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Grönland 1970: Globetrotter-Gründer Peter Lechhart auf Eis

Foto: Archiv Peter Lechhart
Vor 40 Jahren hat Peter Lechhart – Bergführer, Hochseesegler und Gründer von Globetrotter – Grönland durchquert. 4-Seasons sprach mit ihm über die spektakuläre Expedition, die Outdoor-Ausrüstung der Siebzigerjahre und einen Segelschüler namens Arved Fuchs. Als Online-Extra gibt's das Booklet zur Expedition zum Download (siehe rechts).

4-Seasons: 1888 hat Fridtjof Nansen erstmals Grönland durchquert – ein Meilenstein der Expeditionsgeschichte. 1970 wagte sich dann dein Team an die Route. Wie viele Versuche gab es dazwischen?

Peter Lechhart: Wir waren das vierte Team, das es ohne Hunde und sonstige Unterstützung schaffte. Vor uns gab es eine schweizerische Expedition und eine britische, bei der auch eine Frau dabei war. Mit Hundeschlitten hat es mehrere Durchquerungen gegeben.  

 

Seid ihr der historischen Route von Fridtjof Nansen exakt gefolgt?

Ja, allerdings in umgekehrter Richtung. Nansen startete in Ostgrönland, weil er sich dort von Robbenfängern absetzen lassen konnte. Wir durften auf einem Schutzboot der deutschen Fischfangflotte kostenlos bis Westgrönland mitfahren. Mitte Mai war das recht stürmisch und wir wurden ordentlich seekrank. Die Tour startete in der Hauptstadt Godthab und führte erst einmal 40 Kilometer über eisfreies, wegloses Gebiet, das mit Moränen, Canyons und Seen durchsetzt war. Die Schlitten konnten wir nicht einsetzen und mussten die Strecke sechsmal bewältigen, bis wir endlich unser ganzes Material am Rand des Inlandeises hatten.

 

Mit auf Tour war auch das erste freistehende Zelt, ein US-Import. | Foto: Archiv Peter Lechhart

Wart ihr die ersten Deutschen dort?

Auf dieser Route schon. Natürlich war vor uns Alfred Wegener mehrfach auf Grönland. Anfang des 20. Jahrhunderts hat er als Entdecker und Forscher viele Pioniertaten in der Arktis vollbracht. Das waren wirklich abenteuerliche Zeiten – erfrorene Zehen wurden da schon mal mit Beißzange und Taschenmesser amputiert. Im Winter 1930/31 starb Wegener auf Grönland, vermutlich ganz banal an einer Kohlenmonoxidvergiftung, weil er beim Kochen das Zelt nicht geöffnet hatte. Was für eine Ironie der Geschichte …

 

Du bist in Bayern aufgewachsen und gelernter Berg- und Skiführer. Wie kommt ein Oberstdorfer Alpinist auf die Idee, Grönland zu durchqueren?

Tatsächlich durch die Skilehrer-Prüfung. Für einen Aufsatz über die Geschichte des Skilaufs empfahl man uns die Lektüre von Fridtjof Nansens Buch »Auf Schneeschuhen durch Grönland« von 1890 – mit Schneeschuhen waren damals Ski gemeint. Das Buch war seinerzeit ein Bestseller und nebenbei der Auslöser für den weltweiten Boom des Skisports. Mich hat das völlig fasziniert. Später lebte ich als Dokumentarfilmer in Hamburg – und es entstand der Plan, Nansens Tour nachzuvollziehen und darüber einen Film zu drehen.

 

Wer gehörte zum Expeditionsteam?

Ursprünglich waren wir zu fünft: Michel Dacher und Franz Martin, die beiden waren sehr gute und bekannte Bergsteiger. Dann mein Schwager Günther Bock, der für die Navigation und den Funk zuständig war. Und Albin Zeitler, ein Verhaltensforscher. Albin hatte leider gleich am ersten Tag einen Unfall. An der Felsküste mussten wir 600 Kilo Ausrüstung vom Boot an Land wuchten, dabei verdrehte er sich den Fuß in einer Felsspalte. Eine Tonne mit Equipment stürzte ins Meer und ging unter. Alwin konnte nicht mehr laufen und musste mit dem Boot zurückfahren. Da waren wir nur noch vier.

 

Ergaben sich durch den Ausfall Probleme?

Wir hatten zwei Schlitten, die je zwei Mann ziehen sollten. Der Fünfte sollte Freiheit zum Filmen haben. Insofern konnten wir starten. Unterwegs haben wir dann festgestellt, dass es besser funktioniert, wenn alle zusammen einen Schlitten ziehen. Also wurde umgeladen und ein Schlitten auf den anderen gepackt. Wir kamen auch zu viert zurecht.

