Das Geschoß würde wahrscheinlich in der starken Schädelplatte steckenbleiben und das Walross kaum beruhigen. Das beste Rezept ist, sich prinzipiell fernzuhalten und in einer Gruppe eng beieinander zu paddeln. Ein Jäger gab uns den Tipp, im Falle eines Angriffs einen metallischen Gegenstand ins Wasser zu halten. Wer das erfolgreich probiert hat, möge uns bitte Nachricht geben. Der Eisbär greift auf dem Eis oder auf dem Land an. Eine Situation, die für uns Menschen kalkulierbarer ist, sofern man bewaffnet ist.

 

Wie habt ihr euch gegen Eisbären geschützt?

Das Lager wurde begrenzt von einer Eisbärenwarnanlage. Sie bestand aus vier Eckstäben, deren Fundamente die Benzinkanister waren. Als Zaun diente eine dünne Schnur, die im Falle des Durchschreitens einen Stromkreis unterbrochen hätte, der wiederum an zwei einfache Alarmsignale im Zelt angeschlossen war. Die Boote lagen in U-Form um das Zelt. Das diente nicht nur der Abspannung, sondern sollte auch den neugierigen Eisbären einen Moment aufhalten. Bis wir eben mit Geschrei, Signalraketen und unserem Flintenargument die Neugier zügeln können.

 

Welche Chancen hat ein Großstädter gegen einen grönländischen Eisbär?

Im fairen Faustkampf eigentlich keine, es sei denn, der Großstädter erinnert sich im rechten Augenblick daran, dass fast alle Eisbären Linksausleger sind. Kommt es zum Zusammentreffen, sollte Besonnenheit das Handeln bestimmen. Schlägt die Besonnenheit allerdings fehl, sollte besser die geladene Waffe parat liegen.  

 

Seid ihr mal krank geworden?

Die Bedingungen waren oft genug danach, aber das Fehlen der verantwortlichen Krankheitserreger verhinderte, daß die Kogge der Gesundheit auf dem Riff der Bakterien zerschellen konnte.

 

Was war euer schönstes Erlebnis?

Unerlaubte Frage nach einer solchen Tour. Es sind einfach zu viele.

 
Gefährlich sind Walross und Eisbär, in dieser Reihenfolge. | Foto: Frank Polt

Dann das schlimmste Erlebnis?

Fast unerlaubt, aber zwei können wir wohl benennen. Es gab am dritten Tag einen Walrossangriff auf Baddes Boot. Wir hatten zu viele schlechte Geschichten gehört, um an einen guten Ausgang zu glauben. Wir bekamen das Boot mit der Kraft des Schreckens auf das Eis und das Walross verschwand. Offensichtlich war es nur zu eng in der schmalen Eisrinne oder das Walross war einfach neugierig. Wir haben gelernt, dass es auch Scheinangriffe gibt. Schlimm war dann auch noch, dass wir die Lektion »Bei starken gegenläufigen Strömungen paddelt man nicht im Eis« in zwei sehr aufregenden Minuten lernen mussten, in denen mehrfach die Möglichkeit bestand, zwischen hochrandige Schollen gepresst oder darunter gespült zu werden.

 

Hattet ihr oft kalte Füsse?

Doch, wir hatten erhebliche Probleme mit der Durchblutung der Füße. Das lag mit Sicherheit auch an unserem Bekleidungskonzept. Für die verschiedenen Ansprüche, und daran glauben wir immer noch, liegt unser Konzept dennoch nah am Optimum. Der Trockenanzug mit den Manschetten und die Latexsocken schnüren am Knöchel ab. Der zwar bequeme, aber durch Laufen im Schnee oder Eintauchen ins Wasser ständig nasse Trekkingschuh kühlt gut nach. Die Alternative heißt: Für jede Fortbewegung extra Fußbekleidung. Aber dafür hatten wir keinen Platz. Und auch ein Trockenanzug mit integrierten weiten Füßlingen macht bei kilometerlangen Fußmärschen schnell schlapp.

 
Wenn das Eis zum Paddeln zu dick wird, aber noch nicht trägt, ist »Schollenhopping« angesagt. | Foto: Frank Polte

70 Tage in einem Boot. Stärkt das eine Gruppe oder zermürbt das?

Hier ist der Vergleich der Beziehung angebracht. Hat man keinen Rückzugsbereich, können Missverständnisse ausufern, Konflikte eskalieren. Es gab für uns keine Möglichkeit, einander aus dem Weg zu gehen. Das gewünschte Maß an Sicherheit konnten wir nur zu dritt gewährleisten. Darum war es doppelt wichtig, Grundsatz eins zu berücksichtigen: Wir haben ein gemeinsames Ziel.

 

 

Wie teuer ist euch der Trip gekommen?

Inklusive der Vorbereitungen wohl etwas mehr als 25.000 Euro.

 

Nach über acht Wochen Einsamkeit wieder zurück in der Zivilisation, ist das eine eigenartige Erfahrung?

In Island hatte unser Flieger drei Stunden Verspätung. Dabei mussten wir feststellen, dass man dort zwar stundenlang auf dem Boden sitzen und an die Decke starren kann, nicht aber nach unserem gewohnten Rhythmus »ich schlafe wo ich liege« verfahren darf. Wirklich unfassbar war dann aber die Landung um 9 Uhr in Berlin-Tegel und die Fahrt durch die Stadt bei fast 30 Grad und geschätzt 30 Millionen Menschen. Da wir aber nicht an der Ostküste Grönlands aufgewachsen sind, relativiert sich alles schnell wieder.

 

Wer ein wenig mehr paddeltechnische Einblicke auf der größten Insel der Welt haben will, findet bei den Kollegen des KANUmagazins eine Traumtour-Beschreibung.