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Great Ocean Road: Die Spur der Glücksritter

Manchmal kann der berühmt-­berüchtigte Bells Beach einfach auch ganz friedlich sein. | Foto: Tourism Victoria
Manchmal kann der berühmt-­berüchtigte Bells Beach einfach auch ganz friedlich sein. | Foto: Tourism Victoria
An der Südküste von Victoria windet sich die spektakuläre Great Ocean Road entlang. Ihre wahre Größe zeigt sich in den kleinen Geschichten, denen man am Straßenrand lauschen kann.

Die Treppe lässt einem genug Zeit, genug, um das ganze Drama noch einmal vor dem inneren Auge Revue passieren zu lassen. Im Hintergrund grollte das Meer bereits in kaum zu bändigender Wut, nebulös und unheilvoll. Kurz davor, sich zu entladen, Wellen mit alles auslöschender Kraft auf den Strand loszulassen. An diesem: zwei Männer, kämpfend. Der eine für den großen letzten Freiheitskick, mit dem Surfbrett die ultimative Todeswelle zu reiten. Der andere für die Genugtuung der bürgerlichen Moral, seinen verbrecherischen Gegner dem Gesetz zu übergeben. Schließlich erliegt der Gesetzeshüter der hypnotisierenden Konsequenz des anderen und lässt ihn aufs Wasser. Patrick Swayze und Keanu Reeves in der Schlussszene von Gefährliche Brandung am Bells Beach. Zum Surfen kommen schon immer nur die Hartgesottenen her. Der Strand ist weltbekannt für seine einzigartigen Wellen, ihre Höhe, ihre Dimensionen, ihre Gewalt. Oben, ins Holzgeländer der Treppe eingeritzt: »If you can’t surf, fuck off!« Vom Meer her faucht der Wind, als wolle er einen von der Treppe reißen, schiefergraue Wolken hängen wie eine Drohung über dem endlosen Horizont. Herbe Schönheit, dieser Bells Beach.

Kurvensüchtig könnte man hier werden. | Foto: Great Ocean Road
Kurvensüchtig könnte man hier werden. | Foto: Great Ocean Road

Gewöhnlich haken Reiseveranstalter und Touristen die Straße an einem Tag ab – und verpassen das meiste. Denn die ­Great  ­Ocean Road erzählt Geschichten über Größe und Mut, von Glücksrittern und Glücklichen, von unbändiger Natur an der Küste, von stiller Natur im Hinterland. Sie rollt nach Lorne und Apollo Bay. Heute blitzende Badeorte, in den 1840er-Jahren waren sie jedoch nichts weiter als Holzfällercamps inmitten unzugänglichen Regenwalds. Als die Landnahme von Melbourne aus voranschritt, immer mehr Farmer in das Gebiet drängten und schließlich Kohle entdeckt wurde, entstand der Plan, die Gegend mit einer Straße an die Zivilisation anzuschließen. Es dauerte jedoch bis 1919, bis dieser Gestalt annahm. Mehr als 3000 heimgekehrte Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg haben in den nächsten 13 Jahren dann der Küste diese Straße abgerungen. Eine Leistung, die kaum atemberaubender sein könnte als an den Stellen, wo die Otway Ranges bis zur Küste vorstoßen und die Great Ocean Road eingeklemmt ist zwischen den Elementen Wasser und Erde.

Was von den ursprünglichen Regenwäldern, die das Land einst bedeckten, noch übrig ist, ist im Great Otway National Park geschützt. Eucalyptus regnans, auch Mountain Ash genannt, ist das gewaltigste Lebewesen dieser Erde. Holzfäller berichteten einst von einem Baum mit 150 Meter Höhe. Der Durchschnitt bringt es im Park auf immerhin 80 bis 90 Meter. Die Geburt solcher Bäume fällt in die Zeit, als Isaac Newton das Licht der Welt erblickte und Rembrandt Meisterwerke schuf. Diese Riesen schlucken alles, das Licht der Sonne, die Geräusche der Zivilisation. Inmitten von Wurzelwerk und Farnen, Kulissen aus einer Fantasywelt gleich, schwindet auch die menschliche Größe beträchtlich.