 

Selbstbau: der Schlitten mit Kanu-Funktion. | Zeichnung: Archiv Peter Lechhart

1970 gab es noch kein GPS. Wie habt ihr denn auf dem Eis navigiert?

Wie Seeleute – mit einem Sextanten. Das ist gar nicht so einfach. In der Eiswüste sieht der Horizont manchmal waagrecht aus, ist es aber nicht. Eine plan geschliffene Schwarzglasplatte, ausgerichtet per Wasserwaage, diente als künstlicher Horizont. In der Platte spiegelt sich die Sonne, dann wird mit dem Sextanten der Winkel zwischen Sonne und Spiegelbild gemessen und halbiert. Man muss präzise arbeiten, einen Gegencheck oder Hilfe von außen gab es nicht. Weil das Vorschrift war, hatten wir ein riesiges Funkgerät dabei – größer als ein Kasten Bier und mit einer Kurbel zur Stromerzeugung – aber auf unsere Funksprüche kam nie eine Antwort.

 

Wie sah der Tagesablauf auf dem Eis aus?

Das war eher ein Nachtablauf. Durch die Sonneneinstrahlung wurde der Schnee sehr weich. Deshalb schliefen wir meist am Tag und liefen in der Nacht. Unsere Vorgabe waren zwölf Stunden Marschzeit. Einmal wollte ich früher aufhören, weil die Morgensonne schon den Schnee aufweichte, aber Franz Martin, der im Hauptberuf Landwirt war, drängte weiter: »Ich muss heim zum Heu machen – da kommt‘s auf jede Stunde an!« Wir machten also die zwölf Stunden voll. Insgesamt waren wir sehr diszipliniert.

 

Ist das Inlandeis ein schwieriges Gelände?

Der Einstieg ist schwierig. Erst geht es riesige Gletscherströme hinauf, am Übergang zum eigentliche-n Inlandeis warten dann gewaltige Spaltenzonen. Besonders bei schlechter Sicht war es da sehr gefährlich, wir mussten oft große Umwege in Kauf nehmen. Nachdem die Spalten überwunden sind, bildet das Inlandeis langgezogene Wellen: drei Kilometer bergauf, fünf Kilometer gerade, dann wieder bergauf. Teilweise ist das Eis eben, aber oft kommen weite Felder mit 30 Zentimeter hohen Windgangeln – wie ein kleiner Ozean mit Wellen und extrem anstrengend zu durchqueren. Das geht so dahin bis auf 2800 Meter Meereshöhe. Auf der Hochebene stand einsam eine amerikanische Frühwarnstation – da haben wir uns zum Kaffee eingeladen.

 

Wussten die Amerikaner, dass ihr kommt?

Nein, das Frühwarnsystem war wohl eher für russische Atomraketen gedacht als für Eiswanderer. Der Kommandant erzählte uns, er habe durchs Fenster plötzlich ein paar schwarze Punkte im Eis gesehen. Erst kam ein Raupenfahrzeug. Man überprüfte, ob wir Terroristen sind. Dann wurden wir sehr nett eingeladen: eine Übernachtung inklusive Dusche, gutem Essen und Bier.

 

Ihr wart über 40 Tage unterwegs. War der Abstieg zur Küste weniger schwierig als der Aufstieg?

Das hatten wir gehofft. Aber der Schnee wurde immer weicher und wir mussten den Schlitten sogar bergab ziehen, eine elende Schinderei. Nur die allerletzten Kilometer auf Blankeis konnten wir endlich mal richtig Schlitten fahren. Dabei entstanden auch tolle Filmaufnahmen.

 

Neun Jahre später hast du mit Klaus Denart zusammen Globetrotter gegründet, um die Expeditionsszene mit Ausrüstung zu versorgen. Wie sah denn das Equipment für Grönland aus?

Verglichen mit heutiger Ausrüstung war das teilweise sehr bescheiden. Wir hatten Überhosen und knielange Anoraks aus billigem, beschichtetem Nylon – alles andere als atmungsaktiv. Dazu immerhin Daunenjacken. Ich hatte noch eine Hose aus Walliser Loden, die anderen trugen normale Kniebundhosen. Teilweise gab es auch schon Spezialausrüstung. Von Lowa hatten mein Schwager und ich den »Hiebeler Triplex« bekommen, einen Dreifachschuh, den Toni Hiebeler entwickelt hatte: außen ein dicker Stiefel aus Leder und Holz, in der Mitte ein Leder-Innenschuh, wie man ihn auch heute noch benutzt, ganz innen dann ein Filzschuh. Der Triplex war klobig und schwer, aber für die damalige Zeit schon ziemlich gut. An den Händen trugen wir Walkhandschuhe und mit Kunstfaser gefütterte Fäustlinge von Salewa, die bis hoch zum Ellbogen gingen. Am Kopf Fellmützen und normale Gletscherbrillen. Richtig gefroren haben wir selten, aber deutlich mehr geschleppt, als eine vergleichbare Expedition es heutzutage müsste.

