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Graubünden: wo die ­steinwilden Tiere wohnen

Foto: Thomas Jutzler
Das Safari-Feeling einer ­Steinwildbeobachtung macht ­Laune und schärft die Sinne.

Biiiiiiieeeeeep. Hau drauf. Stille. Der alte Braun-Reisewecker hat mal wieder seinen Dienst getan. Um 04:30 Uhr! Alles wieder ruhig. Das Fenster: ein schwarzes Viereck. Noch ist Alpenwald-finstere Nacht. Wieder umdrehen geht nicht. Wir sind mit Domenic verabredet, einem örtlichen Jäger, der uns mitnehmen will, um in den Morgenstunden Steinwild zu beobachten.

Kurvenreiche Autofahrt durch die Nacht von Scuol nach S-Charl. Wir starten die Wanderung auf dem Dorfplatz. Finster schaut der Braunbär des Dorfbrunnens aus seinen hölzernen Augen. Wir grüßen ihn (immerhin das erste Wild des Tages) und gehen zwischen den wenigen Engadiner Häusern hindurch in Richtung Val Sesvenna. Es nieselt. Überall in den Wiesen bilden sich kleine Rinnsale. Das Wasser fließt in lustigen kleinen Mäandern den Abhang hinunter und springt hier und dort über den Weg.

Vom Sesvennatal ist es nur ein Steinwurf zum Nationalpark. | Foto: Thomas Jutzler
Vom Sesvennatal ist es nur ein Steinwurf zum Nationalpark. | Foto: Thomas Jutzler

Ich liebe es. Allgemeine Übereinstimmung: Es gibt nichts Besseres, als im Sommer im Regen zu wandern. Die Luft schmeckt frisch, die Nieseltropfen benetzen die Haut. Alles glänzt. Man kommt nicht so schnell ins Schwitzen und der Geruch des Waldes hat intensive Noten von Moos, Harz und Erde. Die Natur setzt dem Sommer-Sonne-Postkartenklischee mit Kraft etwas entgegen. Es dämmert diffus. Der Weg steigt stetig an, wird vom breiten Waldweg zum typischen Bergwanderpfad. Immer wieder liegen Felsbrocken im lichter werdenden Nadelmisch­wald. Über unseren Köpfen fliegt ein Arvenhäher. Vor uns eine Kiefer, die mit ihren Wurzeln einen Fels umschließt. Wir witzeln: »Wenn wir kein Steinwild beobachten, können wir ja wie wild diesen Stein beobachten.« Domenic brummt irgendwas Unverständliches in seinen grauen Schnauzer. Wahrscheinlich sollte es wie ein aufmunterndes »Wird schon« klingen.

Schau mir in die Augen, Kleines

Wir ziehen weiter in Richtung Baumgrenze. Immer wieder reißen die tief hängenden Wolken (andere würden Nebel sagen) auf und geben den Blick auf unendlich scheinende Steilwände frei. Dann schließt sich die Lücke wieder. Zurück bleibt die Erinnerung an diesen kurzen Moment, in dem man den mächtigen Fels bewundern konnte. Stand da nicht ein Steinbock auf dem Felsvorsprung?

Wer Steinwild beobachten will, sollte sich einen ortskundigen Führer suchen. | Foto: Thomas Jutzler
Wer Steinwild beobachten will, sollte sich einen ortskundigen Führer suchen. | Foto: Thomas Jutzler

Weitergehen! Der Wald hat sich zurückgezogen. Es muht! Es bimmelt! Zunächst hören wir es nur, dann treten sie aus ihrem Nebelversteck: die Kühe der nahe gelegenen Alp Sesvenna.

Immerhin. Hauptsache Tiere! An der Alp angekommen, werden wir vom Hausherren begrüßt: Er springt von Pfütze zu Pfütze, dass es nur so spritzt, ist drei Jahre alt und heißt Alex. Und – im Gegensatz zu uns – scheint er zu wissen, welcher Akt jetzt folgt. Voller Vorfreude stiert er auf den Rucksack von Jäger Domenic, aus dem jetzt ein riesiges Zeiss-Fernglas gezaubert wird.

Wir positionieren uns im Stall. Das Ganze hat etwas von einer überdimensionierten Weihnachtskrippe – mit Alex als Jesuskind. Domenic fokussiert den gegenüberliegenden Hang. Volltreffer! Jesus darf zuerst schauen: Eine Herde von etwa 30 Gämsen frühstückt auf dem Grat gegenüber. Weiter rechts springt ein Steinbock durch den Fels. Zumindest behauptet das Domenic. Ich sehe nichts. Oder doch? Nein. Doch! Plötzlich pfeift es. Ein Murmeltier schaut herausfordernd, als wollte es sagen: »Vergesst doch die blöden Steinböcke. Wir sind doch sowieso viel cooler!« Stimmt.

Zurück in S-charl sitzen wir im Alpengasthof Crusch Alba und fachsimpeln darüber, wer, wo, wie viele Steinböcke gesehen hat. In einem aber sind sich alle einig: Das Wetter hat in jedem Fall mitgespielt.

 

GM Info

Auge in Auge mit den Big Five

Auf www.graubuenden.ch kann man wunderbar stöbern. Hier findet man Wissenswertes zur Region, zu Aktivitäten und Unterkünften. Und natürlich Informationen zu geführten Touren bzw. Safaris zu den Big Five Graubündens: also zu Steinbock, Gams, Rothirsch, Murmeltier und Adler. Wer mitten in S-charl übernachten möchte, kann dies zum Beispiel im Crusch Alba tun. Sehr authentisch, sehr graubündnerisch: www.cruschalba.ch

 

 
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