Dramatische Shipwreck Coast

Ein paar Minuten weiter in Richtung Kap ist die Macht des Walds bereits wieder gebrochen. Auf einer ehemaligen Rodungsfläche haben Lizzie Corke und Shayne Neal ihr Glück gefunden. Das Paar betreibt das Cape Otway Centre for Conservation Ecology, eine Einrichtung, die in Australien mittlerweile als Paradebeispiel für nachhaltigen Tourismus gilt. »Komm rein, ich muss meinen Babys die Flasche geben«, sagt eine blonde sommersprossige Frau, die hinter dem Fliegengitter an der Tür steht. Wie sich bald herausstellt, sind die Babys mutterlose Wallabies, die Lizzie aufpäppelt. Shayne füllt die Flaschen mit Milch und erzählt von den Anfängen: »Genau dieses Leben haben wir gesucht und uns hier vor über zehn Jahren in das Abenteuer unseres Lebens gestürzt.« Und es hat sich gelohnt. Das Centre ist stetig gewachsen und sie beschäftigen mittlerweile eine ganze Reihe von Gleichgesinnten und Wissenschaftlern, die der Gedanke zusammenschweißt, dass nachhaltiges Leben funktioniert.

Inmitten von riesigen Bäumen, Wurzelwerk und Farnen, Kulissen einer Fantasywelt gleich, schwindet die menschliche Größe. | Foto: Tourism Victoria
Inmitten von riesigen Bäumen, Wurzelwerk und Farnen, Kulissen einer Fantasywelt gleich, schwindet die menschliche Größe. | Foto: Tourism Victoria

In der violetten Abenddämmerung ist Tierbeobachtung auf dem Koala Ridge Walk angesagt. Graue Riesenkängurus malträtieren in gebührendem Abstand zu ihren Beobachtern das Gras. Der Pfad führt in den Wald zurück und dort grunzt etwas wie Schweine, nur viel langgezogener, lauter und gefährlicher. Lizzie lacht: »Typisches Reviergehabe der Koala-Männchen.« Tatsächlich, hoch in den Bäumen hängen faule Pelzknäuel in den Astgabeln.

Der nächste Tag beginnt in schlichtem Weiß: Ein Leuchtturm, hoch über dem Meer, markiert am Cape Otway den Anfang der Shipwreck Coast, die sich nach Westen erstreckt. An der oft felsigen ­Küste zerschellten Schiffe, starben Hunderte, wenn nicht Tausende. Zunächst waren es die Sträflinge aus England auf dem Weg nach Sydney, später Glücksritter im Gold­rausch, angelockt von den Funden in Victoria und New South Wales. Im Port­ Campbell National Park, dort wo die ­fo­­to­genen zwölf Apostel im Meer stehen, kommt ihr forscher Charakter sehr deutlich zum Vorschein. Was macht Australien dort? Hört einfach auf. Kein sanfter Abgang zum Meer. Nein, ohne Ankündigung steht einfach eine 50 Meter hohe Sandsteinwand da. Ein knochenfarbenes bis warm golden scheinendes Ende der Welt­. Spektakulärer geht’s nicht mehr.

 
GM Info

Great Ocean Road

Rund eineinhalb Stunden von Melbourne entfernt beginnt die Great Ocean Road und schlängelt sich rund 250 Kilometer entlang der Küste von Victoria. Der Startpunkt der Panoramastrecke mit dem offiziellen Namen B100 liegt kurz hinter der Surferstadt Torquay. Von hier aus geht es nach Westen bis nach Warrnambool. Regenwald und menschenleere Traumstrände säumen die Great Ocean Road und mit etwas Glück lassen sich Wale beobachten. Für einen entspannten Roadtrip sollte man mindestens drei Tage einplanen. Infos und Tipps zur Reiseplanung: www.visitmelbourne.com/de

 

 
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