 

Hast du später nicht oft gedacht, dass die Expedition mit modernem Material weniger anstrengend gewesen wäre?

Manchmal. Aber dem trauert man nicht nach, wir haben es ja auch so geschafft. Außerdem hatten wir ja das Modernste, was es damals gab. Einiges ist heute noch erstklassig: Weil wir bei der Navigation auf extrem genaue Uhren angewiesen waren, hat uns Rolex welche gestiftet, mit Gravur hintendrauf. Die Uhr trage ich heute noch tagtäglich – und bis heute weicht sie höchstens drei Sekunden pro Tag ab. Und unsere Schlafsäcke – Sonderanfertigungen von Salewa – könnte man heute noch hernehmen, auch wenn sie ein bisschen schwerer sind.

 

Gelaufen seid ihr auf Ski?

Ein Schreiner aus Hindelang hatte die ersten »No-Wax-Ski« entwickelt: 1,70 Meter lange Holzski mit schmalen Streifen aus Seehundfell auf der Lauffläche. Nach einem Drittel der Tour waren die schmalen Felle allerdings aufgearbeitet. Die meisten der richtigen Felle waren in der Tonne, die am ersten Tag ins Meer gefallen war, wir mussten also mit den Ski klarkommen und die restlichen Felle durchtauschen. Optimal war das nicht. Aber Nansen hatte auch keine Felle – da muss man halt im Grätschschritt laufen.

 

Der Schlitten kann sogar segeln. | Foto: Archiv Peter Lechhart

Woher hattet ihr eure Zugschlitten?

Da gab es nichts Brauchbares, also haben wir sie selbst gebaut. Vier Meter lang, mit viel Platz fürs gesamte Gepäck und wasserdichten Stauräumen für die wichtigen Dinge. Weil wir am Schluss der Tour fünf Kilometer übers Meer mussten, konnte man die Schlitten sogar zu Kanus umfunktionieren. Die Paddelei war dann aber gar nicht nötig. Als wir ans Wasser kamen, tuckerte zwischen den Eisbergen ein roter Fischkutter herum. Die Besatzung war genauso überrascht wie wir. Es stellte sich heraus, dass der Kutter zu einer einsamen Radarstation gehörte und ausgerechnet an diesem Tag unterwegs war, um Schwemmsand für Reparaturarbeiten zu besorgen. Der Chef der Station nahm uns mit. Er wohnte mit seiner Frau in einem schönen dänischen Häuschen, wir durften bei ihm schlafen. Am nächsten Morgen gab es zum Frühstück dänisches Weißbrot mit Butter und Marmelade. Eigentlich esse ich ein Stück Brot zum Frühstück. An diesem Morgen habe ich 24 Stück gegessen – und nur aus Höflichkeit aufgehört.

 

Wie kamt ihr wieder nach Hause?

Der Kutter brachte uns bis in den Ort Angmagssalik. Dort haben wir ein paar Tage gezeltet, bis sich eine Gelegenheit bot, wegzukommen. Zufällig war auch die dänische Königin mit Gefolge zu Besuch, aber bei der durften wir leider nicht mitfliegen. Stattdessen bestellten wir ein Lufttaxi aus Island, immerhin gute 1000 Kilometer entfernt. Gegen Abend landete eine Einpropeller-Maschine. Der Pilot trug Anzug und Halbschuhe. Von Island ging es nach Luxemburg, von dort mit dem Zug nach Hause.

 

Heutzutage sind derartige Expeditionen nur mit Unterstützung von Sponsoren möglich. War das 1970 auch so?

Es gab keinen Hauptsponsor, der alles finanzierte, aber kleinere Spenden und Material. Gekostet hat die Tour rund 30 000 Mark, fast ein Drittel davon kosteten allein die Versicherungen. Den Löwenanteil der Finanzierung machte der Filmauftrag des Bayerischen Rundfunks aus, daneben konnten wir einige Fotos und Artikel verkaufen. Auch durch eine Grußkarten-Aktion kam etwas herein. Manches war damals auch billiger, das Lufttaxi aus Island kostete nur 200 Dollar, das wäre heute unvorstellbar.  

 

Haben es heutige Expeditionen leichter?

Ein bisschen vielleicht, wegen der Ausrüstung und der Kommunikationsmöglichkeiten. Aber auch wenn er via Wetterbericht angekündigt wird, bleibt ein Schneesturm immer ein Schneesturm. Einfacher wird es natürlich bei entsprechender Unterstützung von außen: Ein paar norwegische Weltklasse-Langläufer haben die Nansen-Route einmal in acht Tagen gemacht – die wurden mit dem Hubschrauber direkt hoch aufs Eis geflogen und unterwegs aus der Luft überwacht.

 

Hast du später noch weitere Arktistouren unternommen?

Auf Grönland war ich noch einmal für Filmarbeiten über die Kultur der Wikinger, aber das war keine Expedition. 1992 kam dafür ein ganzer Sommer in der Arktis, als Crewmitglied auf dem Segelschiff von Arved Fuchs.

 

Arved Fuchs sagt über dich, du seist sein Mentor und Trainer gewesen …  

So ein bisschen. Vor seiner allerersten Arktisexpedition – er wollte natürlich gleich allein zum Nordpol – hat sich Arved etwas naiv an Rüdiger Nehberg gewandt: Er brauche Survival-Tricks fürs Eis. Rüdiger hat ihn dann an mich verwiesen. Dann sind wir zu dritt nach Chamonix gefahren und haben einen Eis-Crashkurs absolviert: Eisklettertraining, Spaltenbergung, Anseilen, Umgang mit Eispickeln und Steigeisen sowie Zelten im Schnee. Später habe ich Arved das richtige Bergsteigen und das Segeln beigebracht.

 

Ein Segelkurs für Arved Fuchs? Wie es sich gehört im »Optimist«?

Nein, Arveds erster Törn war gleich eine Atlantiküberquerung. Das war 1981, Globetrotter lief bereits gut, Klaus Denart und ich wechselten uns im Laden immer ab, damit der andere reisen konnte. Ich wollte ein Segelboot von Kanada nach Europa überführen. Die Crew bestand aus meiner Frau, unserem damals 15-jährigen Sohn, meinem Oberstdorfer Freund Andi Heckmair und Wig Morasch, einem unterschenkelamputierten Extremsportler. Arved kam gerade aus der Arktis nach Kanada zurück – da haben wir ihn natürlich gefragt, ob er mitsegeln wolle. Er wollte.

 

Später ist Arved mit eigenem Schiff durch die Nordwestpassage gesegelt. Wie hat er sich denn beim ersten Mal angestellt?

Sehr gut. Vor der Abreise musste noch einiges organisiert und repariert werden, da hat er fleißig mitgeholfen – auch daran erkennt man einen fähigen Seemann. An Bord ist Arved immer barfuß in seiner Helly-Hansen-Regenjacke herumgewuselt und in den elf Wochen Überfahrt nicht einmal seekrank geworden. Er hat mich damals schwer beeindruckt. Andererseits hatte er aus der Arktis ein Eisbärfell mitgebracht, das so unglaublich stank, dass Arved damit im Vorschiff wohnen musste.

 

Wir sitzen hier fürs Interview vor einem alten Allgäuer Bauernhaus, in dem du den Sommer verbringst. Schränke voller Outdoor-Ausrüstung sieht man keine. Brauchst du das alles nicht mehr?

In den Bergen unterwegs bin ich fast jeden Tag. Die Sachen, die ich dabei anhabe, sind teilweise über 20 Jahre alt. Ich werde immer wieder mal gefragt, warum ich denn so altes Zeugs trage, wo ich doch früher mein Geld mit Ausrüstung verdient habe. Aber ich kann einfach nichts wegwerfen, solange es nicht kaputt ist. Man lernt mit den Jahren, was man wirklich will. GPS zum Beispiel schätze ich auf dem Meer. Also gibt's auf dem Boot GPS. Aber hier daheim in den Bergen will ich eine Karte in der Hand halten. Mehr nicht.

 

4-Seasons Info

Peter Lechhart...

Peter Lechhart… hat die Globetrotter-Personalnummer 001. 1941 in Oberstdorf geboren, ist er ausgebildeter Kfz-Mechaniker und staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. In den 60ern und 70ern drehte er mehrere Dokumentarfilme. Nach intensiven Jahren in den Alpen zog er nach Hamburg, wo er 1974 zusammen mit Klaus Denart »Norddeutschlands erstes Spezialgeschäft für Expeditionen, Safaris, Survival und Trekking« gründete: Globetrotter Ausrüstung. In Hamburg begann mit dem Selbstbau einer Jolle auch Peters Segelleidenschaft. 2004 zog sich Peter Lechhart als Globetrotter-Geschäftsführer zurück und lebt seither abwechselnd in Hamburg und Oberstdorf.